Sonntag, 19. März 2017

Feldherpetologen beziehen Stellung zu Tierbörsen und Tierhaltung

Kürzlich wurde in der Zeitschrift für Feldherpetologie (Band 24, Seite 119–127) das Positionspapier einiger Feldherpetologen veröffentlicht, in denen die Reptilienforscher eine ablehnende Position zu Tierbörsen einnehmen: Positionspapier - Tierhandel, Tierhaltung und Feldherpetologie

In ihrem Positionspapier unterstützen THIESMEIER et al. Den Beschluss der noch amtierenden Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag, Importe von Wildfängen in die EU sowie gewerbliche Tierbörsen für exotische Tiere zu untersagen.

Begründet wird diese Forderung mit Quellen wie Bündnis 90/Die Grünen oder Pro Wildlife e.V., die unkommentiert zitiert und somit als wahrheitsgemäß dargestellt werden. Unter anderem werden dabei die Importzahlen von lebenden Reptilien
sowie der Anteil an Wildfängen mit Schätzungen von Pro Wildlife (jährlich bis zu 850.000 lebende Reptilienimporte) als besonderns hoch angegeben. Bekräftigt wird diese Schätzung mit einer Angabe des Statistischen Bundesamtes, welches von jährlich ca. 800.000 lebenden Reptilien spricht, die nach Deutschland importiert werden.

Rückläufige Importe

Entscheidend hierbei ist, dass es sich um veraltete Zahlen aus dem Jahr 2007 handelt. Aktuellere Daten des Statistischen Bundesamtes sprechen von ca. 405.000 importieren Reptilien im Jahr 2012 und ca. 320.000 Stück im Jahr 2013. Bei Reptilienimporten ist also ein deutlicher Rückgang um ca. 60 Prozent festzustellen. Setzt man diese Importzahlen mit den Angaben der European Pet Food Industry Federation (FEDIAF) in Relation, welche in ihren „Facts & Figures“ für das Jahr 2014 etwa 1.450.000 Reptilien in deutschen Haushalten angibt, kommt man zu dem Ergebnis, dass Importe, bei denen es sich nicht zwangsläufig immer um Naturentnahmen handelt, rund ein Fünftel (22 Prozent) am für die Terraristik relevanten Wildtierhandel ausmachen. Zwar geben die Autoren auch valide Importzahlen an (20,8 Millionen Reptilien), da sich diese jedoch auf das gesamte EU-Gebiet beziehen, ist mit diesen Zahlen für die Bundesgesetzgebung leider wenig anzufangen. Hier wären weitere Studien interessant, die Importe sowie Transportmortalität näher beleuchten. 

In dem Positionspapier fehlt es mir stellenweise an der notwendigen wissenschaftlichen Objektivität, die ich von Feldherpetologen eigentlich erwarten würde. Vorübergehende Importverbote von bestimmten Arten, aktuell z.B. aufgrund der Chytridpilzproblematik, wären durchaus sinnvoll – gerne auch präventiv. Begleitet werden sollten diese von entsprechenden Untersuchungen, um die Bedrohungslage objektiv auszuloten. Forderungen nach generellen Import- sowie Börsenverboten lediglich auf Schätzungen und Mutmaßungen zu berufen, statt auf valides Datenmaterial, halte ich allerdings für äußerst fragwürdig.

Der Import von Ranching-Tieren wird von THIESMEIER et al. immerhin nicht abgelehnt, sofern diese Zuchtfarmen dem Schutz der Wildpopulationen dienen und nicht dazu, Wildfänge als Nachzuchten deklariert zu exportieren.
 

Zimmerterraristik für Herpetologie bedeutungslos?

Bemerkenswert ist auch, dass aus Sicht der Autoren des Positionspapiers die Terraristik für die Herpetologie nur noch zu einem kleinen Anteil von Bedeutung ist. Die sog. „Zimmerterraristik“ spiele für die Erforschung von Reptilien (insbesondere einheimischer Arten) kaum noch eine Rolle. Wie ist das zu interpretieren? Die Haltung von Terrarientieren durch sog. „Citizen-Scientists“ ist also in Ordnung, der Haltung durch Tierfreunde, die statt Hunden oder Katzen lieber Reptilien etc. um sich haben, wird hingegen die Legitimation abgesprochen – ganz egal wie artgerecht die Haltung ist? Dabei hat doch gerade diese anfängliche Liebhaberei dafür gesorgt, dass aus „Zimmerterrarianern“ später Bürgerwissenschaftler, Naturschützer oder gar professionelle Herpetologen wurden.

Fazit:

Dass sich an flohmarktähnlichen Zuständen auf einigen Börsen und am unkontrollierten Handel mit Wildfängen nicht geschützter aber teilweise sehr wohl bedrohter Arten etwas ändern muss, wird von mir unterschrieben. Ob Verbote dafür die richtige Lösung sind, wage ich aber zu bezweifeln. Verbote des legalen Handels führen zu einer Verlagerung der Probleme in den nicht mehr kontrollierbaren Untergrund. Damit wäre den wildlebenden Populationen nicht geholfen. Seriöse Terraristikbörsen sorgen für Aufklärung und die Zimmerterraristik schafft neue Reptilien-/Amphibienforscher und -schützer. Diese Vorteile überwiegen die Nachteile und dürfen mit unüberlegten Verboten nicht gefährdet werden.
 

Mehr zum Thema: 


Literatur:

B. THIESMEIER et al.; Positionspapier - Tierhandel, Tierhaltung und Feldherpetologie; Fachzeitschrift für Feldherpetologie (März 2017) 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen