Montag, 10. April 2017

Die Spinne, der Psychologe und das Horrorplakat

Brachypelma hamorii (ex smithi)
Symbolbild
Ein Psychologe aus Landsberg am Lech (Bayern) hat Strafanzeige gegen den Veranstalter einer Spinnen- und Insektenausstellung erstattet, weil er in den Plakaten zu dieser Ausstellung eine Körperverletzung von Leuten mit einer Spinnenphobie sieht: Kurioser Spinnen-Krieg: Stellen Plakate eine Körperverletzung dar?

Ich musste diesmal erst ein paar Tage abwägen, ob ich diesen Fall überhaupt in einem Artikel thematisiere, weil ich dem besagten Psychologen eigentlich nicht noch mehr Aufmerksamkeit schenken möchte. Denn womöglich ist nämlich genau das der Zweck der Klage. Aber der Fall ist einfach zu absurd, um ihn zu ignorieren.

Gegenstand des Streits

Auf den Plakaten zur Ausstellung des Veranstalters Sergio Neigert ist neben anderen Gliederfüßern eine Mexikanische Rotknie-Vogelspinne (Brachypelma smithi) abgebildet. Diese soll aus Sicht des klagenden Psychologen aus Landsberg, Spinnenphobiker mit dem Gegenstand ihrer Angst unfreiwillig konfrontieren. Dies stelle ebenso wie eine unfreiwillige Verabreichung von Medikamenten eine Körperverletzung dar. Außerdem könnten unter einer Spnnenphobie leidende Verkehrsteilnehmer vor Schreck in Unfälle verwickelt werden. Tatsächlich passieren Unfälle wegen Spinnen in einer erschreckenden Regelmäßikeit so erst vor wenigen Tagen in Kaiserslautern: Frau verursacht Totalschaden wegen Spinne im Auto

Bereits im Jahr 2016 tat der Psychologe in den Medien seinen Unmut und seine Absicht kund, die Stadt und den Veranstalter der Ausstellung zu verklagen: Die Angst vor der Spinne auf dem Plakat

Überhaupt ein Fall fürs Gericht?

Die Strafanzeige wegen Körperverletzung liegt nun erst einmal bei der Staatsanwaltschaft Augsburg zur Bearbeitung. Ob der Fall überhaupt vor Gericht geht, wage ich stark zu bezweifeln. Meiner Einschätzung nach wird die Staatsanwaltschaft das Verfahren einstellen. Doch selbst wenn die Sache juristisch weiter verfolgt würde, wären die Erfolgsaussichten gering. Abbildungen von Spinnen sind – ebenso wie Begegnung mit lebenden Spinnen – Teil des allgemeinen Lebensrisikos, dem sich Phobiker nun einmal leider aussetzen müssen. Wenn es soweit käme, dass man die Alltagsumgebung für Menschen mit Angststörungen aus Rücksichtnahme entsprechend gestalten muss, damit Betroffene ihr Leben überhaupt bestreiten können, würde das unsere Gesellschaft ins Chaos stürzen.

Sicherlich empfinden viele Menschen Unbehagen beim Anblick von Spinnen. Diese Personen leiden jedoch in der Regel unter keiner echten Phobie! Der Anteil an Arachnophobikern ist weitaus geringer als der Anteil an Leuten, die Spinnen einfach nur nicht mögen. Der Anteil unter diesen Phobikern wiederum, der bereits auf leblose Abbildungen mit heftigen Ängsten reagiert, ist noch einmal geringer. Wer sich schon mal mit Angststörungen näher befasst hat, sollte dies eigentlich wissen – so auch der Psychologe, dem die Spinnenplakate ein Dorn im Auge sind. Schätzungen zufolge leiden 10 Prozent der Deutschen unter Phobien. Bei den Tierphobien tritt die Arachnophobie zwar am häufigsten auf, im individuellen Einzelfall ist die Statistik jedoch irrelevant. Wenn die Konfrontation mit dem Angstobjekt eine Körperverletzung darstellt, dann trifft dies auf alle bekannten Phobien zu. 
Für Menschen, die unter Canophobie (krankhafte Angst vor Hunden) leiden, muss die Alltagsbewältigung wahrlich die Hölle sein. Schließlich gehören Hunde zum gewohnten Alltagsbild. Selbst in Werbespots werden Hunde regelmäßig eingesetzt. Dabei haben die beworbene Produkte oft nicht mal ansatzweise etwas mit Hunden zu tun (klick mich, wenn du dich traust...). Will man nun die TV-Sender und alle Hundehalter dieses Landes wegen Körperverletzung anzeigen, weil sich ein paar Canophobe in ihrer psychischen und physischen Unversehrtheit verletzt fühlen? Dies ist nur ein Beispiel von vielen, die man nennen könnte, um die Absurdität der Strafanzeige zu unterstreichen. 

In einem Punkt stimme ich dem Psychologen allerdings ein Stück weit zu: Der Veranstalter der Ausstellung gibt auf seiner Website an, Menschen mit Spinnenphobie helfen zu können. Dies mag zwar gut gemeint sein und ist wahrscheinlich sogar effektiver, als so manch anderer von vielen Krankenkassen und somit der Sozialgemeinschaft finanzierter Hokuspokus, könnte allerdings als ein Heilsversprechen interpretiert werden, welches ohne die notwendige Fachkunde juristisch mehr als nur heikel wäre. Dieser von den Plakaten losgelöste Aspekt könnte also tatsächlich noch vor Gericht behandelt werden.

Fazit:

Meiner Einschätzung nach wird die Sache bzlg. der Plakate im Sande verlaufen. Sobald die Ausstellung mal wieder in Landsberg gastiert, wird der Fall wahrscheinlich wieder in den Medien thematisiert. Aufgrund der Absurdität durchaus verständlich.

Aber wenn der klagende Psychologe damit tatsächlich nur die PR-Trommel rühren möchte, sollte er aufpassen, dass ihm dies nicht auf die Füße fällt. Auf mich wirkt ein Psychologe jedenfalls äußerst unseriös, der versucht, seinen Patienten mit absurden Klagen regelrecht in Watte zu packen, damit diese im Alltag möglichst keinen Ängsten ausgesetzt werden, statt sich den Ängsten dahingehend zu widmen, dass die Betroffenen sich vor Spinnen-Plakaten nicht mehr fürchten.

Für alle Leute, die noch keine krankhafte Angststörung entwickelt haben, sondern sich beim Anblick einer Spinne einfach nur unwohl fühlen, sei ein Besuch einer solchen Ausstellung ans Herz gelegt. Ängste beruhen häufig auf Vorurteilen und diese wiederum auf fehlenden oder gar falschen Informationen. Dagegen hilft, sich über die Dinge zu informieren, vor denen man Angst hat. Vielleicht weichen die Ängste ja sogar einem gesteigerten Interesse für Spinnen?

Kommentare:

  1. Hat der Psychologe viell. einfach nur Angst, dass seine Kunden statt zu ihm lieber zur Ausstellung gehen und sich dort heilen lassen?

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  2. Ich denke neben der evolutionsbedingt angeborenen Fähigkeit, Spinnen und Schlangen schnell als mögliche Bedrohung wahrzunehmen, darf man den Aspekt der Erziehung zur Angst vor solchen Tieren gerade bei Kindern nicht unterschätzen. Ich halte deshalb derartige Ausstellungen gerade zur Vermeidung von übernommenen Vorurteilen und Ängsten bei Kindern für sehr wertvoll. Nach meiner persönlichen Erfahrung sind auch extreme Phobiker in der Lage, durch ein normal und positiv reagierendes Umfeld ihre eigenen Reaktionen kontrollieren zu lernen und durch sachliche Informationen tatsächlich ein Interesse für diese Tiere zu entwickeln. Derartige Ausstellungen sollten im Rahmen des Schulunterrichts besucht werden. Der positive Umgang mit diesen Tieren schärft auch das Umweltbewusstsein und kommt dem Artenschutz zu Gute.

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