Sonntag, 2. April 2017

Der ernsthafte Terrarianer

Ihr kennt ihn doch sicherlich auch, den Mann mit Hornbrille, Cordhose und Karohemd. Man findet ihn auf Vereinsabenden und Tagungen, wo er stets in der ersten Reihe sitzt und jeden Vortrag mit höchster Aufmerksamkeit verfolgt. Kommt ein Referent einmal ins Stocken, kann er, der Mann mit Hornbrille, Cordhose und Karohemd, sofort mit dem richtigen Einwurf helfen. Auch bei Reptilienstammtischen glänzt er mit seinem Wissen über Parthenogenese, Hibernation und Ecdysis. Bei Diskussionen kann und wird er immer mitreden. Seine klare Meinung ist unerschütterlich. Von Neulingen lässt er sich schon gar nichts sagen - was er ihnen gegenüber auch gerne betont. Schließlich verbergen sich unter seiner Halbglatze mühsam angeeignetes Fachwissen und unendliche Weisheit. Es gibt wohl niemanden, der sich besser in der Terraristik auskennt.

Er ist ein geschickter Terrarienbauer und gestaltet Rückwände wie kein Zweiter. Nur er kann die wahre Qualität von UV-Leuchtmitteln oder die Zusammensetzung von Mineralstoffpräparaten adäquat beurteilen. Pelletfutter hasst er fast so sehr wie Plastikpflanzen. „Bartis“ oder „Leos“ kommen ihm nicht ins Haus, Halter von „Köpys“ und „Kornis“ belächelt er. Er hält stets die begehrtesten Raritäten in bis zur Perfektion naturnah gestalteten Terrarien. Dies aber auch nur solange, bis sich ein Tausch gegen eine noch seltenere Spezies ergibt. Wenn er nicht gerade auf Borneo Klimadaten misst, sieht man ihn gelegentlich auf Reptilienbörsen. Dort steht er dann mit Hornbrille, Cordhose und Karohemd und bietet seine Nachzuchten zum Verkauf an: „…europäische Erstnachzucht…“, „seltene Lokalvariante“, und „…noch nie zuvor importiert…“ hört man ihn zu den Leuten sagen. Neidische Blicke seiner Standnachbarn sind ihm gewiss.

Kürzlich hat er sich in den sozialen Netzwerken angemeldet, um dort in allen nur erdenklichen Gruppen und Foren mitzureden. Dort erkennt man ihn an seinem Profilbild. Dieses zeigt nicht etwa ihn mit Hornbrille, Cordhose und Karohemd, sondern wahlweise Batagur baska, Cnemaspis psychedelica oder Sphenodon punctatus. Fragt man ihn jedoch nach seinen Haustieren, reagiert er pikiert. Reptilien sind für ihn keine Haustiere, sondern Beobachtungsobjekte, zu denen man keine persönliche Beziehung aufbauen kann – er sowieso schon mal gar nicht! Denn er ist ein ernsthafter Terrarianer… 
Ein sehr ernsthafter Terrarianer!

Ja, ihr kennt ihn sicherlich auch, den Mann mit Hornbrille, Cordhose und Karohemd...


Kommentare:

  1. Da drängt sich mir direkt eine Person auf. :D
    Ich wagte es doch tatsächlich ein Mal, anderer Meinung zu sein als dieser ausgewiesenen und allgemein anerkannter Experte. Selbstverständlich wurde ich seinerseits nur müde belächelt und er wies noch einmal auf seine allumfassende Sachkenntnis und jahrzehntelange Erfahrung hin....

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  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  3. Cnemaspis psychedelica und Sphenodon punctatus als Profilbild klingt irgendwie nach mir. Diese Namen kann man auch durch Abronia,seltene Hochlandklapperschlangen, Lanthanotus borneensis, Oophaga histrionica oder andere ersetzen. Lustiger Artikel, hat mir auch ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Folge dir nun seit nun mehr drei Jahren und schätze auch deine Arbeit bei weniger amüsanten Themen und dich als Person.Mach weiter so!

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    1. Vielen Dank! Freut mich sehr, dass dir meine Arbeit gefällt. :)

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  4. Uff, erst dachte ich...aber ich trage weder Cordhose noch Karohemd und jage auch nicht den hippesten und teuersten Neuimporten hinterher....
    Grad nochmal davon gekommen ;)
    LG

    Ingo

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