Mittwoch, 24. August 2016

Review: „Report Mainz“ (ARD) über „Gequälte Reptilien“

Am gestrigen Dienstag, den 23. August strahlte die ARD in ihrer Sendung „Report Mainz“ einen Beitrag über den (Massen)Handel mit Reptilien aus: „Gequälte Reptilien - Das Massengeschäft mit Schlangen und Schildkröten“

Eingeleitet wurde der Beitrag vom Moderator mit den Worten, dass wir Reptilienhalter zwar etwas skurril seien, jedoch auch eine finanzstarke Klientel, weil exotische Haustiere oftmals viel Geld kosten und daher ein lukratives Geschäft seien. Dies habe jedoch auch zu einem Massenmarkt geführt, bei dem die „Ware Tier“ zu niedrigen Preisen verramscht würde. Dies war dann auch das Kernthema des Beitrags. Es ging weniger um die (vorbildlichen?) Haltungsbedingungen bei Privatpersonen, sondern vielmehr um Massenimporte und Massenzuchten. Diese beiden Themenbereiche wurden meinem Empfinden nach jedoch nicht wirklich differenziert voneinander dargestellt. Vor allem wurde wieder mal deutlich, mit welchen Methoden die öffentliche Meinung von den etablierten Leitmedien manipuliert wird.

Als Negativbeispiel wurde zunächst einmal das Tierheim Hamburg gezeigt, welches von 30 Plätzen für Reptilien inzwischen auf 170 Plätze aufstocken musste. Ursache dafür sei die Problematik, dass z.B. Bartagamen schon für 2,50 Euro erhältlich sind und daher häufig von nicht ausreichend sachkundigen Leuten angeschafft werden, die sie dann aufgrund von Überforderung schnell wieder loswerden wollen. Dies ist ein Problem, welches auch ich sehe. Tiere sollten einen Wert haben und zu einem angemessenen Preis gehandelt werden. Wenn durch Massenzuchten bzw. Massenimporte die Preise gedrückt werden, bleibt das Tierwohl leider auf der Strecke.

Es folgte ein Besuch bei einem der größten deutschen Reptilienzüchter: Stefan Broghammer, Inhaber von M&S Reptilien, der auf YouTube auf dem Kanal „ReptilTV“ monatlich Videos über die Terraristik veröffentlicht. Im ARD-Beitrag wurde vor allem die dort praktizierte jahrelange Haltung und Zucht von Schlangen in vergleichsweise kleinen Plastikboxen thematisiert und kritisiert. Auf die Frage des Reporters, warum der Züchter die Tiere so halte, entgegnete Broghammer, dass dies die hygienischste Methode sei. Noch ehe es zu weiteren Erklärungen kommen konnte, unterbrach der Reporter und stellte fest, dass die Schlange sich darin ja nicht ausstrecken können. Schließlich kam die Frage der Fragen, ob diese Form der Haltung artgerecht sei, die der Züchter kurz und knapp mit einem „Ja!“ beantwortet.

Prof. Manfred Niekisch, Direktor des Frankfurter Zoos, sah das allerdings anders. Laut ihm sei zwar eine kurzfristige Haltung von Schlangen in Racksystemen in Ordnung und evtl. sogar notwendig (z.B. während der Quarantäne), eine jahrelange Beschränkung auf diese Haltungsform sei jedoch nicht artgerecht. Eine Boa möchte schließlich baden und viele Schlangen leben überwiegend auf Bäumen, Bedürfnisse, die eine Plastikbox nicht erfüllen kann und daher Leid verursacht. Dass bei M&S Reptilien vorrangig Königspythons gezüchtet werden, wurde einfach mal unter den Tisch gekehrt. Mich hätten weitere Hintergründe schon noch interessiert. Werden da z.B. auch andere Arten in solchen Plastikboxen / Racks gehalten? Meine persönliche Meinung zu Racks ist ambivalent und grundsätzlich sehe ich eher so, wie Prof. Niekisch. Gut strukturierte Terrarien sind als dauerhafte Haltungsbehältnisse einfach besser geeignet. Herr Broghammer hat zwar im Beitrag richtigerweise angemerkt, dass eine Schlange normalerweise niemals ausgestreckt in einem Terrarium / Rack liegt. Dies bedeutet im Umkehrschluss aber trotzdem nicht, dass man dem Tier die Möglichkeit dafür nicht bieten bräuchte. Objektiv betrachtet ist es allerdings pupsegal, was meine persönliche Meinung oder die von Herrn Broghammer bzw. Prof. Niekisch zur Rackhaltung ist. Da es bisher zu diesem Thema keine Grundsatzurteile höchster Instanz gibt, obliegt es weiterhin den zuständigen Veterinärbehörden zu entscheiden, ob diese Haltungsform tierschutzgerecht ist oder nicht. Wenn das für M&S Reptilien zuständige Veterinäramt der Meinung ist, dass diese Haltungsform in keinem Widerspruch zum Tierschutzgesetz steht, dann ist sie rechtlich gesehen in diesem Einzelfall tatsächlich tierschutzgerecht.

Der Beitrag setzte sich fort mit emotionalen Aufnahmen der Tierrechtsorganisation PETA und der Nennung der Anzahl von jährlichen Reptilienimporten in Höhe von 600.000 lebenden Reptilien. Auch hier muss erneut betont werden, dass sich die Importe inzwischen bei ca. 300.000 Reptilien eingependelt haben. Zu sehen waren Aufnahmen von verletzten und dehydrierten Bartagamen, in Klebefallen gefangene (und natürlich verendete) Reptilien und weitere Grausamkeiten, die bei einem „großen Zulieferer eines deutschen Importeurs“ entstanden sein sollen. In den von PETA selbst veröffentlichten Aufnahmen wird konkret der US-Großhändler „Reptiles by Mack“ aus Ohiho genannt, bei dem das Bildmaterial von PETA USA gesammelt wurde. Über die Grausamkeit dieses Umgangs mit lebenden Tieren müssen wir wohl nicht diskutieren, ganz egal welche Organisation solche Aufnahmen angefertigt hat. Da die Vertriebswege in diesem Fall jedoch nie offengelegt wurden, ist fraglich, welche deutschen Händler in derartige Machenschaften verwickelt waren oder sind. Ich bin der Meinung, dass man – so schrecklich die Bilder auch sein mögen – diese Missstände nicht als Standard innerhalb des Reptilienimports annehmen darf. Aufnahmen von verantwortungsvollen Reptilienimporteuren würde PETA natürlich nie veröffentlichen. Schaut man mal bei andere unabhängigeren Quellen ein paar Berichte über den Import und Handel von Vivarientieren (beispielsweise in einschlägigen „Wissenschaftsmagazinen“), sieht man gänzlich andere Bilder. Nicht zuletzt sollte man bedenken, dass die Rechercheergebnisse von PETA teilweise aus Asien stammen, wo gänzlich andere Tierschutzstandards gelten. Klebefallen sind dort zur „Schädlingsbekämpfung“ genauso akzeptiert, wie bei uns Rattengift, welches ebenfalls einen qualvollen Tod fühlender Wirbeltiere verursacht und woran man als Verbraucher nicht einmal etwas mit einer veganen Lebensweise ändern kann.

PETA-Fachtierärztin Dörte Röhl behauptete im ARD-Beitrag, dass 70 Prozent der Wildfänge bzw. der in Deutschland gehandelten Reptilien (Was denn nun? Da gibt es schon noch einen Unterschied!) bereits beim Transport verenden und dass die Händler diese Mortalitätsrate bereits einkalkulieren würden. Diese Zahl stammt natürlich aus einer PETA-Recherche, die demnach nicht unabhängig ist und auch nicht überprüft werden kann. Mit diesem dubiosen Material derart unkritisch zu arbeiten, zeigt den Gesinnungsjournalismus des Reporterteams!

Jürgen Hoch, Geschäftsführer der Import-Export Peter Hoch GmbH sprach im Interview mit dem Report Mainz Reporter hingegen von einer Mortalitätsrate in Höhe von 1 bis 2 Prozent. Die Ausfallrate sei aus seiner Sicht in der Natur sehr viel höher. Auf Nachfrage des Reporters, ob man als Reptilienhändler also etwas Gutes tut, entgegnete Hoch: „Wir tun auf jeden Fall nichts Schlechtes...“ *Schnitt* Die zynische Formulierung, dass Importeure also Tiere vor der grausamen Natur retten, würde ich mir zwar nicht in den Mund legen wollen, dennoch bestätigen unabhängige Studien die von Herrn Hoch genannte Mortalitätsrate in Höhe von 1,97 bzw. 3,88 Prozent (MORITZ, 1994; STEINMETZ et al., 1996).

Im weiteren Verlauf des Beitrags forderte Prof. Niekisch strengere Kontrollen der Händler und gesetzliche Beschränkung der Importe auf wenige begründete Ausnahmen. Der Massenhandel sorge schließlich nicht nur für große Tierschutzprobleme, sondern stellt für viele Arten auch eine Artbedrohung dar.

Auf Anfrage von Report Mainz nahmen drei große Zoofachhandelsketten zu der Thematik Stellung: Dehner will nur noch europäische Zuchtschildkröten verkaufen, Fressnapf möchte nur noch Zuchttiere aus Europa anbieten und Das Futterhaus beschränkt sich auf eigens kontrollierte deutsche Züchter.

Seitens der Politik gab es zwei Stellungnahmen: Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) sieht wenig Chancen für ein Importverbot auf dem EU-Parkett. Und Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) will das Problem erst einmal weiter wissenschaftlich erforschen lassen.

Zum Abschluss des Beitrags kam noch einmal Prof. Niekisch zu Wort. Er ist der Meinung, dass die Auswirkungen des Massenhandels schon hinreichend bekannt seien und daher auch von politischer Seite gehandelt werden müsse.

Fazit:
Grundsätzlich teile ich die Meinung des Zoodirektors Niekisch, dass der Massenhandel ein Problem darstellt und die Auswüchse wie überforderte Halter und klassische Haustierprobleme bei Reptilien die gesamte Vivaristik in Verruf bringen. Das könnte aber auch schlichtweg daran liegen, dass dem Professor am meisten Sendezeit spendiert wurde. Es gab keine weiteren Erklärungen vom „Massenzüchter“ Broghammer oder vom „Massenimporteur“ Hoch. Warum? Wurden keine weiteren Aussagen gemacht? Oder wurde den „bösen Buben“ in diesem Beitrag einfach nicht derselbe zeitliche Rahmen zur Verfügung gestellt, wie den Kritikern? Das Unterbrechen der Reporter und die auffälligen Schnitte des Videomaterials lassen Letzteres vermuten.

Trotz meiner persönlichen kritischen Meinung am Massenhandel hinterlässt der Beitrag der ARD ein gewisses Geschmäckle. Erst kürzlich habe ich in meinem beruflichen Umfeld direkt miterleben dürfen, wie die Öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten die Wahrheit gezielt so darstellen, wie sie gerne die Meinung der Zuschauer hätten. Im besagten Fall ging es um die Qualität von Saatgut. Untersucht wurden vier verschiedene Saatgutarten von verschiedenen Herstellern und Anbietern (z.B. Bio-Qualität vs. Discounter). Im TV wurden Untersuchungsergebnisse der Keimfähigkeit einer Saatgutart veröffentlicht, bei denen das Bio-Saatgut schlechter als die Konkurrenz abschnitt. Die Ergebnisse der anderen drei Arten wurden nicht veröffentlicht. Der Zuschauer bekam also die Meinung aufgetischt, dass „Billigsaatgut“ besser sei als teures Saatgut. Dass das Bio-Saatgut bei den drei anderen Fruchtarten allerdings genauso gut oder sogar besser abschnitt, wie es die mir vorliegenden Untersuchungsbefunde beweisen, wurde im Beitrag nicht erwähnt. Dieser Vorfall hat mir gezeigt, dass die Medien an ihrem Ruf als „Lügenpresse“ Presse mit Pseudologiehintergrund in keiner Weise unschuldig sind.

So hat mir auch der Report Mainz Beitrag über „gequälte Reptilien“ gezeigt, dass Fakten willkürlich vermischt werden (Wildfängen, Importe oder doch Nachzuchten?), veraltete Zahlen ungeprüft veröffentlicht werden und dass offenbar nur die Meinung transportiert wird, die man dem Zuschauer einreden möchte, statt differenziert, objektiv und wahrheitsgemäß über Missstände zu berichten und dem Zuschauer die Meinungsfindung selbst zu überlassen! Man bedenke, dass es sich nicht um Privatfernsehen handelt, sondern um sog. „Qualitätsfernsehen“ mit einem staatlichen Informations- und Bildungsauftrag!

Auf der Internetseite von „Report Mainz“ ist noch ein zusätzliches Autorengespräch zu finden, welches nicht im TV ausgestrahlt wurde, auf das jedoch im TV hingewiesen wurde. Auf dieses Gespräch gehe ich hier näher ein: Review: Autorengespräch „Das Massengeschäft mit Schlangen und Schildkröten“ 


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