Dienstag, 27. Mai 2014

Du sollst keine Spider-Morphs mehr züchten!

Unter diesem polarisierenden Titel meines heutigen Beitrags möchte ich einmal die Gefahren der leichtsinnigen Verpaarung von Königspythons mit der Zeichnungsvariante „Spider“ aufzeigen. Zuerst einmal ein paar Informationen zu dieser Variante. 

„Juvenile male spider (spider-webbed) morph ball python. This is a dominant pattern mutation.“ by WingedWolfPsion http://commons.wikimedia.org/wiki/Python_regius#mediaviewer/File:Spider_Morph_Ball_Python.png is licensed under a Creative Commons license: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/
Wie man auf dem Foto erkennen kann, zeigt ein Spider an den Flanken dünne (an ein Spinnennetz erinnernde) Querstreifen. Bei der wildfarbenen Variante (also der Farb- und Zeichnungsvariation, welche sich auf natürlichem Wege im Rahmen der Evolution entwickelt hat) sind diese Streifen wesentlich breiter. Diese Wildform wird in Züchterkreisen auch „Classic“ genannt. Die Zeichnungsvariante Spider wurde erstmalig im Jahre 1999 gezüchtet. Die daraus resultierenden Nachkommen dienen als Zwischenschritt bei der Zucht von weiteren, in der Regel hochpreisigen Designermorphs. 

Nun weiß der aufmerksame Leser meines Blogs, dass ich die ganze Schönzucht in der Terraristik nicht unbedingt gut finde. Im Falle der Zucht mit Spider-Exemplaren sehe ich die Sache allerdings noch eine Nummer kritischer. Spider vermehrt sich nämlich über den dominanten Erbgang. Das ist soweit nicht tragisch. Kritisch zu betrachten ist jedoch, dass sich Spider sogar dominant gegenüber der natürlichen Farbvariante Classic weitervererbt. Das bedeutet, dass ein mischerbiger Königspython, der die Gene für Spider von einem Elternteil und die Gene für Classic von dem anderen Elternteil vererbt bekommt, am Ende die Zeichnungsvariante Spider zeigt, weil Spider als dominante Erbanlage die rezessiven Gene der Wildfarbe unterdrückt. Normalerweise ist die Wildfarbe dominant gegenüber anderen Farbvarianten wie z.B. Albino. Nur in Bezug auf die Spider-Morph zieht das natürliche Erscheinungsbild den Kürzeren.

Die Genetik des dominanten Erbganges ist eigentlich nicht schwer zu verstehen. Grundsätzlich trägt jedes Individuum einen doppelten Chromosomensatz in den Keimzellen. Jeweils eine Hälfte dieses Chromosomensatzes stammt von einem der beiden Elternteile, die ja wiederum ebenfalls einen doppelten Chromosomensatz besitzen. Im folgenden Schema stelle ich die Kreuzung eines reinerbigen Spiders mit einem reinerbigen wildfarbenen Exemplar dar. Das Spider-Gen wird von mir mit einem großen „S“ dargestellt, da es sich um das dominante Gen handelt. Die in diesem Erbgang rezessiv auftretende Wildfarbe wird mit einem kleinen „w“ dargestellt. Ein reinerbiger Spider hat also den doppelten Chromosomensatz „SS“ für Spider und ein reinerbiger Classic hat den doppelten Chromosomensatz „ww“ für die Wildfarbe. Bei der Vererbungslehre nach MENDEL wird jeweils eine Hälfte dieser Chromosomensätze an die Nachkommen vererbt. Daraus ergibt sich das folgende Verhältnis der verschiedenen Nachkommen. Alle rechtsradikalen Blogbesucher, die hier wegen der Suchbegriffe „reinerbig“ und „SS“ zu mir gefunden haben, können übrigens an dieser Stelle gerne wieder abziehen. 

Bei der Kreuzung von einem reinerbigen Spider mit einem reinerbigen Classic entstehen somit Mischlinge mit der Erbanlage „Sw“ im Verhältnis 4:0 (was somit 100 % entspricht). Diese Mischlinge zeigen die Zeichnungsvariante Spider, weil die Wildfarbe unterdrückt wird. Man nennt sie in Züchterkreisen „Spider heterozygot für Classic“. Sie tragen die Gene der Wildfarbe in sich und können diese bei weiteren Zuchtversuchen an ihre Nachkommen weitergeben. Diese Möglichkeiten sehen wie folgt aus:

Bei der Kreuzung von zwei mischerbigen Spiders entsteht ein Verhältnis von 1 reinerbigen Spiders zu 2 mischerbigen Spiders zu 1 reinerbigen Classics (1:2:1). Somit zeigen 75 % der Nachkommen die Zeichnungsvariante Spider und 25 % die wildfarbene Zeichnung. Da man den Tieren nicht ansehen kann, ob sie reinerbige oder mischerbige Spiders sind und somit die Veranlagung für die Wildfarbe in den Genen tragen, spricht man im Züchterjargon bei diesen Nachkommen auch von „Spider possible heterozygot für Classic“.


Bei der Kreuzung von einem mischerbigen Spider mit einem reinerbigen Classic entsteht ein Verhältnis von 2 mischerbigen Spiders zu 2 reinerbigen Classics (2:2). Somit zeigen 50 % der Nachkommen die Zeichnungsvariante Spider und 50 % die wildfarbene Zeichnung. 


Bei der Kreuzung von einem mischerbigen Spider mit einem reinerbigen Spider entsteht ein Verhältnis von 2 mischerbigen Spiders zu 2 reinerbigen Spiders (2:2). Somit zeigen trotzdem 100 % der Nachkommen die Zeichnungsvariante Spider. Auch diese Nachkommen werden als „Spider possible heterozygot für Classic“ bezeichnet, da man ihnen ihre Rein- bzw. Mischerbigkeit nicht ansehen kann.

Soviel zu den Fakten… jetzt wird es emotional:
Die aufgezeigten Erbgänge machen deutlich, dass bei der Zucht mit der Zeichnungsvariante Spider die natürliche Farbvariante verhältnismäßig selten auftritt. Da diese Farbgebung auf dem Markt auch wenig Gewinn erwirtschaftet, weil spektakuläre Farbmorphen, die man mithilfe von Spider züchten kann, gefragter sind, fallen wildfarbene Exemplare bei den meisten großen Züchtern eher als Nebenprodukt an und sind nicht Hauptziel der Zuchtbemühungen. Solange der Genpool in der Terraristik immer mal wieder durch legale Wildfänge und Farmzuchten aufgefrischt wird, sehe ich auch kein Problem darin. Sollte jedoch die EU (ausgehend von den Bemühungen unserer Bundesregierung auf Drängen der SPD und diverser Tierrechtsvereine) tatsächlich ein Importverbot beschließen, wird unser Königspython-Bestand in der EU von diesem Nachschub an frischem Blut abgeschnitten. Dann nimmt die von uns Menschen betriebene Selektion ihren Lauf und innerhalb der Terraristik wird langfristig eine eigene Evolution stattfinden, bei der sich dank des wilden Herumgezüchtes mit der Zeichnungsvariante Spider, diese irgendwann als die neue „Classic-Form“ etablieren und die natürliche Farbgebung des Königspythons vollständig verdrängen wird. Zwar sind natürlich auch diese Spider-Königspythons liebenswerte Geschöpfe, dennoch wäre das nicht der Sinn der Terraristik, welche sich eigentlich der Erhaltungszucht verschreiben sollte. Und dazu gehört auch der Erhalt der Farb- und Zeichnungsvarianten, welche sich die Natur „ausgedacht“ hat.

1 Kommentar:

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