Freitag, 23. Februar 2018

Kettennattern droht EU-Verbot

Mit dem Beschluss der ersten Unionsliste sind bereits seit August 2016 Handel, Haltung und Nachzucht von Buchstaben-Schmuckschildkröten (Trachemys scripta) und Nordamerikanischen Ochsenfröschen (Rana catesbeiana; Syn. Lithobates catesbeianus) in der Europäischen Union verboten. Nun droht erneut die Listung einer für die Terraristik äußerst relevanten Spezies (das im August 2017 erfolgte erste Update der Unionsliste enthielt keine Einträge aus der Herpetofauna).

Einige häufig in privaten Terrarien und zoologischen Einrichtungen gehaltene sowie in Einrichtungen des Tierschutzes untergebrachte Arten wie z.B. Kornnatter (Pantherophis guttatus), Asiatischer Hausgecko (Hemidactylus frenatus) oder Glatter Krallenfrosch (Xenopus laevis) standen bereits mehrfach zur Diskussion. Nun ist es zumindest für die Kettennatter (Lampropeltus getula) soweit, denn im Rahmen der Risikobewertung kam die wissenschaftliche Prüfgruppe der Europäischen Kommission zu dem Ergebnis, dass es sich bei dieser Schlange um eine invasive gebeitsfremde Art von unionsweiter Bedeutung im Sinne der EU-Verordnung handelt - deren Verbreitung also mithilfe des „EU Alien Species Act“ verhindert werden soll: Annex 4: Risk Assessment for Lampropeltis getula (Linnaeus, 1766); Contract No 07.0202/2016/740982/ETU/ENV.D2

Ausschlaggebend für diese Bewertung ist insbesondere die Gefahr, die freigesetzte Kettennattern in südlichen EU-Mitgliedsstaaten (vor allem im Mittelmeerraum) für dort heimische Echsen und Schlangen darstellen. Die Risikoeinschätzung wurde fristgerecht bis zum 10. Februar 2018 für die Gestaltung einer derzeit für das Jahr 2020 vorgesehenen dritten Ergänzungsliste erstellt (die für 2018 geplante und auf 2019 verschobene zweite Revision der Unionsliste enthält nach derzeitigem Stand keine für Terraristik relevanten Tierarten).

Die Systematik von sog. Kettennattern ist nicht unumstritten und bedarf sicherlich noch weiterer Forschung. Die wissenschaftliche Prüfgruppe der EU stuft die Kalifornische Kettennatter (Lampropeltis californiae) jedoch nicht als eigenständige Art, sondern als Unterarten von L. getula ein:
This risk assessment refers to the originally described L. getula Linnaeus 1766 sensu lato, with a native range covering all of the United States and northwestern Mexico, thus including the subspecies L. getula californiae which is considered a valid species by Pyron & Burbrink (2009) and is reported to have a different ecology than L. getula getula which is more bound to water (pers. comm. R. Fisher).
Gleiches gilt für andere umstrittene Arten bzw. Unterarten wie z.B. die Wüstenkettennatter (L. (g.) splendida). Diese Schlangen wären somit ebenfalls von den Regelungen der EU-Verordnung betroffen. Lediglich Kettennatter-Kornnatter-Hybriden sind von der Risikobewertung ausgenommen.

Wie schon bei den vorherigen Listungen ist auch diesmal zu kritisieren, dass ein mutmaßliches Invasionsrisiko in Teilgebieten der EU oder gar Einzelfunde und Medienberichte (!) dazu führen sollen, dass Arten im gesamten EU-Gebiet reglementiert werden – auch in Staaten, in denen eine Etablierung aufgrund klimatischer Gegebenheiten ausgeschlossen werden kann. Alternativ zu einer solchen Überregulierung könnten nationale Listen einer mutmaßlich drohenden Invasion Einhalt gebieten, wobei auch dies in Bezug auf L. getula fragwürdig wäre. Schließlich ist es nicht verwunderlich, dass eine in menschlicher Obhut sehr weit verbreitete Spezies häufiger in der freien Natur aufgefunden wird. Ein generelles Invasionsrisiko ist damit noch längst nicht erwiesen (anders z.B. bei Hauskatzen).
Da aber diese Argumente auch schon in der Vergangenheit keine Beachtung fanden, ist ein EU-weites Verbot von Kettennattern meines Erachtens leider sehr wahrscheinlich.

Nachtrag vom 14.06.2018:
Die Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde e.V. (DGHT) hat gemeinsam mit weiteren Tierhalterverbänden eine Stellungnahme zur geplanten Listung der Kettennatter verfasst. Mehr dazu hier: Stellungnahme der DGHT zur EU-weiten Listung der Kettennatter als invasive Art
 
Mehr zum Thema:

Kalifornische Kettennatter (Lampropeltis californiae, Syn. L. getula californiae)

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