Donnerstag, 23. Februar 2017

Phelsuma grandis - meldepflichtig?

Immer wieder stößt man in Terraristikforen auf die Frage, ob der Große Madagaskar-Tagecko (Phelsuma grandis) meldepflichtig ist oder nicht - mit teils äußerst kreativen Antworten zur Folge. Dieser Fragestellung möchte ich heute mal auf den Grund gehen. Das ernüchternde Ergebnis vorab: Eine eindeutige Antwort gibt es leider nicht.
 
Großer Madagaskar-Taggecko (Phelsuma grandis)
 

Schutzstatus & Meldepflichtbefreiung

Die Gattung Phelsuma ist (bis auf Guenthers-Taggecko (Phelsuma guentheri), welcher im EU-Anhang A zu finden ist) komplett im Anhang B der EU-Artenschutzverordnung gelistet und unterliegt demnach grundsätzlich der Nachweis- und Meldepflicht.

In der seit 2005 gültigen Anlage 5 der Bundesartenschutzverordnung (BArtSchV) wurden jedoch einige Wirbeltierarten von der Meldepflicht befreit. Aus der Gattung Phelsuma betraf diese Erleichterung den Madagaskar-Taggecko (Phelsuma madagascariensis) sowie den Goldstaub-Taggecko (Phelsuma laticuada). Zum damaligen Zeitpunkt galt der Große Madagaskar-Taggecko noch als Unterart des Madagaskar-Taggeckos und wurde dementsprechend als Phelsuma madagascariensis grandis (RÖSLER 1995, BERGHOF 2005) gezüchtet und vermarktet. Der Große Madagaskar-Taggecko war seinerzeit also eindeutig von der Meldepflicht befreit.
 

Taxonomische Änderungen

Im Jahre 2007 wurde die Art jedoch einer Revision unterzogen (RAXWORTHY et al.). Der Große Madagaskar-Taggecko erhielt eigenen Artstatus und galt somit nicht mehr als Unterart von Phelsuma madagascariensis. Der Artstatus Phelsuma grandis wurde 2008 von HALLMANN et al. bestätigt. Fortann wurde dieser Taggecko also sowohl als Phelsuma grandis als auch als Phelsuma madagascariensis grandis gehandelt – mit entsprechenden Angaben in den Herkunftsnachweisen.
 

Meldepflichtbefreiung damit ungültig?

Laut Aussage des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) haben Vertreter der Bundesländer vor einigen Jahren über die Problematik diskutiert, wie damit umzugehen ist, wenn Arten aufgrund taxonomischer Änderungen nicht mehr wörtlich in der Anlage 5 BArtSchV genannt werden. Sie fällten einen Beschluss, der aus meiner Sicht mehr als fragwürdig ist: Nur namentlich in der Anlage 5 genannte Arten sind von der Meldepflicht ausgenommen. Bedeutet: Phelsuma grandis ist meldepflichtig. 
 
Blauer Baumsteiger (Dendrobates tinctorius „azureus“)
Gleiches gilt demnach auch für den Blauen Baumsteiger (Dendrobates tinctorius „azureus“) und die Kaiserboa (Boa imperator). In Anlage 5 BArtSchV wird Dendrobates azureus von der Meldepflicht befreit. Diese zum Inkrafttreten der Anlage 5 anerkannte Art gilt inzwischen als Lokalvariante von Dendrobates tinctorius. Gemäß der Entscheidung des Gremiums sind diese Frösche also wieder meldepflichtig. Die Kaiserboa hat 2009 ebenfalls (wieder) einen eigenen Artstatus erlangt (Boa imperator), welcher in dieser Form jedoch auch nicht in Anlage 5 BArtSchV genannt wird.
 

Bewertung des Beschlusses

Aus meiner Sicht ist der Beschluss des Gremiums juristisch nicht tragbar. Sinn und Zweck des Beschlusses ist eine Erleichterung des Vollzugs. Die Vollzugsbehörden wollen sich nach dem exakten Wortlaut in den Herkunftsnachweisen sowie dem in der Anlage 5 BArtSchV richten, weil dies ihre Arbeit erleichtert. Steht im Herkunftsnachweis Phelsuma madagascariensis grandis, wird von einer Meldung meist abgesehen. Steht jedoch (korrekterweise) Phelsuma grandis in den Papieren, wird eine Meldung gefordert. Dadurch greifen jedoch für ein und dasselbe Tier gänzlich unterschiedliche Regelungen, eben abhängig vom wissenschaftlichen Artnamen, den der Händler in die Papiere geschrieben hat, was die gebotene Rechtssicherheit vermissen lässt.
 

Wozu dient überhaupt die Meldepflichtbefreiung?

Die Befreiung von der Meldepflicht wurde auf Bestreben überlasteter Vollzugsbehörden eingeführt. Sie gilt für Wirbeltierarten, die aus Sicht der Behörden häufig vermehrt und demnach unbedenklich sind. Der Madgaskar-Taggecko war (inkl. der damals anerkannten Unterart „grandis“) eine Art, die als unbedenklich eingestuft wurde, um die Masse an Meldungen zu reduzieren und die Vollzugsbehörden damit zu entlasten. Der häufig gehandelte Phelsuma madagascariensis grandis war sogar der Hauptgrund dafür, die Art Phelsuma madagascariensis überhaupt von der Meldepflicht zu befreien.

Eine Anfrage bei der IG Phelsuma nach einer Nachzuchtstatistik ergab, dass zwischen 1993 und 2015 über 7.000 Phelsuma (mad.) grandis nachgezüchtet wurden. Bei Phelsuma madagascariensis waren es im gleichen Zeitraum „lediglich“ ca. 1.600 Stück. Da nicht alle Halter in der IG Phelsuma organisiert sind, liegt die Dunkelziffer weitaus höher. Laut Experten der Internationalen Geckotagung handelt es sich beim Großen Madgaskar-Taggecko neben dem Leopardgecko um einen der häufigsten in Privathand gezüchteten Geckos. Es ist gewiss keine Entlastung für die Vollzugsbehörden, wenn nach taxonomischen Änderungen plötzlich immense Mengen an Meldungen erfolgen, obwohl sich an der artenschutzrechtlichen Unbedenklichkeit der jeweiligen Art rein gar nichts geändert hat.
 
Kaiserboa (Boa imperator)
Bei den Boas fällt auf, dass dort die Unterarten seinerzeit explizit in der Anlage 5 genannt wurden, während durch die Nennung von Phelsuma madagascariensis direkt alle (zum damaligen Zeitpunkt bekannten) Unterarten von der Meldepflicht befreit wurden. Dies tat man, um die beiden häufig gezüchteten Boa c. constrictor und B. c. imperator von anderen damals anerkannten und heute teilweise umstrittenen Unterarten abzugrenzen, die bewusst nicht von der Meldepflicht befreit werden sollten, weil sie nicht so häufig gezüchtet wurden und demnach nicht als unbedenklich eingestuft werden konnten. Die Kaiserboa, neben Königspython und Abgottschlange die wohl am häufigsten gezüchtete Riesenschlange, nun aber wieder melden zu müssen, würde für die Vollzugsbehörden erneut einen immensen Aufwand bedeuten, der durch die Meldepflichtbefreiung eigentlich vermieden werden sollte.
 
Laut der Reptile-Database ist Phelsuma madagascariensis grandis auch heute noch ein gültiges Synonym für Phelsuma grandis, weswegen die Erleichterungen der Anlage 5 BArtSchV auch weiterhin Gültigkeit haben sollten. Hierbei lässt sich eine Parallele zu den Regelungen der Haltung von potenziell gefährlichen Tieren ziehen. Dort werden taxonomische Änderungen (zumindest von fachkundigen Sachverständigen) in der Regel ignoriert und stattdessen die zum Zeitpunkt des Inkrafttretens der jeweiligen Verordnung gültige Taxonomie für die Entscheidung einer Haltebewilligung herangezogen. Schließlich ändert sich nichts am Gefahrenpotenzial einer Art, nur weil sich ihre Artbezeichnung ändert. Auch hier ist die Kaiserboa ein gutes Beispiel, welche in den Bundesländern, in denen sie als Gefahrtier eingestuft wurde, auch weiterhin als solches gilt. Rechtsverbindlich ist der Stand der Wissenschaft zum Zeitpunkt des Inkrafttretens bzw. der Revision einer Verordnung. Es ist daher notwendig, dass im Vollzug nicht nur die aktuelle Taxonomie beachtet wird, sondern auch die taxonomische Historie sowie gültige Synonyme. Darüber hinaus sind taxonomische Änderungen gelegentlich umstritten (bestes Beispiel die Taxonomie des Raymond T. HOSER) und werden in solchen Fällen häufig revalidiert. Allein schon deswegen ist es nicht tragbar, eine neue Taxonomie über die gültige Taxonomie zum Zeitpunkt des Inkrafttretens der Anlage 5 BArtSchV zu stellen.

Der Bundesgerichtshof entschied schon 1951, dass der Sinn und Zweck eines Gesetzes höher steht, als dessen exakter Wortlaut (BGHZ 2, 184). Der Sinn und Zweck der Meldepflichtbefreiung war und ist die Entlastung der Vollzugsbehörden aufgrund der Unbedenklichkeitseinstufung bestimmter Tierarten, die mit der damals gültigen Artenbezeichnung in der Anlage 5 BArtSchV benannt wurden. Eine Änderung des Wortlautes durch eine Änderung der Taxonomie ändert nichts am Sinn und Zweck der Meldepflichtbefreiung, weswegen diese auch weiterhin Gültigkeit hat. Wenn es Ziel des Verordnungsgebers wäre, die häufig vermehrten Arten Phelsuma grandis, Boa imperator und Dendrobates tinctorius „azureus“ plötzlich von der Meldepflichtbefreiung auszuschließen, müsste die Anlage 5 BArtSchV regelmäßig dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand angepasst werden.
 

Tausende Tiere damit illegal?

Der für den Artenschutzvollzug in meinem Bundesland Niedersachsen zuständige NLWKN hat mir Ende 2014 auf Nachfrage mitgeteilt, dass Phelsuma grandis nicht meldepflichtig ist. Und nicht nur das: Die Vollzugshinweise zum Artenschutzrecht (Stand 2010) besagen, dass bei Arten, die in der Anlage 5 BArtSchV aufgeführt sind, auch auf die Nachweisführung verzichtet werden kann. Der NLWKN tat dies bislang bei allen in der Anlage 5 genannten Arten außer den Dendrobates-Arten. Demnach sind bei uns in Niedersachsen viele Phelsuma grandis im Umlauf, für die gar keine Herkunftsnachweise vorliegen, weil unsere höchste Vollzugsbehörde das Synonym Phelsuma madagascariensis grandis bisher richtigerweise anerkannte. Der Beschluss des Gremiums erklärt diese Tiere prinzipiell für illegal, sofern die Vollzugsbehörden ihre Fachkompetenz fallen lassen und dieser aus meiner Sicht willkürlichen Entscheidung blind folgen.
 

Fazit:

Geht es nach dem Beschluss des Gremiums aus Vertretern der Bundesländer, ist der Große Madagaskar-Taggecko (Phelsuma grandis) - ebenso wie der Blaue Baumsteiger (Dendrobates tinctorius „azureus“) und die Kaiserboa (Boa imperator) - seit einigen Jahren wieder meldepflichtig. Dieser Beschluss ist jedoch äußerst fragwürdig. Grundsätzlich teile ich in dieser Sache die Aussage der IG Phelsuma, welche auf ihrer Website folgendes erklärt:
Zum Zeitpunkt des Inkrafttretens der Bestimmungen galt Phelsuma grandis noch als Unterart von Phelsuma madagascariensis, daher trifft die Befreiung von der Meldepflicht auch auf diese Art zu. Da die Behörden sich aber an der Anlage 5 zur Bundesartenschutzverordnung orientieren, in der nach heutigem Stand Phelsuma grandis nicht gesondert genannt wird, sollte man für diese Art die Sachlage mit dem zuständigen Mitarbeiter der Behörde bei der Anschaffung abklären.
Auf Nachfrage beim BfN, wo der Beschluss der Ländervertreter überhaupt offiziell bekanntgegeben wurde, bekam ich die ernüchternde Antwort, dass eine Veröffentlichung nie erfolgte. Der Beschluss liegt den Behörden also nur intern vor. Wie diese damit umgehen, liegt in ihrer Entscheidungsgewalt. Wenn sie eine Meldung für Neuanschaffungen einfordern, sollten betroffene Halter dem einfach folgen. Vielleicht würde das schiere Ausmaß an Meldungen endlich auch mal für die seit Jahren überfällige Aktualisierung der Anlage 5 BArtSchV sorgen. Sollte die zuständige Behörde von einer Meldung absehen, dann ist das ja auch in Ordnung. Interessant wird es, wenn im Nachhinein eine Meldung für bestehende Bestände aufgrund des Beschlusses des Gremiums eingefordert, Bußgelder verhängt oder gar Beschlagnahme angedroht würden - insbesondere in den Bundesländern, die bisher sogar auf die Nachweisführung verzichtet haben. Dieses Vorgehen durch die Vollzugsbehörden wäre treuwidrig. Eine Bewertung des Beschlusses durch die Judikative wäre dann jedenfalls äußerst interessant.

Wünschenswert wäre, wenn sich unsere Dachverbände dafür einsetzen, dass die Anlage 5 BArtSchV endlich mal aktualisiert wird, damit wir Halter rechtsverbindliche Gewissheit haben, ob Phelsuma grandis & Co. meldepflichtig sind oder nicht.
 
 
 

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