Sonntag, 23. Juli 2017

Drei-Meter-Königspython... oder Netzpython... oder was?

Königspython (Python regius) - Symbolbild ;)
Berichte über Fundschlangen sind insbesondere in der parlamentarischen Sommerpause ein gefundenes Fressen für die Medien. Während in der Urlaubs- und Ferienzeit zwar zig Hunde und Katzen ausgesetzt werden und die Tierheime regelmäßig über Überfüllung klagen, interessieren sich für solche Vorfälle nur wenige (meist regionale) Medien. Der Fund eines exotischen Tieres ist jedoch keine Alltagssituation und weckt daher das Interesse von überregionalen Berichterstattern.

Leider wird bei solchen Berichten oft arg übertrieben. So auch zuletzt in einem Bericht des WDR vom 20. Juli: Drei-Meter-Schlange im Garten gefunden*

Bei Entrümpelungsarbeiten wurde ein angeblich drei Meter langer Königspython (Python regius) gefunden, welcher von einem Fachmann der Reptilienfachkundigengruppe der Feuerwehr Düsseldorf eingefangen wurde. Nun weiß jeder halbwegs über Schlangen informierte Leser, dass Königspythons nur in seltenen Fällen länger als 150 cm werden. Körperlängen bis zu 186 cm wurden zwar schon in Studien in Ghana ermittelt (GORZULA et al., 1997) und treten auch in der Terrarienhaltung auf, sind jedoch als Ausnahme zu betrachten. Längen ab zwei Metern wurden bislang noch nie überprüfbar dokumentiert und sind daher als illusorisch anzusehen. Der WDR-Bericht wirkt aufgrund des Fotos, welches einen Feuerwehrmann mit dem besagten Königspython in den Händen zeigt, umso absurder, weil jeder aufmerksame Leser erkennen müsste, dass der Feuerwehrmann um die sechs Meter groß sein müsste, wenn das Fundtier tatsächlich eine Länge von drei Metern besaß.

Am 21. Juli berichtete die B.Z. über denselben Vorfall: Zwei-Meter-Königspython gefunden beim Garten entrümpeln

Obwohl die B.Z. (wohlgemerkt eine Marke der BILD-Zeitung) als Boulevardmagazin die geschätzte Körpergröße der Fundschlange von max. 120 cm zwar immer noch großzügig aufrundet, liegt sie dennoch näher an der Realität als der WDR als öffentlich-rechtliches Medium mit einem staatlichen Informations- und Bildungsauftrag. Wenn Boulevardmedien übertreiben, dann ist das zwar in der Sache nicht weniger schlimm, ist aber eher zu dulden als bei Berichterstattungen der durch Zwangsbeiträge der Allgemeinheit finanzierten Öffentlich-rechtlichen.

Der ganze Vorfall artete spätestens dann zu einem regelrechten Treppenwitz aus, als die Geislinger Zeitung in einem Artikel über einen gänzlich anderen Vorfall, bei dem anderenorts ein den Berichten zufolge zwei Meter langer Netzpython gefunden wurde (eine Art, die durchaus Körperlängen von weit über drei Metern erreichen kann), das Foto der Düsseldorfer Feuerwehr mit dem Königspython als Symbolbild (!) verwendete: Mit Schlange nach Neu-Ulm

Fazit:

Die oft aufgebauschten und falsch recherchierten Medienberichte über aufgefundene Exoten führen dazu, dass die Öffentlichkeit regelmäßig ein falsches Bild von der Reptilienhaltung vermittelt bekommt. Dass das Aussetzen von Tieren egal welcher Art schändlich ist, soll hier gar nicht abgestritten werden. Aber wenn dann auch noch und insbesondere die öffentlich-rechtlichen Medien regelmäßig falsch und einseitig berichten, spielt radikalen Tierhaltungsgegnern in die Karten, weil sie damit verstärkt Rückhalt von Seiten der desinformierten Bevölkerung genießen, die Schlangen & Co. ohnehin nicht unbedingt in der Nachbarschaft haben will.

Der WDR berichtete in seinem Artikel zudem über bis zu 70 Fälle der Reptilienfachkundigengruppe der Feuerwehr Düsseldorf pro Jahr. Anzumerken ist, dass diese Spezialisten zu Einsätzen in ganz Nordrhein-Westfalen ausrücken, was bei Hunden, Katzen und klassischen Kleintieren meist von der örtlichen Feuerwehr übernommen wird. Deswegen ermöglichen die Zahlen kaum Rückschlüsse auf die statistische Relevanz solcher Einsätze. Der Leiter der Reptilienfachgruppe teilte mir 2014 zudem auf Anfrage mit, dass es sich bei der Mehrheit der Einsätze mit Reptilien um einheimische Arten handelt. Durch die Medienberichte wird die Wahrnehmung geschaffen, dass es sich bei all den Einsätzen immer um Exoten handele. Diese Verzerrung der Realität führt dazu, dass immer mehr naturentfremdete Leute beim Anblick einer einheimischen Schlange von einem mutmaßlichen Exoten ausgehen, was wiederum zu mehr Feuerwehreinsätzen und somit zu einem Anstieg an Medienberichten führt. Für diesen Teufelskreis sind neben der Sensationspresse, radikalen Tierhaltungsgegnern und naturentfremdeten Teilen der Bevölkerung aber zu einem gewissen Teil auch alle verantwortungslosen Tierhalter verantwortlich, die ihre Reptilien aussetzen oder entkommen lassen.

*Nachtrag vom 26.07.2017: Der WDR hat seinen Artikel inzwischen geändert und gibt unter dem Text in einem Disclaimer nun folgendes an: „In einer früheren Version dieses Artikels haben wir die Größe der Schlange mit 3 m angegeben. Diese erste Information wurde allerdings nicht mehr bestätigt. Ein Königsphyton kann eine maximal Länge von 2 m erreichen. [...]“ 

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