Sonntag, 6. November 2016

Willkommen im ZEITalter der Propaganda!

Am 1. Oktober veröffentlichte die ZEIT-Online einen Artikel mit dem Titel „Chinesen lieben Elfenbein, wir quälen Geckos“, welcher aus Sicht vieler Reptilienhalter die Haltung von Geckos und allgemein Reptilien pauschal ablehnte und regelrecht diffamierte. Ich berichtete: Erneut "End-ZEIT-stimmung"

Aufgrund dieses Artikels legte ich Beschwerde beim Deutschen Presserat ein. Meiner Meinung nach kann es nicht angehen, dass ein seriöses Leitmedium mit solchen Artikeln die öffentliche Wahrnehmung verzerrt, sich dabei ausschließlich auf nicht nachprüfbares Zahlenmaterial einer umstrittenen Tierrechtsorganisation (PETA) bezieht und deren Aussagen unkritisch übernimmt. Die Schlagzeile und einige Textpassagen, in denen die Reptilienhaltung pauschal als Tierquälerei bezeichnet wurde, empfinde ich als Diskriminierung aller Reptilienhalter und entsprechen daher nicht meinem Verständnis von Presse-Ethik.

Die unkritische Übernahme der Aussage von PETA, dass Verlustraten von 70 Prozent in der Zoohandelsbranche als üblich gelten, empfinde ich zudem als mangelhafte Recherche. Die im Artikel genannte Verlustrate entstammt einer Einzelfallrecherche von PETA USA bei nur einem einzigen US-Reptiliengroßhändler und ist deshalb nicht allgemeingültig. Seriöse Journalisten hätten die aus unabhängigen Studien bekannte Mortalitätsrate bei Reptilienimporten in Höhe von durchschnittlich 3 Prozent recherchiert und daraufhin einen weniger tendenziösen Artikel verfasst. Mangelhafte Recherche, die zu Fehlinformation der Leser führt, wird ebenfalls vom Pressekodex abgelehnt, was eine entsprechende Beschwerde rechtfertigen sollte.

Inzwischen hat der Presserat über meine Beschwerde entschieden. Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Die Beschwerde wurde abgelehnt.

In der Begründung des Presserates heißt es, dass durchschnittlich verständliche Leser des von mir kritisierten Artikels erkennen können, dass die Situation in Deutschland unterschiedlich ist. Schließlich steht im beanstandeten ZEIT-Artikel: „Wenn es gut läuft, hat er einen Partner in seinem Glaskasten. Hat er Pech, spart sein Besitzer nicht nur an Gesellschaft, sondern zudem an ausreichend Licht aus der energiefressenden UV-Lampe“. Aus Sicht des Presserates sei aufgrund dieser Formulierung keine Pauschalkritik an der Reptilienhaltung erkennbar. Eine Ehrverletzung liegt ebenfalls nicht vor, weil ich persönlich als Beschwerdeführer ja nicht im Artikel genannt wurde. Damit folgt der Presserat prinzipiell der aktuellen „A.C.A.B.-Rechtsprechung“ des Bundesverfassungsgerichts (die Beleidigung von unüberschaubar großen Gruppen stellt als solche keine Beleidigung von Individuen dieser Gruppe dar).

Die von mir kritisierte Aussage über die angeblich vom Zoofachhandel einkalkulierte Verlustrate habe sich die ZEIT bzw. die verantwortliche Autorin aus Sicht des Presserates nicht selbst zu eigen gemacht, sondern stammt von einer externen Quelle (PETA). Für den Leser sei offensichtlich, dass sich die journalistische Sorgfaltspflicht der ZEIT-Redaktion nicht auf die Publikationen von PETA erstrecken könne, da diese nicht im Wirkungskreis der Redaktion lägen. Von der Redaktion könne nicht verlangt werden, für die Korrektheit solcher Fremdinhalte einzustehen.

Fazit:
Vielleicht bin ich (wie auch zig andere Terrarianer) bei derartigen Berichterstattungen etwas dünnhäutig und erkenne den Versuch einer differenzierten Darstellung nicht sofort. Letztlich ist es unsere Entscheidung, ob wir uns den von der ZEIT und anderen Medien regelmäßig in den Raum gestellten Schuh mit der Aufschrift „Tierquäler“ anziehen wollen oder nicht. Vielleicht halten wir den „durchschnittlich verständliche Leser“ einfach für zu unwissend, um die richtigen Schlüsse aus solchen Artikeln zu ziehen. Zu Recht oder zu Unrecht sei an dieser Stelle mal dahingestellt.

Dass aber die ungeprüfte Übernahme von Fremdinhalten keinen Verstoß gegen die journalistische Sorgfaltspflicht darstellen soll, ist für mich ein Schlag ins Gesicht!
Für mich macht es zwar schon noch einen Unterschied, ob eine Redaktion aus Unwissen einen Fehler begeht und dabei versehentlich ein tendenziöser Artikel entsteht oder ob ganz bewusst eine einseitige Darstellung angestrebt wurde. Doch mit der Entscheidung des Presserats sind Propaganda endgültig Tür und Tor geöffnet. Ein etabliertes Leitmedium kann so ganz leicht eine tendenziöse Berichterstattung betreiben, indem sie ausschließlich Fremdinhalte passender Interessenvertreter verlinkt oder zitiert, ohne sich diese direkt selbst zu eigen zu machen und deswegen vom Presserat gerügt zu werden. Damit hat der Presserat mal eben den Pressekodex beerdigt. RIP

Wenn Pseudojournalisten wie ich oder die Blogger von P€TA so agieren, ist das eine Sache, denn wir unterliegen nicht dem Pressekodex. Nach der Offenbarung des Presserates sehe ich die Berichterstattung der Presse mit Pseudologiehintergrund aber erneut mit anderen Augen...

 
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