Samstag, 12. September 2015

Zu Besuch im Tierpark Bad Pyrmont

Am Montag, den 31. August 2015 strahlte RTL die Reportage „Team Wallraff - Reporter Undercover“ mit Günter Wallraff aus. Thema waren Missstände in Freizeitparks. Unter anderem wurde mit Hilfe von Laura Zodrow vom sog. „Tierschutzverein“ Animal Public e.V. über eklatante Missstände im Tierpark Bad Pyrmont berichtet. Dort wurde ein Schimpanse sechs Monate lang alleine in seinem Gehege gehalten, ehe er schließlich dank RTL (so jedenfalls die Suggestion der Sendung) an einen Auffangstation in England vermittelt wurde. Zur allgemeinen Empörung wurde auch noch ein frisch geborenes männliches Schweinchen geschlachtet, zerteilt und an Raubtiere verfüttert. Die „Tierschützerin“ sprach empört von einem gravierenden Verstoß gegen das Tierschutzgesetz, da der wichtige Grund zur Tötung des Tieres aus ihrer Sicht fehlte.

Spätestens an diesem Punkt der Sendung wurde ich misstrauisch. Die Realitätsverzerrung seitens des „Tierschutzvereins“ Animal Public ist mir als Terrarianer nur allzu bekannt. Ebenso die einseitige Berichterstattung des Senders RTL. Als aktivem Tierschützer ist mir natürlich ebenso bekannt, dass ein wichtiger Grund zur Tötung eines Tieres auch dann vorliegt, wenn es zur Produktion von Nahrung oder Tierfutter geschlachtet wird. Vorausgesetzt die schlachtende Person hat die entsprechende Sachkunde. Entweder kennt sich Frau Zodrow dann doch nicht so gut beim Thema Tierschutz aus oder aber sie tätigte absichtlich eine Falschaussage, um die RTL-Zuschauer (die sich im Tierschutzgesetz wahrscheinlich nicht so gut auskennen) zu täuschen und den Tierpark zu diskreditieren. Bereits bei der Schlachtung der Giraffe „Marius“ im Zoo Kopenhagen bäumte sich der disneyfizierte Pöbel auf. Faktisch macht es aber ganz einfach keinen Unterschied, ob ein Zoo Schlachtfleisch kauft und an seine Raubtiere verfüttert oder ob er seine Futtertiere selber „produziert“.

Beängstigend waren nach Ausstrahlung der Sendung auch die Bewertungen des Tierparks auf Google, die einen regelrechten Shitstorm darstellten. Die Stimme des Tierschutzes ging sogar soweit, dass die Tierpark-Leitung bereits nach wenigen Tagen knapp 60 Morddrohungen erhielt. Die engagiertesten Tierrechtler sind eben auch immer die größten Misanthropen. Inzwischen wurden die strafrechtlich relevanten Kommentare vermutlich aufgrund von Unangemessenheitsmeldungen wieder entfernt.

Stellungnahme des Tierparks:
Bevor ich über meinen heutigen Besuch im Tierpark Bad Pyrmont berichte, möchte ich an dieser Stelle noch auf die Stellungnahme des Tierparks zu den anderen Missständen, die in der Wallraff-Reportage gezeigt wurden, auf dessen Homepage verweisen. Diese macht für mich grundsätzlich Sinn. RTL war laut Aussage des Tierparks übrigens nicht zu einer Gegendarstellung bereit, was einem qualitativen Journalismus diametral gegenübersteht! Aber was will man auch von einem Sender erwarten, der in weiser Voraussicht des Intellekts seiner Zielgruppe seine Online-Mediathek nicht nur unter rtl-now.de sondern auch unter rtl-nau.de anbietet?

Mein Besuch im Tierpark:
Da Bad Pyrmont nur wenige Kilometer von meinem Wohnort entfernt liegt und dort laut Angaben auf der Internetseite auch diverse Reptilien und einige Amphibien gehalten werden, bot es sich mir natürlich an, selber mal vorbeizuschauen und mir ein eigenes Bild von der dortigen Tierhaltung zu machen. Denn im Gegensatz zu irgendwelchen feigen Heckenpennern, die ohne rechtsgültiges Impressum vom Fliesentisch aus im Internet ihrem Analhusten Gehör verschaffen, mach ich mir insbesondere dann gerne ein eigenes Bild, wenn einschlägig bekannte „Tierschutzvereine“ irgendwelche „Tiernutzer“ in Verruf bringen.

Beim ersten Rundgang durch den Tierpark konnte ich keine nennenswerten Missstände feststellen. Ich kenne mich zwar bei den Haltungsbedingungen der meisten Säugetiere nicht wirklich aus, kann aber durch Besuche in anderen zoologischen Einrichtungen Vergleiche ziehen. Mir fiel z.B. kein einziges Tier auf, das stereotype Verhaltensweisen an den Tag legte. Während ich in anderen Tierparks teilweise den Eindruck hatte, dass es sich bei den Tieren um sehr naturnahe Roboter handelte, die immer dieselben Bewegungsmuster an den Tag legten und teilweise sogar rückwärts durch ihre Gehege stolperten, erfüllte kein einziges Tier im Tierpark Bad Pyrmont dieses Bild. In der Wallraff-Reportage erweckten die Gehege den Eindruck, extrem trist zu sein, als würden die Tiere auf nacktem Betonboden eingesperrt und hätten keinerlei naturnahe Unterbringung. Dieses Bild spricht da wohl eine ganz andere Sprache:


Leider wurde dieser durchaus positive erste Eindruck im Laufe meines Besuches dann doch extrem getrübt! Denn in Sachen Reptilienhaltung bezeichne ich mich durchaus als Kenner und kann bei diesen Tieren die Haltungsbedingungen gut einschätzen. Während die Wasserschildkröten noch einen guten Eindruck auf mich machten... 


...machte mich beim Außengehege der Griechischen und Maurischen Landschildkröten bereits die Tatsache stutzig, dass in ihrem Schutzhaus keine erkennbare Wärme- und UV-Quelle vorhanden war. Insbesondere an wechselhaften Herbsttagen, wäre eine solche aber durchaus angebracht, um die Tiere nicht jetzt schon in eine regelrechte „WinterUNruhe“ zu schicken.



Aber dies ist im Vergleich zu den Missständen im sog. „Reptilienhaus“ des Tierparks noch eine Lappalie. Zuerst einmal stand an den Türen des Reptilienhauses, dass man diese nach Betreten schließen solle. Dies war jedoch nicht möglich, weil eine der Türen im offenen Zustand an einem Haken eingehängt wurde. Somit war ein kühler Durchzug durch das kleine Reptilienhaus garantiert. Darin befanden sich ein größeres Terrarium u.a. mit Sporn- und Pantherschildkröten. Diese hatten (wie schon die Landschildkröten im Freigehege) keinen Wärmestrahler zur Verfügung. Auch die Beleuchtung war für diese tagaktiven Tiere unzureichend.


Man verzeihe mir die schlechte Bildqualität der Fotos aus dem Reptilienhaus, aber es war darin halt sehr dunkel und ich wollte die Tiere nicht durch Blitzlicht stressen . Manche der Fotos wurden sogar noch von mir aufgehellt, damit man überhaupt die Tiere erkennen kann. 

In einem anderen Terrarium wurde eine Bartagame (Pogona vitticeps) gehalten. Beleuchtet wurde das Terrarium mit 1,5 Leuchtstoffröhren und einer Energiesparlampe – womöglich mit UV-Anteil. Da jedoch ein Wärmespot fehlte (Energiesparlampen mit UV-Licht sollten immer mit einem solchen kombiniert werden, weil nur so aus dem Provitamin D3 das für den Calciumstoffwechsel wichtige Vitamin D3 in der Reptilienhaut gebildet werden kann) und die vermeintlichen UV-Quellen viel zu weit vom Tier entfernt waren (sie strahlen nur etwa 10 cm weit UV-Licht in der ausreichenden Menge ab), ist nicht anzunehmen, dass das sonnenliebende Tier ausreichend UV-Licht bekommt. Als Wärmequelle wurde augenscheinlich ein Heizkabel in einer Sand-Ecke des Terrariums verlegt, in der sich die Bartagame die ganze Zeit aufhielt. Diese Art der Wärme ist unnatürlich und ersetzt bei tagaktiven Sonnenanbetern keinen Sonnenplatz! Vergleiche ich das Verhalten dieses Tieres mit meinen sehr aktiven Bartagamen (in deren Terrarien aber auch mindestens die zehnfache Menge an Energie fließt), kann von einer artgerechten Bartagamenhaltung im Tierpark Bad Pyrmont leider keine Rede sein.


Ein ähnliches Bild bot sich in einem Kornnatter-Terrarium. Wobei ich bei diesen eher dämmerungsaktiven Tieren fairerweise Abstriche in der Beleuchtung akzeptiere. Mangels Thermometern war eine Überprüfung der Temperatur unmöglich. Ein Lob bekommt der Tierpark aber für die durchweg sauberen Trinkgefäße.


Wieder erschüttert hat mich dann die Haltung zweier Schönnattern (Orthriophis taeniurus). Immerhin war hier ein Hygrometer vorhanden und die Luftfeuchtigkeit lag in einem guten Bereich. Da den Tieren aber offenbar ebenfalls eine adäquate Wärmequelle fehlte, wickelten sie sich um die einzig vorhandene Leuchtstoffröhre. Diese war nicht durch ein Gitter geschützt, was dazu führen kann, dass die recht kräftigen Tiere das Leuchtmittel zerbrechen. Damit verbunden wäre dann eine Freisetzung von Giftstoffen und eine Verletzungsgefahr aufgrund der Scherben.



Im Terrarium eines Riesensamtgeckos (Blaesodactylus boivini) war immerhin die Keramikfassung für einen Heatspot vorhanden. Sie diente zum Zeitpunkt meines Besuchs allerdings nur als „dekoratives Element“.



Auf der Website gibt der Tierpark an, darüber hinaus noch folgende Reptilien und Amphibien zu halten, die jedoch offenbar nicht mehr im Bestand sind: Grüner Leguan, Jemenchamäleon und Goldfröschchen. Insbesondere letztere waren der eigentliche Hauptgrund meines Besuches, weil diese bedrohte Art laut Angaben des Tierparks in einem Amphibienprogramm gemeinsam mit Privathaltern der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT), in der ich ja selber Mitglied bin, nachgezüchtet werden. Auf Nachfrage beim Zoopersonal wurde mir mitgeteilt, dass die Goldfröschchen bereits vor einiger Zeit abgegeben wurden. Gründe dafür konnte man mir nicht nennen. Schade, ich hatte eigentlich eine Tierpatenschaft für diese Art in Erwägung gezogen, um den Park zu unterstützen.

Reaktion:
Im Zuge der von mir festgestellten Missstände bei der Reptilienhaltung habe ich mit der Tierparkleitung Kontakt aufgenommen und auch einige Verbesserungen vorgeschlagen. Ich bekam sogar die Möglichkeit, selber aktiv zu werden und die Tierhaltung während der Winterpause durch eigenhändige Umbauten zu verbessern, was sich allerdings aufgrund anderer Projekte meinerseits zeitlich nicht ergab. Ursachen der Probleme sind laut Aussage des Tierparkleiters eine gewisse Überforderung sowie fehlendes Fachwissen der Tierpfleger beispielsweise über eine richtige UV-Beleuchtung.

Abschließend sei noch gesagt, dass RTL und Animal Public gar nicht die Sache mit dem Minischwein hätten ausschlachten müssen. Aber mit niedlichen Babyschweinen kann man offenbar mehr Empathie erzeugen als mit Reptilien. Ich verließ den Tierpark am Ende dann doch mit einem extrem unguten Gefühl, was ich nach dem ersten Rundgang vor Betreten des Reptilienhauses nicht erwartet hätte. 

Kommentare:

  1. Schade, Marco!

    Ich wünschte mir, dass Reptilien und Amphibien mit mehr Sachverstand gehalten und gepflegt werden.
    Da sich der Tierperk auch in relativer Nähe zu meinem Wohnort befindet, Gucke ich dort zeitnah auch noch mal genauer.
    Viele Grüße

    Josef Bruns

    AntwortenLöschen
  2. Die Journalistin Caro Lobig, die undercover im Tierpark arbeitete, teilt auf ihrer Facebookseite neuerdings Artikel gegen die Wildtierhaltung und Fotos von PETA. Unvoreingenommener Journalismus sieht anders aus.

    AntwortenLöschen