Sonntag, 21. Januar 2018

Was ist eigentlich… der Chytridpilz?

In den 1970er-Jahren bemerkten Forscher auf der ganzen Welt erstmals einen teils massiven Rückgang von Amphibienpopulationen. Anthropogene Faktoren wie Klimawandel oder der Rückgang von geeigneten Lebensräumen wurden zunächst als einzige Ursachen für den Amphibienschwund angenommen. In den 90er-Jahren erkannte man, dass dieses Phänomen von globalem Ausmaß war und auch in Gegenden auftrat, welche nicht intensiv vom Menschen genutzt wurden. In manchen Biotopen, in denen es während vorheriger Expeditionen vor Fröschen nur so wimmelte, wurde es plötzlich still. Kein Quaken war mehr zu hören. Auch andere Amphibien waren betroffen. Schließlich wurde mit dem Chytridpilz die Ursache des Sterbens erkannt. Der Erreger wurde 1999 als Batrachochytrium dendrobatidis (kurz Bd) wissenschaftlich beschrieben.

Unklar war jedoch bislang, ob es sich beim Chytridpilz um eine vollkommen neue Bedrohung handelte und falls ja, woher dieser überhaupt stammte, oder ob dieser Pilz schon seit Jahrtausenden zur natürlichen Keimlast in den Biotopen gehörte, die dortigen Amphibien jedoch aufgrund von Klimawandel und/oder Umweltverschmutzung plötzlich besonders anfällig für eine Infektion geworden waren.

Nachtrag vom 16.05.2018:
Neueste Forschungen zeigen nun, dass wohl jede zweite Amphibienart betroffen ist und die globale Verbreitung des Chytridpilzes mit der Entwicklung des internationalen Tierhandels einherging (O’Hanlon et al., 2018). Die Chytridiomykose hat inzwischen wahrscheinlich mehr Wirbeltiere getötet als jede andere bekannte Krankheit!


Die Infektion erfolgt hauptsächlich über infiziertes Wasser, worin Bd-Sporen ohne Wirt bis zu 24 Stunden überlebensfähig sind, oder über den direkten Hautkontakt mit einem infizierten Tier. Der Pilz frisst die Haut des infizierten Lurches regelrecht auf, da er sich von der obersten Hautschicht ernährt. Da Amphibien wichtige Stoffwechselprozesse über ihre Haut regeln (z.B. die Regulation des Wasser- und Elektrolythaushaltes), schränkt eine derartige Infektion bereits lebenswichtige Funktionen massiv ein. Typische weitere Symptome einer Chytridiomykose sind neben den äußerlich erkennbaren Infektionsherden auch Lethargie und Inappetenz (Futterverweigerung). Letztlich führt eine Infektion bei den meisten Tieren zum Tod aufgrund von Herzversagen. Durch die Ausfälle einzelner Individuen werden Populationen in ihrer Gesamtheit geschwächt und können sich unter Umständen nicht mehr anderen Umwelteinflüssen wie Beutegreifern oder zeitweilig schlechteren Fortpflanzungsbedingungen erwehren, was zum Aussterben der jeweiligen Bestände und sogar von ganzen Arten führen kann.

Eine Behandlung von Tieren aus der Terrarienhaltung ist mit antimykotischen Mitteln und einer Erhöhung der Haltungstemperatur zwar prophylaktisch oder bei Früherkennung einer Infektion möglich, jedoch ist die Mortalität trotzdem sehr hoch (ca. 50 Prozent) und eine Behandlung von infizierten Beständen in freier Natur ist bisher nicht geglückt. Manche Populationen scheinen sich jedoch an den Erreger anzupassen. Ob jedoch die wenigen resistenten Überlebenden ihre teils massiv dezimierten Populationen wieder aufbauen können, bleibt abzuwarten. Zumindest eine Übertragung auf dem Menschen (Zoonose) ist bislang nicht bekannt und auch unsere einheimischen Amphibien scheinen nicht sonderlich anfällig für den Chytridpilz zu sein.

2013 wurde allerdings ein mit Bd nah verwandter Pilz wissenschaftlich beschrieben, der sich vor allem auf Schwanzlurche wie Salamander und Molche spezialisiert hat und bis 2011 zu massiven Rückgängen in Höhe von bis zu 96 Prozent (!) in niederländischen Feuersalamander-Populationen führte: Batrachochytrium salamandrivorans (kurz Bsal), welcher auch schon in Deutschland nachgewiesen wurde. Anfang 2018 kam es im Raum Essen zu einem Massensterben von Feuersalamandern, welches sich auf Bsal zurückführen ließ. Dieser Pilz wird jedoch allgemein nicht als Chytridpilz bezeichnet, obwohl es sich um eine nahverwandte Art handelt. Als Chytridpilz bezeichnet man allgemein lediglich den Erreger B. dendrobatidis.


Samstag, 6. Januar 2018

EU-Liste invasiver Arten: 2018 keine Neulistungen

EU-Kommission und EU-Mitgliedsstaaten haben diese Woche beschlossen, dass es im Jahr 2018 keine Neulistungen von invasiven gebietsfremden Arten von unionsweiter Bedeutung auf der derzeit 49 Tier- und Pflanzenarten umfassenden Unionsliste geben wird.

Noch zum Beschluss der ersten Erweiterungsliste im August 2017 war geplant, in diesem Jahr eine 2. Ergänzungsliste mit 11 Neuzugängen zu erlassen, welche zwar keine für die Terraristik relevanten Arten enthalten sollte, dafür jedoch erstmalig ganze Gattungen – darunter (sehr zum Leidwesen unserer Hobbykollegen aus der Aquaristik) die gesamte Schlangenkopffisch-Gattung Channa spp.!

Doch statt neue Arten und Gattungen neu zu listen, soll sich in diesem Jahr zunächst erst auf das Management der bereits gelisteten „Alien Species“ konzentriert werden, wobei auch betroffene Interessenverbände stärker mit einbezogen werden sollen.

Die wissenschaftliche Prüfgruppe der EU wird aber auch in diesem Jahr die Risikobewertung von weiteren Arten vorantreiben, um Neulistungen im Jahr 2019 in die Wege zu leiten. Wünschenswert wäre, wenn bei diesen Bewertungverfahren die ökologisch unterschiedlichen Anforderungen von Tier- und Pflanzenarten strenger geprüft würden, um die Grundvoraussetzung einer sog. „unionsweiten Bedeutung“ zu erfüllen. Denn nur so kann sichergestellt werden, dass keine in südlichen EU-Mitgliedsstaaten als potentiell invasiv anzusehenden Spezies direkt im gesamten EU-Gebiet (also auch in nördlichen EU-Staaten mit einem für eine Ausbreitung ggf. nicht geeigneten Klima) reglementiert würden, sondern alternativ nationale Verbotslisten zur Verhinderung der Ausbreitung Anwendung fänden.

Am 10. Februar endet darüber hinaus die Frist für die Einreichung von Risikobewertungen für eine bereits vorgesehene dritte Aktualisierung der Unionsliste. Welchen Umfang die nächste Erweiterung im kommenden Jahr also tatsächlich haben wird, bleibt abzuwarten.

Nachtrag vom 23.02.2018: Für das dritte Update der Unionsliste ist nun offiziell auch die Kettennatter (Lampropeltis getula) vorgesehen: Risk Assessment for Lampropeltis getula
 
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