Samstag, 26. Mai 2018

Wildlife Cybercrime – Neue IFAW-Studie veröffentlicht

Diese Woche veröffentlichte der International Fund for Animal Welfare (IFAW) die Ergebnisse einer sechswöchigen Untersuchung von mehr als 100 Online-Marktplätzen und Social Media Plattformen in Großbritannien, Frankreich, Russland und Deutschland im Jahr 2017: Disrupt: Wildlife Cybercrime, Netzwerke zerschlagen – Illegaler Wildtierhandel im Internet

Im Rahmen der Studie wurden mehr als 5.000 Verkaufsanzeigen untersucht und sich dabei auf artgeschützte Tiere konzentriert. Der Anteil an lebenden Reptilien in diesen Inseraten – und nur über diesen Anteil soll es in diesem Artikel gehen – betrug dabei 55 Prozent. Die etablierten Leitmedien berichten bereits mit Schlagzeilen wie „Schwarzmarkt mit geschützten Tierarten boomt” oder „Elfenbein rund um die Uhr” über die (angeblich) neuen Erkenntnisse.

Die Arbeit erinnert mich allerdings sehr stark an eine IFAW-Studie aus dem Jahr 2014. Auch damals wurden während eines sechswöchigen Beobachtungszeitraumes öffentlich geschaltete Internetverkaufsanzeigen nach mutmaßlich illegalem Wildtierhandel durchforstet.

Es heißt zwar Traue keiner Studie, die du nicht selbst gefälscht hast, aber nach objektiver Durchsicht des Methodikteils der aktuellen Studie halte ich die ermittelten Zahlen für seriös. So hat der IFAW seine Zahlen nach eigenen Angaben in Zweifelsfällen deutlich nach unten korrigiert. Offensichtlich betrügerische Inserate (Scams) sind nicht in die Ergebnisse eingeflossen, bei einer unbekannten Anzahl an angebotenen Tieren in einer Verkaufsanzeige wurde lediglich mit einer 1 gerechnet und es wurde sich speziell in Deutschland zunächst auf die Plattform QUOKA.de konzentriert und Dubletten von dortigen Inseraten auf anderen Plattformen wurden nicht beachtet. Sollten die Ergebnisse tatsächlich in dieser Form ermittelt worden sein, sind die nackten Zahlen durchaus als vertrauenswürdig zu bewerten und die tatsächliche Anzahl an im Internet gehandelten artgeschützten Tieren in Wahrheit als sehr viel höher einzuschätzen, als aus den IFAW-Ergebnissen hervorgeht.

Das Problem sind aber meines Erachtens nicht die nüchternen Zahlen an sich, sondern die Schlüsse, die aus ihnen gezogen werden. Wie schon in der 2014er-Studie wurden Verkaufsanzeigen immer dann als mutmaßlich illegal eingestuft, wenn ihnen keine Herkunftsnachweise / CITES-Dokumente als Download oder Bilddatei beigefügt oder zumindest die CITES-Nummern in den Anzeigen genannt wurden. Diese Beurteilung der Illegalität beruht auf Mutmaßungen und ist daher unwissenschaftlich! So wie ich in Bezug auf die Methodik dem Grundsatz folge im Zweifel für den Angeklagten, wäre eine objektivere Interpretation seitens des IFAW ebenfalls wünschenswert. Der IFAW sagt dazu zwar in seiner Studie:
Legalen von illegalem Wildtierhandel zu unterscheiden, ist im Internet insbesondere aufgrund des hohen Aufkommens an elektronischem Datenverkehr deutlich schwieriger als auf konventionellen Marktplätzen. Man kann Angebote vor dem Kauf nicht in Augenschein nehmen, und oft werden keine oder nur wenige Begleitdokumente wie etwa die Nummer der CITES-Vermarktungsgenehmigung angegeben, aus denen hervorgeht, dass der Verkauf eines geschützten Tieres zulässig ist.
Das bedeutet dann aber auch, dass man als sog. Ermittler ohne Beweise seine Mutmaßungen auch als solche kenntlich machen sollte - insbesondere in der öffentlichen Berichterstattung. Es wurden keinerlei Anstrengungen seitens des IFAW unternommen, den Verdacht eines illegalen Angebotes anhand weiterführender Recherchen zu erhärten und damit die Untersuchung zu validieren. Tatsächlich halte ich das auch gar nicht für die Aufgabe eines Artenschutzvereins! Diese Arbeit gehört in die Hand der zuständigen Behörden. Tatsächlich wurden insgesamt 190 Informationsprotokolle zu über 300 Inseraten (inkl. Elfenbein, Nashornhorn etc.) an die Strafvollzugsbehörden übergeben. Über den Ausgang der Ermittlungen bleibt der IFAW aber weitere Informationen schuldig.

Für große Fragezeichen sorgt der IFAW auch an anderer Stelle:
Die Rechercheure ermittelten auch 532 zum Verkauf angebotene lebende Echsen, darunter 190 in Anhang I von CITES gelistete Himmelblaue Zwergtaggeckos. Der IFAW hatte 2014 in seinem Bericht WantedDead or Alive konkret davor gewarnt, dass diese Art durch den Handel in Deutschland bedroht sei. Damals war sie noch nicht durch CITES geschützt.
Lygodactylus williamsi - Eigene Nachzucht des Autors
Meine Frage darauf lautet: Na und? Ich habe selbst schon Lygodactylus williamsi nachgezüchtet. Das ist gar nicht so schwer. Was ist problematisch daran, wenn Nachzuchten dieser Spezies auch nach ihrer Unterschutzstellung verkauft werden? Richtig, nichts – solange die Tiere gemeldet und die erforderliche Befreiung vom Vermarktungsverbot erteilt wurde. Der Handel mit L. williamsi ist inzwischen sogar als weitaus nachhaltiger und artenschutzgerechter zu bewerten, als z.B. der Handel mit nicht geschützten Arten wie dem Blaugrünen Zwergtaggecko (Lygodactylus conraui), der nach der Unterschutzstellung von L. williamsi in die Terrarien des Großhandels gezogen ist. Das zeigen jedenfalls Stocklisten etablierter Großhändler. Aber das sind Details, die statt einer sechswöchigen oberflächlichen Sichtung von öffentlichen Internetanzeigen aufwendigere Recherchen erfordern.

In der Studie heißt es ferner:
Wie schon bei früheren Recherchen machten lebende Tiere – insbesondere Landschildkröten – den Hauptteil der Exemplare aus, die auf in Deutschland tätigen Plattformen zum Verkauf angeboten wurden. Bei weiten am häufigsten zum Verkauf angeboten wurden in Deutschland mit 4.053 lebenden Exemplaren Schildkröten, vor allem Griechische Landschildkröten, Maurische Landschildkröten und Breitrandschildkröte, die in Europa vielfach in Gefangenschaft gezüchtet werden.
Dass es sich bei den Angeboten vorrangig um Landschildkröten handelte, die aufgrund ihres regelrechten Haustierstatus in regelrechten Massen gezüchtet und gehandelt werden, zeigt, dass von den quantitativ hohen Zahlen des IFAW wenig qualitativer Inhalt zu illegale Aktivitäten abgeleitet werden kann. Überspitzt formuliert: Es ist doch wohl einfacher eine Testudo hermanni zu züchten, als einen Wildfang durch den Zoll zu schmuggeln! Aufgrund ihres Allerweltshausstierstatus ist ein Schmuggel auch wenig lukrativ. Illegalen Artenhandel kann man daher eher bei echten Raritäten vermuten. Doch würde man nur diese in einer Cybercrime-Studie aufzählen, käme man bei einem sechsmonatigen Beobachtungszeitraum nur auf einen verschwindend geringen Bruchteil im Vergleich zu den insgesamt 5.000+ Inseraten.

Der IFAW bezeichnet die zunehmende Löschung von Verkaufsanzeigen auf ebay (ich berichtete) als positive Entwicklung. Tatsächlich sind von der strengen Politik der Handelsplattformen aber vor allem seriöse Privatzüchter betroffen, die keinerlei Artenschutzproblematik darstellen und die nun andere Wege finden müssen, um ihre Nachzuchten an geeignete Interessenten abzugeben. Meine persönlichen (und daher natürlich subjektiven) Erfahrungen in Bezug auf Kleinanzeigen sind, dass man auf diesem Weg mit echten Liebhaberzüchtern in Kontakt kommen und sich beim Kauf vor Ort von der legalen Herkunft der Tiere überzeugen kann. Das ist bei Käufen z.B. auf Börsen oder im Zoofachhandel (der mitunter auf günstigere Massenzuchten oder gar Wildfänge zurückgreift) kaum möglich. Solche Entwicklungen werden in der IFAW-Studie natürlich nicht erwähnt.

Fazit:
Über das tatsächliche Ausmaß an Cybercrime in Bezug auf den Handel mit geschützten Reptilien liefert die IFAW-Studie meines Erachtens bedauerlicherweise keinerlei Fakten. Das finde ich schade, denn ich unterstütze grundsätzlich die Zielsetzung, ein stärkeres Bewusstsein für illegalen Wildtierhandel im Internet zu schaffen und geeignete Maßnahmen für eine Bekämpfung dieser Aktivitäten zu entwickeln. Doch dafür bedarf es valider Ergebnisse anstelle von Mutmaßungen und oberflächlicher Recherchen.

Mittwoch, 16. Mai 2018

Studie bestätigt: Tierhandel ist verantwortlich für Chytridpilz-Verbreitung

Während der fortschreitende Rückgang von einheimischen Insekten als sog. „Bienensterben“ (und somit egoistischerweise lediglich auf ein ökonomisch relevantes Nutztier reduziertes Phänomen) seit einiger Zeit in aller Munde ist, ist es um die Verbreitung eines tödlichen Pilzes, der weltweit zu einem regelrechten Massensterben ganzer Amphibienpopulationen geführt hat, in der öffentlichen Berichterstattung eher ruhig geworden. Das mag sich womöglich bald wieder ändern, denn in einer aktuellen Studie haben Wissenschaftler eines internationalen Teams unter der Leitung von Simon J. O’Hanlon vom Londoner Imperial College die Verbreitung des Chytridpilzes Batrachochytrium dendrobatidis (Bd) untersucht und sind zu einem – für die Terraristik durchaus relevanten – Ergebnis gekommen.

Sequenzierungen des Genoms von Bd ergaben vier verschiedene Abstammungslinien. Drei dieser Linien kommen weltweit vor, die vierte Linie (BdASIA-1) wurde hingegen ausschließlich in Proben von der koreanischen Halbinsel gefunden. Das Erbgut dieser Linie zeigte zudem eine größere genetische Vielfalt als die anderen drei Linien, jedoch keine größeren Schwankungen in seiner rekonstruierten Entwicklungsgeschichte, welche den Wissenschaftlern zufolge im frühen 20. Jahrhundert ihren Anfang nahm. Die Forscher schließen aus diesen Erkenntnissen, dass sich die drei global verbreiteten Abstammungslinien innerhalb des letzten Jahrhunderts aus der koreanischen Linie entwickelt haben.

Diese Erkenntnisse legen den dringenden Verdacht nahe, dass es mit dem Aufkeimen des internationalen Tierhandels in den 1970er-Jahren (nicht nur zum Zwecke der Heimtierhaltung, sondern auch zur Produktion von „Delikatessen“ wie z.B. Froschschenkeln) zu einer weltweiten Verbreitung des Chytridpilzes kam. Bislang nahm man an, dass der Chytridpilz ursprünglich aus Afrika stamme, weil dort die älteste bekannte Infektion in den 1920er-Jahren nachgewiesen wurde, und von (gegen den Erreger immunen) Krallenfröschen, die als sog. „Apothekerfrösche“ bis in die 1960er-Jahre häufig in Schwangerschaftstests (Galli-Mainini-Test) Verwendung fanden, global verbreitet wurde. Sicherlich wird dieser Teil des Handels ebenfalls eine große Rolle bei der Ausbreitung von Bd gespielt haben.

Auch der sog. „Salamanderfresser“ Batrachochytrium salamandrivorans (Bsal), welcher bereits in Deutschland zu Massensterben innerhalb von Feuersalamander-Populationen geführt hat, soll sich aus dem gemeinsamen Vorfahren entwickelt und somit ebenfalls über Handelsrouten in alle Welt verbreitet haben.

Obwohl der Rückgang von Amphibienbeständen aufgrund von Habitatzerstörungen sehr viel höher eingeschätzt wird (bis zu 90 Prozent aller gefährdeter Amphibienarten sind aufgrund von Lebensraumverlust bedroht), fordern die Forscher ein Verbot des weltweiten Amphibienhandels, weil sich negative Einflüsse gegenseitig verstärken können.

An dieser Stelle soll daher noch mal deutlich an alle Tierhalter appelliert werden, dass Amphibien, aber auch andere Tiere (inkl. Futtertiere), ihre Hinterlassenschaften, benutztes Wasser, Terrarieneinrichtungen (z.B. Äste, Laub etc.), Bodensubstrate und nicht zuletzt auch verstorbene Exemplare (Stichwort Waldbestattung) keinesfalls in die Natur ausgebracht werden dürfen, sondern eine sichere Entsorgung zu erfolgen hat! Feldherpetologen mögen die entsprechenden Hygienemaßnahmen einhalten.

Die Forderung nach Verboten wurde übrigens schon teilweise vor Veröffentlichung der Ergebnisse als Reaktion auf hiesige Massensterben umgesetzt: Im Amtsblatt L 62/18 der Europäischen Union wurde im März dieses Jahres ein Durchführungsbeschluss veröffentlicht, welcher den Import und den Handel innerhalb der EU von Schwanzlurchen (Caudata) ohne Veterinärbescheinigung verbietet. Die Übergangsfrist zu diesem Beschluss endet am 6. September 2018.

Literatur:
S. J. O’HANLON (2018); Recent Asian origin of chytrid fungi causing global amphibian declines; Science 11 May 2018: Vol. 360, Issue 6389, pp. 621-627; science.sciencemag.org/content/360/6389/621

F. MUTSCHMANN & C. SEYBOLD (2002); Richtlinien zum hygienischen Umgang mit Amphibien im Rahmen von feldherpetologischen Arbeiten; Elaphe 10 (4) [2002]: Seiten 70–72

Mehr zum Thema:
  
Chinesische Rotbauchunke (Bombina orientalis)
Ein in der Terraristik sehr beliebter und häufig gehaltener Froschlurch, der u.a. aus Südkorea nach Europa importiert wird.

Samstag, 21. April 2018

Schwedischer Zoo tötet 500 gerettete Geckos mit flüssigem Stickstoff

Bereits im März dieses Jahres stellte die schwedische Polizei nach Hinweisen aus der Bevölkerung in einem Zoofachgeschäft in Löberöd fast 850 Reptilien darunter Echsen, Schlagen, Schildkröten und Panzerechsen sowie einige Amphibien sicher, welche mutmaßlich aus Schmugglerkreisen stammten. Während einige der Tiere in zoologischen Einrichtungen untergebracht werden konnten, gab es für etwa 500 Helmkopfgeckos (Tarentola spp.), welche zunächst vom Zoo Kolmården aufgenommen wurden, der dafür ca. 100.000 Schwedische Kronen (umgerechnet ca. 9.500 Euro) investierte, aufgrund artenschutzrechtlicher Bestimmungen keine Möglichkeit der Vermittlung. Zwar gab es laut Angaben der schwedischen Polizei viele Anfragen aus der Bevölkerung zur Aufnahme der Tiere, doch da es sich um mutmaßlich illegale Naturentnahmen handelte und die notwendigen Herkunftsnachweise nicht vorlagen, war eine Abgabe an Privatpersonen nicht möglich. 50 Helmkopfgeckos konnten zwar an andere zoologische Einrichtungen in ganz Europa vermittelt werden, für eine dauerhafte Unterbringung der restlichen Geckos waren jedoch keine Kapazitäten verfügbar, weswegen es an tiergerechten und zugleich artenschutzrechtlich einwandfreien Unterbringungsmöglichkeiten fehlte.

Deswegen wurden die betroffenen Tiere nach Erhalt einer entsprechenden Genehmigung zu ihrem eigenen Wohl mit flüssigem Stickstoff (einer in Schweden zwar nicht offiziell zugelassenen, aber international etablierten Methode) euthanasiert.

Dieser Vorfall ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie der restriktive Vollzug von generell durchaus sinnvollen Artenschutzregelungen den eigentlichen Artenschutzgedanken ad absurdum führen kann. Theoretisch wäre ein solcher Fall auch bei uns in Deutschland denkbar. Europäische Arten der Gattung Tarentola spp. (und somit leider auch alle nicht näher bestimmbaren Exemplare) gelten bei uns ebenfalls als besonders geschützt und dürften in einem ähnlichen Fall ohne die notwendigen Nachweise der Legalität auch nicht ohne Weiteres an Privatleute, die die Tiere sicherlich übernehmen würden, vermittelt werden. Einer Euthanasie steht zwar das Tierschutzgesetz entgegen, doch könnte hypothetisch gedacht ein deutsches Gericht durchaus zu dem Schluss kommen, dass in einer solchen Situation der erforderliche wichtige Grund zur Tötung gegeben sein könnte.

Aufgrund von restriktiven Regelungen, nicht nur im Rahmen des Artenschutzes, sondern auch in anderen Bereichen wie der sog. Gefahrtierhaltung oder bei der Problematik mit invasiven gebietsfremden Arten, haben es Einrichtungen des Tier- und Artenschutzes zunehmend schwer, ausgesetzte, beschlagnahmte oder abgegebene Problemtiere zu vermitteln. Doch statt diesen Problemen mit der Schaffung von Vermittlungsmöglichkeiten zu beheben (indem z.B. artgeschützte Tiere ohne Herkunftsnachweise trotzdem unter bestimmen Auflagen an Privatpersonen vermittelt werden dürfen), fordern manche Aktivisten und politische Entscheidungsträger paradoxerweise weitere Haltungsverbote.

Auf der anderen Seite muss man aber auch selbstkritisch erkennen, dass es solche Vorfälle wie in Schweden nicht gäbe, wenn es nicht auch einen Markt für illegale Wildfänge und Tiere aus dubioser Herkunft gäbe! Ich selbst musste im Rahmen meiner Tierschutzarbeit und Erlebnissen innerhalb der Terraristik-Szene schon mehrfach feststellen, dass manchen Terrarianern das nötige Wissen über die gesetzlichen Regelungen sowie der Antrieb, sich dieses Wissen anzueignen, fehlt (was schon bei der Verwechslung von Nachweis- und Meldepflicht anfängt) oder dass sie für den Erwerb einer besonderen Rarität über den lückenlosen Nachweis der legalen Herkunft gerne mal hinwegsehen. Solange es solche (zwar vereinzelt, aber dennoch vorhandenen) Einstellungen innerhalb unserer Zunft gibt und wir nicht von innen heraus deutlicher gegen solche Aktivitäten vorgehen (u.a. mittels Aufklärung und objektiver Selbstkritik), dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Restriktionen immer schärfer werden... und darunter am Ende die Tiere am meisten zu leiden haben.


Mittwoch, 11. April 2018

Zunehmende Löschung von „exotischen” Kleinanzeigen?

Wenn Terrarianer ihre Nachzuchten abgeben möchten, bieten sich ihnen heutzutage mehrere Möglichkeiten. Neben persönlichen Kontakten zu anderen Terrarianern innerhalb und außerhalb von Vereinen und Börsen werden vor allem Inserate genutzt, um Interessenten zu erreichen. Längst wurden die guten alten Anzeigen in Fachzeitschriften von Internet-Kleinanzeigen abgelöst, die Schätzungen zufolge das aktuell meist genutzte Instrument für die Abgabe von privaten Nachzuchten sind (gewerbliche Händler nutzen neben Börsen und stationären Fachgeschäften eher eigene Online-Shops).

Umso ärgerlicher ist es, wenn Betreiber von einschlägigen Online-Handelsplattformen den Verkauf von sog. Exoten” verbieten. So mehren sich in letzter Zeit die Beschwerden von Züchterinnen und Züchtern, dass ihre Inserate z.B. im Facebook-Marketplace und bei ebay-Kleinanzeigen gelöscht werden. Dass ebay sog. Exoten in seinen Inserat-Grundsätzen verbietet, ist zwar nicht neu, aber offenbar scheint dieses Verbot seit einiger Zeit besonders strikt vollzogen zu werden. Vor allem fehlt es weiterhin an einer näheren Definition, was eigentlich genau unter dem Label Exoten zu verstehen ist.

Grundsätzlich finde ich es vollkommen in Ordnung, wenn Verkaufsportale gewisse Anzeigen nicht dulden. Insbesondere solche Anzeigen, die womöglich kriminellen Ursprungs sind. Die Portale haben sich selbst dazu verpflichtet, illegalen Tierhandel zu bekämpfen – insbesondere den illegalen Artenhandel mit geschützten „Exoten“, aber auch den illegalen Welpenhandel. Es lässt sich nur spekulieren, inwieweit dieses Verhalten der aktiven Arbeit einschlägiger „Tier- und Artenschutzverbänden“ geschuldet ist. Die PR-Leute von ebay & Co. haben aber sicherlich unabhängig davon ein großes Interesse daran, dass sie in den Medien nicht als Marktplatz für illegalen Artenhandel dargestellt werden. Daher finde ich das Geschäftsgebaren durchaus nachvollziehbar.

Unglücklich finde ich dabei jedoch, dass alle Anbieter über einen Kamm geschoren werden. Anstatt dass sich die Verkaufsplattformen die Mühe machen, Inserate auf ihre tatsächliche Legalität zu prüfen, werden einfach generelle Verbote durchgesetzt. In Hinblick auf den erforderlichen Arbeitsaufwand zur Legalitätsprüfung ist das zwar verständlich, unfair gegenüber seriösen Inserenten ist es aber trotzdem. 
Die Rechtslage ist derzeit auch noch nicht abschließend geklärt. Verkaufsportale haften laut aktueller Rechtsprechung nur dann, wenn sie von der Rechtswidrigkeit der eingestellten Inserate Kenntnis haben, was jedoch nicht unumstritten ist. Manche Juristen sind der Meinung, dass die Portale in jedem Fall anteilig haftbar gemacht werden sollten. Die Portale gehen also verständlicherweise auf Nummer sicher und vermeiden Inserate, für die sie unter Umständen haftbar gemacht werden könnten – spätestens sobald sie auf mutmaßlich rechtswidrige Inserate aufmerksam gemacht wurden.

Solange es noch Online-Portale gibt, auf denen Inserate mit „Exoten” gestattet sind (nicht zuletzt die primär zu diesem Zweck betriebenen Websites), haben Züchterinnen und Züchter noch die Möglichkeit, ihre Nachzuchten an geeignete Interessenten abzugeben. Sollte jedoch auch dieser Handel aufgrund von Überregulierungen seitens des Gesetzgebers unterbunden werden, würde dies die Abgabe unnötig erschweren. Ich möchte mich nicht an den Spekulationen beteiligen, dass dadurch mit einem Anstieg an ausgesetzten Exoten zu rechnen sei, aber zumindest die Artenschutzbemühungen unseres konstruktiven Hobbies und der bewusste Verzicht auf Wildfänge würden damit unnötig erschwert.

Zum Abschluss noch ein Hinweis in eigener Sache:
Das Anbieten von Tieren, Sachen und Dienstleistungen in den Kommentaren dieses Blogs ist nicht gestattet! ;)

Mehr zum Thema:


Mittwoch, 4. April 2018

Ausstellung „Zeugen der Urzeit“ in der Stadt-Galerie Hameln

Vom 5. April bis zum 21. April 2018 bietet die ECE Stadt-Galerie in meiner Heimatstadt Hameln seiner Laufkundschaft nicht mehr nur ein Konglomerat an „Fressläden“ und Jeans-Shops, sondern mit der Ausstellung „Zeugen der Urzeit“ eine in unserer Großortschaft vergleichsweise seltene Gelegenheit, um lebende Reptilien zu sehen.

Es handelt sich dabei um eine Wanderausstellung aus dem Hause der expovivo Tierausstellungen AG, welche bereits im September 2016 mit ihrer Ausstellung  „Die Wüste lebt!“ im A2 Center Hannover für Aufsehen sorgte, weil sich in einigen Terraristik-Gruppen in den „sozialen“ Netzwerken ein Shitstorm manifestierte, welcher den Betreibern in diesem Ausmaße vollkommen neu war. Ich berichtete: Ausstellung „Die Wüste lebt!“ im A2 Center Hannover

Die Ausstellung in Hamelns „Konsumtempel“ wurde zwar noch nicht offiziell eröffnet, dennoch bot sich mir heute die Gelegenheit für einen spontanen Besuch. Gezeigt wird ein Querschnitt der Herpetofauna. Neben bekannten Evergreens wie u.a. Grüner Leguan (Iguana iguana), Strumpfbandnatter (Thamnophis sirtalis) und Halsbandleguan (Crotaphytus collaris) werden mit Taubagame (Tympanocryptis tetraporophora) oder Kronenbasilisk (Laemanctus serratus) auch etwas seltenere Arten ausgestellt. Doch nicht nur Reptilien sind zu sehen: Tigersalamander (Ambystoma tigrinum) sowie ein paar Arthropoden runden die Ausstellung „Zeugen der Urzeit“ ab. Ergänzt wird sie in den kommenden Tagen außerdem um kostenlose Führungen.

Die Terrarien sind für eine Wanderausstellung zwar gewohnt zweckmäßig aber trotzdem artgerecht eingerichtet. Sicherlich gäbe es an der einen oder anderen Stelle (z.B. beim leidigen Thema Bodengrund) durchaus noch Möglichkeiten für Verbesserungen, aber wirklich erwähnenswerte Mängel oder gar Verstöße gegen Haltungsrichtlinien waren für mich keine zu erkennen. Die Tiere verhielten sich vollkommen ruhig bzw. zeigten gesunde Neugier, statt Scheu und auch die Sauberkeit, das angebotene Futter, die Beleuchtungs- und Beregnungstechnik sowie der vorhandene Sichtschutz waren mehr als nur in Ordnung. Letzterer wurde im Terrarium eines Pantherchamäleons (Furcifer pardalis) im Vergleich zu den seinerzeit leider kaum vorhandenen Versteckmöglichkeiten für ein Jemenchamäleon (Chamaeleo calyptratus) in der Wüsten-Ausstellung Hannover sogar immens verbessert! Hier scheinen sich die Betreiber die seinerzeit in der Sache zwar stellenweise durchaus berechtigte, aber leider auf eine meines Erachtens bis auf wenige Ausnahmen total unverschämte Art und Weise von Vertretern unserer Zunft anonym im Internet, statt im direkten Gespräch mit den Betreibern, vorgebrachte Kritik zu Herzen genommen zu haben.

Dies verdient Lob, ebenso wie die Bereitschaft der Stadt-Galerie Hameln, eine solche Ausstellung mit „Spannungspotential“ nach Hameln zu holen, mit der den Besuchern laut eigenen Angaben nicht nur ein besonderes Erlebnis geboten, sondern auch eine Lanze für den Schutz dieser faszinierenden Tiere gebrochen werden soll!

Pantherchamäleon (Furcifer pardalis) - Symbolbild

Samstag, 31. März 2018

Anpassung des Panama-Stummelfußfrosches an Chytridpilz nachgewiesen

Der für Amphibien tödliche Chytridpilz Batrachochytrium dendrobatidis (Bd) hat ein weltweites Massensterben ausgelöst. Vor allem in Amerika und Australien sind Amphibienbestände bedroht. Doch wie Dr. Ian Malcolm einst in Jurassic Park sagte: „Das Leben findet einen Weg.“ Allmählich scheint sich die Evolution nämlich gegen den Chytridpilz erfolgreich zur Wehr zu setzen. 

Jamie Voyles von der University of Nevada und seine Kollegen haben beobachtet, dass sich einige von der Chytridpilz-Epidemie stark dezimierte Populationen von Fröschen und anderen Amphibien in Panama, die bereits kurz vor dem Aussterben standen, mittlerweile langsam wieder erholen. Vergleiche von Bd-Stämmen aus der Hochzeit der Epidemie mit kürzlich entnommenen Proben ergaben jedoch, dass sich der Erreger selbst genetisch gar nicht signifikant verändert hat. Somit haben wohl einzelne Individuen der betroffenen Amphibien eine Resistenz entwickelt bzw. wurde eine bereits bei einzelnen Individuen zufällig vorhandene natürliche Resistenz im Laufe der letzten Jahre an Nachkommen und somit größere Teile ihrer Populationen weitergegeben. Die aktuellen Untersuchungen zeigen, dass die Hautsekrete der Lurche inzwischen wesentlich effektiver gegen Bd wirken als noch zu Beginn der Krise. Den Ergebnissen der Studie zufolge sind aufgrund dieser Anpassungen 9 von 12 untersuchten Amphibienarten auf dem Weg der Besserung.

Eine in Fachkreisen und teilweise auch in der öffentlichen Berichterstattung häufig für die Chytridpilz-Problematik verwendetes „Maskottchen“ ist der Panama-Stummelfußfrosch (Atelopus zeteki), ein stark bedrohter, leuchtend-gelber Frosch aus Panama – einem Ort, an dem das Amphibiensterben in den letzten Jahren sehr gut dokumentiert wurde. Bei A. zeteki wirkte sich der Chytridiomykose besonders negativ aus. Bis zu 80 Prozent des wildlebenden Bestandes sollen Schätzungen zufolge aufgrund einer Bd-Infektion ausgelöscht worden sein – einzelne Populationen sind sogar vollends erloschen. A. zeteki wurde in Nachzuchtprojekten des Zoos von Houston vor Ort erfolgreich nachgezüchtet, um mit einer Backup-Population das endgültige Aussterben zu verhindern. Vergleiche von wildlebenden Individuen mit diesen Nachzuchten zeigten jedoch im Rahmen der aktuellen Studie, dass sich die Hautsekrete von Tieren aus der Backup-Population in weniger als 20 Prozent der Versuche effektiv gegenüber Bd zeigten, bei wildlebenden Exemplaren lag die Effektivität der Hautsekrete jedoch bei fast 80 Prozent.

Bereits 2014 zeigten Untersuchungen anderer Forscher von der University of South Florida, dass bei Eichenkröten (Bufo quercicus) eine Art Training stattfindet (McMahon et al., 2014). Die Forscher brachten einige Tiere in Kontakt mit Bd und setzten sie später in Behälter mit zwei Kammern, von denen eine einen mit Bd-Sporen infizierten Bodengrund enthielt. Tiere, die bereits zuvor Kontakt mit dem Chytridpilz hatten, bevorzugten in 2/3 der Versuche die Kammer mit dem pilzfreien Bodengrund. An Kuba-Laubfrösche (Osteopilus septentrionalis) testeten die Forscher, ob regelmäßiger Bd-Kontakt zu einer Immunität führt – ob also eine Art Impfung möglich sein könnte, um Wildbestände zu retten. Mit jeder Infektion sank die Zahl der Erreger auf der Haut der Tiere um durchschnittlich 75 Prozent und sogar tote Pilzsporen konnten zur Immunisierung verwendet werden.

Die Evolution hat also einen Weg gefunden, die tödliche Gefahr abzuwehren. Vielleicht pendelt sich in den betroffenen Biotopen auf lange Sicht ein natürliches Erreger-Wirt-Verhältnis ein. Der populäre Panama-Stummelfußfrosch sowie der Panama-Raketenfrosch (Colostethus panamensis) bilden Voyles et al. zufolge sogar schon wieder ähnlich große Populationen wie vor der Amphibienkrise.

Literatur:
J. VOYLES et al. (2018); Shifts in disease dynamics in a tropical amphibian assemblage are not due to pathogen attenuation; Science 30 Mar 2018: Vol. 359, Issue 6383, pp. 1517-1519; science.sciencemag.org/content/359/6383/1517

T. MCMAHON et al. (2014); Amphibians acquire resistance to live and dead fungus overcoming fungal immunosuppression; Nature volume 511, pages 224–227 (10 July 2014); https://www.nature.com/articles/nature13491

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Freitag, 23. Februar 2018

Kettennattern droht EU-Verbot

Mit dem Beschluss der ersten Unionsliste sind bereits seit August 2016 Handel, Haltung und Nachzucht von Buchstaben-Schmuckschildkröten (Trachemys scripta) und Nordamerikanischen Ochsenfröschen (Rana catesbeiana; Syn. Lithobates catesbeianus) in der Europäischen Union verboten. Nun droht erneut die Listung einer für die Terraristik äußerst relevanten Spezies (das im August 2017 erfolgte erste Update der Unionsliste enthielt keine Einträge aus der Herpetofauna).

Einige häufig in privaten Terrarien und zoologischen Einrichtungen gehaltene sowie in Einrichtungen des Tierschutzes untergebrachte Arten wie z.B. Kornnatter (Pantherophis guttatus), Asiatischer Hausgecko (Hemidactylus frenatus) oder Glatter Krallenfrosch (Xenopus laevis) standen bereits mehrfach zur Diskussion. Nun ist es zumindest für die Kettennatter (Lampropeltus getula) soweit, denn im Rahmen der Risikobewertung kam die wissenschaftliche Prüfgruppe der Europäischen Kommission zu dem Ergebnis, dass es sich bei dieser Schlange um eine invasive gebeitsfremde Art von unionsweiter Bedeutung im Sinne der EU-Verordnung handelt - deren Verbreitung also mithilfe des „EU Alien Species Act“ verhindert werden soll: Annex 4: Risk Assessment for Lampropeltis getula (Linnaeus, 1766); Contract No 07.0202/2016/740982/ETU/ENV.D2

Ausschlaggebend für diese Bewertung ist insbesondere die Gefahr, die freigesetzte Kettennattern in südlichen EU-Mitgliedsstaaten (vor allem im Mittelmeerraum) für dort heimische Echsen und Schlangen darstellen. Die Risikoeinschätzung wurde fristgerecht bis zum 10. Februar 2018 für die Gestaltung einer derzeit für das Jahr 2020 vorgesehenen dritten Ergänzungsliste erstellt (die für 2018 geplante und auf 2019 verschobene zweite Revision der Unionsliste enthält nach derzeitigem Stand keine für Terraristik relevanten Tierarten).

Die Systematik von sog. Kettennattern ist nicht unumstritten und bedarf sicherlich noch weiterer Forschung. Die wissenschaftliche Prüfgruppe der EU stuft die Kalifornische Kettennatter (Lampropeltis californiae) jedoch nicht als eigenständige Art, sondern als Unterarten von L. getula ein:
This risk assessment refers to the originally described L. getula Linnaeus 1766 sensu lato, with a native range covering all of the United States and northwestern Mexico, thus including the subspecies L. getula californiae which is considered a valid species by Pyron & Burbrink (2009) and is reported to have a different ecology than L. getula getula which is more bound to water (pers. comm. R. Fisher).
Gleiches gilt für andere umstrittene Arten bzw. Unterarten wie z.B. die Wüstenkettennatter (L. (g.) splendida). Diese Schlangen wären somit ebenfalls von den Regelungen der EU-Verordnung betroffen. Lediglich Kettennatter-Kornnatter-Hybriden sind von der Risikobewertung ausgenommen.

Wie schon bei den vorherigen Listungen ist auch diesmal zu kritisieren, dass ein mutmaßliches Invasionsrisiko in Teilgebieten der EU oder gar Einzelfunde und Medienberichte (!) dazu führen sollen, dass Arten im gesamten EU-Gebiet reglementiert werden – auch in Staaten, in denen eine Etablierung aufgrund klimatischer Gegebenheiten ausgeschlossen werden kann. Alternativ zu einer solchen Überregulierung könnten nationale Listen einer mutmaßlich drohenden Invasion Einhalt gebieten, wobei auch dies in Bezug auf L. getula fragwürdig wäre. Schließlich ist es nicht verwunderlich, dass eine in menschlicher Obhut sehr weit verbreitete Spezies häufiger in der freien Natur aufgefunden wird. Ein generelles Invasionsrisiko ist damit noch längst nicht erwiesen (anders z.B. bei Hauskatzen).
Da aber diese Argumente auch schon in der Vergangenheit keine Beachtung fanden, ist ein EU-weites Verbot von Kettennattern meines Erachtens leider sehr wahrscheinlich.

Nachtrag vom 14.06.2018:
Die Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde e.V. (DGHT) hat gemeinsam mit weiteren Tierhalterverbänden eine Stellungnahme zur geplanten Listung der Kettennatter verfasst. Mehr dazu hier: Stellungnahme der DGHT zur EU-weiten Listung der Kettennatter als invasive Art
 
Mehr zum Thema:

Kalifornische Kettennatter (Lampropeltis californiae, Syn. L. getula californiae)