Montag, 1. Dezember 2014

WWF über exotische Haustiere: Verschleppt und gefangen

Bereits im Dezember 2012, also passend zur rührseligen Spendenzeit, veröffentlichte der World Wide Fund For Nature (WWF) einen Artikel mit dem Titel: „Exotische Haustiere: Verschleppt und gefangen“

Große Echsen wie dieser geschützte Nilwaran dienen
den Menschen im Herkunftsland häufig als Nahrung
Darin stellt die Naturschutzorganisation die Ergebnisse von mehreren Analysen des Artenschutzprogramms TRAFFIC (Trade Records Analysis of Flora and Fauna in Commerce) vor. Diese Analysen offenbaren Unregelmäßigkeiten in Bezug auf den Handel mit verschiedenen artgeschützten „Exoten“ im Heimtiersektor. Im o.g. Artikel äußert sich der WWF-Artenschutzleiter Volker Homes mit den Worten: „Illegale Haustiere gehören nicht unter den Gabentisch.“ Und damit hat er vollkommen recht. Illegale Wildfänge und Wildtierschmuggel stellen einen Raubbau an der Natur dar, den wir Terrarianer keinesfalls unterstützen sollten!


Die Analysen offenbaren beispielsweise, dass der Anteil Vierzehenschildkröten (Testudo horsfieldii), welche als Nachzuchttiere deklariert wurden, von 2000 bis 2006 deutlich anstieg. Im selben Zeitraum setzte die EU die Importe wildgefangener Exemplare aus. Danach wurden plötzlich ca. 40.000 Nachzuchtexemplare dieser Art vorrangig aus der Ukraine in die EU exportiert (ein Anteil von über 90 %). Die Ukraine trat zuvor jedoch nie als Land in Erscheinung, welches eine solche Masse an Nachzuchttieren hervorbrachte. Der Zeitpunkt ist somit schon etwas verdächtig. Der Verdacht liegt nahe, dass Zwischenhändler in der Ukraine die Wildfänge aus den Herkunftsländern als Nachzuchten umdeklariert und in die EU exportiert haben.

Die Zahlen lassen sich mit einem Blick auf die Gesamtsituation aber wieder etwas relativieren. Im Jahr 1998 lag der Anteil an Importen von wildgefangenen Vierzehenschildkröten bei ca. 16.000 Exemplaren, während Nachzuchten (noch) keine Rolle spielten. Im Jahr 2000 (also nach Beschluss des Importstopps) lag der Anteil an Wildfängen erwartungsgemäß bei null, der Anteil an Nachzuchten jedoch erst bei knapp 2.000 Exemplaren. Dieser Anteil stieg daraufhin auch nicht sprunghaft an. Erst im Jahr 2003 wurde ein erster Peak in Höhe von ca. 7.500 Exemplaren festgestellt. Die angegebenen 40.000 Exemplare beziehen sich also auf den gesamten Zeitraum von 7 Jahren, in dem ein Import von Wildfängen nicht möglich war. Im Jahresdurchschnitt stehen somit ca. 6.000 als Nachzuchten deklarierte Tiere ca. 16.000 Wildfangtieren aus dem Vorjahr des Importstopps gegenüber. Ein sprunghafter Anstieg kurz nach Beschluss der Importeinschränkungen konnte somit nicht festgestellt werden.

Andererseits müssen sich illegale Zwischenmärkte auch erst etablieren, daher soll der Verdacht einer Umdeklaration von Wildfängen als Nachzuchttiere gar nicht heruntergespielt werden. Jedes einzelne aus reiner Profitgier geschmuggelte und danach illegal gehandelte Tier ist und bleibt eine Schande! Solche organisierten Machenschaften sind nicht mit dem Schmuggel von Privatpersonen vergleichbar, die mal das eine oder andere Tier aus Liebhaberei aus dem Urlaub mitbringen. Das ist zwar ebenso verboten, war aber in der Vergangenheit auch schon oftmals der Durchbruch für neue Arten innerhalb der Terraristik und wird es auch weiterhin immer wieder sein. Bei solchen Fällen steht das Interesse an den Tieren im Vordergrund und daher kann ich mich mit solchen Tätern ein Stück weit eher solidarisieren als mit profitgierigen Händlern, die Massen von Tieren gezielt über schwarze Wege in die EU schaffen und ein paar Hundert beim Transport verendete Tiere als Kollateralschaden verbucht werden.

Nachdem der Import von Wildfängen der Vierzehenschildkröte in die EU wieder erlaubt war, änderten sich die Verhältnisse leider auch wieder. 2007 trafen sich die erneut steigenden Wildfangimporte und die inzwischen stagnierenden Importe von Nachzuchttieren bei jeweils ca. 12.000 Exemplaren. Im Folgejahr 2008 waren es schon etwa 14.000 Wildfänge und nur noch knapp 9.000 als Nachzuchten deklarierte Tiere. Dieser Trend bestätigt ebenfalls den Verdacht, dass ein großer Anteil an Nachzuchtdeklarationen womöglich nur dem Schein diente.

Die Ergebnisse zu diesen illegalen Aktivitäten offenbaren aber auch, was passiert, wenn Verbote einem geregelten Handel vorgezogen werden. Sicherlich konnten die Händler für die illegal als Nachzuchten deklarierten Wildfänge ordentlich Einnahmen generieren, was zuvor mit Wildfängen nicht im gleichen Ausmaß möglich war. Somit befeuern Handelsverbote den Schwarzmarkt und die Behörden geben große Teile ihres Handlungsspielraumes aus der Hand. Durch Verbote wird der Raubbau an der Natur nicht gestoppt, sondern erst für die illegalen Händler und die nicht in der Analyse erfassten Schmuggler interessant, weil dadurch natürlich erst gewisse Begehrlichkeiten geweckt werden. Dies sollte bei Überlegungen für ein grundsätzliches Wildtierimportverbot bedacht werden!

Aufgrund dieser Ergebnisse fordert der WWF mehr Transparenz und bessere Kontrollen beim Handel von insbesondere Reptilien, Amphibien und Vögeln. Ein striktes Handelsverbot wird hingegen nicht gefordert. Außerdem rät die Naturschutzorganisation den Käufern, lieber auf einen Kauf zu verzichten, wenn an der legalen Herkunft der Tiere Zweifel bestehen. Bei Arten, die nach dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen geschützt sind, erinnert die Organisation, dass die erforderlichen Nachweise und Dokumente unbedingt vorhanden sein müssen. Der WWF spricht sich also nicht komplett gegen einen Kauf von artgeschützten „Exoten“ aus. Echte Nachzuchten und ein gewisser Anteil an kontrollierten, legalen Wildfängen inkl. der erforderlichen Nachweise, die den jeweiligen Landesbevölkerungen als Einnahmequelle dienen und sie für den Schutz der Lebensräume motivieren, werden vom WWF nicht verteufelt. Daher verdient der WWF für diese sachliche und wissenschaftlich fundierte Grundsatzposition mein Lob. Der WWF betreibt derzeit als eine der wenigen namenhaften Organisationen keine emotionale Anti-Exotenhalter-Propaganda, sondern sensibilisiert die Bevölkerung, schaut über den Tellerrand in die Lebensräume der Tiere und liefert gemeinsam mit seinen Kooperationspartnern brauchbare Informationen. Da Wildfänge ein hochemotionales und sehr diffiziles Thema sind, der WWF aber zeigt, dass es ihm dabei vorrangig um die Sache selbst geht, habe ich bei Betrachten der Analysen und des Artikels „Exotische Haustiere: Verschleppt und gefangen“ wenig Anlass für Kritik. Abgesehen vielleicht von der teilweise etwas reißerischen Formulierung des Artikels, aber eine solche Verpackung ist heutzutage leider irgendwie auch nötig, wenn man Tier- und Artenschutz „verkaufen“ möchte.

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