Freitag, 17. März 2017

Nachtrag: NDR-Bericht über Exotenhandel (Zuschauerpost)

Als Reaktion auf den kürzlich ausgestrahlten Bericht über den Handel mit exotischen Tieren im NDR (ich berichtete) ließ ich der Redaktion von Panorama 3 meinen Unmut über die Art und Weise der Darstellung in Form einer Zuschauerpost zukommen:
Sehr geehrte Damen und Herren,
mit Interesse verfolgte ich gestern (14. März) in Ihrer Panorama-Sendung den Beitrag "Ungezügelter Handel mit exotischen Tieren". Dazu möchte ich Ihnen gerne eine Zuschauermeinung zukommen lassen:

Der besagte Beitrag stößt bei mir als Halter von exotischen Tieren auf Unmut, weil ich ihn als äußerst tendenziös empfinde. Ich begrüße es sehr, wenn Medien über negative Aspekte der Exotenhaltung berichten, um Verbesserungen voranzutreiben. Nur sollte eine differenzierte und objektive Berichterstattung dabei nicht verloren gehen. Die Art und Weise Ihrer Darstellung des Exotenhandels entspricht nicht den Erlebnissen, die ich regelmäßig auf Exotenbörsen mache. Sicherlich gibt es auf diesen Veranstaltungen viele Spontankäufe und einen gewissen Anteil an skrupellosen Händlern, da die Hürden für den Erwerb leider sehr niedrig sind. Deshalb wäre ein verbindlicher Sachkundenachweis durchaus sinnvoll. Trotzdem erlebe ich regelmäßig, dass man auf Börsen durchaus eine kompetente Beratung bekommt, wenn man ehrliches Kaufinteresse zeigt und eine Beratung wünscht. Ich kann mir daher nicht vorstellen, dass es bei Ihren Undercoverrecherchen keine solchen positiven Situationen gab, über die sie hätten berichten können.


Warum basierte die Reportage ausschließlich auf der Meinung der Leiterin der Reptilienstation Kappeln? Warum wurden nicht zusätzlich Experten aus den Tierhalterfachverbänden geladen, um das Geschehene zu kommentieren und so eine differenzierte Berichterstattung zu ermöglichen? Solche Experten hätten erklären können, dass der Verkauf von Tieren in Plastikdosen und der Transport von Schlangen in Stoffbeuteln laut den Richtlinien der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz sowie des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft als tierschutzgerecht festgelegt wurden. Stattdessen wurde diese tierschutzkonforme Art der Tierpräsentation abfällig mit Fleischverkauf im Supermarkt verglichen.


Die von Ihnen interviewten Börsenbesucher - von denen tatsächlich zum Teil erschreckende Aussagen kamen - haben fast ausnahmslos wirbellose Tiere erworben. Für diese schreibt das Tierschutzgesetz derzeit noch keine Beratung durch den Verkäufer vor (bei Wirbeltieren muss der Käufer über grundlegende Bedürfnisse aufgeklärt werden). Ethisch gesehen ist es sicherlich fragwürdig, dass Leute ein Insekt oder eine Spinne - also ein Lebewesen - ohne Vorkenntnisse erwerben und zuhause totpflegen können. Aus juristischer Sicht schreibt der Gesetzgeber derzeit aber auch gar keine Beratung beim Verkauf von Wirbellosen vor. Die Kritik ist also nur zum Teil beim Handel an der richtigen Adresse.


Im Beitrag wurde ferner suggeriert, dass die Vogelspinne, welche von einem Jungen erworben wurde, lebenslänglich in der kleinen Box (eine sog. Heimchendose) hausen müsse. Ein fachkundiger Halter hätte erklären können, dass diese Dosen zur Aufzucht von Jungspinnen durchaus geeignet sind.


Dies sind nur ein paar Dinge, die ein fachkundiger Experte hätte erklären können, damit unbedarfte Zuschauer die Thematik anhand von Fakten realistisch bewerten und nicht anhand von Bauchgefühlen und der suggestiven Darstellung direkt zu negativen Urteilen gelangen würden. Ich wünsche mir daher für die Zukunft eine ausgewogenere Berichterstattung, damit verantwortungsvolle Exotenhalter und -händler nicht aufgrund einseitiger Berichte in Verruf geraten.


Mit freundlichen Grüßen

Marco Bergmann

P.S. Gab es in der Vergangenheit bereits Panorama-Berichte, in denen auf die ansteigende Zahl von Katzen in Tierheimen hingewiesen wurde? Und kamen darin Tierschützer zu Wort, die einen verbindlichen Sachkundenachweis für Katzenhalter oder eine Katzensteuer forderten? Falls nicht, verstehen Sie dies bitte als Anregung für Behandlung in einer Ihrer nächsten Sendungen.

Antwort der Redaktion

In der Antwort auf diese Zuschrift weißt eine Mitarbeiterin des NDR den Vorwurf einer tendenziösen Berichterstattung zurück. Sie stellt klar, dass es sich bei der gezeigten Umfrage unter den Börsenbesuchern um eine repräsentative Umfrage handele. Die gezeigten Börsenbesucher wurden ohne böse Hintergedanken befragt. Außerdem habe man ja auch die positiven Aussagen von zwei Börsenbesuchern gezeigt.

Im Rahmen der Recherchen für den Bericht wurden zudem nicht nur Tierschützer und verschiedene Auffangstationen befragt, sondern laut Auskunft der Redaktion auch andere Organisationen und Experten. Da man jedoch in einem achtminütigen Beitrag nicht alle davon zeigen konnte, habe man sich für die Auffangstation Kappeln entschieden.


Die Redaktion macht abschließend deutlich, dass sie sich von extremen Forderungen wie der nach einer Positivliste distanziere. Einzig der Sachkundenachweis, welcher nicht nur von Tierschützern sondern auch von verantwortungsvollen Exotenhaltern gefordert wird, sei Gegenstand des Berichts gewesen. Dieser Sachkundenachweis würde laut Redaktion von Tierschützer nicht nur für Exoten, sondern für jedes Haustier gefordert. Da es im Bericht jedoch um Exoten ging, wurde diese Forderung auch nur auf diese bezogen.


Daraufhin schrieb ich der Redaktion erneut:

Sehr geehrte Frau […],
vielen Dank für Ihre Antwort auf die ich dann aber doch noch mal näher eingehen möchte.

Ihr Empfinden, dass keine extremen Positionen transportiert wurden, teile ich leider nicht. Frau Umlauf stellte u.a. ohne jede Begründung die Behauptung auf, dass exotische Tiere aus Tierschutzsicht nicht in Haushalten gehalten werden sollten. Ferner bezeichnete sie die Vermittlung von Sachkunde über den Haustier-Berater.de lapidar als Werbung. Dies sind äußerst extreme Positionen, die nicht zielführend sind, Ihren Zuschauern jedoch als einzige Meinung verkauft wurden. Zur Bekräftigung der durchaus sinnvollen Forderung nach einem Sachkundenachweis wäre es doch eigentlich logisch gewesen, auch verantwortungsvolle Exotenhalter in den Beitrag aufzunehmen, die diesen z.B. bei der VDA/DGHT Sachkunde GbR erworben haben. Deren Tierhaltung hätte anschaulich gezeigt, dass es auch anders geht und wie sinnvoll ein verbindlicher Sachkundenachweis wäre.


Es ist außerdem hinlänglich bekannt, was der Tierschutzbund mit einer „bundeseinheitlichen Regelung“ meint: Nämlich exakt die von Ihnen genannte Positivliste. Diese wurde zwar in Ihrem Beitrag tatsächlich nicht direkt beim Namen genannt, Ihre Zuschauer wurden durch die tendenziöse Darstellung dennoch sehr gut auf die Befürwortung einer solchen Regelung eingestimmt.


Leider haben Sie meine abschließende Frage nicht beantwortet, ob und wann es vergleichbare Beiträge in Ihrer Sendung zur prekären Situation von Hauskatzen in Tierheimen gab. Bei diesen Tieren ist ebenfalls ein Anstieg zu verzeichnen. Inzwischen landen jährlich bis zu 130.000 Katzen in den Tierheimen des Deutschen Tierschutzbundes. Das ist das rund 70fache im Vergleich zur Gesamtanzahl anderer Exoten. Auf ein exotisches Reptil kommen somit 70 Katzen in den Tierheimen des Deutschen Tierschutzbundes. Deswegen wird es doch wohl sicherlich schon Beiträge zu diesem dramatischen Tierschutzproblem in ihrer Sendung gegeben haben, in denen Tierschützer deutlich eine Sachkundenachweispflicht für Katzenhalter forderten oder sich gar gegen die Haltung von Katzen in Haushalten aussprachen. Falls es diese bisher nicht gab, frage ich mich schon, warum der Fokus auf eine Minderheit unter den Tierhaltern gelegt wurde. Ich hoffe sehr, dass Sie sich diesem Thema in einer der nächsten Sendungen widmen werden und entsprechende Forderungen transportieren. Dann werde auch ich sehr gerne wieder einschalten.


Mit freundlichen Grüßen

Marco Bergmann

Diese Nachricht blieb bislang unbeantwortet. 
Nun soll jeder für sich selbst entscheiden, ob der NDR-Bericht einseitig war oder nicht.
 

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