Samstag, 17. Dezember 2016

Terrarientiere unterm Weihnachtsbaum

In der Weihnachtszeit mahnen viele Tierschutzvereine, doch bitte keine Tiere zu Weihnachten zu verschenken. Einige Tierheime aber auch Zoofachgeschäfte stoppen derzeit sogar die Vermittlung bzw. den Verkauf von lebenden Tieren, weil sie Spontankäufe verhindern und Rückläufer vermeiden wollen. Diese Entscheidung ist auf den ersten Blick natürlich nachvollziehbar. Kurz nach den Feiertagen, nachdem die erste Freude verflogen und das am Weihnachtsabend noch heißgeliebte Haustier langweilig geworden ist, verzeichnen schließlich viele Tierheime und Auffangstationen einen Anstieg an Abgaben. Spätestens in der Sommerurlaubszeit wird das spontan zu Weihnachten verschenkte Tier gerne mal abgegeben oder gar ausgesetzt.

Doch hat nicht jeden Tag irgendein Kind Geburtstag? Besteht somit nicht laufend die Gefahr eines spontanen Geschenkkaufs und einer späteren Abgabe? Wie kann es eigentlich überhaupt dazu kommen, wo doch Zoofachgeschäfte und Tierheime ihren Kunden die Ansprüche des jeweiligen Tieres erklären sollten. Plagt Tierheime etwa die Sorge, dass Leute zur rührseligen Vorweihnachtszeit einem Tier ein schönes Zuhause bieten wollen, diesen Vorsatz im neuen Jahr jedoch nicht halten können?

Prinzipiell spricht aus meiner Sicht nichts gegen das Verschenken von Haus- und Heimtieren wie Reptilien oder anderen Terrarientieren, sofern – wie auch bei jedem anderen Kauf – im Vorfeld die notwendigen Vorkehrungen getroffen werden. Hat sich der zukünftige Beschenkte bereits ausführlich (z.B. mit Fachliteratur oder Kontakten zu anderen Haltern) über eine bestimmte Tierart informiert und hegt nun den ernstgemeinten Wunsch einer Anschaffung, kann man diesen Wunsch meiner Meinung nach ruhig erfüllen. Entscheidend ist hierbei die Einstellung des Beschenkten (dass nämlich das Interesse eben nicht schon nach wenigen Tagen verfliegt) und auch die ausgewählte Tierart. Während man z.B. viele wirbellose Terrarientiere direkt mitsamt fertig eingerichtetem Terrarium verschenken kann, erfordert das Verschenken von Reptilien und Amphibien schon mehr Aufwand. In der bestmöglichen Situation hat der Beschenkte schon selbst das benötigte Terrarium vor Ort stehen. Zumindest ist zum Zeitpunkt des Schenkens alles vorhanden, um das Tier seinen Bedürfnissen entsprechend unterzubringen. Im unbedingt zu vermeidenden Worst-Case-Szenario verschenkt man ein wechselwarmes Tier, das über die Feiertage hinweg in einer Box vegetieren muss, nur weil das notwendige Terrarium fehlt, die Geschäfte geschlossen haben und eine artgerechte Haltung somit nicht möglich ist. Nicht zuletzt sollte in der winterlichen Weihnachtszeit vom Verschenken von normalerweise in dieser Zeit ruhenden Tieren aus gemäßigten Breiten abgesehen werden. Notwendig für ein verantwortungsvolles „Tiere-Verschenken“ ist außerdem, dass der Schenkende selber Ahnung von dem Tier hat, welches er verschenken möchte.

Nicht nur die artgerechte Unterbringung und Versorgung des Terrarientieres muss über die Feiertage gesichert sein, auch das Umfeld der Eingewöhnung sollte der Tierart entsprechend bedacht und gestaltet werden. Reptilien, Amphibien und Wirbellose sind zwar bei weitem nicht so sozial wie z.B. Hunde oder Katzen, für die eine neue Umgebung im Weihnachtstrubel und der Jahreswechsel eine Woche später ein großer Stress sein kann, doch auch sie brauchen unter Umständen Zeit und Ruhe, um sich einzugewöhnen. Besonders stressanfällige Arten sind also weniger als Weihnachtsgeschenk geeignet.

Möchte man ein Tier verschenken, muss dies vorher mit allen anderen Familienmitgliedern oder Mitbewohnern des Beschenkten abgesprochen werden. Wenn z.B. ein Familienmitglied eine panische Angst vor Schlangen oder Spinnen hat, wäre es auch für das Tier nicht vorteilhaft, wenn man es in eine solche Umgebung verschenkt. Auch eine Regelung für die laufenden Kosten bei je nach Tierart recht hoher Lebenserwartung sowie eine geeignete Urlaubsvertretung müssen mit den Angehörigen oder dem Beschenkten geklärt werden, damit das Tier nicht irgendwann zur Last wird.

Sind diese Umstände gegeben, ist gegen ein „Reptil unterm Weihnachtsbaum“ prinzipiell nichts einzuwenden. Können diese Rahmenbedingungen jedoch nicht sichergestellt werden, wäre ein anderes Geschenk wohl sinnvoller. Vielleicht ein gutes Buch über die gewünschte Tierart? Oder ein Gutschein für das notwendige Zubehör vom Zoofachhandel des Vertrauens?
 
Darf man Kindern Tiere schenken?
 
Grundsätzlich sind Tiere vor dem Gesetz zwar keine Sachen, auf sie können aber die für Sachen geltenden Rechtsvorschriften angewandt werden (§ 90a BGB). Tiere dürfen daher verkauft, getauscht oder eben auch verschenkt werden. Eine Schenkung stellt rechtlich gesehen einen Vertrag dar. Kinder sind bis zur Vollendung des 7. Lebensjahres nicht geschäftsfähig (§ 104 BGB). Man darf somit prinzipiell keine Tiere und auch keine „anderen Sachen“ an Kinder verschenken. Minderjährige vom vollendeten 7. bis zum vollendeten 18. Lebensjahr sind beschränkt geschäftsfähig  (§ 106 BGB). Veträge mit Jugendlichen in diesem Alter sind ohne Einverständnis der gesetzlichen Vertreter schwebend unwirksam (§ 108 BGB). Eltern von minderjährigen Jugendlichen können Schenkungen also widerrufen.

Da allerdings die meisten Schenkungen juristisch als „rechtlich vorteilhafte Verträge“ eingestuft werden, greift hier eine Ausnahme von der Regel: Schenkungen, die für Minderjährige keine Nachteile und keine Verpflichtungen bedeuten, werden auch ohne Zustimmung der gesetzlichen Vertreter wirksam (§ 107 BGB). Altersgerechtes Spielzeug zu verschenken wäre also in Ordnung, Tiere zu verschenken bedarf hingegen der Einwilligung der Eltern, da mit dem Erwerb eines Tieres die Einhaltung der Verpflichtungen des Tierschutzgesetzes einhergeht, was somit juristisch gesehen keinen rechtlichen Vorteil bedeutet.

Eine weitere Regelung findet man im Tierschutzgesetz selbst. Dort heißt es, dass Wirbeltiere ohne Einwilligung der Erziehungsberechtigten an Minderjährige schon nach Vollendung ihres 16. Lebensjahres abgegeben werden dürfen (§ 11c TierSchG). Reptilien und Amphibien dürfen demnach auch schon an Jugendliche mit vollendetem 16. Lebensjahr ohne Einwilligung der Eltern abgegeben / verschenkt werden. Wirbellose Tiere wie Spinnen und Insekten bei wörtlicher Auslegung der Gesetzeslage hingegen nicht, weswegen Wirbellose in diesem Punkt einen höheren Schutz genießen, was wohl nicht Absicht des Gesetzgebers war, aber durch die konkrete Nennung von „Wirbeltieren“ statt „Tieren“ im § 11c TierSchG tatsächlich so ausgelegt werden kann. Der Tierschutzbund ist übrigens bestrebt, dass diese Grenze für die Abgabe von (Wirbel)Tieren auf 18 Jahre – wie auch bei der grundsätzlichen Geschäftsfähigkeit – angehoben wird, um Tierkäufe durch Jugendliche ohne elterliche Einwilligung zu verhindern, was ich persönlich ebenfalls sinnvoll finde.
 

Kommentare:

  1. Ein sehr wichtiger Artikel. Ich werde ihn sicher in Zukunft bei den typischen Diskussionen auf gutefrage oder in diversen Facebook-Gruppen anführen!

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    1. Danke sehr. Solche Diskussionen kenne ich auch. Entweder die Leute lehnen das Verschenken von Tieren ohne Wenn und Aber ab oder aber sie sehen das Thema viel zu locker. Die Wahrheit liegt für mich wie so oft in der Mitte.

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    2. Richtig. Gut, die fast schon fanatische Ablehnung von Tieren als Geschenk ist genau so falsch, wie das einfach blauäugige Verschenken ohne dass man sich informiert. Allerdings machen da viele Zoohandlungen auch gerne mit ("Nein, das Tier wird nicht besonders groß").

      Ich selbst habe als Kind ein Tier geschenkt bekommen und damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Das lag aber auch daran, dass meine Mutter seinerzeit sehr ausführlich über meine Pflichten informiert hat und diese auch überwacht hat.

      Das hat schon VOR Weihnachten begonnen - sie bot mir an, mir entweder eine Spielekonsole zu schenken oder eine kleine Wellensittichgruppe in einer Voliere.

      Auch wenn Wellensittiche nicht wirklich zum Thema Terraristik passen, ist diese Vorgehensweise doch auch letztlich übertragbar.

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    3. Die Erfahrung habe ich leider auch schon gemacht, dass Zoohandlungen einem Tiere um jeden Preis verkaufen wollen. Bei mir waren es Welse für mein 10 Liter-Nanoaquarium (!), obwohl ich eigentlich nur nach Alternativen zu Rennschnecken für die Algenbekämpfung gesucht hatte. Den Kauf lehnte ich natürlich ab. Es graust mir aber daran zu denken, dass andere Kunden vielleicht auf die "Kompetenz" solcher "Fachleute" vertrauen und tatsächlich Fische in für sie nicht artgerechte Nanoaquarien setzen. :(

      Aber solche Verkaufssituationen ergeben sich eben nicht nur zur Weihnachtszeit, sondern sind ein Dauerproblem bei einigen Zoofachgeschäften und betreffen alle Tierarten - von Wellensittichen in Einzelhaltung bis zu Kaninchen im "Hamsterknast". Deswegen stimme ich dir vollkommen zu, dass Käufer bzw. Eltern von beschenkten Kindern sich vorab ausgiebig informieren müssen, weil die Fachkompetenz im "Fachhandel" leider nicht immer vorhanden ist. Ganz egal ob zu Weihnachten oder im Hochsommer.

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    4. Dazu habe ich letztens einen passenden Selbstversuch in einer Zoohandlung gemacht. Aus der dort gesammelten Erfahrung und meinen Erfahrungen als Tipp-Geber in einigen Foren, habe ich einen kleinen Rant geschrieben (falls ich diesen verlinken darf: http://zwergbartagamen-ratgeber.de/blog/2017/01/warum-du-keine-reptilien-halten-solltest - sollte die Verlinkung nicht gewünscht sein, so bitte ich um Entfernung).

      Das Kaufen von Tieren ist, so mein Eindruck, zu einer Sache geworden, die so nebensächlich ist, wie das Kaufen von Lebensmitteln beim REWE nebenan.

      Teilweise habe ich den Eindruck, dass sich viele Menschen mehr über die neue Stereoanlage informieren als über das exotische Tier, das man dann halt auch "so nebenbei mal" mitnimmt.

      Aber auch hier: Viele - nicht alle. Sicherlich gibt es eine ganze Menge Menschen, die sich akribisch vorbereiten und ihre Tiere sehr gut pflegen.

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