Mittwoch, 7. Mai 2014

Ist die Rackhaltung bei Königspython und anderen Reptilien erlaubt?

Königspython (Python regius)
Diese Frage wurde kürzlich in einer Terraristik-Gruppe auf Facebook gestellt, weswegen ich sie einmal ausführlich hier in meinem Blog beantworten möchte. Unter „Rackhaltung“ versteht man die Haltung von Tieren in Schubladensystemen. Diese Schubladen enthalten normalerweise eine Versteckmöglichkeit, eine Wasserquelle, Bodengrund, Belüftungslöcher und werden auf die benötigte Temperatur geheizt. Im Versteck herrscht eine für die Tierart empfehlenswerte Luftfeuchtigkeit. Es gibt auch Systeme, welche den Einbau von Lichtquellen ermöglichen (was bei dämmerungs- und nachtaktiven Tieren bei Vorhandensein eines Tageslichteinfalls meiner Meinung nach jedoch nicht nötig ist). Einzig die Bewegungsmöglichkeiten der in einem Rack gehaltenen Tiere sind eingeschränkt. Die Frage, ob eine solche Haltung rechtlich erlaubt ist, stellt sich immer wieder. Und genau wie bei der Meldepflicht oder der Haltung von diversen „Gefahrtieren“ gibt es dazu verschiedene Ansichten, die vehement verteidigt werden und gerade bei Neulingen in der Terraristik für Verwirrung sorgen. Das Für und Wider in Bezug auf eine Rackhaltung bei Königspython und anderen Reptilien wird immer wieder heiß diskutiert. Plausible Argumente gibt es auf beiden Seiten. Bevor ich selbst meine Meinung zu diesem Thema abgeben möchte, beleuchte ich erst einmal die rechtliche Situation:

Der Haltung von Tieren liegt grundsätzlich erst einmal das Tierschutzgesetz zugrunde. Darin steht nichts über ein Verbot der Rackhaltung. Man darf dem Tier lediglich die Möglichkeit auf Bewegung nicht so sehr einschränken, dass vermeidbare Schmerzen und Leid entstehen. Ob ein Tier nun in einem Rack Schmerzen oder anderes Leid erfährt, ist pauschal nicht so leicht zu beantworten. Der Blick auf den natürlichen Lebensraum sollte hierbei Aufschluss darüber geben, ob ein bestimmtes Tier in einem Rack qualvoll leidet (z.B. Baumbewohner) oder ob ein solcher Lebensraum seinen natürlichen Lebensbedingungen ähnelt (diverse Bodenbewohner). Natürlich gibt es hierbei ebenfalls Diskussionen ob ein Tier nun ein Bodenbewohner ist oder nicht. Manche Terrarianer halten z.B. auch manche Königsnattern oder Leopardgeckos im Rack, da diese häufig zu den Bodenbewohnern gezählt werden. Andere Halter sind der Meinung, dass diese Tiere häufig klettern und daher in einem entsprechend eingerichteten Terrarium gehalten werden sollten.

Im Grunde genommen ist es egal, welche persönliche Meinung die einzelnen Terrarianer in den hitzigen Debatten in Bezug auf eine artgerechte Haltung vertreten. Entscheidend vom rechtlichen Aspekt ist am Ende nur die Beurteilung eines Amtstierarztes, der die Haltung der Tiere begutachtet. Ein solcher Gutachter wird sich nicht nur auf das Tierschutzgesetz beziehen, sondern auch die Mindesthaltungsrichtlinien für Reptilien des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten für sein Urteil einbeziehen. Diese sind für uns Halter zwar nicht bindend, sondern lediglich eine Empfehlung, jedoch eben auch die Richtlinien, nach denen sich ein Gutachter richtet. Die Rackhaltung verstößt bei den meisten Tieren gravierend gegen diese Richtlinien. Dennoch liegt die Entscheidung über die Zulässigkeit einer Haltung beim begutachtenden Amtstierarzt. Manche akzeptieren sehr wohl auch die Rackhaltung, andere eben nicht. Ein gewerblicher Züchter mit jahrelanger Erfahrung steht mit seinen Argumenten für die Rackhaltung oftmals besser da als eine Privatperson, bei der die Rackhaltung schnell als Tierquälerei aufgefasst wird. Theoretisch könnte man es auf einen Prozess ankommen lassen und die Vorteile der Rackhaltung darstellen. Entsprechende Gerichtsurteile zur Rackhaltung gibt es nämlich bisher nicht.*

Bei einem solchen Prozess würde dann sicherlich auch die folgende Stellungnahme einbezogen werden:
Gemeinsame Stellungnahme des AK 8 (Zoofachhandel und Heimtierhaltung) der TVT, des BNA, der AG ARK der DGHT, der DVG-Fachgruppe ZWE, der DVG-Fachgruppe Zier-, Zoo- und Wildvögel, Reptilien und Amphibien und der Reptilienauffangstation München e. V. zur Haltung von Schlangen in  Racksystemen bzw. Schubladen
In dieser Stellungnahme bezieht sich der Arbeitskreis exemplarisch auf den Königspython, da diese Schlange die wohl am häufigsten in Racksystemen gehaltene Schlange ist. Die Stellungnahme kann auf der Website der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz heruntergeladen werden: www.tierschutz-tvt.de/50.html?&eID=tx_rtgfiles_download&tx_rtgfiles_pi1[uid]=195

Ich kritisiere an dieser Stellungnahme mehrere Dinge. Einerseits die Tatsache, dass bei der Erstellung kein einziger Königspython-Züchter angehört wurde, welcher seine Sicht der Dinge und die möglichen Vorteile der Rackhaltung plausibel darstellen konnte. Dies entspricht nicht meinem Verständnis von Demokratie. Die Fachverbände sind in diesem Punkt meiner Meinung nach nicht besser als diverse Parteien, die nur die „Expertenmeinung“ und Statistiken von Tierrechtsvereinen in die Wahlprogramme und politischen Entscheidungen, beispielsweise bei der Erschaffung von Gefahrtierverordnungen, einfließen lassen.

Des Weiteren finde ich die Ansicht in Bezug auf den Königspython unglücklich, dass nur Jungschlangen bis 500 g in Racks gehalten werden sollten, damit sie besser ans Futter gehen. Dabei sind es gerade die jüngeren Königspythons, die häufiger klettern, während adulte Exemplare den Boden als Lebensraum bevorzugen. Wenn eine Jungschlange im Rack weniger Stress empfindet, damit sie besser ans Futter geht, warum sollte man dann einer Schlange ab 500 g den Stress eines großen Terrariums aussetzen? Weil dieses Tier mit 500 g schon aus dem Gröbsten raus ist und eine schlechtere Haltung besser verkraftet? Diese Inkonsistenz ist für mich schlicht und ergreifend unlogisch. 

Auch die Pauschalisierung am Ende der Stellungnahme, die sämtliche weltweit vorkommenden anderen Schlangenarten für die Rackhaltung ausschließt, empfinde ich als viel zu kurz gedacht. Gibt es doch diverse andere bodenbewohnende Schlangen, die für die Rackhaltung geeignet wären. Beispielsweise die Regenbogen-Erdschlange (Xenopeltis unicolor). Dass am Ende die dauerhafte Rackhaltung von nur zwei Schlangenarten als akzeptabel betrachtet wird, sofern die Mindesthaltungsrichtlinien eingehalten werden, ist für mich auch unplausibel. Wenn zwischen den Anforderungen von Terrarium und Rack kein Unterschied gemacht wird, sind die Ausführungen zur Rackhaltung irgendwie sinnlos. Den folgenden Passus kann ich ebenfalls nicht nachvollziehen, wo doch meiner Meinung nach Baumbewohner ohnehin nicht für die Racksysteme geeignet sind, auf welche sich die Stellungnahme bezieht:
Der zur Verfügung stehende Raum jeder Box ist artspezifisch zu gestalten, z.B. mit Ästen, die die Nutzung des gesamten Volumens für Baumbewohner ermöglichen [...]

Trotz meiner Ausführungen bin ich persönlich kein Verfechter der Rackhaltung und stimme in den meisten Punkten mit der Stellungnahme des Arbeitskreises der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz und den Fachverbänden überein. Andererseits sehe ich auch nach Gesprächen mit Züchtern gerade in Bezug auf den Königspython die Vorteile, welche ein Racksystem bietet. Die Lösung ist demnach wohl eine Art Kompromiss. Die Mindesthaltungsrichtlinien, welche sich bei dieser Schlange auf eine alte Forschungsarbeit aus Nigeria beziehen, halte ich für nicht gerade vorteilhaft. Darin wird der Königspython als teilweise baumbewohnend bezeichnet. Es liegt jedoch der Verdacht nahe, dass bei der zugrundeliegenden Forschungsarbeit entweder ein baumbewohnender Python mit einem Königspython verwechselt wurde oder aber (zu Show-Zwecken bei der Fotodokumentation) ein adulter Königspython sogar absichtlich in einem Baum gesetzt wurde. Der kurze Schwanz der Tiere, welcher nicht effektiv als Greif- und Kletterwerkzug agieren kann, ist ein klares anatomisches Zeichen für die bodenbewohnende Lebensweise. Folgt man den Mindesthaltungsrichtlinien blind und bietet dem Königspython ein recht hohes Terrarium, kommt es schnell zu Stress und damit Futterverweigerung. Dies habe ich selbst bei meinen Tieren erlebt. Erst als ich eine Art Zwischendecke an der Terrarienrückwand installierte, war das Problem vom Tisch. Kletteräste werden meinen Beobachtungen nach von adulten Königspythons nur sehr selten genutzt und wenn, dann stellen sich die Tiere dabei nicht sonderlich geschickt an. Die Haltung eines Königspythons in einem in der Höhe abweichend von den Mindesthaltungsrichtlinien etwas reduzierteren Terrarium halte ich daher für die beste Lösung. Diese Ansicht wird auch durch eine Aussage in der Stellungnahme der TVT und Fachverbände bekräftigt:
Die Höhe sollte eine dreidimensionale Fortbewegung erlauben, muss aber nicht vollständig mit dem Reptiliengutachten übereinstimmen.
Trotzdem würde ich im Einzelfall eine Rackhaltung von Königspythons mit den richtigen Haltungsparametern als wesentlich artgerechter bewerten als ein riesiges Terrarium, in dem sich die Schlange wie auf dem Präsentierteller fühlt. Kletteräste ändern an diesem Stress dann nämlich auch nichts mehr. Im Gegenteil: Spätestens nach dem ersten Absturz der plumpen Schlange aus größerer Höhe kann es zu Futterverweigerung kommen. Die Tatsache, dass insbesondere der Königspython in Racksystemen oft besser gedeiht, spricht objektiv betrachtet für diese Haltungsform. Auch wenn sie für mich nicht infrage kommt, würde ich sie deswegen nicht aus emotionalen Tierrechtsgedanken als qualvolle, an Massentierhaltung grenzende Haltungsform abstempeln.

*Nachtrag:
Wenige Wochen nach der Veröffentlichung dieses Artikels, fällte das Verwaltungsgericht Düsseldorf ein Urteil zur Rackhaltung (Az. 23 K 5500/12): Im besagten Fall wollte eine Königspythonzüchterin ihre Erlaubnis für die gewerbsmäßige Zucht nach § 11 TierSchG verlängern lassen. Die zuständige Amtstierärztin äußerte Bedenken bezüglich der vorgefundenen Rackhaltung. Die Züchterin bekam die Auflage, die Rackhaltung gemäß der o.g. „Rackhaltungs-Stellungnahme“ des AK 8 zu betreiben. Da die Züchterin jedoch auch adulte Schlangen in den Racks halten wollte, legte sie Widerspruch ein und erhob schließlich Klage vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf, wo sie die Vorteile der Rackhaltung darstellte. Die beklagte Amtsveterinärin erläuterte ihren Standpunkt, der zusammengefasst darauf beruhte, dass aus der zurückgezogene Lebensweise von Königspythons in freier Natur nicht geschlussfolgert werden könne, den Bewegungsfreiraum dieser Tiere in einem Rack vollkommen einzuschränken. Unter Bezugnahme auf die vorliegenden Gutachten und Stellungnahmen zur Rackhaltung entschied das Gericht schließlich, dass für eine verhaltensgerechte Unterbringung von Schlangen der Art Python regius ein größerer Platzbedarf benötigt wird, als es Rackschubladen ermöglichen. Laut Gericht fordert § 2 TierSchG die verhaltensgerechte und nicht etwa nur „die gesunde, das Überleben sichernde […] Unterbringung“. Rackschubladen sind laut Gerichtsurteil bei adulten Exemplaren nur zulässig, wenn sie die Mindestmaße (1 x 0,5 x 0,75 x Gesamtkörperlänge) nicht unterschreiten. Dies empfinde ich als klaren Widerspruch zur Stellungnahme des AK 8, die vom Gericht als „eine taugliche Orientierungshilfe für den Vollzug des Tierschutzgesetzes“ bezeichnet wurde, laut der die Höhe nicht vollständig mit dem Reptiliengutachten übereinstimmen muss.

Fazit: 
Die Rackhaltung ist somit zwar grundsätzlich nicht verboten, jedoch gibt es viele fachliche Gegenstimmen, welche im Falle einer Kontrolle wohl eher zu einer Änderungsauflage der Haltungsweise führen würden, anstatt dass man mit der Rackhaltung durchkommt. Vor Gericht muss zwar weiterhin der Einzelfall entschieden werden, weil das Urteil des Verwaltungsgerichts Düsseldorf kein Grundsatzurteil darstellt, jedoch werden sich andere Gerichte sehr wahrscheinlich nach diesem Urteil richten. Die aktuelle Situation spricht also eher gegen die Haltung von z.B. Königspythons in Racksystemen. Letztlich kann man aber bei jeder Tierhaltung Fehler machen, die Haltungsprobleme verursacht, egal ob das Tier nun in einem Terrarium oder einem Rack gehalten wird.

1 Kommentar:

  1. Noch ein Nachtrag zum Gerichtsurteil: Das Oberverwaltungsgericht Münster ließ ein von den Schlangenzüchtern beantragtes Berufungsverfahren nicht zu, wie die Stadt am 22. Februar 2016 mitteilte.

    In der Konsequenz haben die Züchter ihre Schlangenzucht übrigens ins Ausland (Niederlande) verlagert.

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