Samstag, 29. April 2017

Exoten: 30 Tierschutzvereine bitten Minister um Hilfe

Tierschutzprobleme treten vor allem bei Arten auf,
die häufig gehalten werden - beispielsweise Bartagamen.
In einem Brandbrief haben sich 30 Tierschutzvereine, Tierheime und Auffangstationen an den derzeitigen Landwirtschaftsminister Christian Schmidt gewandt und umfassende Forderungen zur Einschränkung der sog. „Exotenhaltung“ gefordert. Dies geht aus einer Pressemitteilung des Hamburger Tierschutzvereins e.V. (HTV) vom 27. April 2017 hervor: Exotenhandel: Hilferuf von 30 Tierheimen und Auffangstationen an die Politik

In dem Schreiben fordern die mitzeichnenden Vereine strengere Regulierungen von Wildtierbörsen und Internethandel, eine bundeseinheitliche Gefahrtiergesetzgebung, zusätzlich eine Positivliste sowie mehr finanzielle Unterstützung. Statt an dieser Stelle herumzupupen „Aber Katzen und Hunde sind doch das viel größere Problem“ möchte ich die einzelnen Forderungen einmal sachlich im Detail durchgehen:

Regulierung von Wildtierbörsen

Die Kritik der Tierheime und Auffangstationen an solchen Börsen basiert auf der Annahme, dass sich dort vermehrt uninformierte Leute spontan exotische Wildtiere kaufen und diese nach kurzer Zeit dann aufgrund Interessenverlust oder Überforderung wieder abgeben wollen. Tatsächlich ist die Hürde ein Tier zu erwerben auf vielen Börsen nicht sonderlich hoch, weil die Verkäufer gewissermaßen davon ausgehen, dass vor allem sachkundige Personen weite Wege auf sich nehmen, um eine Börse zu besuchen. Aufgrund der hohen Besucherzahlen bleibt eine Beratung dann gerne mal aus, mit dramatischen Konsequenzen für die Tiere. Der unregulierte, flohmarktähnliche Verkauf auf Börsen bzw. aufgrund einiger (nicht aller!) Händler, ist auch aus meiner Sicht ein Problem, welches behoben werden sollte. Generelle Börsenverbote wie hierzulande gefordert und in Österreich bereits umgesetzt, halte ich allerdings nicht für zielführend. Tatsächlich fordern die 30 Tierheime und Auffangstationen in ihrem Brief auch gar keine grundsätzlichen Börsenverbote.

Der Einzugskreis solcher Veranstaltungen soll auf das nahe Umfeld beschränkt werden, damit nicht Händler von Börse zu Börse tingeln und die angebotenen Tiere womöglich niemals ihre Transportboxen verlassen dürfen (ob und wie häufig das tatsächlich geschieht, ist allerdings nicht bekannt). In der Folge würden die Börsen logischerweise kleiner und in manchen Regionen würden sie wahrscheinlich sogar ganz aussterben. Ob dies allerdings zielführend ist, darf bezweifelt werden. Im Ansatz finde ich die Idee zwar gut, doch dann würde der Besucherandrang auf die wenigen verbleibenden Börsen wahrscheinlich immens ansteigen und eine Beratung noch schwieriger sein.

Die Anzahl der angebotenen Tiere pro Verkäufer soll limitiert und der Verkauf von Wildfängen verboten werden. Auch auf die Gefahr hin, von gewissen Interessenvertretern wieder mal als Nestbeschmutzer bezeichnet zu werden, finde ich diese Forderungen gut. Den Handel mit Wildfängen (also Naturentnahmen) lehne ich nicht grundsätzlich ab, auf Börsen sehe ich den Verkauf dieser oft heiklen Pfleglinge an jedermann allerdings kritisch. Zumal sich viele Arten problemlos nachzüchten ließen, dies sich aber für Züchter nicht lohnt, weil die Importe insbesondere bei nicht geschützten Arten die Preise drücken. Auch die Begrenzung des Angebots finde ich gut, weil so die Preise für die Tiere ansteigen würden, damit sich für Händler überhaupt die Standgebühr rentiert. Zu niedrige Preise sind eines der größten Probleme auf Börsen.

Gegen eine Aktualisierung der „Leitlinien zur Ausrichtung von Tierbörsen unter Tierschutzgesichtspunkten“ ist nichts einzuwenden. Konkrete Aussagen dazu können aber erst nach Vorlage eines entsprechenden Entwurfs gemacht werden. Auch eine verstärkte Überwachung von Börsen durch spezialisierte Tierärzte ist wünschenswert. Manche Börsen haben übrigens jetzt schon eigene Fachtierärzte, die für Fragen bereitstehen. Solche Aspekte sollten mehr gewürdigt werden.

Gewerbliche Anbieter sollen verboten, alternativ an die Vorgaben für stationäre Zoofachgeschäfte gebunden werden. Ersteres sehe ich kritisch, weil es im Grunde genommen das ist, was in Österreich umgesetzt wurde. Gewerblicher Handel wurden verboten und Börsen auf Tauschveranstaltungen reduziert. Aus Tierschutzsicht ist es aber egal, ob man das Tier von einem privaten Züchter oder einem gewerblichen Händler kauft oder tauscht. Entscheidend sind Beratung und Preis, um Spontankäufe zu verhindern. Ein Ausschluss gewerblicher Händler wäre nicht verhältnismäßig, sofern die eigentlichen Probleme behoben werden.

Internethandel verbieten

Die unterzeichnenden Tierschutzvereine fordern den Verkauf und Versand von lebenden Tieren über Internetbörsen zu unterbinden, weil der unregulierte Onlinehandel Spontankäufe fördere. Hier wird ein komplexes Thema leider auf eine kurze Forderung reduziert, was ich nicht zielführend finde.

Onlinehandel ist nämlich nicht gleich Onlinehandel. Es gibt einerseits Internetshops, bei denen Tiere ohne irgendwelche Hürden gekauft werden können. Sie werden einfach in den Warenkorb gelegt und dann per Post oder Tierspedition geliefert (Postversand ist nur für wirbellose Tiere gestattet). Diese Form des Internethandels sehe ich ebenfalls kritisch, weil Verkaufsgespräche vollends ausbleiben und Tiere in eine ungewisse Zukunft verschickt werden. Dann gibt es aber noch den Handel über Anzeigenportale, auf denen verschiedene Anbieter ihre Tiere veräußern. Mal handelt es sich um gewerbliche Händler, die eine frische Importlieferung von Wildfängen anbieten, mal um die Anzeigen engagierter Privatzüchter, die durchaus darauf achten, an wen sie ihre Tiere verkaufen, oder auch um Hilfsgesuche von Leuten, die ihre Tiere lieber in gute Hände, statt in ein überfordertes Tierheim abgeben möchten. Nicht jedes dieser Angebote ist aus Tierschutzsicht problematisch, weswegen mit Bedacht gegen schwarze Schafe vorgegangen werden muss.

Ein generelles Verbot des Onlinehandels, wie von den Vereinen gefordert, würde letztlich dazu führen, dass diese Vereine vermehrt mit Abgabetieren konfrontiert würden.

Einheitliches Gefahrtiergesetz

Die Forderung nach einer bundeseinheitlichen Gefahrtiergesetzgebung wird von mir unterstützt, damit endlich Rechtssicherheit geschaffen wird. Der Frage, wie eine solche Regelung trotz Föderalismus überhaupt möglich ist, gehe ich demnächst in einem ausführlichen Artikel nach.  

Positivliste

Da haben wir sie wieder, die leidige Forderung nach einer Positivliste. Es ist für mich nur schwer begreiflich, warum Tierheime und Auffangstationen einerseits beklagen, die Grenze der Belastbarkeit und Aufnahmekapazität erreicht zu haben, dass eine Vermittlung bei vielen Tieren sehr schwer ist und dass die Behörden bei Beschlagnahmungen nicht im Sinne des Tierwohls agieren können, andererseits aber diese Probleme mit massiven Einschnitten in die Heimtierhaltung weiter befeuern wollen.

Die Forderung nach einem verbindlichen Sachkundenachweis finde ich in Ordnung, sofern die Schulungskonzepte der Tierhalterverbände offiziell anerkannt werden, denn vor allem dort findet man die dafür nötige Fachkompetenz. Damit würde sich dann aber auch eine Reduzierung des legal haltbaren Artenspektrums mittels Positivliste erübrigen. Wenn Halter die für die angemessene Pflege erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten nachweislich erworben haben, ist es vollkommen egal, welche Tierart gehalten wird. Da Positivlisten sehr viel mehr Probleme verursachen als zu beseitigen, sind sie aus Tierschutzsicht strikt abzulehnen. Warum diese Erkenntnis bei einigen Vereinen trotz vergleichbarer Erfahrungen (z.B. Verbot von Listenhunden und invasiver Arten, die als Ladenhüter in den Tierheimen versauern) noch nicht angekommen ist, entzieht sich meinem Verständnis.



Finanzielle Unterstützung

Tierheimen und Auffangstationen fehlt es bekanntlich an finanziellen Mitteln. Manche Einrichtungen dramatisieren die Probleme mit Exoten, um mit diesen in den Medien platziert zu werden, da nach Hunden und Katzen kaum noch ein Hahn kräht. Dabei liegen dort die wahren Probleme solcher Einrichtungen (Mist, jetzt hab ich es doch gesagt). Aber auch den auf Reptilien etc. spezialisierten Einrichtungen fehlt es häufig an Geldern. Die Kommunen machen es sich oftmals sehr leicht. Sie sagen sich, dass die „doofen“ Tierschützer ja sowieso einspringen und die Probleme schon irgendwie ausbaden.

Daher unterstütze ich diese Forderung der Tierschutzvereine. In der Diskussion stand mal eine Art „Solidaritätszuschlag“ für Einrichtungen des Tierschutzes, der von allen Bürgerinnen und Bürgern gezahlt werden solle. Ich persönlich fände es aber sinnvoller, endlich den milliardenschweren Raubzug der Kirche zu beenden und stattdessen Tierheime stärker staatlich zu subventionieren. 
Aber das ist ein anderes Thema...

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1 Kommentar:

  1. Fortsetzung "Tierschutz ist SCHEISSE!!!1elf": http://terrarianer.blogspot.de/2017/05/tierschutz-ist-scheisse.html

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