Dienstag, 28. Februar 2017

„Positiv denken": Braucht Europa Positivlisten?

Gestern fand im Europäischen Parlament in Brüssel eine Veranstaltung der Animal Welfare Intergroup statt, bei der diversen Organisationen – darunter die Eurogroup for Animals (ein Zusammenschluss aus Tierschutzvereinen, dem auch der Deutsche Tierschutzbund als Gründungsmitglied angehört) – die Einführung einer Positivliste für die Tierhaltung aus EU-Ebene forderten: „Think Positive: Why Europe needs Positive Lists to regulate the sale and keeping of exotic animals as pets („Positiv denken: Warum Europa Positivlisten zur Regulierung des Verkaufs und der Haltung von exotischen Tieren als Haustiere benötigt“)

Die Gegner der sogenannten
Exotenhaltung vertraten mal wieder die Meinung, dass exotische Tiere nicht für eine Haltung in menschlicher Obhut geeignet sind. Erneut wurden sogenannte Exoten von domestizierten Tieren abgegrenzt. Ziel ist es, die Anzahl an gehaltenen Tieren auf ein Minimum zu reduzieren, um damit Tierleid zu verhindern und somit den Tierschutz zu verbessern. Um dieses Vorhaben zu bestärken, wurden die üblichen Argumente gegen die Exotenhaltung genannt: Faunenverfälschung durch gebietsfremde Arten, Übertragung von Krankheiten auf den Menschen (Zoonosen), Gefahrenpotential durch Giftwirkung oder Körperkraft, hohe Lebenserwartung (große Verantwortung für Halter) und ebenso kurze Lebenserwartung bei nicht artgerechter Haltung usw.

Perfide Ideologie hinter dem Deckmantel Tierschutz

Dass diese Probleme auch bei domestizierten Tieren auftreten, wurde natürlich nicht erwähnt. Schließlich sind Streunerkatzen, die durch den Winter gefüttert und im Krankheitsfall behandelt werden, die wohl größte Bedrohung in Form einer gebietsfremden Art. Zoonosen sind beim Umgang mit Säugetieren, bei denen Halter die gebotenen Hygienemaßnahmen eher mal vernachlässigen, sehr viel wahrscheinlicher, als z.B. bei der Haltung von wechselwarmen Exoten wie Reptilien oder Amphibien in Vivarien. Doch dieser Diskussion wollen sich die Befürworter einer Positivliste ja gar nicht erst stellen, denn die Haustiere der eigenen Klientel wurden und werden durch das Label domestiziert einfach von sog. Exoten abgegrenzt. Dabei liegt der Ursprung der Domestikation des Haushundes je nach Forschungsarbeit entweder in Europa oder in Asien. Ob es sich bei Canis lupus familiaris also um eine europäische oder eine exotische Art handelt, ist mehr als fraglich. Hauskatzen stammen dagegen nachweislich von der Afrikanischen Falbkatze ab und sind demnach keine einheimische Art, sondern ganz klar als Exoten zu bezeichnen.

Die Domestikation wird immer wieder gerne von Tierhaltungsgegnern genannt, um einen Keil in die Heimtierhaltung zu treiben, näher definiert wird dieser Begriff jedoch nie. Fakt ist, dass die Domestikation bei keinem Tier vollständig abgeschlossen ist, sondern ein fortschreitender Prozess ist. Hunde und Katzen wären domestiziert, wäre ihre Gewöhnung an den Menschen im vollen Umfang genetisch verankert. Da sich Hunde und Katzen bei fehlender Sozialisierung (Training) aber wie Wildtiere verhalten und selbst sozialisierte Exemplare wilde Verhaltensweisen an den Tag legen (z.B. Schmerzen nicht offen zeigen), ist eine abgeschlossene Domestikation dieser Tiere widerlegt. Wenn wir also
positiv denken sollen, müssen ganz klar auch Hunde, Katzen und andere Wildtiere mit Domestikationshintergrund bedacht werden.
 

Alternativen unerwünscht

Die Alternative zu Positivlisten (also Listen, welche nur wenige Arten benennen, die legal gehalten werden dürfen – während alle anderen Arten inkl. Neuentdeckungen verboten sind) stellen Negativlisten dar, die gewisse Tiere für die Privathaltung ausschließen (z.B. gefährliche Tiere). Dieses in der EU verbreitete Konzept wurde kritisiert, weil einerseits neue Arten nicht bedacht werden, das Artenspektrum problematisch sei und Behörden oft nicht geschult sind, um verbotene Arten von legalen Arten unterscheiden zu können. Außerdem wäre der Aufwand zu hoch, eine solche „Schwarze Liste“ auf dem aktuellen Stand zu halten. Deswegen werden Positivlisten (Weiße Listen) befürwortet, mit denen den Behörden durch leicht identifizierbare Arten eine effektivere Handhabe ermöglicht wird. Hierbei wären dann auch die Tierhalter in der Pflicht, Arten für die Aufnahme in eine solche Liste vorzuschlagen und die dafür erforderlichen Maßnahmen zu treffen. Die Kosten für die Pflege der Liste würden also vom Verordnungsgeber auf die Zivilbevölkerung übertragen.

Als (angebliche) Erfolgsstories für dieses Konzept wurden die Positivlisten für die Haltung von exotischen Säugetieren von Belgien und den Niederlanden genannt. Ganz nach dem Motto: Was verboten ist, existiert auch nicht. Zum Ende der Veranstaltung stellten Vertreter aus Luxemburg und Litauen ihre Erwägungen zur Einführung einer Positivlist in ihren Ländern dar.
 

Keine EU-Positivliste geplant

Eine der wohl wichtigsten Aussagen kam mehrmals von Seiten der EU-Kommission. Diese will zwar Mitgliedsstaaten ermutigen, Positivlisten in Erwägung zu ziehen, eine für alle Mitgliedstaaten verbindliche EU-Positivliste ist jedoch nicht geplant. Unter anderem stellte EU-Kommissar Karmenu Vella dies in einer Videobotschaft dar. Aufgrund dieser Aussagen unterstellen Tierhaltungsgegner der EU-Kommission, nichts für leidende Tiere tun zu wollen, weil der Tierhandel schließlich ein profitables Geschäft sei. 
 

Positivliste aus Tierschutzsicht kontraproduktiv

Wo findet man die größten Tierschutzprobleme? Nicht etwa bei selten gehaltenen Raritäten, sondern bei den Arten, die häufig vermehrt und verkauft werden, weil sie als unproblematisch gelten – und demnach prädestiniert für die Aufnahme in eine Positivliste wären. Die Haltung von z.B. Hunden, Katzen oder auch Bartagamen und Kornnattern mittels Positivliste zu erlauben, wo doch bei diesen Arten die größten Tierschutzprobleme auftreten, wäre aus Tierschutzsicht kontraproduktiv. Wäre Tierschutz das Ziel, müsste eigentlich die Haltung dieser Arten beendet werden. Positivlisten dienen Tierhaltungsgegnern lediglich als Mittel zur Profilierung, den Tierschutz verbessern solche Weiße Listen jedoch nicht! Während sich für die legalen Haustiere nichts verbessern würde, würden sich Handel und Haltung der für illegal erklärte Tiere in den Untergrund verlagern. Es gäbe dann keine Veröffentlichungen mehr über die Bedürfnisse der Tiere, ihre Nachzucht und artgerechte Haltung. Halter würden Tierarztbesuche meiden, weil andernfalls eine illegale Tierhaltung auffallen könnte. Und beschlagnahmte, ausgesetzte oder in Tierheimen abgegebene Tiere dürften nicht mehr an fachkundige Privathalter und ehrenamtliche Tierschützer vermittelt werden. So wird der Tierschutzgedanke ad absurdum geführt.
 

Fazit:

Momentan ist nicht absehbar, dass auf EU-Ebene eine Positivliste beschlossen wird, mit der Halter in allen Mitgliedsstaaten gleichermaßen reglementiert werden würden (wie im Falle invasiver gebietsfremder Arten). Wahrscheinlicher ist, dass auf Bundesebene eine solche Liste beschlossen wird. Aufschlussreich werden die Wahlprogramme der Partien für die Bundestagswahl in diesem Jahr sein. Diese Wahl wird über unsere Zukunft entscheiden. Kommt das Rot-rot-grüne Schreckgespenst an die Macht, wird eine Positivliste für die Tierhaltung in Deutschland in greifbare Nähe rücken. 
 
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