Dienstag, 25. November 2014

IFAW-Studie über Onlinehandel mit Wildtieren

Es war schon seit einigen Tagen bekannt, dass die sogenannte *hüstel* „Artenschutzorganisation“ Pro Wildlife diverse Onlineportale auseinandernimmt und Anzeigen z.B. auf www.terraristik.com auf vermeintlich illegale Aktivitäten durchsucht. Nun liegen konkrete Ergebnisse zu diesem Thema vor, wie heute die TAZ berichtete: Wildtierhandel im Netz: Reptilien gut vernetzt

Blauer Baumsteiger
Geschützt: Ja, Wildfang: Nein
Es wird also deutlich, dass nicht nur Pro Wildlife, sondern auch der International Fund for Animal Welfare (IFAW) mit einer Recherche beschäftigt war. Die IFAW-Studie „Wanted – Dead or Alive, Der Online-Handel mit Wildtieren und Wildtierprodukten“ ist in vielen Punkten zu kritisierten. Einerseits konzentrierte sich die Studie auf häufig gehandelte artgeschützte Tiere mit der Begründung, dass diese Arten durch das hohe Ausmaß des Handels stark bedroht seien. Dass jedoch die meisten der artgeschützten Tiere, die im Internet gehandelt werden, Nachzuchten aus Menschenobhut sind, wird mehr oder weniger unter den Teppich gekehrt. Ebenso, dass die meisten Arten ihren Schutzstatus nicht wegen des Wildtierhandels, sondern wegen der Zerstörung ihrer Lebensräume genießen und der Handel mit Nachzuchten dieser Tiere unproblematisch ist. Im Gegenteil werden verschiedene Problematiken miteinander verquickt und pauschal behauptet, die Tiere seien nur deswegen so stark gefährdet, weil sie oft gehandelt werden. Dies ist jedoch ein Trugschluss. Die IFAW-Ermittler haben sich bei vielen Arten nicht einmal die Mühe gemacht, die tatsächliche Herkunft der Tiere in Erfahrung zu bringen. Dazu komme ich gleich noch mal genauer zu sprechen.

Das Problem ist leider, dass Pro Wildlife die Ergebnisse gegenüber den Medien und letztlich auch den Entscheidungsträgern in der Politik einseitig und somit falsch darstellen wird. Aber für solche Aktionen ist dieser Verein ja schon bestens bekannt (Artenschutzverein PRO WILDLIFE erfindet Horror-Statistik). Auch die Unwissenheit der Bürger wird ausgenutzt und bei der Ergebnisdarstellung kein Unterschied zwischen den Begriffen „Wildtier“ und „wildgefangenes Wildtier“ gemacht.

Betrachten wir aber mal im Detail die Ergebnisse der IFAW-Studie in Bezug auf den Internethandel mir Reptilien in Deutschland:

Insgesamt wurden von den „Ermittlern“ 1.666 Online-Anzeigen mit insgesamt 4.837 artgeschützten Tieren bzw. tierischen Produkten entdeckt und näher betrachtet.

Davon fielen 1.448 Anzeigen in die Kategorie CITES-Anhang I und 218 Anzeigen in die Kategorie CITES-Anhang II. In den Medien wird es mal wieder so dargestellt, als würden die Anbieter dieser 1.666 Anzeigen allesamt illegal mit artgeschützten Tieren dealen. Dem ist jedoch nicht so.

1.090 Anzeigen bezogen sich auf Griechische und Maurische Landschildkröten. Diese sind CITES-Anhang I geschützt und werden in Deutschland zu Tausenden nachgezüchtet. Die Bestände in Gefangenschaft sind inzwischen aufgrund der einfachen Nachzucht dieser Tiere höher als in freier Wildbahn. Knapp 75 % der CITES-Anhang I – Anzeigen kann also schon mal als weitestgehend unproblematischer Online-Handel mit Nachzuchten vernachlässigt werden.

Königspython
Geschützt: Ja, Wildfang: Nein
112 Anzeigen boten artgeschützte Schlangen an. Das ergibt einen Anteil von 6,7 % aller 1.666 Anzeigen. Artgeschützte Echsen machen sogar nur 0,8 % aller Anzeigen aus. Das sind für sich genommen schon einmal verschwindend geringe Zahlen. Und auch hierbei ist davon auszugehen, dass es sich beim Großteil der gehandelten Arten um Arten wie dem Königspython oder der Abgottschlange handelte. Beide sind CITES-Anhang II geschützt, jedoch ohne Probleme in Gefangenschaft zur Fortpflanzung zu bringen (was diverse Farbzuchten dieser Tiere beweisen). Also ebenfalls größtenteils unproblematisch und kein Indiz für einen illegalen Wildtierhandel.

5 Angebote bezogen sich auf Ägyptische Landschildkröten (= 0,35 % des Handels mit geschützten Tieren des CITES-Anhangs I). Laut Studie wurden in diesen Anzeigen keine Angaben über die Rechtmäßigkeit des Angebots gemacht. Dies wird auch als grundsätzliches Problem bei anderen Angeboten mit geschützten Tieren angeprangert. Aber ist das überhaupt ein offensichtlicher Missstand und Beweis für illegale Aktivitäten? Im TAZ-Artikel heißt es dazu:
Bei einem Großteil der Anzeigen fehlten die erforderlichen artenschutzrechtlichen Genehmigungen, so dass es oft nicht möglich gewesen sei, ohne weitere aufwendige Prüfung die Legalität der Angebote einzuschätzen, teilte der IFAW mit.
In der Studie steht dazu konkret:
Allerdings waren nur 21 dieser Anzeigen tatsächlich auch Nachweise oder Unterlagen über die Rechtmäßigkeit der geplanten Transaktion beigefügt.
Solche Aussagen finde ich schon etwas seltsam. Erwarten die IFAW-Ermittler etwa, dass die Anbieter die Unterlagen zum Download oder als Bild der Anzeige hinzufügen? Und wer diese Dokumente nicht direkt mit einstellt, fällt durch das Raster und macht sich verdächtig? Seit wann wird von den Kleinanzeigenportalen vorausgesetzt, dass die Papiere direkt mit eingestellt werden müssen? Ist bei KFZ-Kleinanzeigen auch vorgeschrieben, dass die Fahrzeugpapiere der jeweiligen Anzeige beigefügt werden sollen und wer dies nicht tut, ist ein mutmaßlicher Autoschieber? Bei meinen Transaktionen war es bisher der übliche Weg, dass man den Anbieter angeschrieben und sich dabei dann auch direkt nach den jeweiligen Papieren erkundigt hat. Aber das fällt vermutlich unter „weitere aufwendige Prüfung“, die von den Ermittlern gescheut wurden.
Aufgefallen ist der Organisation [Pro Wildlife], dass sich im nordrhein-westfälischen Hamm im Umfeld einer Reptilienbörse eine regelrechte Drehscheibe für die Tiere in ganz Europa entwickelt habe.
Die finden auch echt alles heraus. Demnächst finden sie heraus, dass im Umfeld von Fußballspielen immer wieder rechtsradikale Hooligans aktiv sind. Was uns dazu führt, dass Fußballspiele deswegen natürlich verboten werden müssen. Allein schon wegen der immensen Kosten für Großeinsätze der Polizei. Tja... Adieu Bundesliga! An diesem Zitat aus dem TAZ-Artikel sieht man mal wieder, dass die Studie auch für das von Pro Wildlife und Co. geforderte und im Koalitionsvertrag der Großen Koalition verankerte Verbot von Terraristikbörsen herangezogen wird. Was natürlich unlogisch ist, weil dieser Parallelmarkt nicht auf die Veranstalter der Terraristika Hamm selbst zurückzuführen ist, deren Börse nur die Kulisse darstellt, illegale Aktivitäten jedoch in keiner Weise von ihnen unterstützt werden.

Es wird durch solche Argumentationen aber sehr deutlich, wohin die Reise gehen soll, auf die uns insbesondere Pro Wildlife mitnehmen möchte: Artgeschützte Wildtiere werden von diesen NGOs allesamt als „aus der Natur entrissen“ deklariert. Börsen sollen bekanntermaßen ohnehin abgeschafft und der Handel im Internet dank dieser IFAW-Studie ebenfalls weitestgehend eingedämmt werden. Natürlich vollkommen unbegründet in Anbetracht der Tausenden Nachzuchten von Griechischen Landschildkröten, Königspythons und Co. Die fallen nun aber leider ebenfalls in die Kategorie „artgeschützt“ und somit auch in die geforderten Handelsverbote. Böse Wildtierhalter wie ich sollen so von ihren Bezugsquellen abgeschnitten werden und die Terraristik auf diesem Wege langsam ausbluten. Der Zoofachhandel, der tatsächlich in Massen mit Wildfängen von nichtgeschützten Arten handelt, wird jedoch aus wirtschaftlichen Interessen nicht kritisch angefasst. Unfair? Willkommen in Deutschland! 

Himmelblauer Zwergtaggecko
Nachzucht aus Privathand
In der Studie wird in einer Randbemerkung die Problematik des Handels mit dem Himmelblauen Zwergtaggecko aufgegriffen. Es wurden 68 dieser Tiere in insgesamt 32 Angeboten im Internet gehandelt. Meine Fragen lauten: Na und? Wo gibt es den Beweis, dass dies überhaupt Wildfänge waren? Die Erwähnung dieser Art empfinde ich als extrem heuchlerisch. Im Zoofachhandel findet man diese Geckos fast ausschließlich als Wildfänge (also aus der Natur entnommene Exemplare!), da dies billiger und somit lukrativer für einen gewinnorientierten Händler ist. In den privaten Internetanzeigen bieten hingegen sehr viele versierte Züchter Ihre eigenen Nachzuchten dieser Art an (das sind dann eben keine aus der Natur entnommene Exemplare!). Diese Privatanbieter haben weniger den finanziellen Gewinn beim Handel mit diesen und anderen Reptilien im Hinterkopf, sondern primär ist die Nachzucht (das Erleben, wenn ein niedlicher Babygecko aus seiner Eihülle schlüpft) ein elementarer und freudiger Bestandteil der Terraristik. Die Kosten für die Aufzucht übersteigen in der Regel auch die Gewinne beim Verkauf der nachgezüchteten Tiere, insbesondere weil der gewerbliche Handel mit seinen Wildfängen die Preise drückt. In der Konsequenz wurde also erneut an der gänzlich falschen Stelle ermittelt, um die private Haltung von Reptilien zu diskreditieren!

Auf der anderen Seite ist natürlich auch nicht alles unproblematisch im Netz. Kürzlich stieß ich in einer Kleinanzeigengruppe auf Facebook auf die Anfrage eines Halters, der das Bild einer frisch erworbenen Boa präsentierte und die Gruppe um Identifizierung der genauen Unterart bat. Dass er für dieses Tier eigentlich einen Herkunftsnachweis inkl. Artbezeichnung besitzen müsste, war ihm demnach offenbar gar nicht bekannt. Ähnliche Missstände habe ich allerdings auch schon in Zoofachgeschäften erleben müssen. Solche Einzelfälle sind natürlich eine Schande und werfen leider ein schlechtes Licht auf die gesamte Terraristik. Über einen aufgeflogenen Reptilienschmuggel wird in den sensationsgeilen Medien natürlich auch eher mal berichtet als über erfolgreiche Nachzuchten von geschützten Tieren in Privathand, wodurch das öffentliche Meinungsbild verzerrt wird. Deswegen jedoch jeden, der ein artgeschütztes Tier aus seiner eigenen Nachzucht im Internet anbietet, als Wildtierschmuggler zu verdächtigen, ist eine ungeheuerliche Verleumdung!

Fazit:
Dass der illegale Handel mit geschützten Tieren unterbunden werden und von verantwortungsvollen Terrarianern nicht unterstützt werden sollte, versteht sich ja sicherlich von selbst. Die Anzahl an gehandelten Tieren, die in den CITES-Anhängen gelistet sind, gibt jedoch für sich genommen keinen Aufschluss darüber, ob es sich um illegale oder vollkommen legale Aktivitäten (z.B. Handel mit Nachzuchten) handelt. Hier wären intensivere Ermittlungen nötig, ehe man mit solchen Ergebnissen im Gepäck die Politik dahingehend beeinflussen möchte, einen Handel mit geschützten Wildtieren im Internet grundsätzlich zu verbieten. Denn Mutmaßungen und Schätzungen sind an dieser Stelle unangebracht. Bei den bisher von mir erlebten Privatabgaben habe ich zwar schon diverse tierschutzrechtliche Mängel beobachtet (insbesondere bei den nichtgeschützten Arten), illegaler Wildtierhandel ist mir bisher allerdings noch nicht untergekommen und ich bin schon eine Weile in diesem Bereich tätig. CITES ist meiner Meinung nach ein gutfunktionierendes Werkzeug, um den Handel mit geschützten Arten zu steuern, welches jedoch durch die Mutmaßungen des IFAW und der aus meiner Sicht verleumderischen Auslegung der Ergebnisse seitens Pro Wildlife in seinen Grundfesten erschüttert wird.

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