Sonntag, 18. September 2016

Ausstellung „Die Wüste lebt!“ im A2 Center Hannover

Seit Anfang September ist im A2 Center Hannover in Altwarmbüchen die Ausstellung „Die Wüste lebt!“ zu sehen, in der Reptilien, Amphibien und Spinnentiere aus Trockenregionen verschiedener Kontinente der Erde ausgestellt werden.

Vor kurzem zog  ein Shitstorm über dem A2 Center und der besagten Ausstellung auf, worauf mich ein befreundeter Terrarianer aufmerksam machte. Auf der Facebookseite des A2 Centers hagelte die Scheiße nur so nieder. Eine 1-Stern-Bewertung nach der anderen zog den Bewertungsdurchschnitt in die Tiefe. Kommentare, in denen die Verantwortlichen als „Tierquäler“ beleidigt wurden, waren und sind dort noch immer zu lesen. Doch der Shitstorm kam nicht etwa wie gewohnt aus Richtung radikaler Tierrechtler, sondern braute sich in einer Terraristikgruppe auf Facebook zusammen. Dort wurde der Aufruf gestartet, das A2 Center aufgrund der Ausstellung negativ zu bewerten. Was war geschehen?

Auf der Facebookseite des A2 Centers wurde am 7. September ein Imagefilm über die Ausstellung veröffentlicht, in dem u.a. eine Kornnatter (Pantherophis guttatus) sowie eine Kaiserboa (
Boa imperator syn. Boa constrictor imperator) in Terrarien mit losem Sand als Bodengrund zu sehen waren. Dies war Grund genug für die Terraristik-Szene, eine unsachliche Hetzjagd gegen die Verantwortlichen der Wüstenausstellung zu starten und sich damit selbst nicht mit Ruhm zu bekleckern. Das Management des A2 Centers lud die Kritiker daraufhin zu einem persönlichen Gespräch ein. Diesen Termin nahmen mein Bekannter, mein Partner und ich am gestrigen Samstag war, um die Ausstellung einmal selber zu besuchen und im Anschluss mit dem Management des A2 Centers und der Ausstellungsleiterin von der Firma expovivo zu sprechen:

Insgesamt werden 17 Terrarien mit verschiedenen Tierarten ausgestellt. Darunter beispielsweise ein großräumiges Terrarium, in dem Bartagamen (Pogona vitticeps) mit Kragenechsen (Chlamydosaurus kingii) vergesellschaftet sind. Verschiedene weitere Echsen wie eine Dornschwanzagame (Uromastyx ocellata) und Biberschwanzagamen (Xenagama batilifera) sind in Artterrarien untergebracht. Neben der besagten Kornnatter und der Kaiserboa sind noch andere Schlangen zu sehen, darunter Steppennattern (Elaphe dione) und Afrikanische Eierschlangen (Dasypeltis inornata). Zwei sympathische Coloradokröten (Incilius alvarius) sind die einzigen Amphibien, die in der Ausstellung gezeigt werden. An Wirbellosen werden eine
Vogelspinne (Aphonopelma chalcodes) sowie Spaltenskorpione (Hadogenes sp.) ausgestellt.

Die technische Ausstattung der Terrarien gab uns keinen Grund für Kritik. Besonders im Großterrarium mit den Bartagamen und Kragenechsen sind mehr als genug UV-Leuchtmittel angebracht. Alle Tiere befanden sich zum Zeitpunkt unseres Besuches in einem gesundheitlich einwandfreien Zustand. Umso absurder wirkt der Vorwurf einiger teils anonymer Kritikerinnen bei Facebook, die eine im Imagefilm gezeigte Biberschwanzagame als Zwergbartagame (Pogona henrylawsoni) mit Rachitis „identifizierten“. Die Qualität mancher „Kritik“ wird bei solchen Kommentaren besonders deutlich.

Manche der Terrarien hätten aus unserer Sicht allerdings ein wenig mehr Einrichtung vertragen können, insbesondere weil auf den Terrarien ein geballtes Sortiment an Ästen, Trockenpflanzen und auch Kunstpflanzen als Dekoration drapiert wurde. Im Gespräch mit den Verantwortlichen wurde uns diesbezüglich mitgeteilt, dass diese Dekorationsgegenstände nicht desinfiziert seien und bei jeder Ausstellung nur für die Außendeko genutzt würden und dabei teilweise auch auf dem Boden liegen, weswegen sie nicht einfach so in die Terrarien gestellt werden können. Man nahm die Anregung jedoch für die nächsten Veranstaltungen auf.

Die Dornschwanzagame machte bei unserer ersten Begehung einen sehr aufgeregten Eindruck und lief an den Scheiben des Terrariums entlang. Hätte das Tier dieses Verhalten dauerhaft gezeigt, wäre dies schon sehr auffällig gewesen. Später saß die Agame jedoch vollkommen ruhig auf ihrem Sonnenplatz und auch am Ende unseres Besuches verhielt sie sich unauffällig. Dies zeigt, dass man sich niemals einen Eindruck von einer kurzen Momentaufnahme machen sollte! Tierrechtsorganisationen arbeiten mit solchen Momentaufnahmen in ihren Propagandafilmen, um angebliches Tierleid zu offenbaren. Daher sollte man sich immer selber einen Eindruck verschaffen und dies nicht nur für ein paar Minuten.

Das Terrarium der Vogelspinne wirkte auf mich zunächst nicht gerade artgerecht. Dem Tier wird eine nur wenige Zentimeter hohe Schicht eines Erde-Sand-Gemisches geboten, welches mit einer losen Sandschicht umrandet wurde, um die Wüstenthematik zu unterstreichen. Die Spinne saß allerdings ruhig unter einem Korkstück und von verzweifelten Grabaktivitäten war nichts zu erkennen. Ich pflege selbst mehrere Exemplare verschiedener Vogelspinnenarten, die teilweise arttypische Wohnröhren graben, teilweise aber auch nur Korkröhren als Unterschlupf bevorzugen oder trotz anderer Möglichkeiten seit Jahren offen im Terrarium sitzen und Störungen mit stoischer Ruhe ertragen. Ich halte nach dem gestrigen Gespräch die Aussteller für fachlich so kompetent, dass sie die Tiere gezielt nach ihren individuellen Verhaltensweisen auswählen.

Das für uns auffälligste Tier war ein männliches Jemenchamäleon (Chamaeleo calyptratus), welches sehr dunkel gefärbt war und somit Anzeichen für Stress zeigte. Dies lag unserer Einschätzung nach an den halbdurchsichtigen Sichtschutztüchern, die von einigen neugierigen und total rücksichtslosen Besuchern ständig zur Seite gezogen wurden. Laut Aussage der Veranstalterin befinden sich derzeit bedruckte Sichtschutzfolien in der Herstellung, die in der nächsten Ausstellungssaison an drei Seiten der Terrarien angebracht werden sollen. Abgesehen davon war am Chamäleonterrarium nichts auszusetzen. Bemerkenswert ist auch das stolze Alter des Tieres von über 6 Jahren. Mit unserer Anregung, dass die Terrarien mit Hinweisschildern wie „Bitte nicht klopfen“ und „Nicht mit Blitzlicht fotografieren" beschriftet werden sollten, rannten wir offene Türen ein, weil dies ebenfalls bereits geplant ist.

Die Bodengrunddebatte kann bei der Boa und der Kornnatter ein Stück weit entkräftet werden. Beiden Tieren steht eine Fläche mit einem Erde-Sand-Gemisch zur Verfügung, wovon zumindest die Kornnatter genug (ca. 2/3 der Bodenfläche) für Grabaktivitäten zur Verfügung hat. Der lose Sand stellt bei ihr somit nicht den Hauptbodengrund dar. Einzig die Außenwirkung auf die Besucher sollte hinterfragt werden. Wer sich die gezeigte Haltungsform als Vorbild nimmt und losen Sand als dauerhaften Bodengrund im Kornnatterterrarium nutzt, riskiert Entzündungen der Bauchschuppen und der Atemwege durch das Einatmen von Staubpartikeln. Abgottschlange und Kaiserboa sind mit verschiedenen Lokalformen ebenfalls sehr weit verbreitet und kommen auch in Halbwüsten vor (TRUTNAU: „Ungiftige Schlangen“, Ulmer Verlag, 2002), weswegen der Sandboden je nach Lokalform gar nicht falsch sein muss.

Was im Gespräch mit der Ausstellungsleiterin sehr schnell deutlich wurde, ist die Tatsache, dass sie sich den Auflagen des jeweils zuständigen Veterinäramtes fügen muss. Als reisende Ausstellung müssen sich die Aussteller nun einmal mit verschiedenen Amtsveterinären auseinandersetzen, die bekanntlich am längeren Hebel sitzen und nicht unbedingt immer Ahnung von Reptilien haben. Wenn von Seiten der Behörden z.B. Steinaufbauten und enge Verstecke untersagt werden, dann müssen die Aussteller sich dem leider fügen.

Wir wurden bei unserem Besuch sogar hinter die Kulissen geführt und bekamen so noch einen Einblick in die Haltung der Futterinsekten, die absolut vorbildlich ist. In den Terrarien mit herbivoren bzw. omnivoren Tieren wird nicht etwa billiger Blattsalat verfüttert, sondern hochwertige pflanzliche Kost wie Wildkräuter. Als Calciumquelle steht den entsprechenden Arten Sepiaschale dauerhaft zur Verfügung. Also gab es beim Thema Fütterung auch keinen Anlass für Kritik.

Fazit:
Es gab zwar ein paar Kritikpunkte, diese waren bzw. sind jedoch nicht so dramatisch, als dass sie einen unsachlichen Shitstorm gegen die ausstellende Firma oder gar gegen das A2 Center rechtfertigen würden. Unsere sachliche Kritik wurde von den Verantwortlichen dankbar aufgenommen und soll im Rahmen der Möglichkeiten zeitnah umgesetzt werden. Man nahm sich viel Zeit (etwas über 2 Stunden) für uns und war offen für unsere Kritik.

Wir hatten nicht den Eindruck, dass es sich um einen „Wanderzirkus“ handelt, der auf Kosten der Tiere Besucher anlocken soll, um Profit zu machen. Der Ansatz, den Leuten diese Tiere näherbringen zu wollen, stand ganz klar im Vordergrund. In einer Zeit, in der wir ständig mit unsachlichen Angriffen seitens der „Tofu-Fraktion“ zu rechnen haben, empfinde ich es als sehr bedenklich, wenn wir uns auf dasselbe Niveau herablassen und Mitstreiter auf vergleichbar infame Art und Weise diffamieren. Das A2 Center Hannover verdient großes Lob (und daher positive Bewertungen auf der Facebookseite) dafür, dass eine solche Ausstellung in der heutigen Zeit überhaupt ermöglicht wird!

Wer Kritik hat, sollte diese sachlich äußern. Als Trittbrettfahrer bei einem Shitstorm mitzumachen, ohne selbst die Gegebenheiten vor Ort einmal persönlich inspiziert zu haben, empfinde ich schlicht und ergreifend nur als feige und dumm. Das sagt mehr über die „Kritiker“ aus als über die Ausstellung. Bisher hatte keiner der Shitstormtrooper den Arsch in der Hose, sich mit den Veranstaltern von Angesicht zu Angesicht zu treffen. Ich hätte nicht gedacht, dass jemals der Tag kommen würde, an dem ich mich dafür schämen muss, ein Teil der Terraristik-Szene zu sein!

Die Ausstellung „Die Wüste lebt!“ ist noch bis zum 1. Oktober im A2 Center Hannover in Altwarmbüchen zu sehen.


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