Dienstag, 1. Juli 2014

Die Problematik mit dem Himmelblauen Zwergtaggecko (Lygodactylus williamsi)

Männchen von Lygodactylus williamsi
Der Himmelblaue Zwergtaggecko (Lygodactylus williamsi), auch Türkis-Zwerggecko genannt, ist ein bis zu ca. 10 cm großer Gecko, welcher nach aktuellen Erkenntnissen nur in einem wenige Quadratkilometer großen Gebiet in Tansania vorkommt. Männchen dieser Art tragen ein leuchtend blaues Schuppenkleid und sind in der Terraristik sehr beliebt. Dieser Gecko wurde 2012 allerdings in die Rote Liste der Weltnaturschutzunion als „vom Aussterben bedroht“ aufgenommen, weil in einem Zeitraum von 2 Jahren die zu beobachtende Population um etwa 68 % sank (FLECKS et al.). Diese Einstufung hat jedoch auf den Handel mit Wildfängen dieser Art keinerlei Auswirkung, da nur die CITES-Behörden den Handel durch Listung in einem der drei Anhänge des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (WA) reglementieren könnten. Tansania ist selbst CITES-Mitglied, eine Listung von Lygodactylus williamsi als WA-Art ist allerdings vorerst nicht abzusehen. Das Land verhängte zwar ein Ausfuhrverbot, jedoch ändert dies aufgrund des fehlenden Eintrags im WA nichts am bestehenden Handel von Wildfängen dieser Art. Die Tiere werden als Lygodactylus sp. aus Tansania exportiert und als Lygodactylus williamsi in der EU und somit auch in Deutschland gehandelt. Diese halblegalen Wildfänge werden z.B. auf Börsen, in Zoofachgeschäften oder von Anbietern im Internet verkauft.

Nun gibt diese Problematik natürlich den radikalen Tierrechtsvereinen Stoff für derbe Kritik an Reptilienbörsen und der Terraristik im Allgemeinen. Ein Börsenverbot wird gefordert, damit diese vom Aussterben bedrohten Tiere nicht mehr in einem derart großen Stil verkauft werden, wie es die Organisationen nach eigenen (und somit nicht ganz unvoreingenommenen) Schätzungen angeben. Bei meinem letzten Besuch auf der Terraristika wurden tatsächlich auch diese Zwergtaggeckos von vielleicht gerade mal 2-3 Anbietern verkauft. Diese waren jedoch durchweg als Nachzuchttiere deklariert. Da dieser Gecko inzwischen in freier Wildbahn so selten geworden ist, sind die Zeiten längst vorbei, in denen Tische mit Dutzenden wildgefangenen Tieren das Börsenbild bestimmten. Ein Blick auf das restliche Angebot dieser Züchter ließ die Deklaration als Nachzuchttiere ebenfalls glaubwürdig erscheinen, weil Anbieter mit Wildfängen oftmals eine ganze Palette an unterschiedlichen Tieren verkaufen und sich nicht auf z.B. verschiedene Zwerggeckos der Gattung Lygodactylus spezialisiert haben. Es handelte sich also offenbar tatsächlich um Nachzuchttiere, deren Handel nicht zu kritisieren, sondern zu befürworten ist. Wenn vom Aussterben bedrohte Arten nachgezüchtet und auf Börsen zur weiteren Nachzucht durch andere Personen verkauft werden, ist dies eigentlich ein Grund zum Feiern und ein positiver Aspekt der Börsen. Da die Nachzucht dieser Art in Gefangenschaft problemlos möglich ist, zeigt der Himmelblaue Zwergtaggecko sowohl die positiven als auch die negativen Auswirkungen, welche die Terraristik auf den Artenschutz haben kann. Kontrollierte Wildfänge zur genetischen Auffrischung des in Terrarien gehaltenen Bestandes an nachgezüchteten Tieren sollten jedenfalls nicht grundsätzlich verurteilt werden. Wildfänge im großen Stil durch Wilddiebe, teilweise sogar inklusive Abholzung der Schraubenbäume (Pandanus rabaiensis), die von Lygodactylus williamsi als Lebensraum genutzt werden, um die Tiere leichter aus den Baumkronen absammeln zu können, sind jedoch zu unterbinden. An den Nachzuchtbemühungen mancher kommerziell denkender Züchter ist aber noch zu kritisieren, dass diese Züchter gezielt hohe Inkubationstemperaturen beim Ausbrüten der Eier wählen, um eine höhere Rate an Männchen in kürzester Zeit zu erhalten, die sich aufgrund ihrer schönen Färbung besser verkaufen lassen. Für eine stabile Erhaltungszucht dieser Art sollten also zukünftig vermehrt Züchter durch niedrigere Inkubationstemperaturen (unter 24 °C) mehr Weibchen „produzieren“, um ein stabiles Geschlechterverhältnis innerhalb der Terraristik zu gewährleisten.

Ein Verbot von Tierbörsen, wie von Tierrechtlern und SPD gefordert, würde das Problem des Aussterbens des Himmelblauen Zwergtaggeckos allerdings in keiner Weise ändern. Damit bekämpft man nur die Symptome, nicht jedoch das eigentliche Übel. Für den Artenschutz ist damit nicht viel getan, weil einerseits dann auch die Erhaltungszucht und der Austausch von Tieren und Fachwissen erschwert und andererseits am legalen Handel mit Wildfängen dieser Art nicht gerüttelt werden würde. Zum Profilieren gegenüber den Wählern und Spendern vielleicht ganz nett, aber nicht nachhaltig für den Schutz dieser Tierart. Der bessere Möglichkeit wäre, diese Art in einem der Anhänge des Washingtoner Artenschutzübereinkommens zu listen, um den Handel nachhaltig und konsequent steuern zu können. Deutschlands wissenschaftliche CITES-Behörde (das Bundesamt für Naturschutz) könnte einen solchen Antrag stellen, welcher dann bei der nächsten Konferenz der Vertragsstaaten des WA beraten werden würde. Hierfür müsste Deutschland jedoch ein berechtigtes Interesse am Schutz dieser Art haben. Weil ein unmittelbares Interesse wohl nicht vorliegt, müsste eine deutsche Delegation nach Tansania fliegen, sich mit der verantwortlichen CITES-Behörde des Heimatlandes dieses Geckos an einen Tisch setzen und diese davon überzeugen, dass eine Antragstellung auf Listung in den Anhängen des WA zu erfolgen hat, um die Bestände von Lygodactylus williamsi zu schützen. Aber das wäre ja unbequeme und evtl. lang andauernde Arbeit, mit der man sich nicht so fabulös und kurzfristig profilieren könnte, wie mit irgendwelchen Verboten.

Eine Listung im Anhang II des WA wäre sicherlich ein händelbares Instrument. Würde die Art jedoch in Anhang I des WA gelistet, würde dadurch allerdings ebenfalls die Weitergabe von Tieren erschwert. Auch könnte eine Listung plötzlich Begehrlichkeiten wecken, die es derzeit noch nicht gibt und somit das Schicksal der Zwergtaggeckos endgültig besiegeln. Daher wäre aktiver Biotopschutz vor Ort die wohl beste Möglichkeit für den Schutz der Art. Daran könnte sich Deutschland beteiligen, indem verstärkt Entwicklungshilfe für Tansania betrieben wird, damit die dortige Bevölkerung die Lebensräume von Lygodactylus williamsi nicht mehr für die Agrarwirtschaft abholzen müsste, wodurch die Flächen für einheimische Pflanzen wie dem Schraubenbaum unbrauchbar werden. Durch gezielte Aufforstung der Schraubenbaum-Wälder würden Arbeitsplätze geschaffen und es könnte durch kontrollierte Wildfänge ein Zubrot für die Bevölkerung ermöglicht werden, die Art würde dann aktiv geschützt und nachhaltig genutzt. Auch für die Bestände innerhalb der Terraristik wären diese Wildfänge eine positive Auffrischung des Genpools. Für eine solche Form der Entwicklungshilfe müsste Deutschland jedoch Geld in die Hand nehmen, was natürlich aus Sicht der Obrigkeit nicht so angenehm ist, wie simple Verbote durchzusetzen, die zwar nichts bringen aber eine weiße Weste verschaffen.

1 Kommentar:

  1. Inzwischen hat sich der Schutzstatus von Lygodactylus williamsi in der EU geändert. Die Art ist seit Dezember 2014 in Anhang B der EU-Artenschutzverordnung gelistet und unterliegt somit auch der Meldepflicht gemäß BArtSchV.

    Weitere Informationen:
    http://terrarianer.blogspot.de/2015/01/neuer-schutzstatus-fur-den-himmelblauen.html

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