Freitag, 1. Mai 2015

Was sind eigentlich… Positivlisten?

Im allgemeinen Sprachgebrauch versteht man unter einer Positivliste für die Tierhaltung eine Liste, auf der Tierarten aufgeführt sind, die aus bestimmten Gründen als unproblematisch in ihrer Haltung eingeschätzt werden. Das Gegenteil davon wäre eine Negativliste, wie man sie z.B. von den Gefahrtiergesetzen kennt. Eine solche Liste enthält Tiere, die aufgrund ihrer Gefährlichkeit nicht ohne Auflagen gehalten werden dürfen. Juristisch gesehen handelt es sich bei diesen Negativlisten allerdings ebenfalls um Positivlisten im Sinne des jeweiligen Gefahrtiergesetzes. Denn auf diesen Listen sind die Tiere aufgeführt, auf welche die Regelungen des jeweiligen Gefahrtiergesetzes positiv anzuwenden sind. Im Folgenden werde ich jedoch die landläufige Begriffsbestimmung verwenden:
 
Positivlisten enthalten Tiere, deren Haltung als unbedenklich eingestuft wird.

Gibt es bereits Positivlisten?
Vorreiter für das Modell der Positivlisten ist Belgien, wo 2009 eine solche Liste für die Säugetierhaltung eingeführt wurde. Weitere Listen für andere Bereiche der Tierhaltung sind dort seitdem ebenfalls geplant. Auf der Säugetierliste wurden 42 Arten aufgeführt, deren Haltung erlaubt ist. Alle anderen Säugetierarten dürfen in Belgien somit grundsätzlich nicht mehr gehalten werden. Folgende Kriterien muss ein Tier erfüllen, um in der Positivliste aufgenommen zu werden:
  • Die Art muss ohne spezialisierte Vorkenntnisse des Halters zu pflegen sein, ohne dass seine natürlichen Bedürfnisse eingeschränkt werden.
  • Die Art muss ungefährlich sein und keine sonstige Gesundheitsgefahr für den Menschen darstellen.
  • Die Art darf nachweislich keine Gefahr für die heimische Umwelt darstellen.
  • Es muss ausreichend Fachliteratur über die artgerechte Haltung der Art vorhanden sein.
Im Zweifel (z.B. bei widersprüchlichen Angaben) wird von einer Aufnahme in die Positivste zu Gunsten des Tierwohls abgesehen.

Belgische Halter von Tieren, die nicht auf der Positivliste genannt werden, haben immerhin die Möglichkeit, für ihren jeweiligen Einzelfall eine Ausnahmegenehmigung beim Ministerium zu beantragen. Dabei müssen sie beweisen, dass sie in der Lage sind, die jeweilige Art so zu halten, dass keine Schäden am Tier entstehen und keine Gefahr von ihm ausgeht. Eine Aufnahme in die Positivliste kann ebenfalls beantragt werden. Dabei muss jedoch per Gutachten belegt werden, dass die jeweilige Art für jedermann ohne besondere Kenntnisse gehalten werden kann. Die (immensen) Kosten für einen solchen Vorgang trägt der Antragsteller selber, weswegen dieser Weg für Privathalter nahezu ausgeschlossen ist.

In Anbetracht dieser Auflagen ist es nicht nachvollziehbar, dass z.B. Hunde, Katzen und Pferde auf der Positivliste gelandet sind. Diese Arten sind weder leicht zu halten, stellen nachweislich eine Gefahr für die einheimische Fauna dar und sind für Menschen ebenfalls potentiell gefährlich bzw. können der Gesundheit schaden. In Diskussionen mit (Kuschel-)Tierrechtlern habe ich aber schon oft die Aussage gehört, dass z.B. die Hundehaltung mittlerweile zum Allgemeinwissen gehöre! „Belegt“ wird diese irrsinnige Aussage mit jährlich mehreren Dutzend unschuldiger Bissopfer, falsch ernährten Hunden in den Tierarztpraxen, ausgesetzten Hunden an Straßenrändern und von überforderten Haltern abgeschobenen Hunden in Tierheimen.

Die Niederlande beschlossen 2013 ebenfalls ein ähnliches Modell, welches jedoch insgesamt drei Tierlisten enthält: Auf einer Liste sind Arten aufgeführt, die ohne Auflagen gehalten werden dürfen (die eigentliche Positivliste, die sich an der belgischen Liste orientiert), auf einer weiteren Liste sind Arten genannt, die nur mit einer behördlichen Genehmigung gehalten werden dürfen, und die dritte Liste enthält Arten, die (wie auch alle anderen nicht gelisteten Arten) einem strikten Haltungsverbot unterliegen. Auch in den Niederlanden gibt es derzeit noch keine Positivliste für die Vivaristik.

Was erwartet uns in Deutschland?
Während PETA Deutschland generelle Haltungsverbote für „exotische Wildtiere“ fordert, fordert der in der Öffentlichkeit als sehr viel seriöser angesehene Deutsche Tierschutzbund zuerst einmal die Einführung einer solchen Positivliste. Der Verein bewirbt dieses Konzept als besonders nachhaltig und gut umsetzbar. Er fordert allerdings eine Positivliste, die möglichst kurz gehalten werden soll. Die Partei Bündnis 90/Die Grünen steht auf Bundesebene ebenfalls deutlich hinter diesem Konzept und führte es bereits vor der Bundestagswahl 2013 als erklärtes Ziel in ihrem Wahlprogramm auf. Die SPD hat nach der Wahl im Koalitionsvertrag mit der CDU/CSU verankert, dass die Wildtierhaltung bundeseinheitlich geregelt werden soll. Derzeit gibt es dazu noch keine konkreten Vorschläge. Womöglich läuft es auf ein Gefahrtiergesetz mit mehr oder weniger gut durchdachten Negativlisten hinaus, welches ähnlich wie das Waffengesetz die öffentliche Sicherheit (die normalerweise Ländersache ist) bundesweit regelt. Stattdessen kann aber durchaus noch in der laufenden Legislaturperiode das Modell der Positivlisten zur Diskussion kommen, wodurch nicht nur sogenannte „Gefahrtierhalter“ betroffen wären, sondern nahezu jeder Terrarianer, der in seinem Bestand Arten pflegt, die über die typischen „Anfängerarten“ hinausgehen.

Nachtrag: Am 16. Juni 2015 veröffentlichte die SPD-Bundestagsfraktion ein neues Positionspapier Tierschutz, in dem die Einführung einer Positivliste für die Heim- und Wildtierhaltung deutlich gefordert wird. Somit ist jetzt klar, wohin in Deutschland die Reise geht, wenn von einer bundeseinheitlichen Regelung gesprochen wird!

Warum sind Positivlisten zu kritisieren?
1. Positivlisten erwecken den Anschein, den Behörden eine einfache Handhabe zu ermöglichen. Sicherlich ist es auf den ersten Blick für die Behörden praktisch, wenn eine kompakte Liste mit erlaubten Arten vorhanden ist und alle anderen Arten verboten sind. Das Problem dabei ist jedoch, dass in der Folge einer solchen Regelung sehr viele verantwortungsbewusste Halter von nicht aufgeführten Arten eine Sondererlaubnis beantragen müssten (sofern dies wie in Belgien überhaupt möglich ist). Dadurch würde der behördliche Aufwand aufgrund der zahlreichen Sonderanträge enorm gesteigert.

2. Die Alternative wäre, dass sich viele Halter mit ihren Tieren in die Illegalität zurückziehen. Wenn ein Tierliebhaber vor der Wahl steht, entweder eine aus nicht nachvollziehbaren Gründen erforderliche kostenpflichtige Sondergenehmigung zu beantragen und dabei das Risiko einzugehen, diese aus irgendwelchen Gründen doch nicht zu bekommen, was womöglich die Beschlagnahmung seines Tierbestandes zur Folge hätte, ist der Gedanke an eine heimliche Haltung nicht fern. Wenn dann jedoch mal Tiere erkranken oder ausbrechen, wird sich ein solcher Halter wohl kaum Hilfe holen. Immenses Tierleid und gesteigertes Risiko für die Allgemeinheit im Falle von potentiell gefährlichen Tieren wären dann vorprogrammiert. Auch die bereits heute bestehende Meldepflicht von geschützten Tieren würde womöglich nicht mehr praktiziert, was ein herber Schlag für sämtliche Artenschutzbemühungen wäre.

3. Je mehr Leute ihre Tier heimlich halten, desto lukrativer wird auch der Handel auf dem Schwarzmarkt. Mangels gelebter Meldepflicht würde der Anteil an illegalen Wildfängen steigen, auf den die Behörden keinerlei Einfluss mehr hätten. Tierschutzfälle und Artenschutzverstöße könnten nicht mehr aufgedeckt werden, weil man die Tiere kaum noch wahrnehmen würde. Das mag zwar das Ziel der Politik sein, aber damit verschließt man die Augen vor den tatsächlichen Problemen, anstatt aktiv gemeinsam mit engagierten Privatleuten gegen die schwarzen Schafe vorzugehen.

4. Die größten Tierschutzprobleme findet man innerhalb der Terraristik bei den Tierarten, die gemeinhin als einfach zu halten angesehen werden. Diese Arten werden häufig vermehrt, billig verkauft und somit häufig bei Einsteigern gehalten. Dadurch entstehen bei diesen Tieren allerdings auch die typischen Haustierprobleme wie bei den sich in Domestikation befindenden Tieren. Legt man die belgischen Kriterien für die Aufnahme in eine Positivliste der Reptilienhaltung zugrunde, müssten z.B. Bartagamen, Leopardgeckos, Kornnattern, Königspythons und vielleicht noch die ein oder andere Land- bzw. Wasserschildkrötenart auf der Positivliste landen. Doch gerade bei diesen Tieren findet man die größten Tierschutzprobleme. Laut der Tierheimbefragung des Deutschen Tierschutzbundes aus dem Jahr 2014 machen Schildkröten durchschnittlich ca. 68,5 Prozent der gesamten Reptilienbestände in den befragten Tierheimen aus, gefolgt von Bartagamen (ca. 9,1 Prozent), ungefährlichen Nattern (ca. 5,3 Prozent) und Geckos (ca. 4,2 Prozent), während man Arten, die nur von vereinzelten Liebhabern gehalten werden (und die sicherlich auf keiner Positivliste landen würden), in Tierheimen so gut wie gar nicht zu finden sind (Giftschlangen ca. 0,02 Prozent und Panzerechsen ca. 0,01 Prozent). Umso widersinniger ist es, die typischen Tierschutzfälle nicht zu reglementieren, sondern stattdessen die spezialisierten Halter mit Positivlisten einzuschränken.

5. Fachkundige Privathalter, die zu keiner Zeit ein Problem für den Tierschutz oder die öffentliche Sicherheit darstellen, könnten kaum noch helfen und z.B. Tierschutzfälle aufnehmen, weil ihnen die Haltung unnötigerweise eingeschränkt werden würde. Somit würde der Anteil von beschlagnahmten Tieren, die dann größtenteils nicht so einfach zu halten sind, in den Tierheimen und Auffangstationen steigen, zusätzlich zum unveränderten Anteil an „Anfängertieren“. Die Kosten für die Allgemeinheit würden dadurch natürlich ebenfalls expandieren.

6. Bereits etablierte Nachzuchten und Artenschutzprojekte, die z.B. zwischen Zoos und Privathaltern Hand in Hand praktiziert werden, würden außer Kraft gesetzt. Dies wäre ein herber Rückschlag für den Artenschutz. Auf der anderen Seite könnten Bartagamen und Co. fröhlich weiter vermehrt und verramscht werden, um dann in schlechter Haltung zu leiden. Mit Positivlisten bestraft man die vollkommen falschen Leute und verschlechtert die Situation der Tiere immens!

7. Es könnten ohne enormen behördlichen Aufwand niemals wieder Arten auf legalem Weg in der Vivaristik etabliert werden, um z.B. eine Nachzuchtpopulation für den Arterhalt zu gründen, weil neue Arten grundsätzlich erst einmal nicht gehalten werden dürfen.

8. Die Naturbildung sowie das Erlangen und Weitergeben von Fachwissen über nicht auf der Positivliste aufgeführte Tierarten und ihrer Lebensräume würde erschwert. Da kaum noch jemand Tiere (legal) halten würde, würde es auch kaum neue Fachliteratur oder Publikationen über die artgerechte Haltung sowie Nachzuchterfolge geben. Wie sollen andere Halter dann informiert werden, um die Haltung ihrer Tiere zu verbessern?

Fazit:

Vernünftige Regelungen für die Haltung von potentiell gefährlichen Tieren sind eine Sache, die von mir grundsätzlich unterstützt werden. Wenn jedoch diverse Arten nur deswegen verboten werden sollen, weil sich nur ein paar wenige leidenschaftliche Halter intensiv der artgerechten Pflege dieser Arten widmen, hört für mich der Spaß endgültig auf. Wer sich ein tatsächlich als gefährlich anzusehendes Tier anschafft, muss mit gesundem Menschenverstand damit rechnen, dass die Haltung eines solchen Tieres evtl. an besondere Auflagen geknüpft ist. Beim Großteil der Halter ist diese Vernunft auch vorhanden, weswegen Gefahrtierregelungen, sofern sie wissenschaftlich begründet sind und nicht auf Ängsten und emotionaler Panikmache beruhen, von den meisten Haltern mitgetragen werden. Positivlisten sind jedoch eine ganz andere Nummer, da sie der organisierten Terraristik den Boden unter den Füßen wegziehen und nur die Halter betreffen würden, die sich mit hohem Engagement für Tiere (und deren Erhaltung) einsetzen, die sonst von der Gesellschaft nicht wahrgenommen oder sogar verteufelt werden, während typische Anfängerarten mit ihren Haustierproblemen weiterhin in schlechter Haltung leiden müssten. Dies ist nicht zu akzeptieren!

Mehrstufige Sachkundeprüfungen, behördliche Meldepflicht für potentiell gefährliche und artgeschützte Tiere sowie eine artgerechte Unterbringung sind Rahmenbedingungen, die von Großteilen der Halterschaft unterstützt werden und die verhältnismäßige Maßnahmen unter Wahrung der Grundrechte alle Bürger zur Verbesserung des Tierwohls und der öffentlichen Sicherheit und Ordnung sind. Diese könnte man zwar theoretisch an Positivlisten koppeln, doch sollten diese Bedingungen schlicht und ergreifend für alle Heimtierhalter gelten. Das Tierschutzgesetz sowie die Artenschutzrichtlinien ermöglichen dafür bereits eine ausreichende juristische Handhabe. Positivlisten sind absolut widersinnig und ein im vollen Umfang tier-, arten- und naturschutzrechtlicher Skandal! Ihre Einführung sollte mit aller Entschiedenheit verhindert werden! In allerletzter Konsequenz, sobald sämtliche anderen Rechtsmittel ausgeschöpft sind, notfalls mit zivilem Ungehorsam!

1 Kommentar:

  1. besser kann man´s nicht ausdrücken. sehr gut gemacht.

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