Dienstag, 27. September 2016

Die Dionenatter (Elaphe dione)

Gastbeitrag von Jens Lindner 

Orange Wladiwostok Form
Foto: Jens Lindner
Weshalb die Dionenatter (Elaphe dione) in der Terraristik nicht die Beachtung findet, die ihr eigentlich gebührt, ist mir ein Rätsel. Sie wird meist nicht größer als einen Meter und ihre tagaktive Lebensweise sowie das interessante Verhalten bieten immer wieder neue und spannende Beobachtungsmöglichkeiten. Hinzu kommt, dass die Dionenatter eine vergleichsweise sehr einfach zu haltende Schlangenart ist. Im Gegensatz zu tropischen Schlangen erfordert die Haltung und Zucht dieser Nattern aus gemäßigten Breiten keinen nennenswerten technischen Aufwand. Das Terrarium muss nicht außerordentlich groß oder hoch sein und auch eine Freilandhaltung, sogar über das ganze Jahr hinweg, ist prinzipiell gut möglich. Die Ernährung mit Frostmäusen gelingt auch Anfängern problemlos und das Futter ist leicht zu beschaffen. Zudem sind die handlichen Nattern weder scheu noch bissig – ganz im Gegenteil: so gut wie alle Exemplare gewöhnen sich innerhalb kurzer Zeit an ihren Pfleger, seine Fütterungszeiten und passen ihre Aktivitätszeiten sogar seinem Lebensrhythmus an. Kurzum: Haltungs- oder Gesundheitsprobleme, über die man bei vielen anderen Schlangenarten immer wieder hört oder liest, kennt diese Art nicht. Ich halte nun schon mein ganzes Leben verschiedene Reptilienarten, aber die Dionenatter hat sich für mich als die faszinierendste Art herauskristallisiert und ich gestehe es gern: Aufgrund ihrer einfachen Pflege und ihres freundlichen Charakters haben mich diese einzigartigen Schlangen in ihren Bann gezogen.

Verbreitungsgebiet
Das Verbreitungsgebiet der Dionenatter umfasst nahezu den gesamten nordasiatischen Raum. Er beginnt im östlichen Teil der Ukraine und endet in Wladiwostok am japanischen Meer. Die südliche Grenze verläuft ungefähr entlang der Linie AserbaidschanTurkmenistan – Südkorea. Wo die nördliche Grenze verläuft, ist ebenso wenig erforscht, wie der genaue Art- und Unterartenstatus. Hier besteht noch Revisionsbedarf, denn es ist nur schwer verständlich, weshalb eine Schlange aus der Ukraine exakt derselben Art angehören soll, wie ein Exemplar aus dem 5.000 km entfernten Südkorea, das zudem noch völlig anders aussieht!

Dione- oder Steppennatter? 
Die ganze Zeit schreibe ich von der Dionenatter, obwohl sie in Deutschland doch meist als Steppennatter bezeichnet wird. Ich verwende diese Bezeichnung deshalb absichtlich nicht, da der Name Steppennatter im zoologischen Sinne unpräzise ist, denn er beschränkt diese Art auf ein geologisch-klimatisches Habitat. Die Dionenatter bevorzugt jedoch eher grüne Flusslandschaften und gilt auch als Kulturfolger, weil sie dort ihre bevorzugte Beute findet. 

Terrarium
Standardterrarien mit den Maßen 100 x 50 x 50 cm (Länge x Breite x Höhe) haben sich für die Haltung von 1-2 erwachsenen Exemplaren bewährt. Aufgrund der trockenen Haltung kommen neben Holz (OSB) alle gängigen Materialien in Frage. Als Bodengrund eignen sich alle gängigen, staubfreien und grabfähigen Materialien, von spezieller Schlangeneinstreu bis hin zu kostenloser Walderde. Da sich die Dionenatter gerne mal eingräbt, bevorzugt sie lockeren Bodengrund, der nicht feucht, aber auf jeden Fall staubfrei sein sollte. Die Tiere klettern gern, stellen sich bisweilen aber ungeschickt an und fallen dann herab, weshalb keine besonders hohen Terrarien Verwendung finden sollten.

Einrichtung
Ein großes Trink- und Badegefäß ist ein Muss. Sollte es den Tieren einmal zu warm werden, legen sie sich - laut diverser Literatur - komplett ins Wasser. Dies habe ich bei meinen Tieren selbst bei 29°C jedoch noch nie beobachten können. Durch die große Wasseroberfläche der Badeschale entsteht genug Luftfeuchtigkeit, sodass ich auf eine Wetbox bisher verzichtet habe. Der Nachteil ist nämlich, dass die Schlangen die Wetbox als willkommene Toilette benutzen und man ständig das Sphagnum-Moos austauschen muss. Meine Tiere häuten sich unter diesen Bedingungen absolut problemlos.

Als Verstecke verwende ich Korkröhren, die ich in verschiedenen Längen und Größen über den gesamten Bodengrund verteile. So können die Tiere ihren Lieblingsplatz frei wählen. Gerne wühlen sie sich Gänge darunter oder kriechen darüber. Die Tiere nutzen die höchsten Röhren gerne auch als Aussichtsplattform. Falls sich aber eine Schlange zur Häutung einmal vollständig zurückziehen möchte, steht in jedem Terrarium zusätzlich eine Schlangenhöhle aus Kunststoff, wie man sie im Terraristikfachhandel bekommt.

Melanistische Form
Foto: Jens Lindner
Temperatur
Ich halte meine Dionenattern bei Zimmertemperatur, die je nach Jahreszeit und Witterung zwischen 21 und 29°C schwankt. An kühlen Tagen wird morgens über eine Zeitschaltuhr für 2 Stunden ein Wärmespot zugeschaltet und dies stellt bereits die einzige Terrarientechnik dar! Als Standorte eignen sich eher etwas kühlere Räume - eine sonnendurchflutete Dachloggia mit 32°C ist für die Haltung nicht geeignet. Eine Balkon- oder Freilandhaltung im Sommer in besonderen Gazeterrarien (entweder fertig gekauft oder selbst gebaut) ist gut möglich. Natürlich muss ein Schattenplatz gewählt werden, der idealerweise Morgensonne erhält. Die Tiere sind aufgrund ihres riesigen Verbreitungsgebietes an große Temperaturschwankungen hervorragend angepasst und auch bei morgendlichen Temperaturen von frischen 12°C ist eine Dionenatter bereits aktiv.

Ernährung
Die Dionenatter ist in der Regel ein sehr guter Fresser, sie legt schnell an Gewicht zu und hat einen hohen Stoffwechselumsatz. Daher ist ein wenig Fingerspitzengefühl gefragt, um einerseits die Tiere ausreichend zu ernähren, andererseits jedoch nicht zu überfüttern. Ich füttere meine erwachsenen Schlangen mit zwei bis drei Springermäusen wöchentlich, die Jungtiere erhalten die gleiche Menge an Speck-Babymäusen. Die Dionenatter kann ihre Kiefer sehr weit aushaken und erstaunlich große Futtertiere (z.B. auch große Vogeleier) bewältigen. Dennoch bevorzugt sie (insbesondere männliche Tiere) eher mundgerechte Happen und dem versuche ich entgegen zu kommen. Hat mein örtlicher Zoohändler einmal nicht die gewünschten Mäuse zur Verfügung, so wähle ich stets die nächstkleinere Mäusegröße. Etwa alle 6 Wochen mache ich eine Diätpause, indem ich einfach eine Fütterung ausfallen lasse.

Aufgrund ihrer Gier muss die Fütterung bei Gemeinschaftshaltung unbedingt unter Aufsicht erfolgen. In der Regel setze ich die Tiere jedoch zum Füttern in einzelne Plastikboxen. Außerhalb der Fütterung sind Dionenattern sehr umgänglich untereinander und oft teilen sie sich eine Korkröhre, aus der sie dann mit den Köpfen übereinander liegend herausschauen und mich beobachten – da werden sogar die Herzen von Frauen weich, die normalerweise Abscheu vor Schlangen empfinden!

Manche meiner Tiere (meist Männchen und Jungtiere) legen im Sommer eine mehrwöchige Fresspause ein. Dies kann Anfänger schnell zur Verzweiflung treiben, ist aber überhaupt kein Grund zur Besorgnis. Manche Jungtiere fressen sogar erst nach der nächsten Winterruhe wieder (nach 8 Monaten Fastenzeit) ohne irgendwelche Probleme. Dann muss man natürlich entsprechend stark füttern, um die Hungerperiode wieder auszugleichen. Das Gleiche gilt für trächtige Weibchen vor und nach der Eiablage.

Vermehrung
Ich halte meine Dionenattern nach Geschlechtern (und nach Charakteren) getrennt. Männchen halte ich grundsätzlich einzeln, da sie die Weibchen sonst ständig bedrängen würden. Die meisten meiner Weibchen halte ich in Gemeinschaftshaltung, sozusagen in einer großen Frauen-WG, über mehrere Etagen, so dass sich jede Schlange auch zurückziehen kann. Wenn man Jungtiere in solch einer Gemeinschaft aufzieht, so ist mein Eindruck, werden sie noch zutraulicher und stressresistenter gegenüber Berührungen als in Einzelhaltung, wo jede Störung eher auffällt. Lediglich ein Weibchen habe ich in Einzelhaltung, da es keinerlei Gesellschaft mag und auch als große Ausnahme mein Handling nur äußerst widerwillig toleriert. Dieses Weibchen habe ich jedoch schon als adultes Tier erhalten und weiß leider nicht, ob vielleicht Fehler bei der Aufzucht gemacht wurden, dass es dermaßen aus der Art schlägt.

Um eine Paarung zu stimulieren, reicht es aus, die Geschlechter nach der Überwinterung zusammen zu führen. Meist paaren sie sich innerhalb der kommenden Stunden. Die Paarung selbst kann sich über mehrere Stunden hinziehen. Es ist wichtig, die Tiere dann möglichst wenig zu stören.

Nach ein bis zwei Tagen trenne ich dann das Männchen wieder vom Weibchen. Von einer erfolgreichen Paarung bis zur Eiablage vergehen etwa 40 Tage. In der Regel wird pro Jahr nur ein Gelege abgesetzt. Es ist sinnvoll, kurz vor der Eiablage die anderen Tiere aus dem Terrarium zu entfernen, damit das Weibchen in Ruhe einen geeigneten Eiablageplatz suchen und das Gelege absetzen kann. Ich verwende als Ablagebox dazu eine modifizierte Plastikbox (ca. 30 cm x 8 cm, mit durchsichtigem Deckel) aus dem Drogeriemarkt, in die ich eine Schlupföffnung hineinschneide. Als Substrat dient bügelfeuchtes Sphagnum. Nach erfolgter Eiablage entnehme ich die Box und stelle sie an einen dunklen, ruhigen Ort. Einen Inkubator benutze ich nicht - dieser ist auch nicht notwendig, solange man über einen Raum mit über 23°C Raumtemperatur verfügt. Lediglich die Feuchtigkeit des Substrates überprüfe ich regelmäßig. Unter diesen Bedingungen erfolgt der Schlupf der kleinen Dionenattern bereits nach etwa 21-25 Tagen (der Rekord liegt bei 14 Tagen). Die meisten Jungtiere akzeptieren bereits nach der ersten Häutung bereitwillig nestjunge Mäuse.

Für die Aufzucht der Jungschlangen gelten die gleichen Parameter wie für die Haltung von erwachsenen Schlangen. Sie sollte allerdings in auf die Größe der Jungtiere angepassten Behältnissen erfolgen. Für das erste Lebensjahr verwende ich dazu ein Aufzuchtrack. Die verwendeten Plastikboxen haben die Maße 35 x 20 x 15 cm. Nach der ersten Winterruhe können die jungen Schlangen bereits in ihren Endbehälter umziehen, da sie aktiv auf den Pfleger zukommen, um nach Futter zu betteln und man sie nicht lange suchen muss. Nachdem drei Jahre vergangen sind, können die Weibchen sodann selbst zur Zucht eingesetzt werden. Da sie relative große Eier ablegen, dürfen die Weibchen nicht zu jung verpaart werden - die Gefahr einer Legenot wäre zu groß! 

Überwinterung
Aufgrund der klimatischen Bedingungen im Herkunftsgebiet ist eine Überwinterung fester Bestandteil für die artgerechte Haltung von Dionenattern. Der Ablauf der Überwinterung erfolgt wie bei allen anderen Schlangenarten aus gemäßigten Lebensräumen. So möchte ich an diese Stelle nicht genauer darauf eingehen, dies ist an anderer Stelle (z.B. meiner Homepage) ausführlich beschrieben worden. Die Überwinterung selbst sollte bei 8-10°C erfolgen und 8-12 Wochen andauern. Auch Jungtiere werden von mir bei diesen Bedingungen überwintert. 

Fazit
Foto: Jens Lindner
Angesichts der von „Tierrechtlern“ initiierten Debatte über die sogenannte „Exotenhaltung“ ist die Dionenatter geradezu prädestiniert dazu, eine Vorreiterrolle als Beispiel für ein sehr gut haltbares Terrarientier einzunehmen. Darüber hinaus vermag Ihr attraktives Verhalten Einsteiger wie Fortgeschrittene gleichermaßen zu begeistern. Unter Berücksichtigung der Lebensweise und speziellen Bedürfnisse ist auch in Menschenobhut und ohne Technikaufwand eine langjährige, artgerechte Haltung und regelmäßige Nachzucht möglich.


Anmerkung: Bei diesem Blogpost handelt es sich um einen Gastbeitrag von Jens Linder. Für weitere Informationen über die Dionenatter (beispielsweise zur bestehenden Meldepflicht), empfehle ich neben der einschlägigen Fachliteratur seine Homepage unter:

http://dionenatter.de/
 

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