Samstag, 9. Januar 2016

Gefahrtierstudie: Domestizierte Haustiere sind gefährlicher als Exoten


Während die Haltung von potenziell gefährlichen Exoten zunehmend in der Kritik der Öffentlichkeit steht und Forderungen nach Haltungsverboten immer lauter werden, wird die Haltung von Hunden, Katzen, Pferden und Nutztieren in der Regel unkritisch gesehen. Die euphorische Berichterstattung über Vorfälle mit exotischen Tieren aufgrund der Sensationslust vieler bundesweiter Boulevardmedien verzerrt die öffentliche Wahrnehmung, wohingegen Vorfälle mit domestizierten Heim- und Nutztieren (wenn überhaupt) nur von lokalen Presseredaktionen aufgegriffen werden und dies zumeist auch nur dann, wenn die Polizei nach den Halterinnen und Haltern von aufgefundenen oder in Unfälle verwickelten Heimtieren fahndet und lokale Medien als Werkzeug für Zeugenaufrufe nutzt.

Im Rahmen einer Studie über Vorfälle mit Gefahrtieren, exotischen Wild- und Zuchttieren sowie domestizierten Heim- und Nutztieren in der medialen Berichterstattung des Jahres 2015 (Gefahrtierstudie 2015) wurden insgesamt 1.559 Vorfälle mit exotischen und domestizierten Tieren zwischen dem 1. Januar und dem 31. Dezember 2015 dokumentiert. Die Bandbreite der erfassten Vorfälle reicht von ausgesetzten Kleintieren über Schlangen-, Hunde- und Katzenbisse und aufwändige Tierrettungen bis hin zu teilweise schweren Verkehrsunfällen, die durch freilaufende Tiere im öffentlichen Raum verursacht wurden. In 1.502 Vorfällen kamen Personen (größtenteils unbeteiligte Dritte) finanziell oder körperlich zu Schaden. Die unmittelbaren Sachschäden betragen in der Summe ca. 1,7 Mio. Euro (Einsatzkosten für Polizei- und Feuerwehreinsätze wurden nicht einbezogen). Insgesamt 853 Personen wurden in den dokumentierten Vorfällen verletzt, 234 davon schwer. 24 Personen kamen durch die Unachtsamkeit von Tierhaltern im Jahr 2015 zu Tode. 

Betrachtet man nur die Vorfälle mit exotischen Tieren, ergibt sich folgendes Bild: Die Sachschäden betrugen bei diesen Tieren rund 300 Euro, es wurde lediglich eine unbeteiligte Person von einem harmlosen exotischen Tier leicht verletzt und zwei Personen erlitten aufgrund von Giftschlangenbisse schwere Verletzungen. Hierbei handelte es sich jedoch ausschließlich um die Halter selbst und nicht um unbeteiligte Dritte. Der einzige Todesfall, der 2015 durch ein exotisches Wildtier verursacht wurde, betraf einen Passanten, der von einem Zirkuselefanten getötet wurde. Dieser Vorfall wird in der Gefahrtierstudie gesondert betrachtet, weil die Umstände bisher nicht abschließend geklärt werden konnten.

Fazit der Studie:


Die Gefahrtierstudie zeigt auf, dass Vorfälle mit potenziell gefährlichen Wild- und Zuchttieren statistisch kaum eine Rolle. Es wird nicht bestritten, dass von einigen exotischen Tieren, die in Privathand gehalten werden, eine potenzielle Gefahr für Halterinnen und Halter sowie für die öffentliche Sicherheit und Ordnung ausgeht. Eine Gesetzgebung für die Haltung dieser Tiere ist also grundsätzlich begrüßenswert. Gesetzgebungsvorhaben sollten aber mit Augenmaß beschlossen werden. Diese Studie zeigt auf, dass Medienberichte keineswegs einen besonderen Handlungsbedarf für neue Gesetzgebungen in Bezug auf das Gefahrenpotenzial von exotischen Tieren erkennen lassen. Es wird vielmehr deutlich, dass insbesondere Pferde und Hunde aber auch Katzen und Nutztiere ebenfalls als Gefahrtiere angesehen und entsprechend reglementiert werden sollten und dass die allermeisten exotischen Tiere kaum gefährlicher sind als andere Kleintiere. 

Restriktive Gesetze und einseitige Forderungen nach strikten Haltungsverboten für exotische Gefahrtiere unter Bezugnahme auf in Medienberichten veröffentliche Einzelfällen sind somit grundsätzlich als unverhältnismäßig zu bewerten. 

Gesetzgebungsvorhaben für das Sicherheits- und Ordnungsrecht sollten eine Sachkundenachweispflicht für Halterinnen und Halter sowie eine sichere Unterbringung von Gefahrtieren festlegen. Sachkunde ist zwar keine Garantie dafür, dass keine Tiere mehr ausgesetzt werden, sie sorgt aber immerhin dafür, dass Halterinnen und Halter sich vor dem Kauf intensiver mit den Ansprüchen eines Tieres auseinandersetzen müssen. Spontankäufe, die häufig die Ursache für ein späteres Aussetzen sind, würden durch die Pflicht einer Sachkundeprüfung verringert. Diese sollte dann allerdings für alle Tierhalter verpflichtend sein – nicht nur für Hunde- und Exotenhalterinnen und -halter, wie es einige Bundesländer bereits umgesetzt haben, sondern auch für die Halterinnen und Halter aller anderen Heim- und Nutztiere. Darüber hinaus wäre die Einführung einer Meldepflicht denkbar. Auch eine Haftpflichtversicherungs- und Kennzeichnungspflicht zumindest für alle Tierarten, die regelmäßig in den öffentlichen Raum gebracht werden, ist anzuraten. 

Die vollständige Studie, die neben detaillierten Zahlen über die einzelnen Vorfälle mit domestizierten und exotischen Tieren auch eine separate Zusammenfassung für das Bundesland Nordrhein-Westfalen enthält, kann auf hier heruntergeladen werden.

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