Montag, 3. November 2014

Miserable Haltungsbedingungen von Reptilien in Privathand bestätigt

Erneut wird eine wissenschaftliche Studie falsch ausgelegt und die Haltung von Reptilien in Privathand zu Unrecht in ein schlechtes Licht gerückt. In einer aktuellen Pressemeldung der Landestierschutzbeauftragten des Bundeslandes Hessen, Dr. Madeleine Martin, werden die Ergebnisse einer neuen Studie von PEES et al. von der Universität Leipzig einseitig ausgelegt und in der Öffentlichkeit zu Ungunsten der Reptilienhaltung dargestellt. 

Bereits im Rahmen der „Salmonellenpanik“ wurde eine Studie von Dr. Michael Pees und seiner Kollegen falsch dargestellt (siehe hier: Salmonellenpanik im FOCUS). Als Reaktion darauf entstand ein offizieller Flyer der Landestierschutzbeauftragten Hessen, in dem einseitig und überzogen über das vorhandene Salmonellenrisiko beim Umgang mit Reptilien „aufgeklärt“ wurde.

Eine weitere Studie der Uni Leipzig befasste sich mit den Todesursachen von frühzeitig verstorbenen Reptilien aus der Privathaltung und kam zu dem Ergebnis, dass ca. 51 % dieser untersuchten Reptilien aufgrund von Haltungsfehlern starben. Auch diese Ergebnisse, die in nur einem Institut und an einer Vorauswahl von bereits verendeten Tieren ermittelt wurden, wurden einseitig und somit falsch ausgelegt, auf alle in der Privathaltung befindlichen Tiere übertragen (somit auch auf die Tiere, die sich aufgrund von vorbildlicher Haltung jahrelanger Gesundheit und eines langen Lebens erfreuen) und dienten Tierrechtsvereinen und Politik zur einseitigen Meinungsmache gegen die Haltung von Reptilien (siehe hier: SPD contra Exotenhaltung). Das Übertragen von Ergebnissen, die lediglich in einer Vorauswahl von Verdachtstieren ermittelt wurden, auf die Gesamtheit der in Privathand gehalten Reptilien, ist jedoch vollkommen unwissenschaftlich! Die Ergebnisse der Uni Leipzig spiegeln in keiner Weise die Situation in den Reptilienhaushalten wieder, sondern zeigen nur, dass Tiere frühzeitig sterben, wenn sie falsch gehalten werden. Gleiches betrifft jedoch nicht nur Reptilien, sondern jede Art von Heimtier.

Bei der aktuellen Studie von PEES et al. wird von der hessischen Tierschutzbeauftragten genau dieselbe Art und Weise der Ergebnisdarstellung in der Öffentlichkeit abgezogen. Die Studie befasst sich mit der Häufigkeit von Haltungsfehlern bei Reptilien, die bei Tierärzten vorgestellt wurden. Dabei wurde festgestellt, dass bei lediglich ca. 10 % der Reptilien die Haltungsbedingungen nicht zu beanstanden waren, bei den restlichen ca. 90 % die Haltung (z.B. in Bezug auf Temperatur, Luftfeuchtigkeit oder Winterruhe) jedoch Mängel aufwies (bei ca. 60 % sogar erhebliche Mängel). Das ist zwar sehr interessant, doch was sagt das nun über die Haltung von Reptilien aus? Etwa, dass mindestens 60 % der Reptilienhalter ihre Tiere falsch halten? Natürlich nicht! Im Grunde belegt die Studie nur, dass Tiere krank werden, wenn man sie falsch hält. Gleiches trifft natürlich nicht nur auf Reptilien sondern auch auf andere Haustiere zu.

Umfrageergebnisse, die in Tierarztpraxen ermittelt werden und somit eine Vorauswahl von besonderen Tieren betrachten, sind ganz einfach nicht repräsentativ für alle in Privathand gehaltenen Reptilien, die sich bei vorbildlicher Haltung eines langen und gesunden Lebens erfreuen und daher auch nur selten einem Tierarzt vorgestellt werden müssen. Reptilien sind keine Tiere, mit denen man zu Routinechecks regelmäßig zum Tierarzt gehen sollte, weil das Herausreißen aus den gewohnten und artgerechten Terrarienbedingungen bei gesunden Reptilien unnötigen Stress verursacht, der dann erst zu gesundheitlichen Problemen oder auffälligem Verhalten bei der tierärztlichen Untersuchung führen kann. Ich habe den Eindruck, dass manche Katzen- und Hundehalter in den Foren davon ausgehen, dass Reptilien ebenfalls routinemäßig zum Tierarzt gebracht werden und somit die Studienergebnisse von PEES et al. repräsentativ für den gesamten Reptilienbestand in deutschen Haushalten seien. Dies ist jedoch wie gesagt absolut nicht der Fall! Selbst die Autoren der Studie merken an, dass ihre Ergebnisse nicht auf den Gesamtbestand von Reptilien in Privathaushalten übertragen werden können. Wörtlich heißt es in der einleitenden Zusammenfassung:
Ein Rückschluss auf die generelle Situation aller Reptilienhaltungen in Deutschland ist auf Basis der Ergebnisse nicht zulässig, da die Studie nicht repräsentativ war [...].

Laut Zusammenfassung der Studie wurde die Terrariengröße bei etwa einem Drittel der Reptilien als deutlich von den Richtwerten abweichend eingestuft. Insbesondere Schlangen seien davon betroffen. Die Frage hierbei lautet: Was diente dabei als Richtwert? Das Gutachten über die Mindesthaltungsrichtlinien von Reptilien des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten? Dies gibt für viele Tierarten Mindesthaltungsrichtlinien an, die bei blindem Befolgen erst zu gesundheitlichen Problemen führen können. Beispielsweise Nahrungsverweigerung beim Königspython, wenn man sich ohne weitere Vorkehrungen an die Terrariengröße hält, die im Gutachten angeraten wird. Ich halte persönlich das Klimaregime für gesundheitlich relevanter als die Terrariengröße und habe die Erfahrung gemacht, dass zu große Terrarien eher zu Stress und damit gesundheitlichen Problemen führen, als von der Richtlinie nach unten hin abweichende, jedoch für die jeweilige Tierart gut strukturierte Terrarien.

Die neue Studie von PEES et al. erbrachte außerdem, dass bei etwa einem Drittel der Reptilien die Art der Fütterung vollständig den Empfehlungen entsprach. Lediglich bei zwei Spezies traten deutliche Abweichungen bei der Ernährung auf. Dieses positive Ergebnis der Studie wird in der Pressemeldung der Landestierschutzbeauftragten Hessen jedoch seltsamerweise nicht erwähnt. Warum eigentlich nicht? Ist dieses Ergebnis etwa hinderlich bei der Anti-Exoten-Propaganda? Ich kann zwar nur von Tierärzten aus meinem direkten Umfeld berichten, was somit natürlich auch nicht repräsentativ ist, aber Hunde mit Übergewicht oder Kaninchen mit Nierensteinen aufgrund von zu calciumreicher Ernährung (Fertigfuttermittel mit hohem Anteil an Luzerne) sind in den Tierarztpraxen an der Tagesordnung. Bei domestizierten Tieren scheint also eine falsche Ernährung aufgrund der Unbedarftheit der Halter der Hauptgrund für Krankheiten zu sein. Das bedeutet doch aber nicht, dass nahezu alle Halter ihre Schützlinge falsch ernähren.

Die Pressemeldung der hessischen Tierschutzbeauftragten enthält aber immerhin auch ein paar Passagen, die gar nicht mal so falsch sind:
„Wenn man überlegt, dass sich bei der Befragung nur diejenigen Halterinnen und Halter beteiligt haben, die zum einen eine Fachklinik bzw. einen Fachtierarzt aufgesucht und zum anderen noch freiwillig einen Fragebogen zu den Haltungsbedingungen ausgefüllt haben – also diejenigen, denen am Wohl ihrer Tieren gelegen ist -, so möchte ich nicht wissen, wie die Haltung in einer Vielzahl von Haushalten aussieht, in denen die Tiere erst angeschafft und danach achtlos beiseitegeschoben werden“ so Martin heute in Wiesbaden.
Sehr schade, dass Frau Martin dies nicht wissen möchte. Mich würde es nämlich schon sehr interessieren, wie die Situation tatsächlich in der Privathaltung ausschaut und nicht nur an einem Ende wie z.B. in den Tierarztpraxen oder bei der Sektion von verstorbenen Tieren. Denn einerseits wird dadurch der sehr hohe Anteil an gesunden und artgerecht gehaltenen Tieren übersehen und andererseits eben auch der Anteil an Tieren, die nicht einmal das Glück haben, eine tierärztliche Versorgung im Krankheitsfall zu erhalten.

Insbesondere bei den sogenannten „Wegwerftieren“ (und dabei vor allem bei Bartagamen) habe ich selber schon eklatante Missstände in der Haltung erleben müssen (siehe hier: Bartagamen, die armen Schweine in der Teraristik). Auch in den Kleinanzeigen tummeln sich gelegentlich Anbieter, die Terrarienbilder posten, bei denen sich mir der Magen umdreht. Daher finde ich die folgende Forderung von Frau Martin im Grunde genommen auch sehr gut:
Die hessische Tierschutzbeauftragte fordert deshalb für alle Halter zumindest einen verpflichtenden Sachkundenachweis, der auf die zu haltende Tierart abgestimmt sein muss. Abgenommen werden müsste dieser durch eine unabhängige Stelle, die frei von Lobbyinteressen ist.
Ich hoffe jedoch, dass dieses Recht auf eine tierschutzgerechte Haltung nicht nur Reptilien, sondern auch domestizierten Haustieren zugesprochen wird, damit z.B. der Anteil an verfetteten Hunden in den Tierarztpraxen ebenfalls sinkt.

Literatur: 

Pees, M. et al.; Evaluierung der Haltungsbedingungen häufig gehaltener Reptilienspezies in Deutschland; 2014

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