Donnerstag, 9. Februar 2017

EU-Kommission spricht mit Tierhändlern

Gestern fand in Brüssel eine Veranstaltung der Europäischen Kommission bezüglich der Umsetzung des im Jahr 2016 beschlossenen „Aktionsplans der EU zur Bekämpfung des illegalen Artenhandels“ statt. Zur Veranstaltung geladen waren Sachverständige aus verschiedenen Bereichen – so z.B. aus dem Heimtiersektor aber auch aus dem logistischen Bereich (Flughäfen, DHL etc.).

Nach einer Bestandsaufnahme des Aktionsplans ging es am späten Vormittag schließlich ans Eingemachte, als konkret der Heimtierhandel in den Fokus der Diskussionen gerückt wurde. Positiv anzumerken ist, dass im Rahmen der gestrigen Veranstaltung erstmalig der Heimtiersektor intensiv angehört wurde. Auf den bisherigen Veranstaltungen dieser Art waren vor allem Tier- und Artenschutzorganisationen präsent, während die von Einschränkungen betroffenen Halter und Händler(-verbände) eher in der Unterzahl waren. Daher betrachte ich die Konferenz als einen Meilenstein in der politischen Diskussion und als ersten wichtigen Schritt für eine Zusammenarbeit zwischen unseren Lobbyvertretern und den Entscheidungsträgern in der EU.

CITES-Generalsekretär John Scanlon stellte zu Beginn der Veranstaltung deutlich klar, dass die Unternehmen im Heimtiersektor eine wichtige Schlüsselrolle einnehmen. Die Unternehmen sind wichtige Partner für die Europäische Kommission, um gegen illegalen Artenhandel vorzugehen. Die Zivilgesellschaft trägt eine gesellschaftliche Verantwortung. Sich damit zu rechtfertigen, dass bei einem selbst keine illegalen Aktivitäten vorkommen, sei nicht genug. Illegaler Artenhandel fällt auf alle Unternehmen zurück, die im Heimtierhandel aktiv sind.

Chris Newman von der Reptile and Exotic Pet Trade Association (REPTA) machte in seinem Vortrag deutlich, wie die Importzahlen von Reptilien in die EU in den letzten Jahren abgenommen haben und dass in den 1970er Jahren ca. 95 Prozent der Importe (von CITES-Arten) noch Wildfänge waren, während es heute nur noch ca. 18 Prozent sind. Bemerkenswert war auch seine Darstellung, dass nicht alle von den Behörden (im Vereinigten Königreich) dokumentierten Fälle illegalen Wildtierhandels tatsächlich als solcher zu bezeichnen sind. Zum Ende seines Vortrags stellte er die Frage, was illegaler Artenhandel eigentlich ist. So unterscheidet er zwischen totem Material und lebenden Tieren: Während totes Material wie Elfenbein im Wert steigt, sorgen lebende Tiere durch ihre Reproduktion für einen Preisverfall, was den illegalen Handel schwächt.

Alexander Dobernig, Veranstalter von Heimtierbörsen und Betreiber der Website Terraristik.com, machte in seinem Vortrag darauf aufmerksam, dass im EU-Aktionsplan immer wieder von „Verfolgung und Strafen“ die Rede sei, die Unterstützung des legalen Handels jedoch viel zu kurz käme. Dabei wäre die Unterstützung des legalen Handels eine Möglichkeit zur Prävention illegaler Aktivitäten. Aus seiner Sicht sind deshalb weitere Einschränkungen des legalen Handels (beispielsweise mittels Positivlisten) strikt abzulehnen, weil sich dadurch der Handel in den nicht kontrollierbaren Untergrund verlagern würde. Er zeigte außerdem die Bedeutung von Privathaltern in der wissenschaftlichen Forschung (Aktivitäten der DGHT, Veröffentlichung von Fachbüchern durch Hobbyisten) sowie die Tatsache auf, dass die beliebtesten Terrarientiere inzwischen zu 100 Prozent aus Nachzuchten stammen.

Als Gegenstimme zu diesen und weiteren Vertretern der Heimtierbranche (u.a. Nathalie Gamain von der European Pet Organization (EPO), einem Zusammenschluss europäischer Heimtierhalterverbände, sowie Heike Mundt vom Papageienpark Bochum, Mitglied im Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe e.V. (ZZF)) kam Sandra Altherr von Pro Wildlife e.V. zu Wort. Sie machte in ihrem Vortrag darauf aufmerksam, dass immer wieder illegale Wildfänge als Nachzuchten deklariert werden. Problematisch sei u.a. der Internethandel, wo Arten als angebliche Nachzuchten gehandelt werden, die noch nie legal in die EU eingeführt wurden. Ihre Organisation fordert daher eine neue Gesetzgebung nach dem Beispiel des „US-Lacey-Acts“, wodurch der Handel mit in ihren Herkunftsländern geschützten Arten innerhalb der EU verboten wäre. Momentan können selbst geschmuggelte Exemplare frei in der EU gehandelt werden, weil den Behörden die nötige Handhabe fehlt, um dagegen vorzugehen. Die Branche solle die Nachfrage senken und diese nicht noch erhöhen. Onlineplattformen sollten z.B. die Legalität der Inserate überprüfen. Im Zweifel müsse der Handel verboten werden.

In der Fragen- und Antworten-Runde kamen von Seiten der österreichischen CITES-Behörde interessante Anmerkungen: So sind in der besagten Behörde fünf MitarbeiterInnen für die Bearbeitung von jährlich ca. 10.000 CITES-Dokumenten zuständig. Eine zusätzliche Überprüfung des Schutzstatus von Tieren in ihren Herkunftsländern (wie ein „EU-Lacey-Act“ es vorschreiben würde) wäre bei dieser Besetzung nicht zu leisten. Es wurde außerdem betont, dass das österreichische Verbot von Verkaufsbörsen für Wildtiere von der CITES-Behörde abgelehnt wurde, weil eine Förderung des legalen und kontrollierbaren Handles eine effektivere Maßnahme zur Bekämpfung des illegalen Handels wäre.

Fazit:

Bei der Umsetzung des Aktionsplans zur Bekämpfung des illegalen Artenhandels wurde schon vieles erreicht, es sind aber noch einige Baustellen vorhanden. Auf der gestrigen Konferenz wurde die Erwartungshaltung der Europäischen Kommission gegenüber dem Tierhandelssektor besonders deutlich. Dieser scheint sich bisher immer auf seine eigene Legalität berufen zu haben, statt sich aktiv bei der Bekämpfung des illegalen Handels einzusetzen. Zwar teile ich die Meinung des Handels, dass bereits die Produktion von legalen Nachzuchten die Nachfrage auf dem Schwarzmarkt senkt und eine Verdrängung legaler Aktivitäten in den Untergrund z.B. mittels Positivliste den illegalen Handel befeuern würde, dennoch kann ich auch die Kritik nachvollziehen. Zu oft habe ich auf Börsen unnötige Angriffsflächen gesehen, wenn z.B. Herkunftsnachweise nur auf direkte Nachfrage ausgegeben oder Verkaufsbehälter nicht entsprechend des geltenden Schutzstatus beschriftet wurden. Es handelt sich dabei zwar nicht zwangsläufig um illegalen Artenhandel, dennoch zeigen solche „Fehltritte“, dass das Thema Artenschutz vereinzelt nicht so ernst genommen wird, wie es sein sollte. Da helfen auch keine von eifrigem Kopfschütteln begleitete Lippenbekenntnisse, dass man als Händler den illegalen Artenhandel ja so sehr ablehnt. Auf solche Worte müssen auch Taten folgen! Bei der ganzen Debatte über „illegalen“ und „legalen“ Handel wird zu oft vergessen, was damit eigentlich bezweckt werden soll. Schließlich ist nicht jeder legale Handel gleichzeitig auch als nachhaltig zu bewerten. Die Berufung auf die Legalität eines nicht nachhaltigen Handels ist für mich inzwischen inakzeptabel.

Der gewerbliche wie auch der private Heimtiersektor müssen sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst werden und aktiver gegen illegalen Artenhandel vorgehen - z.B. indem mit qualifizierten Ordnern auf Börsen oder durch eine Überprüfung eingestellter Inserate in Onlineplattformen die Vollzugsbehörden entlastet und illegale Aktivitäten aufdeckt werden. Bevor den Unternehmen seitens der Politik eine strikte Positivliste aufgedrückt wird, sind freiwillige Selbstbeschränkungen (wie beispielsweise die „Rote Liste - Tierschutz“ des ZZF) eine Chance, um von oben diktierte Einschränkungen zu vermeiden.

Positivlisten sind hingegen strikt abzulehnen! Nicht nur, weil sich der Handel dann in den Untergrund verlagert, sondern auch in Hinblick auf die Verantwortung gegenüber den Tieren. Positivlisten, wie wir sie z.B. aus Belgien kennen, schränken nicht nur den Handel ein, sondern auch verantwortungsvolle Tierhalter, die Artenschutz durch Forschung und Nachzucht oder ehrenamtlichen Tierschutz durch Aufnahme von Tierschutzfällen betreiben. Beides würde durch eine Positivliste zerstört, weswegen der verursachte Schaden die bezweckte positive Wirkung übersteigen würde.

Leider ist dieses Thema sehr emotional aufgeladen und auf beiden Seiten herrscht eine kompromisslose „Alles-oder-nichts“-Mentalität. Daher wird uns das Thema wohl noch lange Zeit beschäftigen.


Eine Gesamtaufnahme der Konferenz ist aktuell noch hier zu finden.

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Kommentare:

  1. Schön, dass die Positionen so sachlich zusammengefasst wurden.

    Wenn ich da aber einmal beim Schlusssatz einhaken darf:

    "Leider ist dieses Thema sehr emotional aufgeladen und auf beiden Seiten herrscht eine kompromisslose „Alles-oder-nichts“-Mentalität. Daher wird uns das Thema wohl noch lange Zeit beschäftigen."

    Na, da erinnere ich mich an eine doch teilweise unterirdische Diskussion vor einigen Wochen in einer einschlägigen Facebook-Gruppe.

    Vielleicht wäre es ja sinnvoller, Fronten aufzuweichen, anstatt diese "Alles-oder-nichts"-Mentalität auch noch zu befeuern?

    Ansonsten läuft man halt Gefahr, dass es statt "alles" eben doch "nichts" wird ;-)

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    1. Hallo Roman, nun deswegen halte ich mich aus den Gruppen in den (a)sozialen Netzwerken normalerweise raus. Ich habe jedenfalls nicht den Eindruck, dass ich die Fronten befeuere. Ganz im Gegenteil, ich sehe mich eher in der Mitte und kann Argumente auf beiden Seiten nachvollziehen. Nur ist das Problem, dass man dann immer irgendwo aneckt und als der Feind dargestellt wird, wenn man auch nur ansatzweise etwas gegen eine festgefahrene Meinung sagt, um die Fronten aufzuweichen. Vielleicht befeuert man gerade durch den Versucht eines Kompromisses die festgefahrene Meinung?

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    2. Lieber Marco,

      nach einem erneuten Durchlesen meines Kommentars muss ich sagen, dass man diesen hätte so verstehen können - allerdings war es nicht meine Intention, Dir vorzuwerfen, die Situation noch zu befeuern, dies bezog ich eigentlich auf die Akteure in diesen Gruppen selbst.

      Wie Du schon richtig schreibst: Unangenehme Meinungen werden abgekanzelt und die Emotionen schwappen wieder hoch.

      Richtig ist das aber immer noch nicht.

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    3. Hallo Roman,

      ich stimme dir zu. Leider habe ich bisher keine Lösung gefunden, wie ein Kompromiss geschaffen werden kann. Sobald man das Thema auch nur ansatzweise versachlicht, kochen die Emotionen sofort wieder hoch. Die "Szene" feiert offenbar lieber polternde Populisten wie Gerati oder DV-TH. Die Debatte hat in den letzten Jahren besorgniserregende Auswüchse hervorgebracht. Ist wohl das letzte Aufbäumen vor dem Ende, denn die Bundestagswahl wird über unsere Zukunft entscheiden und die sieht nach aktuellen Trends wohl nicht besonders rosig aus.

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    4. Nun nennst Du die Namen, die ich vermieden habe. Gerati ist auch in meinen Augen Auswuchs dessen, was heute die Grenze zwischen Populismus und stumpfem Hass ausmacht.

      Ich besuche deren Seite schon nicht mehr, einfach um die Besucherzahlen dort nicht noch zu befeuern.

      Ich bin nach wie vor der Meinung, dass eine Annäherung nur über Interessenverbände funktioniert (dazu gehören aber dann natürlich auch die Verbände der Tierschützer und Tierrechtler. Hast Du Informationen, welche konkreten Versuche es dazu derzeit gibt und wie entsprechende Gespräche in der Vergangenheit verlaufen sind?

      Ich könnte das jetzt natürlich auch Googlen, allerdings erhoffe ich mir, dass Du, der Du Dich ja mit dieser Materie länger befasst hast, vielleicht wichtige Meilensteine direkt parat hast.

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    5. Vorstöße gab es immer wieder mal. Beispielsweise wurden und werden Vertreter der Tier- und auch Artenschutzorganisationen immer wieder mal zu Fachtagungen eingeladen. Nur sehr selten werden diese Einladungen angenommen. Bei den radikalen Vereinen wie PETA oder Animal Public lohnt sich die Liebesmüh meiner Einschätzung nach nicht. Das sind kommerziell arbeitende Firmen, die den Tierschutz als PR-Strategie für sich entdeckt haben. Größere Chancen verspreche ich mir von Vereinen wie dem Deutschen Tierschutzbund, Aktion Tier und auch Pro Wildlife.

      Der Deutsche Tierschutzbund hat in der Vergangenheit die Terraristik und auch die Aquaristik angegriffen. Dank der Arbeit des VDA wird die Aquaristik inzwischen in Ruhe gelassen und die Terraristik meinem Empfinden nach auch sehr viel differenzierter betrachtet als noch vor ein paar Jahren. Der ehemalige VDA-Präsident beschrieb in einem Vortrag beim VDA-Verbandstag 2015 in Braunschweig das Verhältnis zwischen VDA und Deutschem Tierschutzbund als inzwischen schon recht entspannt.

      Bei Aktion Tier scheint es auch einen Wandel gegeben zu haben. Früher noch sehr radikal mit dubiosen Aktionen in Fußgängerzonen (gibt es bei YouTube zu finden), hat die Kampagnenleiterin Ursula Bauer schließlich doch eine Fachtagung über Warane besucht und im Anschluss ein Interview mit waranwelt.de geführt. Inzwischen sind die Veröffentlichungen von Aktion Tier ziemlich neutral und teilweise sogar schon ansatzweise Pro-Terraristik. Hoffen wir, dass es dabei bleibt.

      Pro Wildlife hat sich in der Vergangenheit auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Recht bekannt ist die von diesem Verein gefälschte Gefahrtierstatistik. Meines Wissens gab es den Versuch einer Annäherung zwischen DGHT und Pro Wildlife, dieser ist jedoch gescheitert, weil Pro Wildlife die Meinung vertrat/vertritt, dass Wildtiere nicht in Gefangenschaft gehören und wenn die Alternative das Aussterben in freier Wildbahn ist, dann ist das halt so. Wildtierschutz sollte nicht auf Haltung in Gefangenschaft beruhen - so deren Meinung. In der Szene macht man sich regelrecht darüber lustig, dass dieser Verein ständig bei der Terraristika auf den Parkplätzen herumspukt, um illegalen Handel aufzudecken. Das geht auch aus einigen Vorwörtern des Begleitheftes zur Messe hervor. Dieses Verhalten empfinde ich inzwischen als kindisch, weil "wir" damit den illegalen Handel ins Lächerliche ziehen, statt dagegen vorzugehen, um unser Image zu verbessern. Und die DGHT steht fröhlich in Hamm und macht selbst PR. Ich habe Pro Wildlife aber noch nicht gänzlich abgeschrieben, weil ich deren Ansichten im Kern teile oder zumindest nachvollziehe. Nur sind deren Forderungen (z.B. nach einer Positivliste) aus meiner Sicht das falsche Mittel zur Behebung der bestehenden Probleme. Aber wenn unsere Verbände ihrer Linie weiterhin treu bleiben und eine Zusammenarbeit mit Pro Wildlife ablehnen, wird ein Kompromiss wohl nie gefunden.

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    6. Vielen Dank für die sehr umfangreiche Ausführung :-)

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