Sonntag, 4. September 2016

Zoofachhandel verzichtet auf Reptilienverkauf

Der folgende Artikel der Stuttgarter Zeitung über den Reptilienhandel ist mal wieder äußerst bemerkenswert: Bestrebungen im Kreis Ludwigsburg - Zoohandel künftig ohne Reptilien

Schon in der Einleitung heißt es:
Einige Zoofachmärkte geben den Verkauf von Reptilien auf. Dahinter steht die Einsicht, dass solche Tiere kaum artgerecht zu halten sind.
Für mich ist diese „Einsicht“ nur ein vorgeschobenes Argument. Da ich selbst im Kontakt zu einer meiner örtlichen Zoofachhandelsfilialen einen Verzicht des Reptilienverkaufs durchsetzen konnte, weiß ich, wo die tatsächlichen Probleme aus Sicht des Handels beim Verkauf dieser Tiere liegen. Hinter der Entscheidung vieler Zoofachhandelsketten, auf den Verkauf von Reptilien zu verzichten, stecken meiner Einschätzung nach andere Gründe, denn eine artgerechte Haltung von Reptilien ist in sachkundigen Händen durchaus möglich. Und genau dort liegt wohl auch das eigentliche Problem vieler (nicht aller!) Zoofachgeschäfte. Der Verzicht auf den Handel mit Reptilien ist eher ein Selbsteingeständnis dafür, dass eine umfangreiche Beratung der Kunden das eigentliche Problem darstellt und nicht etwa die Hinterfragung einer artgerechten Haltung von Reptilien in Privathand. Spezielle Mitarbeiterschulungen und eine umfassende Kundenberatung, wie Reptilien artgerecht zu halten sind, kosten ebenso wie die Haltung dieser Tiere bis zum Verkauf nun einmal Zeit und Geld. Daher finde ich es gut, dass Läden, die womöglich erkannt haben, dass man mit billigen Massenzuchten/-importen die Kosten für Unterhalt, Mitarbeiterschulungen und Beratungsgespräche kaum decken kann, auf den Verkauf von Reptilien verzichten. Nur sollte nicht das Argument „Reptilien kann man eh nicht artgerecht halten“ als Ausrede vorgeschoben werden. Denn dass eine artgerechte Haltung sehr wohl möglich ist, beweisen langjährige Haltererfahrungen und Nachzuchterfolge.
 
Einige Zoofachgeschäfte sind natürlich durchaus in der Lage, Reptilien artgerecht zu halten und erst nach einem umfassenden Kundengespräch zu verkaufen (oder sogar auf einen Verkauf zu verzichten). Dort sind die Preise für die Tiere aber in der Regel auch weitaus höher. Werden die Mindestanforderungen gerade eben so erfüllt und die Tiere zu meist günstigen Preisen nach einer kurzen „Beratung“ verkauft, wird das Tierwohl eher untergeordnet als in Geschäften mit großen Terrarien und intensiv geschultem Fachpersonal, was nicht nur beim Reptilienhandel beobachtet werden kann.

Im oben verlinkten Artikel wird auch auf die „Recherchen“ von PETA hingewiesen, welche im „Report Mainz“ einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Es wundert mich nicht, dass viele Läden aus Angst vor negativen Schlagzeilen einknicken und auf den Verkauf von Reptilien verzichten. Denn so perfide es ist: PETA bestimmt die Meinung der Öffentlichkeit, weil diese Organisation trotz aller berechtigter Kritik ein „Weiße Weste Image“ hat. Aber auch die Angst vor PETA bedeutet nicht, dass Reptilien nicht artgerecht gehalten werden können, sondern ist in meinen Augen ein weiteres Eingeständnis der Zoofachgeschäfte dafür, dass Kundenberatung und Verkaufsbedingungen verbesserungswürdig sind und man daher negative Schlagzeilen fürchtet.

Andere Aussagen im Artikel sind ebenfalls zu hinterfragen. Beispielsweise die Behauptung von Adeline Fischer (Pro Wildlife e.V.), dass für Reptilien als sogenannte „Wildtiere“ die Nähe des Menschen ein großer Stress wäre. Das mag zwar für echte Wildtiere (also direkt aus der Natur entnommene Exemplare) zutreffen, nicht jedoch für Zuchttiere oder über längere Zeit eingewöhnte Wildtiere, die je nach Spezies den Menschen nicht nur nicht mehr scheuen, sondern sogar seine Nähe suchen, weil sie sein Erscheinen mit der Chance auf Futter verbinden. 
 
 
Am Ende sollte entscheidend sein, was der jeweilige Halter dem jeweiligen Tier bieten kann. Jedes Tier hat besonderen Ansprüche und die kann manch einer spielend leicht erfüllen, ein anderer hat damit aber vielleicht große Probleme. Wo will man da die Grenze für die geforderte Positivliste ziehen? Darüber hinaus sind es soch gerade die Tiere, die für eine Aufnahme auf eine Positivliste aus Sicht von „Tierschutzbund & Co.“ geeignet wären, bei denen es die meisten Tierschutzprobleme gibt. Daher sind Positivlisten aus Tierschutzsicht strikt abzulehnen! Schwerpunkt sollte stattdessen auf die notwendige Sachkunde der Verkäufer und Halter gelegt werden. Hier sollte der Gesetzgeber Rahmenbedingungen schaffen, um Spontankäufe und somit Tierschutzprobleme zu vermindern.

Inzwischen hat sich auch der BUND zu der Entscheidung des Zoofachhandels im Kreis Ludwigsburg geäußert: Reptilien-Verkauf im Kreis Ludwigsburg BUND: Ende des Exotenhandels

Der BUND fordert „ein gesetzliches, sofortiges und generelles Handelsverbot für sämtliche exotische Tierarten“. Damit fordert der BUND praktisch ein Verbot von Hunden, Katzen, Zwerghamstern, Wellensittichen usw., weil es sich bei diesen Tieren ebenfalls um „Exoten“ handelt.

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1 Kommentar:

  1. Kölle-Zoo hat inzwischen ebenfalls verkündet, bis 2018 aus dem Handel mit Reptilien auszusteigen.

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