Donnerstag, 25. August 2016

Review: Autorengespräch „Das Massengeschäft mit Schlangen und Schildkröten“

Nach der Ausstrahlung des „Report Mainz“ Beitrags „Gequälte Reptilien - Das Massengeschäft mit Schlangen und Schildkröten“ fand ein Gespräch zwischen dem Moderator Fritz Frey und den Autoren des besagten Beitrags Edgar Verheyen und Oliver Heinsch statt, welches online auf www.swr.de zu finden ist, jedoch nicht live im TV ausgestrahlt wurde. Im Autorengespräch wurde die Meinungsmanipulation weiter fortgeführt.

So wiederholte Edgar Verheyen die veralteten Importzahlen von jährlich 600.000 lebenden Reptilien. Dies zeige aus seiner Sicht, dass Reptilienhalter Sammler sind. Es handele sich um einen Boom vor allem bei jungen Leuten. Er behauptete ferner, dass die Reptilien nicht alt würden, weil Experten von Sterberaten bis zu 70 Prozent bei Import, Handel und Haltung normal seien, weil Menschen nicht in der Lage sind, die Tiere artgerecht zu halten. Wenn jährlich 600.000 lebende Reptilien importiert werden, in Deutschland jedoch nur ca. 700.000 Terrarien vorhanden sind, scheint der Ausschuss ja auch sehr hoch zu sein.

Zunächst einmal wird derzeit jährlich „nur“ etwa die Hälfte der genannten Anzahl an lebenden Reptilien nach Deutschland importiert. Der drastische Rückgang der Importe zeigt entweder, dass der Boom inzwischen abgeflaut ist oder aber dass der immer weiter steigende Bedarf inzwischen größtenteils durch Nachzuchten und nicht mehr durch Importe gedeckt werden kann. Des Weiteren ist Deutschland ein Umschlagplatz für die gesamte Europäische Union. Nicht jedes Reptil, welches z.B. am Frankfurter Flughafen ankommt und dort als Import in die Statistik einfließt, verbleibt auch in Deutschland. Auf die nicht überprüfbare Einzelfallrecherche von PETA bzgl. der hohen Ausfallrate muss ich wohl nicht noch mal näher eingehen.

Da Herr Verheyen auch von einer hohen Mortalität innerhalb der Reptilienhaltung sprach, sollte im Sinne der Wahrheitsfindung aber schon noch erwähnt werden, dass die Haltungsbedingungen von Reptilien in Privathaushalten bei den im „Report Mainz“ gezeigten PETA-Recherchen gar nicht recherchiert wurden. Wissenschaftliche Studien u.a. von der Universität Leipzig beweisen lediglich, dass Reptilien vorzeitig sterben oder krank werden, wenn sie falsch gehalten werden. Aber dies ist ganz klar kein exklusives Problem bei der Haltung von Reptilien und lässt auch keine Rückschlüsse zu, wie hoch denn nun der Anteil an schlecht gehaltenen Reptilien in deutschen Haushalten ist. Außerdem zeigen Studien, dass Reptilien in Gefangenschaft tatsächlich länger leben als in freier Wildbahn und dass sich ihre Mortalität nicht einmal von der von Hunden oder Katzen unterscheidet. Die Aussage „Viele Reptilien werden nicht alt“ lässt sich somit ganz eindeutig widerlegen. Man fragt sich, wer diesem Reporter eigentlich das Recht gab, solche Dinge zu behaupten!

Die Aussagen seines Kollegen Herrn Heinsch wirkten da schon etwas weniger ideologisch. Er erklärte, dass man sich vor der Anschaffung eines Reptils über dessen Bedürfnisse und auch die zu erwartende Größe erkundigen sollte, auch bei Tieren, die allgemein als „Anfängerarten” gelten. Vor allem die Temperatur spiele bei wechselwarmen Reptilien eine große Rolle für die Gesundheit. Wer glaubt, man könne ein Reptil einfach so im Wohnzimmer halten, der irrt sich. Auf die Frage, wo man Reptilien erwerben sollte, nannte Heinsch zunächst einmal Tierheime und Auffangstationen als geeignete Anlaufstellen. Falls dies nicht möglich sei, solle man Händler bzw. Züchter aufsuchen, die man persönlich besuchen und somit direkt beurteilen kann.

Grob also dieselbe Meinung, die ich selbst vertrete. Eine Frage stellt sich mir allerdings: Was ist ständig mit der „Haltung von Reptilien im Wohnzimmer“ gemeint? Als Terrarianer verbinde ich damit zunächst einmal die Haltung von Reptilien in Wohnzimmerterrarien, in denen die geeignete Temperatur herrscht. Dies ist vollkommen unproblematisch, denn ob ein Terrarium nun in einem Wohnzimmer oder einem Hobbykeller steht, ist wenig relevant, solange die Bedürfnisse des jeweiligen Tieres mithilfe der Klima- und Lichtsteuerung erfüllt werden. Aber offenbar scheint es auch Leute zu geben, die Reptilien direkt im Wohnzimmer (also ohne Terrarium) halten und die daher im eigentlichen Wortsinne keine Terrarianer sind. Prinzipiell spricht selbst dagegen bei manchen Arten nichts, sofern das Wohnzimmer entsprechend tierschutzgerecht hergerichtet wurde. Aber was die „Haltung von Reptilien im Wohnzimmer“ betrifft, wird von den Kritikern oft nicht ausreichend erklärt, was damit eigentlich genau gemeint ist. Auch Reporter Heinsch wurde in diesem Punkt nicht konkreter.

Edgar Verheyen machte im weiteren Verlauf des Autorengesprächs deutlich, dass Händler während der Recherchen häufig gesagt hätten, dass der Verkauf von Nachzuchten nicht falsch wäre. Er führte aus, dass viele Reptilien als Wildfänge gehandelt würden. Seltene Arten (z.B. Inselpopulationen) würden dadurch an den Rand des Aussterbens getrieben. Das Argument der Händler, dass viele Arten durch die Haltung und Zucht in den Terrarien erhalten werden, bezeichnete Verheyen als vorgeschoben. Zitat: „Man spielt sich auf als Tierschützer. Man fragt sich eigentlich, wer gibt diesen Leuten eigentlich das Recht zu sagen, dass sie die Arterhaltung betreiben sollen. Das ist nicht deren Aufgabe. Denn im Grunde geht es ja auch um Kommerz und nicht um Arterhaltung.“

Nun stellt sich mir die Frage, ob ich mir als kleiner Privatzüchter, der nur aus wissenschaftlichem Interesse (vorgeschobenes Argument Nr. 1) und zur Erhaltung seines eigenen Bestandes (vorgeschobenes Argument Nr. 2) manche seiner Tiere nachzüchtet, diesen Schuh überhaupt anziehen soll. Aus meiner Sicht ist es die logische Konsequenz, dass Nachzuchten einen Beitrag zum Arterhalt leisten. Einerseits kenne ich aus meinem persönlichen Umfeld einige Züchter, die das sogar in Kooperation mit Naturschutzbehörden zur Wiederansiedlung von einheimischen Schlangen oder mit zoologischen Einrichtungen für den Erhalt von Goldfröschchen (Mantella aurantiaca) oder San Francisco-Strumpfbandnattern (Thamnophis sirtalis tetrataenia) betreiben. Wenn das nicht „deren Aufgabe“ ist und alles nur Kommerz sein soll, warum machen die das dann ehrenamtlich? Keine Verkäufe, keine staatliche Subvention – alles nur für die Gewissheit, mit eigenem Engagement einen echten Beitrag im Artenschutz geleistet zu haben. Oder sind die gar nicht gemeint, sondern tatsächlich „nur“ kommerzielle Züchter? Selbst diese leisten einen Beitrag zum Artenschutz. Züchter wie M&S Reptilien sorgen mir ihrer Suche nach immer spektakuläreren Farbvarianten zwar sicherlich für andere Probleme (z.B. die Produktion eines hohen Ausschusses von wildfarbenen Königspythons, die zu Billigpreisen versteigert werden), trotzdem wird durch jedes dieser Nachzuchttiere der Import eines Wildfangtieres (womöglich als Farmzucht umdeklariert) unnötig.

Zum Abschluss des Autorengesprächs wurde noch mal auf die politische Situation eingegangen. Das Umweltministerium möchte sich auf EU-Ebene dafür einsetzen, dass in ihren Herkunftsländern geschützte Arten nicht mehr so leicht importiert werden können (eine Art „EU Lacey Act“) und das Landwirtschaftsministerium, bei dem die Tierschutzzuständigkeit liegt, will mit einer großangelegten aktuellen Studie erst einmal die Situation erforschen, die aus Sicht von vielzitierten aber nicht namentlich genannten „Experten“ wohl unnötig ist, weil die Probleme bereits bekannt seien.

Die Autoren sowie der Moderator hofften zum Ende des Gespräches, dass der Beitrag beim Ministerium als eine Energiespritze wirke und das politische Handeln dadurch beschleunigt würde.

Mir stellt sich zum Autorengeschpräch die Frage, wozu ein solches Gespräch noch notwendig war. Neue Erkenntnisse wurden nicht vermittelt, lediglich der Meinung der Reporter eine zweite Plattform geboten. Ich bin zwar nur ein „selbsternannter Pseudojournalist“, dennoch halte ich die ganze Sache presseethisch für äußerst fragwürdig. Entweder sind Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks unabhängig, dann kann gerne ein solches Gespräch nur mit den Beitragsautoren durchgeführt werden, wobei dann natürlich nicht nur eine tendenziöse Meinung vermittelt werden sollte! Oder aber die Autoren haben eine feste Meinung, dann sollten jedoch im Rahmen eines Nachgespräches auch Gegenstimmen zu Wort kommen. Da beides hier nicht der Fall war, bin ich zutiefst erschüttert, mit welch perfiden Methoden ein etabliertes Leitmedium wie „Report Mainz“ arbeitet. Immerhin diese lehrreiche Erkenntnis, kann man auch der Sache mitnehmen.

Mittlerweile wurden noch drei weitere Videos aus der Reihe „REPORT MAINZ fragt...“ hochgeladen:

Im ersten Teil konnte Prof. Manfred Niekisch noch mal Fragen beantworten. Die 70 Prozent Mortalitätsrate bei manchen Transporten überraschen ihn z.B. nicht. Es gäbe sogar Fälle, bei denen 100 Prozent der Tiere verenden. Das mag zwar sein, aber ebenso gibt es Transporte, bei denen nur sehr wenige oder gar keine Tiere sterben. Die Ermittlung des Durchschnitts im Rahmen einer größeren unabhängigen Studie wäre interessant, nicht jedoch die Versteifung auf Einzelergebnisse. Auf die Frage, welche Ausnahmen von Importverboten es geben sollte, erklärte Prof. Niekisch, dass Importe zur wissenschaftlichen Forschung und für eine ordentliche Zucht sinnvoll sein können. Zitat: „Und wir dürfen nicht vergessen, dass es doch einige versierte Terrarienbesitzer waren, Tierhalter waren, über die wir erst mal etwas gelernt haben über die Biologie dieser Tiere. Also da gibt es durchaus Verdienste.“ Nur der Massenhandel müsse aufhören und ein Sachkundenachweis müsse her. Absolut meiner Meinung.

Im zweiten Teil wurde die Landestierschutzbeauftragte Baden-Württemberg Cornelie Jäger befragt. Sie vertritt die Meinung, dass Lebendimporte komplett verboten werden sollten. Sie wünscht sich eine Tierschutzheimtierverordnung, welche die Haltung und den Handel (z.B. Tierbörsen) von Exoten näher regeln sollte. Grundsätzlich bin ich nicht gegen eine spezielle „Exotenverordung“, aber es ist absehbar, dass mit einer solchen Verordnung eine Positivliste geschaffen werden soll, die in keiner Weise etwas an den Tierschutzproblemen ändern würde!

Im dritten Teil richteten sich die Fragen an den Biologien, Reptilienforscher und ehemaligen Fachbeirat des Magazins „Reptilia“ Dr. Mark Auliya. Er kritisierte zu Recht das Verramschen von Reptilien. Außerdem hält er Winterimporte für problematisch, weil bei niedrigen Temperaturen die Ausfälle besonders hoch seien. Am Ende nannte er noch zwei Beispiele, bei denen der Lebendtierhandel eine Bedrohung für Arten wurde.

Inzwischen hat auch Stefan Broghammer von M&S Reptilien Stellung zu den Recherchen genommen: Tierschützer stellen Reptilienhändler aus Weigheim an den Pranger

 

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