Mittwoch, 5. November 2014

Faunenverfälschung durch ausgesetzte Terrarientiere

Immer wieder liest man Aussagen von sogenannten „Experten“ von PETA, Pro Wildlife, Tierschutzbund und Co., dass von ausgesetzten „Exoten“ eine große Gefahr für einheimische Spezies ausgehen würde. Es mag vielleicht sein, dass manche Arten einen Sommer lang bei uns überleben können. Beim nächsten Winter ist jedoch schon wieder Schluss mit dem Spuk. Nur ein kleiner Teil der Arten kann theoretisch das ganze Jahr über in Deutschland überleben. Ob sich diese Arten jedoch auch vermehren können, ist bisher nur bei einer Reptilienart, der Rotwangen-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta elegans), erwiesen.

Diese Erkenntnis hält jedoch die Tierrechtsszene nicht davon ab, weiter mit dem Schreckgespenst der Faunenverfälschung daherzukommen. Wie hoch die Wahrscheinlichkeit tatsächlich ist, dass ein Reptil als Faunenverfälscher auftritt, lässt sich ganz einfach ermitteln.

Zu diesem Zweck gibt es die Global Invasive Species Database (GISD).
Darin finden sich 87 invasive Arten für Deutschland. Darunter lediglich 2 Reptilienarten und 1 Amphibienart. Bei den Reptilien sind es die bereits erwähnte Rotwangen-Schmuckschildkröte sowie überraschenderweise die Kornnatter (Pantherophis guttatus), bei der jedoch eher zu bezweifeln ist, dass sie sich in unserem Klima überhaupt vermehren und dauerhaft etablieren kann. Bei den Amphibien ist nur der Nordamerikanische Ochsenfrosch (Lithobates catesbeianus) als invasive Spezies für Deutschland gelistet.

Global betrachtet treten laut Datenbankabfrage insgesamt 46 Reptilienarten und 24 Amphibienarten als invasive Spezies in Erscheinung.

Setzt man diese Zahlen in Relation zu allen bisher bekannten Reptilien- und Amphibienarten, wird die Panikmache der Tierrechtsszene zum Thema Faunenverfälschung ordentlich gedämpft:

In der „Reptile-Database“ sind aktuell 10.038 bekannte Reptilienarten gelistet. Erst kürzlich wurde die 10.000ste Reptilienart beschrieben: Cyrtodactylus vilaphongi, ein Bogenfingergecko. Abzüglich der 14 einheimischen Reptilienarten, die logischerweise gar nicht als Faunenverfälscher in Erscheinung treten können (auf das gesamte Deutschland betrachtet, lokal natürlich schon), bleiben noch 10.024 Spezies übrig. Der prozentuale Anteil aller bekannter Reptilienarten, die in Deutschland als invasive Spezies einzustufen sind, beträgt 0,02 % (weltweit 0,46 %). 
 
 
 
Das „AmphibiaWeb“ gibt derzeit eine Anzahl von 7.342 bekannten Amphibienarten an. Abzüglich unserer 19 einheimischen Arten bleiben 7.323 Spezies für die Berechnung übrig. Der prozentuale Anteil aller bekannter Amphibienarten, die in Deutschland als invasive Spezies einzustufen sind, beträgt 0,01 % (weltweit 0,33 %).
 

Wer bei den Diagrammen vergeblich den Balken für die invasiven Arten in Deutschland sucht, dem sei gesagt, dass die geringe Anzahl solcher Spezies statistisch wenig Relevanz zeigt und daher in diesem Verhältnis grafisch kaum dargestellt werden kann.

Diese Ergebnisse lassen sich im Rahmen der Wahrscheinlichkeitsrechnung auf jede x-beliebige Reptilien- bzw. Amphibienspezies übertragen: Die Gefahr, dass eine neue Reptilienart innerhalb der Terraristik in Deutschland als Faunenverfälscher auftritt, beträgt statistisch somit gerade einmal 0,02 %. Geforderte Verbote der Haltung von Reptilien und Amphibien, mit der Begründung der Faunenverfälschung, sind somit überzogen und entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage.

Dennoch sollen diese Zahlen kein Freifahrtschein dafür sein, seine Tiere einfach so auszusetzen oder im öffentlichen Raum herumspazieren zu lassen. Auch von Tieren, die keine dauerhafte Population in Deutschland aufbauen können und somit nicht als invasive Spezies (Neozoon) in Erscheinung treten, geht eine gewisse Gefahr aus. Primär wären hierbei insbesondere bei wildgefangenen Amphibien Krankheitserreger wie das Rana-Virus oder der Chytridpilz zu nennen. Der Molch für den Gartenteich aus dem Baumarkt gehört also in ein artgerechtes Aquarium bzw. Aquaterrarium und nicht in einen ungesicherten Gartenteich! Auch nordamerikanische Krebse können durch die Übertragung der Krebspest einheimische Populationen des Europäischen Flusskrebses (Astacus astacus) ausrotten ohne sich dafür selbst dauerhaft in Deutschland etablieren zu müssen.

Heimtiere haben grundsätzlich nichts im öffentlichen Raum zu suchen, sofern der Einfluss auf einheimische Arten nicht ausgeschlossen werden kann! Terrarientiere wie Reptilien und Amphibien sind daher in Transportbehältnissen unter Beachtung der gebotenen Sicherheits- und Hygienestandards zu transportieren, Hunde sind außerhalb von abgegrenzten Hundeplätzen dauerhaft an der Leine zu führen und Katzen gehören ins Haus, an die Leine oder, wenn es denn gar nicht anders geht, eben vor die Flinte eines Jägers.

Zum Abschluss noch eine kleine Randnotiz, die der Kuscheltierrechtsszene zu denken geben sollte:
In der GISD tauchen 13 Säugetierarten auf, die in Deutschland als invasive Spezies in Erscheinung treten. Darunter befindet sich auch der Haushund. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein x-beliebiges Säugetier in Deutschland als invasive Spezies in Erscheinung tritt, beträgt nach der oben erläuterten Berechnung 0,24 % und ist damit zwölfmal so hoch wie bei einem Reptil und vierundzwanzigmal so hoch wie bei einer Amphibie.

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