Samstag, 9. September 2017

Nachbetrachtung: 67. Terraristika Hamm

Heute fand in Hamm die mittlerweile 67. Terraristika statt. Nach 2,5 Jahren „Hamm-Abstinenz“ wagte ich auch mal wieder einen Besuch im „Feindesland“ – so jedenfalls würden es mir die Leute in den Mund legen, die meine teilweise vorhandene Kritik an Börsen als Nestbeschmutzung missverstehen.

Auch diesmal gab es wieder einige positive, aber leider auch ein paar negative Erlebnisse. Zunächst einmal war der Weg vom Bahnhof bis zu den Zentralhallen ein Erlebnis für sich: Noch im Bahnhof wurden mein Partner und ich aufgrund unseres typischen Erkennungsmerkmals (der obligatorischen Styroporbox) von einem anderen Terrarianer angesprochen, welcher ebenfalls auf dem Weg zu den Zentralhallen war und sich uns für den bevorstehenden Fußmarsch anschloss. Auf dem Weg vom Bahnhof zum Veranstaltungsort wurden die üblichen zu erwartenden Fragen gestellt: Was sucht ihr? Was habt ihr für Tiere? Zunächst erklärte ich unsere Tierschutzarbeit und schilderte ein paar der Erlebnisse, über die ich auch schon hier im Blog berichtet habe. Unser Begleiter erzählte wiederum von seinem „Köpy“ und dass er auf der Suche nach einer weiteren Farbmorphe sei. Später fragte er nach unserer Einstellung zur Verfütterung von lebenden Nagetieren. Ich erklärte die aktuelle Rechtsprechung und dass wir deswegen sowie aus organisatorischen Gründen Frostfutter bevorzugen, die Pro-Argumente (z.B. natürliches Beutegreifverhalten sowie Kenntnis über die Qualität der Futtertiere) für mich aber durchaus ebenfalls eine Berechtigung haben. Seine Hauptmotivation für die Lebendtierfütterung lag allerdings darin, dass diese einfach aufregender sei. Auf eine spätere Frage, ob die „Blondi-Vogelspinne“ (gemeint war Theraphosa blondi) denn tatsächlich so aggressiv sei, wie alle sagen, entgegnete ich, dass diese wie auch andere Vogelspinnen meiner Erfahrung nach nur dann aggressiv sind, wenn die erforderlichen Rückzugsmöglichkeiten - sprich ausreichend Bodengrund im Falle von T. blondi - fehlen. Aufgrund dieser und ähnlicher Gesprächsinhalte entstand bei mir aber immer mehr der Eindruck, dass wir es mit einem der Klischee-Terrarianer zu tun hatten, die gerne von Tierhaltungsgegnern hervorgezaubert werden: Personen, die sich mit möglichst aggressiven Exoten schmücken möchten, weil das einfach cool ist. Ach wie gut, dass ich nur ein unbedeutender Pseudojournalist bin und kein Bürgerreporter der „Zeitung mit den vier Buchstaben“ - dieser Bericht also schnell in den Weiten des Internets verhallen wird, statt wochenlang in der überregionalen Presse die typische Klientel von Reptilienbörsen zu präsentieren. Zwischen dem Einlass für das „Fußvolk“ und dem VIP-Zelt für DGHT-Mitglieder trennten sich schließlich unsere Wege...

Mein persönliches Interesse galt diesmal (neben den üblichen Futtertier-Schnäppchen) primär dem Kauf von verschiedenen Phasmatodea. Eines der Verkaufsgespräche zeigte mir wieder, dass man auf Börsen entgegen vieler Unkenrufe durchaus kompetent beraten wird, wenn man Fragen stellt. Der Händler wies darüber hinaus darauf hin, dass seine E-Mail-Adresse auf der Verkaufsbox zu finden ist und wir uns bei Fragen jederzeit wieder bei ihm melden könnten. Hätte es an diesem Stand einen „Like-Button“ gegeben, hätte ich ihn betätigt.

Weitere Highlights für mich als Wirbellosenfan waren u.a. Blattschneiderameisen sowie mehrere Anbieter mit Larven von Atlasspinnern (Attacus atlas) und Indischen Mondspinnern (Actias selene). Diese reizen mich ebenfalls seit langem, aber da ich leider keine dauerhafte Versorgung mit den bevorzugten Futterpflanzen sicherstellen kann, verzichtete ich schweren Herzens auf einen Spontankauf. Ein ebenfalls auf der Börse angebotener Afrikanischer Lungenfisch fiel zwar ein wenig aus dem Raster des üblichen Tiersortiments, stellte aber dennoch ein besonderes Highlight dar.

Natürlich nutzte ich meinen Besuch, um zu prüfen, ob die Schutzstatus-Beschriftungen bei den Arten, die auf der letzten CITES-Artenschutzkonferenz hochgestuft wurden, korrekt waren. Tatsächlich waren alle Lygodactylus williamsi, Shinisaurus crocodilurus & Co. korrekt beschriftet – zumindest all diejenigen, die ich zu Gesicht bekam. Auch das Ende der Übergangsfristen des „EU Alien Species Acts“ für gewerbliche Händler wurde nach meinen Beobachtungen von allen Anbietern beachtet. Ich entdeckte jedenfalls keine Nordamerikanischen Ochsenfrösche (Rana catesbeiana; Syn. Lithobates catesbeianus) und auch keine Buchstaben-Schmuckschildkröten (Trachemys scripta) im (öffentlichen) Verkauf. Stattdessen wurden meinem Empfinden nach sehr viel mehr andere Wasserschildkröten (z.B. Moschusschildkröten (Sternotherus odoratus)) angeboten als auf den letzten von mir besuchten Börsen. Hier wird anschaulich, in welcher Weise der Handel reagiert, wenn es zu Verboten kommt: Es wird einfach auf Alternativarten ausgewichen. Ob dies mittelfristig dazu führen wird, dass vermehrt solche Arten in heimischen Gefilden gefunden werden, die dann wiederum ebenfalls strenger reguliert werden, bleibt abzuwarten.

Die kürzlich erfolgten taxonomischen Änderungen sind im Falle von Brachypelma hamorii (ex smithi) meinen Beobachtungen zufolge noch bei keinem, bei Caribena versicolor nur bei vereinzelten Händlern angekommen. Darüber kann man sicherlich hinwegsehen, nicht jedoch darüber, dass von einem nicht deutschsprachigen Händler eine Lampropeltis abnorma „Hondurensis“ als „Lampropeltis sinaloae“ angeboten wurde. Wenn dann noch temperaturempfindliche Axolotl (Ambystoma mexicanum) in einer gefühlt 30 °C warmen Halle oder potentiell gefährliche Gifttieren wie Gelbe Mittelmeerskorpione (Leiurus quinquestriatus) ohne entsprechende Hinweise im allgemeinen Börsenverkauf angeboten werden, muss man objektiv zugestehen, dass die Kritik von Börsengegnern nicht unbedingt in jedem Punkt vollkommen unbegründet ist.

Diesmal ergab sich mangels Warteschlange erstmalig auch noch ein kurzer Abstecher in den „ominösen“ Gifttierraum, der ebenfalls gerne von Börsenkritikern als Negativaspekt der Terraristika genannt wird. Ich bin zwar kein Giftschlangenhalter und daher in diesem Bereich vielleicht nicht ganz so fachkundig, aber Grund für Kritik gab es aus meiner Sicht dort nicht. Ganz im Gegenteil, die Tiere wirkten auf mich überraschend ruhig und auch die Verkaufstresen waren mit geschlossenen Schutzkästen gesichert. Über die Qualität der Beratung kann ich mangels Kaufinteresse allerdings nichts sagen.

Mehr zum Thema:
 

1 Kommentar:

  1. In den Facebook-Kommentaren zu diesem Artikel hat sich inzwischen ein Anbieter von Axolotl zu Wort gemeldet und erklärt, dass das Wasser regelmäßig gegen kühleres Wasser getauscht wurde und dass es noch viel temperaturempfindlichere Amphibienarten im Verkauf gab - bei denen eine Kühlung somit noch schwerer möglich war. Diese Hintergrundinfos sollen natürlich nicht untergehen.

    Meiner Meinung nach sollten die Börsenbetreiber die Standverteilung in solchen Fällen anders organisieren. So wie beim Gifttierraum sollten Anbieter mit temperaturempfindlichen Arten in einem separaten (sprich kühleren) Bereich untergebracht werden und nicht in der Haupthalle. Es gibt in den Zentralhallen Hamm einen Raum (ich nenne es "Rohrgang") in dem man auch Fenster öffnen kann. Dort war es merklich kühler als in der Haupthalle. Doch dort wurden wiederum Königspythons etc. verkauft, die mit Wärmelampen extra beheizt werden mussten. Das Problem könnte man organisatorisch also sicherlich lösen und die Börse dadurch noch ein Stück weit verbessern.

    AntwortenLöschen

Mit dem Absenden eines Kommentars werden die von Ihnen eingegebenen Formulardaten sowie personenbezogene Daten wie die IP-Adresse übermittelt. Mehr Informationen dazu finden Sie in unserer Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google.