Freitag, 24. Oktober 2014

Falsche Zahlen in der Rheinischen Post zum NRW-Gefahrtiergesetz

Kurz nach Verkündigung der Eckdaten zum neuen Gefahrtiergesetz in Nordrhein-Westfalen, berichtete natürlich auch die Presse über das dortige Vorgehen. So beispielsweise die Rheinische Post (RP) in ihrem Portal rp-online.de mit ihrem Artikel: „NRW-Minister will giftige Haustiere verbieten“. Die Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde e.V. (DGHT) teilt solche Artikel fleißig auf Facebook, ohne sie jedoch direkt zu kommentieren*. Dies wäre allerdings bitter nötig, da der o.g. Artikel diverse fehlerhafte Zahlen enthält, die ein komplett falsches Bild der Lage in der Öffentlichkeit vermitteln und daher nicht unkommentiert verbreitet werden sollten.

Entweder wurde von der RP-Redaktion geschlampt und die von der Tierrechtsszene verbreiteten Aussagen (vielleicht mit dem NRW-Umweltministerium als Zwischeninformant) ohne weitere Recherche blind übernommen oder es steckt eine absichtliche Propaganda dahinter. Ich habe jedenfalls die Hintergründe und die korrekten Zahlen recherchiert, was eigentlich die Aufgabe eines bezahlten Redakteurs der RP gewesen wäre. Ich sage nur Sorgfaltspflicht nach Pressekodex Ziffer 2. Das rechtfertigt eigentlich schon wieder eine Beschwerde beim Deutschen Presserat. Die getätigten Aussagen sind nämlich nachweislich falsch. Ich zitiere aus dem o.g. Artikel und stelle die korrekten Daten im Folgenden dar:
Wegen giftiger Tiere ist die Feuerwehr Düsseldorf in diesem Jahr bereits 57-mal ausgerückt.
Fragen wir doch einfach mal direkt dort nach: Laut Auskunft von Michael Harzbecker, Leiter der Reptilienfachkundigengruppe der Feuerwehr Düsseldorf, ist diese Angabe so nicht korrekt. Bei den 57 Einsätzen „handelt es sich um Einsätze mit Tieren wie exotischen Spinnen, heimischen Spinnen, Echsen, exotischen sowie heimischen Schlangen“, so Harzbecker. Demnach werden im besagten Artikel Gittiereinsätze aufgeführt, die in Wahrheit Tiere betreffen, die gar nicht unter die neue Gefahrtierregelung fallen und auch keine Gefahr darstellten. Einsätze mit echten Giftschlangen kämen laut Aussage des Gruppenleiters zwar vor, seien aber äußerst selten. Involviert war die Fachkundigengruppe für Reptilien der Düsseldorfer Feuerwehr dieses Jahr bei der Serumbeschaffung zweier Giftschlangenbisse. Diese Vorfälle betrafen bis heute immer nur den direkten Halter und keine unbeteiligten Bürger, erläutert Harzbecker. Die neue Gesetzgebung sieht der Gruppenleiter ebenfalls kritisch: „Ich befürchte ein Aussetzen gefährlicher Tiere und somit eine Gefahrenzunahme. Selbstverständlich haben wir dies dem Minister auch so zu Bedenken mit gegeben.“ Leider wurde dieser fachkundige Rat offenbar nicht beherzigt. 
Ihre Kölner Kollegen sammelten 19 entfleuchte Schlangen, zehn Spinnen, acht Bartagamen, einen Skorpion und eine Reihe anderer Amphibien ein.
Natürlich habe ich auch bei der Feuerwehr Köln um weitere Informationen gebeten. Eine Statistik über die jeweilige Art der aufgefundenen Tiere und somit über die Gefährlichkeit wird nicht geführt. Auch ob es sich um exotische oder einheimische Arten handelt, wird in der Statisitik des Tiertransportwagens der Kölner Feuerwehr nicht erfasst. Bei dem Großteil der Tiertransporte soll es sich allerdings um Tiere wie Hunde und Katzen handeln. In der Jahresbilanz 2013 können laut Aussage meines Kontaktes rund 30 von insgesamt ca. 1.600 Tiertransporten in die Kategorie „exotisches Heimtier“ eingeordnet werden. Das macht einen Anteil von gerade einmal rund 2 %! Bei den restlichen 98 % der Einsätze handelt es sich um einheimische Arten oder domestizierte Heimtiere. Auch wenn es keine Statistik über die Gefährlichkeit der sogenannten Exoten gibt, gehe ich fest davon aus, dass es sich durchweg um ungefährliche Arten handelte. 
Bestehende Haltungen sind nur indirekt betroffen. Für sie ist eine Übergangsregelung bis zum Tod der Tiere geplant.
Diese Übergangsregelung wird, nach aktuellem Stand der Dinge, die Halter sehr wohl mehr als nur indirekt betreffen. Die Nachzucht wird verboten, weil die Bestände ja auslaufen sollen. Somit wird den betroffenen Haltern ein elementares Erlebnis und Bestreben der Terraristik genommen. Des Weiteren müssen diese Halter dann ebenfalls ihre Sachkunde und Zuverlässigkeit nachweisen. Theoretisch Dinge, die für verantwortungsvolle Halter kein Problem sein sollten. Doch man weiß nicht, was so alles im Detail gefordert wird. Wenn jemand z.B. mal bei Rot mit dem Fahrrad über eine Ampel gefahren ist, dabei von der Polizei erwischt und daraufhin eine Ordnungswidrigkeit festgestellt wurde, kann ihm die erforderliche Zuverlässigkeit womöglich bereits abgesprochen werden und die Tiere werden beschlagnahmt (in anderen Bundesländern bereits geschehen). Hier spielt der Artikel die Situation der betroffenen Halter herunter.
Immer wieder entweichen die gefährlichen Exoten aus ihren Terrarien und können zur tödlichen Gefahr für ihren Besitzer und andere werden. So war etwa ein 53-Jähriger aus Kerken von seiner eigenen Puffotter lebensgefährlich verletzt worden. Der Mann war beim Wechseln des Wassers im Terrarium von dem Reptil gebissen worden. Im Juni sorgte ein Duisburger nach einem Klapperschlangenbiss für bundesweite Schlagzeilen, weil ein Polizeihubschrauber das Gegenmittel aus München einfliegen musste.
Wo lag bei diesen Fällen nun eigentlich die Gefahr für Unbeteiligte? Was hinter verschlossenen Türen vorgeht und in welche Gefahr sich die Leute dahinter begeben, ist doch wohl die freie Entscheidung eines jeden einzelnen Bürgers. Manche Leute finden nun einmal Befriedigung darin, wenn sie in artgerechten Terrarien ihre Giftschlangen beobachten und nachzüchten können, andere basteln gerne an elektrischen Schaltkreisen herum und wieder andere finden es geil sich beim Liebesspiel mit Seidenschals zu würgen. Werden nun auch Heimwerkerbedarf und Seidenschals verboten, weil ab und an mal jemand bei solchen Freizeitaktivitäten verletzt wird oder sogar stirbt? Natürlich nicht, weil darum dann kein Medienrummel gemacht wird, sondern solche Vorfälle einfach nur als „häuslicher Unfall“ eingestuft werden. Doch wo liegt der Unterschied?
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes werden jährlich bis zu 800 000 Reptilien nach Deutschland eingeführt.
Bei den 800.000 Reptilienimporten handelt es sich um eine veraltete Zählung. Mittlerweile wird der Markt wesentlich stärker mit Nachzuchten versorgt. Die jüngste veröffentliche Statistik des Statistischen Bundesamtes spricht von ca. 320.000 importierten Reptilien im Jahr 2013 – Tendenz sinkend! Dabei handelte es sich größtenteils um harmlose Arten und Farbvarianten von Züchtern aus den USA und nicht um gefährliche Exemplare. Was hat die im Artikel angegebene Zahl, würde sie denn heutzutage noch stimmen, also bitte mit dem Thema „Gefahrtiere“ zu tun?
Der Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe (ZZF) schätzt, dass bundesweit in mehr als vier Millionen Privathaushalten wildlebende Arten gehalten werden.
Auch diese Aussage ich grundlegend falsch, was innerhalb von 5 Minuten recherchiert werden kann. Es scheint mir fast so, als würde die RP eine kurze Recherche bereits scheuen und stattdessen einfach nur Textbausteine verwenden, die von dubiosen Experten (vermutlich aus der Tierrechtsszene) vorgegeben wurden. Laut einer vom ZZF im April 2012 in Auftrag gegebenen Studie eines Marktforschungsinstitutes, deren Ergebnisse auf einem Terraristik-Symposium im November 2013 dargestellt wurden, befinden sich ca. 800.000 Terrarien in deutschen Haushalten mit wiederum einigen Millionen Reptilien, Amphibien und Wirbellosen. Primär natürlich harmlose Arten wie z.B. Bartagame, Kornnatter oder auch Stabschrecke. Eine Pressemeldung des ZZF diesbezüglich hätte von einem hauptberuflichen Zeitungsredakteur in wenigen Minuten gefunden werden können: ZZF-Symposium 2013 zur Terraristik: Im Trend sind artgerecht zu haltende kleine Arten
Somit käme man auf höchstens 800.000 Haushalte. Da in vielen Terrarianerhaushalten gleich mehrere Terrarien stehen, sind es sogar noch weitaus weniger. Die für das Jahr 2014 vom ZZF veröffentlichten Zahlen geben an, dass die 800.000 Terrarien in 1 Prozent der deutschen Haushalte stehen (= ca. 400.000 Haushalte)! Eine Anzahl von vier Millionen Haushalten wäre wünschenswert, denn dann würden wir keine Randgruppe mehr sein und könnten eine vernünftige Lobby aufbauen, mit der massiv Druck auf die Politik zur Verhinderung irgendwelcher unfairen Regelungen ausgeübt werden könnte. So wie die Katzenhalter mit ihren ca. 8 Millionen Katzen der Tierrechtslobby den Rücken stärkte und in NRW das Jagdrecht auf streunende Katzen kippte. Ebenfalls ein Tierschlag für den Natur- und Artenschutz, ausgeführt durch die Jäger, die sich dem Schutz einheimischer Arten verschrieben haben (durch das Wildern streunender Katzen werden geschützte Vögel, Säugetiere, Reptilien und Amphibien dezimiert und Räuber wie Füchse, Luchse oder Wildkatzen bekommen einen unnatürlichen Nahrungskonkurrenten).
Laut Tierschutzbund mussten Tierheime in den vergangenen fünf Jahren rund 30 000 Reptilien aufnehmen, darunter gefährliche Arten wie Schnappschildkröten und Riesenschlangen.
Wie ich bereits hier nach eigenhändiger Recherche ausführlich darstellte, wurde diese Zahl vom Tierschutzbund mittels einer Hochrechnung aus der Luft gezaubert. Tatsächlich wurden in den letzten 5 Jahren in 214 Vereinen des Tierschutzbundes insgesamt ca. 9.000 Reptilien aufgenommen. Also weniger als ein Drittel der in der Öffentlichkeit verkündeten Anzahl. Da es im RP-Artikel schließlich um Gefahrtiere geht, wäre es interessant zu erwähnen, dass davon lediglich 11 Tiere als gefährlich einzustufen sind (1 Brillenkaiman, 2 Giftschlangen und 8 potentiell gefährliche Riesenschlangen). Das macht einen prozentualen Anteil von statistisch kaum noch relevanten 0,1 %. Setzt man diese Zahl ins Verhältnis zu den in Tierheimen abgegeben domestizierten Tieren, landet man im statistischen Spurenbereich (ca. 0,002 %), der schlichtweg zu vernachlässigen ist. Noch! Denn sobald ein Verbot in Kraft tritt, wird die Anzahl an ausgesetzten oder beschlagnahmten Gefahrtieren natürlich sprunghaft ansteigen. Sehr scheinheilig ein Verbot mit der Tierheimsituation zu begründen.

Als Reaktion habe ich inzwischen diese Pressemeldung mit den korrekten Zahlen geschaltet: NRW-Umweltministerium verkündet Eckdaten für neues Gefahrtiergesetz

Eine Beschwerde an die Redaktion ist ebenfalls rausgegangen. Notfalls reiche ich auch wieder Beschwerde beim Deutschen Presserat ein. Wegen eines Fehlschlages (ich sag nur „Salmonellenpanik“) stecke ich nicht den Kopf in den Sand. Einseitiger und nachweislich falscher Propaganda gegen die Terraristik muss dringend Einhalt geboten werden!
 
*Immerhin wurde mittlerweile eine Pressemeldung zu den Eckpunkten des neuen Gefahrtiergesetzes von der DGHT verfasst: NRW-Gefahrtiergesetz: Nutzlose Verbote statt sinnvoller Regelungen

 


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