Donnerstag, 3. November 2016

Urteil: Verfüttern von lebenden Mäusen an Schlangen

Am 30. Juni 2016 entschied das Verwaltungsgericht München über die Klage einer Schlangenhalterin, der das Verfüttern von lebenden Mäusen an ihre Schlangen vom zuständigen Veterinäramt untersagt bzw. der die Auflage erteilt wurde, eine Umstellung auf Totfutter durchzuführen. Das Gericht wies die Klage ab und urteilte, dass die Auflagen des Veterinäramtes bzgl. einer Umstellung auf Totfutter zu erfüllen sind. Kurz darauf machte das Urteil in der Presse und in den sozialen Netzwerken die Runde. Viele Schlangenhalter kritisierten die Entscheidung während Tierrechtler jubelten und behaupteten, damit wäre die Lebendfütterung von Reptilien nun komplett verboten. Ich habe mich bisher bedeckt gehalten, weil ich abwarten wollte, bis das Urteil rechtskräftig und im Volltext verfügbar ist. Dies ist inzwischen der Fall: Mäusehaltung in der Wohnung zur Verfütterung an Schlangen (VG München Az.: M 23 K 16.928

Hintergrund:
Die im Urteil ersichtliche Vorgeschichte zeichnet ein gänzlich anderes Bild von der klagenden Königspythonhalterin, als es z.B. in einigen Reptiliengruppen auf Facebook verbreitet wurde, wo die betroffene Halterin mit ihrer „liebevollen Futtertierzucht“ als Opfer der Justiz glorifiziert wurde. Aus dem Volltexturteil geht allerdings hervor, dass die Futternagerhaltung der Halterin zumindest fragwürdig war, wenn nicht sogar schon die Grenze zum Animal Hoarding überschritt. Mutmaßlich ausgebrochene Mäuse (von der Klägerin als Freigang bezeichnet), unhygienische Bedingungen, Vernachlässigung der Nager (unzureichende Wasserversorgung) sowie eine dauerhafte Unterbringung von Futtermäusen mit den zu fütternden Schlangen in einem Terrarium inkl. unzureichend gesicherter Heizkabel wurden vom zuständigen Veterinäramt sicherlich zu Recht moniert. Ebenso fragwürdig erscheint die Erklärung der Schlangenhalterin, dass die Mäusezucht notwendig sei, weil ihre drei Königspythons bis zu 30 Nager innerhalb von 14 Tagen fressen würden.

Ziel des Veterinäramtes war es zunächst im Rahmen eines Verwaltungsverfahrens im Juli 2015, die Mäusezucht zu reduzieren und mit Verweis auf ein Merkblatt der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT) die Haltungsbedingungen der Nagetiere zu verbessern – letztlich auch zum Schutz der Schlangen (Annagen), der Halterin sowie der öffentlichen Sicherheit und Ordnung (Verbreitung von Krankheitserregern). Diverse Nachkontrollen wurden von der Schlangenhalterin abgesagt und Auflagen nicht erfüllt. Erst nach diesen Strapazen wurde im Januar 2016 der streitgegenständliche Bescheid erteilt, welcher der Halterin das Verfüttern von lebenden Nagern nur in Ausnahmefällen gestattete. Das Futter sollte auf aus dem Handel bezogenes Frostfutter oder sachgerecht getötete Mäuse umgestellt werden. Lebende Mäuse dürften nur noch an Schlangen verfüttert werden, die trotz Umstellungsversuchen kein Totfutter akzeptierten.

Womöglich wäre dieser Fall gar nicht erst so hochgekocht, hätte die Königspythonhalterin schon nach den ersten Begehungen des Veterinäramtes im Jahr 2015 die Mäusezucht reduziert und die Haltungsbedingungen der Nager verbessert. Gegen den Beschluss ging sie jedenfalls mit einer Klage vor dem Verwaltungsgericht München vor.

Urteil:
Das Gericht wies nach mündlicher Verhandlung im Juni 2016 die Klage der Schlangenhalterin ab und bewertete den Bescheid des Veterinäramtes als zulässig. Im Rahmen des Verfahrens wurde auch der Leiter der Reptilienauffangstation München als Sachverständiger angehört, der schilderte, dass eine Umstellung auf Totfutter grundsätzlich möglich ist, wenn die Schlange erkennbar nach Beute suche und der tote Nager auf Körpertemperatur erwärmt würde – auch und insbesondere bei Königspythons. Aus Sicht des Gerichts sei es deshalb nicht mit dem Tierschutzgesetz zu vereinbaren, lebende Wirbeltiere ohne Betäubung zu verfüttern, weil sie dabei vermeidbares Leid erleben. Aus der Entscheidungsbegründung zitiert:
Nach § 4 Abs. 1 Satz 1 TierSchG dürfen Wirbeltiere nur unter wirksamer Schmerzausschaltung (Betäubung) in einem Zustand der Wahrnehmungs- und Empfindungslosigkeit oder sonst, soweit nach den gegebenen Umständen zumutbar, nur unter Vermeidung von Schmerzen getötet werden. Auch für Futtertiere gilt mit Ausnahme von Notsituationen das Gebot der vorherigen Betäubung (vgl. Hirt/Maisack/Moritz, TierSchG, 3. Auflage, § 4 Rn. 9b). Dementsprechend erfüllt die Verfütterung lebender Wirbeltiere an andere Tiere häufig auch die Tatbestände der Straf- bzw. Ordnungswidrigkeit nach § 17 Nr. 2b bzw. § 18 Abs. 1 Nr. 5 TierSchG, denn die Beutetiere sind in den Behältnissen, in die sie eingesetzt werden, dem Zugriff hilflos ausgesetzt und erleben den Fütterungsakt bei vollem Bewusstsein und in völliger Ausweglosigkeit, während sie in der freien Natur zumindest die Chance haben, sich dem Fang durch Flucht oder Verbergen zu entziehen. Eine Rechtfertigung kann nur angenommen werden, wenn eine Fütterung mit frischtoten Beutetieren biologisch unmöglich ist (vgl. Hirt/Maisack/Moritz, TierSchG, 3. Auflage, 17 Rn. 80 m. w. N.).
Daraus ergibt sich, dass eine Verfütterung von Totfutter die erste Wahl sein sollte und Schlangen bzw. insbesondere Königspythons auf dieses umzustellen sind. Ebenso ergibt sich aus dem Urteil, dass insb. Königspythons, die Totfutter auch nach mehrmonatigen Umstellversuchen verweigern und deswegen beginnen zu leiden, ruhigen Gewissens mit lebenden Wirbeltieren gefüttert werden dürfen. Mit der Zulassung des streitgegenständlichen Bescheids nannte das Gericht aber ebenso wie das beklagte Veterinäramt die Einschränkung, dass ein Fütterungsversuch nur max. 10 Minuten unter Aufsicht dauern darf, damit der Futternager keiner dauerhaften Bedrohungssituation ausgesetzt wird.

Fazit:
Es ist wichtig anzumerken, dass das Verwaltungsgericht München nur über diesen Einzelfall entschieden hat. Das Urteil ist – entgegen der Freudenparolen der Tierrechts-Ideologen – nicht allgemeingültig, da es nicht von höchster Instanz kommt! Alle anderen Schlangenhalter dürfen auch in Zukunft grundsätzlich lebende Nager verfüttern. Problematisch wird es erst, wenn das zuständige Veterinäramt diese Praxis als tierschutzwidrig bewertet und ein solcher Streitfall vor Gericht landet. Es ist gut möglich, dass die Gerichte in vergleichbaren Einzelfällen ähnlich urteilen, wie das VG München. Trotzdem handelt es sich um kein Grundsatzurteil höchster Instanz zumal auch die Möglichkeit besteht, dass Gerichte zu abweichenden Urteilen gelangen. Das jeweils urteilende Gericht muss die §§ 1, 17 und 18 TierSchG (einem Tier darf kein vermeidbares Leid zugefügt werden) gegen den § 2 TierSchG (ein Tier muss seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernährt werden) abwägen, daher sind unterschiedliche Ausgänge durchaus denkbar.

Das vorliegende Urteil bezog sich zudem nur auf die Haltung von Königspythons. Andere Schlangen- und Reptilienarten oder gar Vertreter anderer Tierklassen waren nicht Gegenstand des Verfahrens und müssten in nachfolgenden Urteilen separat bewertet werden. Insbesondere bei vielen Giftschlangen ist eine Umstellung auf Totfutter biologisch bedingt gar nicht möglich. Einer Lebendfütterung dieser Tiere hat das Urteil des Verwaltungsgerichts München eindeutig nichts entgegengesetzt. An dieser Stelle lohnt sich auch ein Verweis auf die „Mindestanforderungen an die Haltung von Reptilien“:
Schlangen sind ausnahmslos carnivor und leben meist räuberisch, d. h. sie jagen lebende Beutetiere. Häufig wird das Jagdverhalten erst durch deren Bewegungen ausgelöst. Im Terrarium gelingt es daher oft nicht, Schlangen an tote Futtertiere zu gewöhnen. In solchen Fällen gehört das Verfüttern lebender Beutetiere zu einer artgemäßen Schlangenhaltung. Dies gilt insbesondere für Giftschlangen, denn beim Tötungsbiß werden auch Enzyme injiziert, die für eine optimale Verdauung erforderlich sind.
Als Grundtenor der aktuellen Rechtssprechung lässt sich ableiten, dass ein Verfüttern von Frostfutter bzw. sachkundig frisch abgetöteten Nagern eine tierschutzrechtlich zweifelsfreie Methode ist, während bei der Lebendfütterung aufgrund der sich gegenüberstehenden Regelungen im Tierschutzgesetz Zweifel bestehen und daher einzelfallbezogene Umstände zu Streitfällen führen können. 


Wie tierschutzgerecht die Tötung bei den im Handel erhältlichen Frostnagern ist, bleibt diskutabel. Die Tötung erfolgt hierbei primär durch Vergasen mit Kohlendioxid (CO2), was derzeit zwar noch als tierschutzgerecht angesehen wird (auch gemäß des o.g. Merkblatts der TVT aus dem Jahr 2011), laut neuesten Studien bei Nagetieren allerdings erheblichen Stress und daher womöglich mehr Leid verursacht als die Tötung durch eine Schlange. Sowohl Würgeschlangen als auch Giftschlangen erlegen ihre Beute äußerst effektiv, was aus Expertensicht das möglichst geringe Leid für das Beutetier bedeutet, welches das TierSchG vorschreibt (sofern die Schlange hungrig ist und die Beute schnell erlegt wird, statt Stunden oder gar Tage im Terrarium zu verbleiben). Schließlich haben sich Schlangen die dafür notwendigen Kenntnisse in Millionen von Jahren der Evolution angeeignet. Trotzdem sind es die kleinen Privathalter, die Lebendfütterung regelmäßig nicht praktizieren sollen, wohingegen kommerziellen Zuchtbetrieben (und Laboratorien mit Nagetierhaltung zu Versuchszwecken) viele Zugeständnisse gemacht werden. Frostfutter ist tierschutzrechtlich somit zwar unbedenklich, moralisch aber auch nicht ganz unproblematisch. Auf der anderen Seite besteht das Risiko, dass durch Anhebung der Tierschutzstandards oder gar ein Verbot der CO2-Tötung die kommerziellen Futtertierzuchten ins Ausland abwandern, wo Tierschutzstandards womöglich sehr viel schlechter sind als bei uns in Deutschland.

Das Thema Lebendfütterung wird seit Jahrzehnten innerhalb der Terraristik-Szene heiß diskutiert. Plausible Argumente gibt es auf beiden Seiten. Ich persönlich bevorzuge das Verfüttern von Frostfutter, nicht etwa aus moralischen Beweggründen, sondern weil eine Futtertierzucht für mich schlichtweg nicht rentabel wäre und der Aufwand den Nutzen übersteigen würde. Aber diese Meinung ist gewiss nicht allgemeingültig. Solange es keine Grundsatzurteile gibt, ist es eine Entscheidung, die jeder Halter für sich (und seine Tiere) selber treffen muss: Möchte eine Schlange ihre Beute selbst erlegen? Wiegt das vermeidbare Leid von Futternagern höher als dieses Bedürfnis? Ist das Verfüttern von Aas überhaupt noch naturnah? Verfüttert man lebende Tiere aus verhaltensbiologischen Gründen oder weil man eine „coole Show“ erleben will? Sind die Futternager selbst artgerecht untergebracht oder spart man hierbei an der falschen Stelle?…

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