Donnerstag, 16. Februar 2017

Schweizer Reptilienhaltung auf dem Prüfstand

Der Schweizer Tierschutz STS hat in den vergangen zwei Jahren die Haltungsbedingungen von Reptilien in der Schweiz auf den Prüfstand gestellt und die gesammelten Erkenntnisse nun in einer Studie veröffentlicht: Tierschutzprobleme in der Schweizer Reptilienhaltung

In seiner Studie stellt der STS dar, dass Reptilien als wechselwarme Tiere ganz besondere Ansprüche an die Haltung in menschlicher Obhut stellen, was ein Mindestmaß an Vorabinformation der Halter voraussetzt. Ebenso kommt die Organisation zu dem Ergebnis, dass Reptilien immer häufiger spontan gekauft und später aus diversen Gründen wieder abgegeben werden. Spezialisierte Tierheime und Auffangstationen sind jedoch Mangelware, weil es an der Finanzierung scheitert. Mit niedlichen Tieren lassen sich mehr Spenden generieren als mit Schlangen, Echsen & Co., weswegen spezialisierten Einrichtungen die finanzielle Unterstützung fehlt und eine Vermittlung der Tiere ohnehin schwierig ist.

Im Rahmen der in den Jahren 2015 und 2016 durchgeführten STS-Recherche wurden Umfragen bei Tierärzten sowie Gespräche mit weiteren Fachleuten (darunter auch Reptilienzüchter, Börsenbetreiber und Mitglieder von Terraristik-Vereinen) durchgeführt. Außerdem wurden Auffangstationen und private Tierschützer interviewt, die ehrenamtlich Reptilien aufnehmen. Nicht zuletzt wurden Recherchen im Internet, im Zoofachhandel sowie auf Reptilienbörsen durchgeführt. Die Erkenntnisse wurden mit den geltenden gesetzlichen Bestimmungen für die Reptilienhaltung in der Schweiz abgeglichen und bewertet.

Sinkende Importzahlen

Auch die Importzahlen zwischen 1990 und 2005 von lebenden Reptilien in die Schweiz wurden vom STS unter die Lupe genommen. Die Studie kommt zu dem Ergebnis:
Im Verlaufe dieser 15 Jahre sanken die Importzahlen stetig […]. Die sinkenden Importzahlen sind vermutlich dadurch zu erklären, dass die Nachfrage zunehmend durch inländische Nachzuchten befriedigt wurde. […] Insgesamt kann geschlussfolgert werden, dass die «Spitzenzahlen» der 1990er Jahre, wohl auch aufgrund der zunehmenden Nachzuchterfolge, in letzter Zeit nicht mehr erreicht wurden; jährlich aber nach wie vor mehrere tausend Reptilien importiert werden, wobei der Import grossen Schwankungen unterworfen ist.
Beim Internethandel kommt der STS nach einer Hochrechnung zu dem Ergebnis, dass jährlich über 14.000 Tiere auf den drei beobachteten Internetplattformen angeboten werden, stellt aber ebenso deutlich klar, dass diese Hochrechnung kein verlässliches Ergebnis sei, weil Doppelplatzierungen von Inseraten und saisonale Schwankungen nicht berücksichtigt wurden. Dennoch sei von einer Anzahl an Inseraten im tiefen fünfstelligen Bereich auszugehen.

Bei den befragten Terraristik-Experten herrschte Uneinigkeit darüber, ob die Reptilienhaltung in den letzten Jahren zugenommen habe oder nicht. Meiner Einschätzung nach ist die Reptilienhaltung rückläufig. Nur sind inzwischen alle Tiere aus dem Boom der 90er erwachsen und stellen ihre Besitzer vor damals nicht bedachte Herausforderungen. Dadurch entstehen in der heutigen Zeit viele medienpräsente Problemfälle, die den Anschein erwecken, als würde die Reptilienhaltung derzeit noch einen Boom erleben.

Tierschutzprobleme bei Schweizer Reptilienhaltung

An Tierschutzproblemen in der Reptilienhaltung wurden u.a. unzureichende Verkaufsbehältnisse auf Reptilienbörsen, fehlende Hinweise zur artgerechten Haltung bei Internetinseraten, die Haltung in zu kleinen oder mangelhaft eingerichteten Terrarien sowie die Überproduktion von gängigen Arten durch Züchter vom STS ermittelt.

In der Studie wird am Rande auch auf eine Problematik hingewiesen, deren Ausmaß in Zukunft womöglich noch zunehmen wird, wenn immer mehr Kapazitäten öffentlicher Einrichtungen erschöpft sind: Unseriöse private „Auffangstationen“, die im Internet damit werben, Tiere gratis aufzunehmen. Nicht selten stecken hinter solchen Anzeigen Leute, die die Tiere direkt weiter veräußern, um damit Geld zu verdienen. Die Haltungsbedingungen in solchen „Auffangstationen“ stellen sich häufig als äußert mangelhaft dar, insbesondere weil die Fachkenntnis der oftmals anonymen Betreiber nicht überprüft werden kann. Solche Leute werfen ein schlechtes Licht auf alle ehrenamtlichen Tierschützer, die abgeschobene Tiere mit Herzblut aufpäppeln und ihnen wieder ein artgerechtes Leben in menschlicher Obhut ermöglichen!

Forderungen des Schweizer Tierschutz STS

Um diesen Problemen zu begegnen, fordert der STS vorrangig eine Verbesserung der Fachkenntnisse – sowohl bei Privathaltern als auch bei Zoofachhändlern. Die Einführung eines verbindlichen Sachkundenachweises sowie die Meldepflicht von Reptilien stehen ebenso im Forderungskatalog wie eine Überarbeitung der Ausbildung von Zoofachhandelsmitarbeiten und die Schaffung von gesetzlich verankerten Börsenrichtlinien. Haltungen sollten häufiger durch geschulte Fachleute kontrolliert werden. Nicht zuletzt sollte aus Sicht des STS die Produktion von häufig vermehrten Arten reglementiert und die Kapazitäten von Tierheimen und Auffangstationen ausgebaut werden.

Fazit:

Nach dem Lesen der Studie komme ich zu dem Ergebnis, dass es sich um eine äußerst umfangreiche und vor allem differenzierte Arbeit auf hohem Niveau handelt. Bestehende Probleme werden aufgezeigt, ebenso werden positive Beispiele genannt. Das ist eine ganz andere Qualität als wir hierzulande von den häufig ideologisch motivierten Pseudo-Studien gewisser Vereine gewohnt sind.

Die Forderungen des Schweizer Tierschutzes entsprechen auch dem, was ich mir zur Verbesserung der Reptilienhaltung (bzw. der Tierhaltung grundsätzlich) in Deutschland wünsche. Als Schlusswort soll ein Zitat aus dem Fazit der STS-Studie dienen:
Der STS ist der Ansicht, dass die in diesem Bericht detailliert aufgezeigten Tierschutzprobleme dringend angegangen werden müssen. Dabei geht es nicht um ein Verbot der Reptilienhaltung oder Positivlisten. Vielmehr gilt es, Wissen und Können der Reptilienhalter anzuheben, den Tierhandel besser zu überwachen, das Angebot und die Kompetenz der Zoofachgeschäfte zu verbessern und umfangreichere gesetzliche Grundlagen samt konsequentem Vollzug zu schaffen. 
 

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