Freitag, 16. Juni 2017

BfN-Ausschreibung: Analyse des Exotenhandels

Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) hat eine Ausschreibung für ein Forschungs- und Entwicklungsvorhaben (F+E-Vorhaben) mit dem Titel „Nachfragereduktionsstrategien von als Heimtiere gehaltenen Reptilien, Amphibien und kleinen Säugetieren“ veröffentlicht. Gesucht wird ein Unternehmen, welches den Exotenhandel analysieren und später Möglichkeiten einer Nachfragereduzierung entwickeln soll.

Der Titel mag zunächst Angst und Bange machen, in der vollständigen Bekanntmachung zur Ausschreibung mit der Vergabenummer: 3517 82 0700 heißt es aber konkret:

„In der ersten Phase ist der Markt mit exotischen Tierarten, die als Heimtiere nach Deutschland importiert und dort vermarktet werden, zu analysieren.“
Dabei sollen die verschiedenen Vertriebswege sowie die Zielgruppen analysiert werden. Entscheidend aber ist, dass sich vorrangig auf den Lebendtierimport beschränkt werden soll. Der Handel mit inländisch „produzierten“ Nachzuchten wird also nicht Hauptgegenstand des Forschungsvorhabens sein. Sicherlich wird es aber trotzdem während der Analysen erforderlich sein, den Anteil an Nachzuchten auf dem Heimtiermarkt zu ermitteln und – sofern die für eine solche Arbeit notwendige wissenschaftliche Objektivität gewahrt wird – mit den Importen ins richtige Verhältnis zu setzen. Ebenso muss bei den Importen zwischen Naturentnahmen und Nachzuchten (z.B. aus Zuchtfarmen) unterschieden werden. Dieser Ansatz geht aber auch aus den Fragestellungen hervor, die in der Ausschreibung genannt werden:
3. a.
b. Stammen diese Tiere aus Zuchten oder handelt es sich um Naturentnahmen?
Da ich selbst hauptberuflich sowohl im wissenschaftlichen Bereich als auch im öffentlichen Dienst tätig bin, bewerte ich die Zielsetzung dieser ersten Phase des F+E-Vorhabens neutral. Als Exotenhalter finde ich eine solche Marktforschung auch gar nicht schlimm. Die mir vorliegenden Zahlen (z.B. Rückgang der Reptilienimporte) und meine Beobachtungen in der „Szene“ (z.B. gehandeltes Artenspektrum, Anteil an Nachzuchten, Farmzuchten und Wildfängen auf dem Markt) versetzen mich in durchaus hoffnungsvolle Stimmung, dass mit den Erkenntnissen eine gezielte Verbesserung des Artenschutzes vollzogen werden kann – wissenschaftliche Objektivität natürlich vorausgesetzt.

Was ich an der 1. Phase allerdings kritisch hinterfrage, ist die Tatsache, dass Meerschweinchen, Kaninchen, Mäuse, Ratten, Goldhamster und Chinchillas ausgeklammert werden. Aus wissenschaftlicher Sicht wären Erhebungen zu diesen Tieren schließlich nicht minder interessant.

Aus der Ausschreibung geht zwar hervor, dass verschiedene Veröffentlichungen (u.a. von Sandra Altherr, Pro Wildlife e.V.) für die Analysen herangezogen werden sollen, ebenso sollen aber auch die Ergebnisse der Exopet-Studie und Zahlen des ZZF sowie der DGHT berücksichtigt werden. Uns DGHT-Mitgliedern ist es also freigestellt, ob wir uns über das BfN-Forschungsvorhaben aus Angst vor Einschränkungen aufregen oder ob wir selbst wissenschaftliche Arbeit leisten (z.B. Internetportale oder Börsenangebote analysieren) und so dafür sorgen, dass unsere Erkenntnisse ebenfalls beachtet werden. Dies setzt natürlich gewisse Qualifikationen voraus.

Ferner heißt es in der Ausschreibung:

„Basierend auf den Ergebnissen der Phase 1 sind Vorschläge zu machen und Informationsstrategien zu entwickeln, um die Nachfrage nach Arten in Deutschland zu reduzieren. Die Strategien zur Nachfragereduzierung haben sich schwerpunktmäßig auf die durch die Nachfrage im Handel bedrohten Arten zu beziehen.“
Auch hier sehe ich keinen Anlass für Kritik. Vorausgesetzt die Daten werden objektiv erfasst, ist eine Nachfragereduzierung für Arten, die durch den Heimtiermarkt tatsächlich bedroht werden und die nicht über CITES reglementiert sind, zu begrüßen. Vor nicht allzu langer Zeit war noch die Rede von generellen Importverboten. Diese sind bekanntlich ja auch im Koalitionsvertrag der noch amtierenden Bundesregierung verankert. Davon ist man abgekehrt und möchte zunächst einmal Analysen durchführen, um dann nicht etwa Verbote zu beschließen, sondern „Verbraucher“ zu beeinflussen, damit durch den Handel bedrohten Tiere nicht mehr gekauft werden.

Reptilien werden zwar bekanntlich primär durch den Verlust ihrer Lebensräume bedroht, für Exemplare aus kleinen Verbreitungsgebieten oder mit einer langen Generationsfolge kann der Heimtierhandel aber den letzten Sargnagel bedeuten. Als Reptilienfreunde können wir das doch nicht begrüßen... oder? Mit demselben Argument, dass Naturentnahmen nicht so schwer wiegen wie Lebensraumverlust, lassen verantwortungslose Katzenhalter ihre „Freigänger“ auf unsere heimischen Tierbestände los. Schließlich sind es ja nicht die Katzen, die die Tiere ausrotten, sondern der Mensch u.a. mit seiner intensiven Landwirtschaft. Recht haben sie, aber deswegen muss man weitere negative Einflüsse wie streunende Hauskatzen nicht dulden – ebenso wenig wie Wildfänge für den Massenmarkt von bedrohten, jedoch nicht unbedingt geschützten Arten. Entsprechende Analysen und daraus resultierende Aufklärungskampagnen in den sozialen Netzwerken sind daher aus meiner Sicht zu begrüßen – wieder vorausgesetzt es wird keine tendenziöse Stimmungsmache betrieben, sondern gezielt auf die durch das F+E-Vorhaben objektiv ermittelten Probleme hingewiesen. Ich selbst bin für neue Erkenntnisse jedenfalls immer offen.


Fazit:

Die Ausschreibung und das geplante F+E-Vorhaben empfinde ich persönlich nicht als Angriff auf die sog. „Exotenhaltung“. Wenn ein neutrales Unternehmen den Zuschlag bekommt (also weder eine Tierrechtsorganisation, noch irgendwelche Reptiliengroßhändler), bin ich guter Hoffnung, dass die Ergebnisse ein Gewinn für einen nachhaltigen Handel mit Reptilien sein werden. Und dieser sollte uns Reptilienfreunde doch wohl besonders am Herzen liegen.

Nachtrag: Aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen (Drs. 18/11544) geht hervor, dass die Ergebnisse des Forschungsvorhabens zur Benennung von Spezies zur Aufnahme in den Anhang D der EU-Artenschutzverordnung genutzt werden sollen.

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