Donnerstag, 1. Dezember 2016

Planet Wissen: „Achtung! Gefährliche Haustiere“

Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ARD, WDR und SWR haben am vergangenen Dienstag in ihrem Populärwissenschaftsmagazin „Planet Wissen“ den Versuch unternommen, über die Haltung von sogenannten „gefährlichen Haustieren“ zu berichten. Die komplette Sendung vom 29. November gibt es hier: Achtung! Gefährliche Haustiere

Der Sendung lag die derzeit in Nordrhein-Westfalen geplante Gesetzgebung für die Haltung von gefährlichen Tieren wie u.a. Giftschlangen zugrunde. Zu Gast waren die Reptilienhalterin Nina Freitag und der Tierarzt sowie Vizevorsitzende des Landestierschutzverbands Nordrhein-Westfalen e.V. (LTV-NRW) Dr. Ralf Unna.

Zu Beginn der Sendung wurde in einem Einspielbeitrag die Reptilienhaltung von Nina Freitag gezeigt. Die gezeigten Haltungsbedingungen waren soweit vorbildlich (auch wenn in den sozialen Netzwerken mal wieder der lose Sand kritisiert wird, auf dem u.a. Bartagamen gehalten wurden). Interessant war an diesem Einspieler vor allem die akustische Untermalung. So wurden normalerweise weitestgehend lautlose Vorgänge wie das Kiefer-Einrenken eines Königspythons nach dem Fressen, der Fressvorgang eines Kronengeckos oder die Tötung einer Futterratte durch einen Königspython mit dramatischen Zisch- und Schmatzlauten oder einem markerschütternden „Genickbruch-Sound“ unterstrichen. Eine dramaturgische Glanzleistung, mit der die Gefährlichkeit der an sich vollkommen harmlosen Tiere betont werden sollte.

Frau Freitag erklärte im Interview, dass sie Haltungsverbote sehr kritisch sieht und stattdessen die Sachkunde der Halter im Vordergrund stehen sollte. Sie sieht den unkontrollierten Handel mit Reptilien auf Börsen oder im Internet aber ebenso kritisch, weil so auch uninformierte Leute einfach so „Exoten“ kaufen könnten, was ihr und unser aller Hobby in Verruf brächte. Sie sprach sich ebenso gegen strikte Verbote von z.B. Reptilienbörsen aus, weil diese einen wichtigen Treffpunkt für die Halter darstellen. Die Börsen müssten strenger kontrolliert werden, damit auch die problematischen „Parkplatzgeschäfte“ unterbunden würden.

Anderer Meinung war Dr. Unna vom LTV-NRW. Aus seiner Sicht hätten die zuständigen Veterinärämter nicht die finanziellen Mittel und auch nicht das notwendige Fachwissen, um gegen die illegalen Auswüchse solcher Börsen vorzugehen. Ein gemeinsamer Treffpunkt für Halter für den Fachaustausch wäre aus seiner Sicht natürlich vollkommen in Ordnung, nur müssten dafür ja nicht unbedingt lebende Tiere gehandelt werden. Nun, die Deutsche Bahn hat auch nicht die notwendigen Mittel, um randalierende Fußballfans in ihren Zügen von Sachbeschädigung abzuhalten, deswegen muss aus meiner Sicht unbedingt die Fußball-Bundesliga verboten werden. Vor allem sei es aus seiner Sicht problematisch, dass uninformierte Leute sich ohne große Hürden gefährliche Tiere wie z.B. Klapperschlangen als Statussymbol kaufen könnten. Auf die Frage des Moderators, welches denn das gefährlichste Tier sei, welches bisher in seiner Praxis vorgestellt wurde, antwortete er zunächst Rottweiler, was zeigt, dass Hunde bei all der Diskussion über gefährliche Exoten immer noch die häufigsten in Deutschland gehaltenen „Gefahrtiere“ sind.

In einem weiteren Einspielfilm kam einen gewisse Laura Zimprich zu Wort, was zeigt, dass es sich dabei um einen älteren Beitrag handelte. Denn Laura Zodrow ist mittlerweile bekannt als 1. Vorsitzende des Tierrechtsvereins „animal public e.V.“. Sie behauptete im Beitrag, dass immer mehr Reptilien importiert würden. Fakt ist, dass die Importzahlen seit Jahren stark rückläufig sind und seit 2007 um mehr als 60 Prozent abgenommen haben.

Frau Zimprich / Zodrow mahnte darüber hinaus an, dass NRW ein rechtsfreier Raum sei, wo gefährliche Tiere ohne Auflagen gehalten und gehandelt werden dürften. Dies entspricht zwar derzeit noch der Wahrheit, lässt aber aufhorchen: Warum kommt es dann nicht täglich zu Zwischenfällen mit gefährlichen Reptilien? Wo sind denn die ganzen Giftschlangen im öffentlichen Raum? In der Sendung wurden altbekannte Fälle wie das „Kobrahaus“ in Mülheim an der Ruhr genannt. Diese liegen jedoch schon Jahre zurück. Ein Anstieg solcher Vorfälle ist auch schon zu verzeichnen, wenn in einem Jahr 1 Unfall passiert, im nächsten Jahr dann vielleicht schon 2 oder 3. Im Vergleich zu den täglichen Vorfällen mit klassischen Heimtieren wie Hunden sind diese Zahlen aber ein Witz und zeigen bei näherer Betrachtung nur, dass der Großteil der Halter von gefährlichen Reptilien ihre Tiere sicher untergebracht hat – und das trotz fehlender gesetzlicher Vorgaben.


Imkerei = Gefahrtierhaltung
Die Reptilienhalterin Nina Freitag wurde in der Sendung mehrmals als Halterin von gefährlichen Tieren bezeichnet. Bei den gefährlichsten Tieren handelte es sich um Königspythons, Vogelspinnen und Kaiserskorpione. Die Halterin betonte mehrmals, dass ein Biss oder Stich in etwa mit einem Griff in einen Kaktus bzw. einem Bienenstich zu vergleichen sei. Trotzdem wurden diese somit vollkommen harmlosen Tiere immer wieder als gefährlich dargestellt, was einfach nur lächerlich ist. Das wäre so, als würde man in einer TV-Sendung über Löwen berichten und jemand bringt seine Hauskatzen als Beispiel mit. Auch wenn Frau Freitag die Pro-Argumente für die Terraristik sachlich und ruhig herüberbrachte, ist es schon sehr fragwürdig, dass die Produktionsleitung keine echten Gefahrtierhalter einlud, sondern stattdessen eine Reptilienhalterin mit harmlosen Tieren als Gefahrtierhalterin verkaufen musste. Vielleicht sind die echten Gefahrtierhalter aufgrund der systematischen Medienpropaganda auch einfach nicht mehr bereit, sich in solchen Formaten zu präsentieren und lehnen entsprechende Anfragen direkt ab. Ich kann es ihnen nicht verdenken.

Des Weiteren wurde in diesem Wissensmagazin gar nicht wirklich definiert, was eigentlich „gefährliche Tiere“ sind. Teilweise wurde das natürliche Abwehrverhalten von in die Enge getriebenen Tieren als grundsätzliche Gefährlichkeit dieser Tiere interpretiert. In einem Einspielfilm wurde beispielsweise die Schulung von Feuerwehrleuten im Umgang mit Reptilien gezeigt, wo nicht zimperlich mit den lebenden „Studienobjekten“ umgegangen wurde. Dass die Tiere in diesen Situationen gefährliches Verhalten an den Tag legten, ist natürlich kein Wunder. Jeder Hund und jede Katze würde sich gewaltsam verteidigen, würde man sie gewaltsam auf den Boden werfen, mit Stäben traktieren oder grob festhalten. Kaum jemand würde das Abwehrverhalten in solchen Situationen als natürliches Alltagsverhalten dieser Tiere im Kontakt zum Menschen interpretieren. In der Sendung wurde dies in Bezug auf Reptilien aber leider so an die unbedarften Zuschauer transportiert.

Überhaupt wurden viele Themen nur angerissen und dann zumeist tendenziös vermittelt. So wurde in einem weiteren Einspielbeitrag die tierärztliche Studie der Uni Leipzig erwähnt. Es wurde behauptet, dass dabei herauskam, dass 50 Prozent der in Privathand gehaltenen Reptilien aufgrund von schlechten Haltungsbedingungen im ersten Jahr sterben würden. Mit dieser Aussagen wird die Studie aber falsch ausgelegt. Nicht etwa 50 Prozent aller in Privathand gehaltenen Reptilien sterben im ersten Jahr, sondern 50 Prozent der im ersten Jahr verstorbenen Reptilien wurden schlecht gehalten. Das sind zwei vollkommen unterschiedliche Aussagen! Einen Rückschluss auf die Haltungsbedingungen lässt die tierärztliche Studie gar nicht zu, weil die Gruppe von Tieren, die in die Studie einfloss, nicht repräsentativ war. Die Tausenden Reptilien, die sich seit Jahren bester Gesundheit erfreuen, wurden in der besagten Studie schlichtweg gar nicht untersucht (nicht einmal in Form einer Stichprobe). Daher sind Rückschlüsse auf die vorherrschenden Haltungsbedingungen gar nicht möglich. Dies betonen selbst die Autoren der Studie im einleitenden Text. Die von Tierhaltungsgegnern und tendenziösen Medien bewusst falsch verbreitete Aussage „50 Prozent der in Privathand gehaltenen Tiere sterben im ersten Jahr aufgrund von schlechter Haltung“ entbehrt somit jeder wissenschaftlichen Grundlage.


Ähnliche Meinungsmache wurde beim Thema Importe betrieben. So sprach Dr. Unna von einer Mortalitätsrate in Höhe von 50 bis 70 Prozent beim Transport von Reptilien. Zu schnell denkt man da an die von PETA ermittelten Zahlen bei nur einem US-Großhändler, welche regelmäßig auf unwissenschaftliche Art und Weise als Standard in der Branche dargestellt werden (zuletzt ebenfalls in einem Beitrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks). Immerhin drehte sich dieser Abschnitt der Sendung eindeutig um illegale Importe, weswegen die Aussagen von Dr. Unna auch nur auf diese zu beziehen sind. Dass die Ausfallquoten beim Schmuggel höher sind als beim legalen Import, ist logisch. Das von Dr. Unna genannte Beispiel von nicht geheizten Frachträumen ist beim illegalen Transport nicht von der Hand zu weisen und zu bekannt sind Schmuggelfälle aus der Vergangenheit mit hohen Verlusten, bei denen z.B. artfremde Pfeilgiftfrösche in enge Dosen gestopft wurden und sich gegenseitig vergifteten. Entscheidend ist aber, dass diese Fälle nicht den legalen Import abbilden, bei dem die Transportmortalität laut repräsentativer Studien zwischen 1,97 und 3,88 Prozent liegt (MORITZ, 1994; STEINMETZ et al., 1996). Leider kam das in der Sendung nicht ganz so deutlich rüber... was wohl auch nicht das Ziel war. 

Auch der Deutsche Tierschutzbund e.V. kam in einem Einspielfilm zu Wort und forderte erneut eine Positivliste, um eine bundeseinheitliche Gesetzgebung zu schaffen und Tierleid effektiv zu verhindern. Dass eine Positivliste genau das Gegenteil bewirken würde, habe ich hier schon mal ausführlich dargestellt. Denn ich erlebe es aus meiner eigenen Praxis, dass ich immer seltener als Privatperson im Tierschutz helfen kann, wenn es immer striktere Regelungen gibt. Wenn das so weiter geht, darf sich wahrlich niemand mehr wundern, wenn Tierheime und Auffangstationen ihre Tiere nicht mehr vermitteln können und überfordert sind.

Dr. Unna betonte in Bezug auf die Haltung von geschützten Tieren, dass der Preis für diese Tiere auf dem Schwarzmarkt umso höher ist, je höher der Schutzstatus der Tiere ist. Dies ist korrekt, denn durch höchste Auflagen brechen leider viele seriöse Züchter weg, was den illegalen Handel (wieder) lukrativer macht. Gleiches würde aber auch in anderen Situationen - wie einem Haltungsverbot für (angeblich) gefährliche Tiere - passieren. Er forderte eine bundeseinheitliche Gefahrtierregelung, die möglich wäre, wenn sich die Bundesländer, bei denen die Gesetzgebungskompetenz für die Gefahrenabwehr liegt, an einem Strang ziehen würden. Ich persönlich plädiere ja auf die Schaffung eines durchdachten „Musterentwurfs eines einheitlichen Gefahrtiergesetzes“, vergleichbar dem des Polizeirechts, welches ebenfalls pro Bundesland unterschiedlich geregelt ist, dank des Musterentwurfs aber trotzdem weitestgehend vereinheitlicht wurde.

Das Fazit der Sendung lautete, dass jeder sich selbst entscheiden muss, worauf er sich bei der Anschaffung eines gefährlichen Tieres einlässt und dass Sachkunde, sichere Unterbringung und eine fachkundige Urlaubsvertretung wichtig sind. Dem stimme ich so voll und ganz zu, doch sollte dies nicht nur für die Reptilienhaltung bedacht werden, sondern bei jeder anderen Art der Heimtierhaltung auch. Gelangweilte Hauskatzen in den öffentlichen Raum zu entlassen, wo sie eine Gefahr für den Straßenverkehr darstellen, ist eine gängige Unart verantwortungsloser Katzenhalter. Doch danach kräht kein Hahn, weil die Hauskatze schließlich neben dem Hund das beliebteste Haustier ist und im Falle von Verboten sehr viele Gebührenzahler und potenzielle Wähler betroffen wären als bei einem Verbot gefährlicher Reptilien. Hier sieht man mal wieder sehr anschaulich, wie mit zweierlei Maß gemessen wird.

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Kommentare:

  1. wer ist der autor? dr henry brames

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    1. Im Abspann der Sendung steht:
      Buch Anke Riedel
      Redaktion Martin Gresch

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