Mittwoch, 4. Juni 2014

Nachtrag Nr. 3: „Salmonellenpanik“ im FOCUS


Heute ist viel in Bewegung. Die Antwort vom Berufsverband Deutscher Kinder- und Jugendärzte auf mein heutiges Schreiben kam schneller, als ich erwartet hätte.

Der von der Deutschen Presse-Agentur vermittelte Kontakt teilte mir auf meine Anfrage bzgl. der wissenschaftlichen Studien, welche dem Salmonellen-Artikel zugrunde liegen, einige Quellen und die daraus stammenden Zitate mit. Darunter z.B. Studien und Artikel, welche sich auf die bekannte Studie von Woodward et al. beziehen. Ebenso auch ein paar für mich neue Studien, wie eine interessante Erhebung in Schweden von Wikström et al. oder einen polnischen Artikel von Zajac et al., der (dies betonte meine Ansprechpartnerin beim Berufsverband) von einer Durchseuchungsrate von sogar bis zu 100 % spricht.

Meine Antwort bzgl. dieser neuen Erkenntnisse möchte ich der Öffentlichkeit nicht unterschlagen, da auch dies der Aufklärung dient. Mit einer Aufklärung seitens der Experten vom Berufsverband rechne ich inzwischen leider nicht mehr:
Der Artikel von Pees et al. behandelt eine Studie von Salmonellen-Infektionen bei Kindern und kommt zu dem Ergebnis, dass Reptilien evtl. die Ursache einer Salmonellose sein können, da in einem Teil der untersuchten Haushalte Reptilien gehalten wurden, bei denen ebenfalls Salmonellen festgestellt werden konnten. Dies streite ich auch grundsätzlich nicht ab. Hierbei handelt es sich allerdings um eine nicht repräsentative Vorauswahl, da lediglich Verdachtstiere untersucht wurden und keine Blindstudie mit Stichproben in Haushalten durchgeführt wurde, in denen zwar Reptilien gehalten wurden, jedoch kein Anfangsverdacht für eine Salmonelleninfektion der Tiere bestand. Diese Studie kann also nicht pauschal einer Aussage zugrunde liegen, dass der Großteil der Reptilien in unseren Haushalten mit Salmonellen infiziert ist. Dass lediglich bei 15 von insgesamt 206 untersuchten Salmonellose-Fällen bei Kleinkindern ein Zusammenhang zur Reptilienhaltung gezogen werden konnte, lässt nur eine fachlich korrekte Aussage zu: In ca. 7 % der untersuchten Salmonelleninfektionen bei Kindern unter 3 Jahren konnte ein Zusammenhang mit einer Haltung von Reptilien festgestellt werden. Von der Aussage, dass 90 % aller in Haushalten gehaltenen Reptilien mit Salmonellen infiziert sind, sind wir mit dieser Studie allerdings noch weit entfernt.

Der Artikel von Hilary Rosenthal bezieht sich auf die Studie von Woodward et al., welche die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Erhebung auf speziellen Schildkrötenfarmen in den Vereinigten Staaten darstellt. Und diese Studie wiederum lässt nur eine Aussage zu: Bei 90 % der untersuchten Schildkröten in und von Zuchtfarmen konnten Salmonellen festgestellt werden, welche sich auf die Ernährung dieser Tiere mit Schlachtabfällen aus der Geflügelzucht zurückführen lassen. Die Salmonellen wurden also vom Menschen auf die Tiere übertragen und nicht umgekehrt. Die pauschal auf alle Reptilien übertragene 90%-Angabe aus dem dpa-Artikel wird damit also nicht bestätigt. Auf dieselbe Studie bezieht sich die Aussage von Prof. Borte im Magazin Pädiatrix, welcher sich auf ein Epidemiologisches Bulletin des Robert Koch-Instituts beruft, in dem wiederum ebenfalls die Studie von Woodward et al. als Quelle genannt wird. Was jedoch mehrmals falsch wiederholt und weiterverbreitet wird, wird dadurch nicht unbedingt richtiger. Rabsch bezieht sich ebenfalls auf diese Aussagen des Robert Koch-Institutes, wobei ich das von Ihnen genannte Zitat des Autors, dass alle Reptilien als potentielle Salmonellenträger betrachtet werden sollten, ehe das Gegenteil bewiesen ist, absolut zutreffend finde. Gleiches gilt andererseits aber auch für Geflügelprodukte, rohes Mett sowie andere Haustiere. Wer über Salmonellen informieren möchte, kann gerne auch u.a. Reptilien als potentielle Infektionsquelle nennen. Einseitige Berichterstattung halte ich jedoch weiterhin für eine Meinungsbildung zu Ungunsten der Reptilienhalter.

Die Ergebnisse von Meyer Sauteur et al. zeigen, dass 42 % der untersuchten Schildkröten Salmonellen vom Typ I in sich trugen. Da es sich um eine amerikanische Studie handelt und der Salmonellen-Typ-I die Subspezies ist, welche vom Menschen auf die Reptilien übertragen wird (da dieser Typ in anderen Studien bei freilebenden Reptilien nur selten festgestellt werden konnte), ist eher ein Zusammenhang zu den oben genannten Fütterungsgewohnheiten in amerikanischer Schildkrötenfarmen zu erkennen, als zu einer vorhandenen hohen Durchseuchungsrate bei Reptilien in deutschen Haushalten.

Die schwedische Studie von Wikström et al. kommt auf eine Infektionsrate von 49 %. Diese aktuelle Studie halte ich für wissenschaftlich korrekt durchgeführt, daher wäre die Aussage „49 % der in schwedischen Haushalten gehaltenen Reptilien tragen Salmonellen in sich“ für mich akzeptabel. Hätte die Deutsche Presse-Agentur bzw. der Berufsverband Deutscher Kinder- und Jugendärzte sich auf diese Studie (unter Angabe der Autoren) bei der Erstellung des Artikels berufen, gäbe es für mich keinen Grund für Kritik, obwohl ich eine Erhebung in gerade mal 14 Haushalten nicht unbedingt als sonderlich repräsentativ einstufen würde.

Bleibt zuletzt noch die Studie von Zajac et al. mit der Aussage, dass der Anteil an unbemerkten Salmonelleninfektionen bei Reptilien bis zu 100 % betragen kann. Wohlbemerkt abhängig von Haltung, Fütterung und insbesondere von der Durchführung der jeweiligen Studie. Die wissenschaftliche Durchführung bei der Ermittlung dieser Angabe wird nicht genannt, weswegen diese Zahl keinerlei wissenschaftlichen Wert hat. Diesen Anspruch erheben die Autoren an dieser Stelle aber auch gar nicht. Ich bin des Polnischen zwar nicht sonderlich mächtig, dennoch kann ich die Aussage erkennen, dass laut einer Studie von Pasmans et al. eine Infektionsrate mit Salmonellen bei Wasserschildkröten von gerade einmal 11,3 % festgestellt wurde. Eine weitere genannte Studie von Pêconek et al. kommt auf eine Infektionsrate von 30,5 %. Immer noch weit entfernt von den propagierten 90-100 %.

Es bleibt also weiterhin festzuhalten, dass die im Artikel genannte Pauschalität, dass bis zu 90 % der Reptilien in deutschen Haushalten mit Salmonellen infiziert seien, einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhält. Entweder wurden die zugrundeliegenden Studien und Spekulationen „falsch“ (oder besser gesagt einseitig) interpretiert oder leichtfertig von nicht repräsentativen Einzelfallsituationen auf die Gesamtheit übertragen. Diesen Fehler machte leider auch schon das Robert Koch-Institut, auf welches sich einige weitere Autoren beziehen, ohne die Angabe näher zu überprüfen. Ich würde mir wünschen, dass Sie Ihrerseits für eine Gegendarstellung sorgen oder aber in Zukunft von derart wackeligen Aussagen gegenüber der Presse Abstand nehmen, um eine einseitige Meinungsbildung zu vermeiden. Dass Reptilien Salmonellen übertragen können und gewisse Risikogruppen eine besondere Vorsicht walten lassen sollten, ist korrekt und darüber aufzuklären halte ich selbst für wichtig. Gleiches gilt jedoch auch in Bezug auf andere Haustiere oder die gebotene Küchenhygiene. Panikmachende Aussagen in einseitigen Berichterstattungen dienen nicht der Aufklärung, sondern verunglimpfen die Terraristik, welche einen wichtigen Beitrag zu Umweltbildung, Forschung und Artenschutz leistet.

1 Kommentar:

  1. Kurze Anmerkung bzgl. des aktuellen Standes meiner Beschwerde beim Deutschen Presserat: Heute erhielt ich einen Brief vom Presserat in dem mir der Eingang meiner Beschwerde bestätigt und das weitere Vorgehen erläutert wird. Die Beschwerde wird nun zuerst einmal einer Vorprüfung unterzogen und dann entweder als offensichtlich unbegründet abgelehnt oder aber die Redaktion zu einer Stellungnahme gebeten. Im letzteren Fall ist mir schon klar, dass die Deutsche Presse-Agentur die Verantwortung nur wieder an den Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte abschieben wird. Ich hoffe, dass der Presserat dieses nicht dulden wird, da die dpa den Artikel schließlich in der von mir kritisierten Form ohne Quellenangaben veröffentlicht hat. Ausreden dürften dann also nicht fruchten. Anschließend kommt der Fall in den Beschwerdeausschuss (der allerdings nur viermal im Jahr tagt) wo erneut über die Begründung der Beschwerde entschieden wird. Sollte sie als begründet angesehen werden, wird eine Maßnahme in Form eines redaktionellen Hinweises, einer Missbilligung oder gar einer Rüge ergriffen.

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