Mittwoch, 12. Oktober 2016

Reptilien im Ausverkauf

Im Juli 2016 wurde eine Studie von AULIYA et al. im Fachjournal „Biological Conservation“ veröffentlicht, welche sich mit dem negativen Einfluss des europäischen Lebendtierhandels auf das Überleben gefährdeter Reptilienarten befasst: Trade in live reptiles, its impact on wild populations, and the role of the European market

Laut der Studie von AULIYA et al. wurden innerhalb eines Zeitraumes von 10 Jahren (2004 bis 2014) 20,8 Millionen lebende und teils bedrohte Reptilien in die EU importiert, 6,1 Millionen davon nach Deutschland. Diese Zahlen wurden mittels Eurostat ermittelt und entsprechen in etwa den Angaben des Statistischen Bundesamtes für den genannten Zeitraum. Das internationale Expertenteam hat in seiner Studie einige Arten zusammengefasst, für die der internationale Lebendtierhandel eine Bedrohung darstellt. Darunter z.B. die Madagassische Schnabelbrust-Schildkröte (Astrochelys yniphora), welche zwar international unter Schutz steht (CITES-Anhang I), aber trotzdem immer wieder für den Heimtiermarkt geschmuggelt wird. Da es den Forschern zufolge nur noch ca. 250 Exemplare dieser Art in freier Wildbahn gibt, ist jeder weitere Verlust als große Bedrohung zu bewerten.

Problematisch ist die Situation auch bei Arten, die nicht einmal einem internationalen Schutzstatus unterliegen, sondern allenfalls in ihrem Herkunftsland geschützt sind, nach (illegaler) Ausfuhr jedoch vollkommen legal innerhalb der EU gehandelt werden dürfen. Diesem legalen Handel widmete sich das Expertenteam mit seiner Studie, da nur hier belastbare Daten erhoben werden konnten. Laut Reptile-Database sind zum Zeitpunkt der Studie insgesamt 10.272 Reptilienarten beschrieben. Unter die internationalen Handelsbeschränkungen fielen zum Zeitpunkt der Studie aber gerade mal 793 Reptilienarten (80 Arten auf Anhang I, 673 Arten auf Anhang II und 40 Arten auf Anhang III). Das ergibt einen Anteil von weniger als 8 Prozent. Grund dafür ist jedoch leider nicht, dass die Tiere nicht bedroht sind. Dies wird deutlich, wenn man einen Blick auf die Rote Liste der Weltnaturschutzunion IUCN wirft. Die Mehrzahl der bedrohten Reptilienarten ist demnach gar nicht in den CITES-Anhängen zu finden. Außerdem ist die Bewertung vieler Arten in der Roten Liste nicht mehr aktuell und stammt teilweise aus Zeiten, in denen der Reptilienhandel noch kaum eine Rolle spielte.

Gerade diese oftmals nicht geschützten Raritäten sind innerhalb der Terraristik besonders begehrt. Sie sind es, die auf den Parkplätzen rund um den Reptilienbörsen dieses Landes den Besitzer wechseln oder innerhalb der Szene fleißig „getauscht“ werden. Ist der Handel innerhalb der EU legal möglich, findet man sie sogar im offiziellen Börsenverkauf. Manch ein Käufer hat vielleicht sogar mehr oder weniger noble Absichten – beispielsweise die Zielsetzung einer europäischen Erstnachzucht zur langfristigen Schaffung einer stabilen Population innerhalb der Terraristik. Es ist nicht zu leugnen, dass es in der Vergangenheit immer wieder solche Fälle gegeben hat und wir das Vorhandensein einiger - wenn nicht sogar aller Arten in der Terraristik solchen Pionieren zu verdanken haben. Leider sind diese Erfolge eher Ausnahmen, weil bei vielen Arten die erforderlichen Haltungsbedingungen für eine erfolgreiche Zucht oder sogar erst einmal für eine langfristig erfolgreiche Haltung gar nicht bekannt sind. Während sich vermehrungsfreudige Kulturfolger schnell in der Terraristik etablieren, sieht das bei selteneren Arten leider anders aus. Oftmals ist nicht einmal eine exakte Artenbestimmung vorhanden, denn teilweise handelt es sich sogar um Neuentdeckungen, die gerade erst wissenschaftlich beschrieben wurden. Und so verkommen die Letzten ihrer Art zu Versuchskaninchen und Wanderpokalen. Ganz besonders bitter empfinde ich die Ignoranz mancher Halter, die der Meinung sind: „Ist mir doch egal, solange der Handel legal ist, wird das schon alles mit rechten Dingen zugehen.“ Die Studie von AULIYA et al. zeigt, dass legal und nachhaltig sich einander nicht bedingen. Besonders Arten, die nur in einem kleinflächigen Lebensraum vorkommen (z.B. Inselendemiten) werden durch den Lebendtierhandel schnell an den Rand des Aussterbens gebracht. Auffällig ist außerdem, dass diese Arten – kaum sind sie inkl. Fundortangaben wissenschaftlich beschrieben – schon als „Nachzuchten“ zu erwerben sind. Es ist stark zu bezweifeln, dass es sich dabei wirklich um Nachzuchten handelt.

Des Weiteren sind nicht nur die genannten „Raritäten“ vom Lebendtierhandel bedroht. Selbst für vergleichsweise stabile Arten, die zwar nicht bedroht sind, die jedoch z.B. aufgrund einer langen Generationsfolge oder einer niedrigen Zahl an Nachkommen nicht schnell genug auf Verluste reagieren können, kann ein massives Absammeln zur Bedrohung werden. Welches Ausmaß der Lebendtierhandel dabei einnimmt, ist von Art zu Art allerdings unterschiedlich und belastbare wissenschaftliche Daten sind häufig nicht vorhanden. Importe sollten daher aus meiner Sicht differenziert betrachtet werden, weil viele Arten nicht ausschließlich für den Lebendtierhandel importiert werden, sondern auch für andere Verwendungszwecke (beispielsweise Reptilienleder für die Modeindustrie). Noch immer ist die Lebensraumzerstörung für die meisten Arten die weitaus größere Bedrohung, was allerdings keinen zusätzlichen Raubbau an bedrohten Wildtierpopulationen rechtfertigt.

Eine Listung in den CITES-Anhängen sorgt zwar je nach Schutzkategorie für einen Rückgang der Nachfrage und somit auch für einen Rückgang des Handels, viele Raritäten werden aber trotzdem (oder sogar gerade deswegen) weiter illegal geschmuggelt und gehandelt – z.B. mit gefälschten Papieren oder gänzlich ohne Papiere unter schlimmsten Bedingungen während des Transports. Dies wird man wohl auch kaum verhindern können – nicht mit einem internationalen Schutzstatus und auch nicht durch generelle Verbote von Handel und Haltung dieser Tiere (z.B. mithilfe einer sog. „Positivliste“). Mit allzu strikten Verboten würden wahrscheinlich sogar erst Begehrlichkeiten bei den falschen Leuten geweckt, die sich mit umso selteneren Raritäten schmücken wollen.

Die Grundforderung der Forscher ist die Schaffung einer EU-Regelung für den Handel mit gefährdeten, jedoch nicht im Rahmen des CITES reglementierten Arten. Denkbar wäre hierbei eine Regelung nach dem Vorbild der USA („Lacey Act“). Exemplare von in ihren Herkunftsländern geschützten Arten dürften nur noch importiert werden, wenn die Herkunftsländer eine legale Ausfuhr bescheinigen. Fehlt eine solche Bescheinigung, dürften die Tiere nicht in die EU eingeführt und auch nicht innerhalb der EU gehandelt werden. Mit einer solchen Regelung würde man Schmuggel zwar wie gesagt nicht komplett verhindern können, da jedoch der seriöse Handel reagieren müsste, würde ein Großteil des derzeit noch vollkommen legalen Raubbaus verhindert. Wichtig wäre dabei meiner Meinung nach aber auch, dass echte Nachzuchten weiterhin legal gehandelt werden dürfen.

Was können wir tun?
Verantwortungsbewusste Terrarianer sollten darauf achten, dass ihre Tiere aus legalen Quellen stammen und mit den erforderlichen Papieren ausgestattet sind. Wildfänge sollten, solange es keine Art Zertifizierung für nachhaltige Herkunft gibt, die Ausnahme sein und nur von Profis gehalten werden. Hierbei ist problematisch, dass viele Terrarianer sich als Profis sehen, sich eine Erstnachzucht zutrauen und am Ende dann doch scheitern, weil sie sich überschätzt haben. Ist eine seltene Art nicht von einem seriösen Züchter, den man persönlich besuchen kann, zu erwerben, sollte man auf die Haltung der jeweiligen Art verzichten. Insbesondere als Einsteiger, aber aus meiner Sicht auch als Fortgeschrittener und „Möchtegern-Profi“. Des Weiteren sollte man sich überlegen, ob es wirklich notwendig ist, sein Interesse an Reptilien mit einer undurchsichtig gehandelten Rarität zu stillen oder ob nicht vielleicht eine innerhalb der Terraristik bereits langfristig etablierte Art denselben Zweck erfüllt.

Ich persönlich pflege lieber ein paar (t)olle Kornnattern oder Bartagamen, die aus schlechter Haltung oder aus einer Auffangstation stammen, um „mein Ego zu beflügeln“, statt auf ach so seltene wildgefangene Raritäten zurückzugreifen, deren Haltung für die Wildpopulationen nur einen weiteren Sargnagel darstellt! Leider stehe ich mit dieser Meinung wohl ziemlich allein dar und werde im Nachgang dieses Artikels sicherlich wieder von einigen der langjährigen „Profis“ in den (a)sozialen Netzwerken angefeindet. Mir ist meine Anerkennung innerhalb der Terraristikgemeinde aber auch herzlich egal, weswegen ich auch keine seltenen und bedrohten Arten aus unbekannter Herkunft totpflegen muss. Wer etwas an diesem Standpunkt auszusetzen hat, zeigt damit eigentlich nur, dass er insgeheim genau weiß, dass das was er tut vielleicht doch nicht so gut ist und bestätigt damit meine Meinung.

Fazit:
Ein komplettes Haltungs- und Importverbot für bedrohte Arten wäre aus meiner Sicht nicht die richtige Lösung, weil dadurch die Schaffung stabiler Nachzuchtpopulationen in menschlicher Obhut verhindert werden würde. Legale und nachhaltige Importe sollten ebenso wie die Nachzuchtversuche bei professionellen Züchtern in Kooperation mit Naturschutzbehörden und zoologischen Einrichtungen gefördert werden. Denkbar wäre die Schaffung einer Art „Fair-Trade-Zertifizierung“ für den Lebendtierhandel. Nur eine bestimmte Quote dürfte dabei exportiert werden. Damit die ansässige Bevölkerung von ihren Wildtierpopulationen (und somit vom Schutz der Lebensräume) profitieren kann, müsste im Rahmen einer solchen Zertifizierung dafür gesorgt werden, dass der Löwenanteil der Einnahmen nicht in die Taschen dubioser Zwischenhändler wandert.

Dem hier kritisierten Raubbau könnte zusätzlich zu einer solchen Zertifizierung und dem „EU Lacey Act“ mit speziell auf den Artenschutzbereich geschultem Fachpersonal bei den Zollbehörden, der Erstellung von Bestimmungsschlüsseln, mit denen Zollbeamte die im Artenschutz relevanten Arten leichter identifizierten können, sowie der vermehrten Ausbildung von Spürhunden für den Artenschutzbereich begegnet werden. Auch (temporäre) Importverbote bestimmter Arten wären denkbar (sinnvoll derzeit z.B. bei asiatischen Schwanzlurchen zur Verhinderung einer Verbreitung des Chytridpilzes Bsal).

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Literatur:
AULIYA, M., et al., Trade in live reptiles, its impact on wild populations, and the role of the European market, Biological Conservation (2016)

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