Freitag, 22. Juli 2016

Ist der WWF nun auch gegen uns?

Der WWF-Deutschland hat gestern auf seinem YouTube-Channel ein Video aus der Reihe Öko mit Uke” veröffentlicht, in dem es um die Haltung von exotischen Tieren geht:



Kritik an der sogenannten Exotenhaltung” (Was sind eigentlich Exoten?) ist gewiss an manchen Stellen gar nicht unangebracht. Aber Verbesserungen erreicht man mit sachlicher Aufklärung. Bisher war der WWF Deutschland immer zu differenzierten Aussagen fähig, wenn es um die Reptilien-/Exotenhaltung ging, statt mit Lügen und Propaganda naturentfremdete Spender anzulocken. Dieses Video ist jedoch billigster Populismus, den man vom WWF eigentlich so nicht kennt. Ich sage nur megagiftige Mutantenspinnen aus Arizona”. Um nur mal ein paar der Unwahrheiten direkt zu benennen:

- Normale Tierheime sind zwar sicherlich mit Exoten” überfordert. Aber das sind sie ebenso mit den Hunderten Katzen und Hunden, die dort jährlich (pro Tierheim versteht sich) abgegeben werden. Der Anteil an Reptilien in den Tierheimen beträgt nur ca. 2 Prozent! Spitzenreiter ist und bleibt die süße Miezekatze”. Setzt man diese Zahlen mit den Heimtierzahlen ins Verhältnis, kommt man zu der Erkenntnis, dass Terrarianer sehr viel seltener überfordert sind als Hunde- oder Katzenhalter.

Weitere Informationen: Exoten, ein Problem für Tierheime?

- Im Video wird ein Vorfall mit einer mutmaßlichen Alligatorschildkröte aus dem Jahr 2013 genannt, um die Gefährlichkeit von Exoten” zu betonen. Dies zeigt, wie weit in der Vergangenheit gekramt werden muss, um solche Vorfälle zu benennen. Bis heute wurde nicht einmal eindeutig geklärt, ob es sich tatsächlich um eine Alligatorschildkröte handelte (Was wurde aus Lotti, der Alligatorschildkröte?). Davon abgesehen ist es nicht besonders gut durchdacht, eine Tierart aufzuführen, die ohnehin nicht mehr legal gehalten werdend darf, um Leute davon zu überzeugen, solche Tiere nicht mehr zu halten. Unfälle mit Hunden, Katzen und Pferden gehören zum Alltag und werden kaum noch erwähnt. Die Gefahrtierstudie 2015 hat gezeigt, dass Exoten” statistisch keine Rolle spielen, wenn es um die öffentliche Sicherheit und Ordnung geht! Besonnene Regelungen der Gefahrtierhaltung” sind zwar wünschenswert, sollten jedoch alle Gefahrtiere betreffen, wozu ich vollkommen objektiv auch Hunde, Katzen und Pferde zähle.

- Auch die im Video eher beiläufig erwähnte Gefährlichkeit von Reptilien Exoten” aufgrund der möglichen Übertragung von Krankheiten (wie z.B. Salmonellen) ist vergleichbar dem Risiko beim Umgang mit Hunden und Katzen. Mit diesem Argument dürfte man tatsächlich gar keine Tiere mehr halten. 

- Vor ca. 10 Jahren wurden noch ca. 840.000 lebende Reptilien importiert. Seitdem ist die Zahl rapide gesunken. Aktuelle Zahlen sprechen von ca. 350.000 lebenden Reptilien. Die veraltete Zahl wird nur genannt, um die Situation zu dramatisieren. Von den importierten geschützten Arten stammen übrigens 2/3 aus Nachzuchten. Die vom WWF genannte Zahl der illegalen Importe (Millionenhöhe) ist vollkommen aus der Luft gegriffen, weil es darüber keine verlässlichen und unabhängigen Daten gibt! Die sinkenden Importzahlen lassen sich durch den wachsenden Anteil an Nachzuchten erklären. Einige Arten (darunter auch die im WWF-Video als Beispiel genannte Boa constrictor) werden inzwischen in solche Massen hierzulande vermehrt, dass sie leider nicht immer von sachkundigen Leuten erworben werden und dann später zum Tierschutzfall werden. Darauf kann man gerne kritisch hinweisen. Jedoch diese Tierschutzprobleme von häufig gezüchteten Reptilien mit Massenimporten gleichzusetzen, wie es Öko-Uke in dem Video tut, verzerrt erneut die Realität.

- Die Transportmortalität betrug vor ca. 20 Jahren bei legalen Reptilienimporten bis zu 4 Prozent! Unabhängige und vor allem aktuelle Studien dazu sind allerdings kaum vorhanden. Leider werden immer wieder die bei schwarzen Schafen ermittelten hohen Verluste (teilweise bis zu 70 Prozent) auf die Allgemeinheit der Händler übertragen. Doch auch dies ist unwissenschaftlich.

- Exoten” fühlen sich bei uns nicht wohl, können aber Schaden anrichten? Widerspricht sich das nicht? Fakt ist, dass unser Klima für die Vivaristik kaum eine Rolle spielt, weil es ja eben darum geht, künstliche Haltungsbedingungen so naturnah wie möglich zu gestalten. Unser Klima bestimmt lediglich den Aufwand, ist jedoch grundsätzlich für die Haltung von Exoten” irrelevant.

- Relevant wird das Klima erst dann, wenn man das Schreckgespenst der Faunenverfälschung als Argument gegen die Exotenhaltung hervorkramt. Heimtiere sollten natürlich nicht in unsere Umwelt freigesetzt werden. Das gilt aber für alle Heimtiere. Die süße Miezekatze” hat den höchsten negativen Einfluss auf bedrohte einheimische Spezies (GENOVESI et al., 2012). Insgesamt 16 verschiedene einheimische Arten von der Roten Liste werden von der Hauskatze in ihrem Bestand gefährdet. Auch der Haushund taucht in der Top 10 der invasiven Arten auf. Statt sich also eine Katze zu besorgen, diese jedoch auf Dauer nicht beschäftigen zu können und das gelangweilte Tier schließlich als Freigänger” in die Natur zu entlassen, wäre die Anschaffung einer Echse oder einer Schlange vielleicht für viele berufstätige Leute sinnvoller und vor allem ökologischer. Davon abgesehen ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein beliebiges Terrarientier bei uns als invasive Art in Erscheinung tritt, statistisch gering: Faunenverfälschung durch ausgesetzte Terrarientiere

- Die Aussage, dass Hunde heimische” Tiere seien, offenbart die fachliche Inkompetenz von Uke” bzw. der Personen des WWF, die ihm seine Aussagen ins Skript geschrieben haben. Die genetische Herkunft des Haushundes ist noch nicht abschließend geklärt. Je nach Forschungsarbeit stammen sie entweder aus Europa oder aus Asien. Hauskatzen stammen eindeutig aus Nordafrika bzw. dem Nahen Osten. Es handelt sich bei diesen Tieren also auch um Exoten” - von Meerschweinchen, Wellensittichen usw. ganz zu schweigen. Diese werden von Uke aber komischerweise nicht erwähnt. Darüber hinaus wäre ich sehr am wissenschaftlichen Artnamen der Südgregorianischen Soldatenschildkröte” interessiert.

Fazit:
Damit endet nun also auch mein Vertrauen in den WWF, der mit seinem YouTube-Video bewiesen hat, dass die durch billigen Populismus generierte Zahl an Spendengeldern am Ende vielleicht doch schwerer wiegt, als eine fachlich fundierte und differenzierte Position gegenüber engagierten Tier- und Artenschützern aus dem Bereich der sog. Exotenhaltung”. Meine Unterstützung des WWF, den ich bisher immer für sehr seriös hielt, hat damit jedenfalls ein jähes Ende gefunden. Schade…

Nachtrag vom 11. August 2016:
Heute bekam ich vom Infoservice des WWF Deutschland eine Antwort auf einen Beschwerdebrief, den ich der Artenschutzorganisation aufgrund dieses Videos schrieb: Stellungnahme des WWF Deutschland zum YouTube-Video und zu meiner Kritik

Meine kritischen Kommentare auf der WWF-Facebookseite sowie direkt unter dem Video auf YouTube wurden inzwischen übrigens gelöscht. PETA lässt grüßen.
 

Kommentare:

  1. Ergänzung:
    Folgender Kommentar meinerseits unter dem Video wurde nach kurzer Zeit wieder entfernt: "Propagandavideos voller Unwahrheiten kannte man bisher nur von unseriösen Tierrechtsvereinen, nicht jedoch vom WWF. Sehr Schade, dass ihr euch nun doch gegen aktive Artenschützer aus den Reihen der „Exotenhalter“ positioniert und damit bestehende Kooperationen mit Füßen tretet. Differenzierte Auseinandersetzung mit den Problemen, die es wie bei jeder Tierhaltung natürlich auch bei der Reptilienhaltung gibt, sieht anders aus. Es werden derzeit keine 840.000 Reptilien im Jahr importiert, Hunde sind nicht heimisch und das deutsche Klima spielt für die Vivaristik eine untergeordnete Rolle. Einen ausführlichen Faktencheck zu diesem Video gibt es hier: http://terrarianer.blogspot.de/2016/07/ist-der-wwf-nun-auch-gegen-uns.html

    Meine Unterstützung des WWF, den ich bisher immer für sehr seriös hielt, hat damit jedenfalls ein jähes Ende gefunden."

    Einen persönlichen Beschwerdebrief hat der WWF Deutschland bis heute nicht beantwortet.

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    1. Heute haben ich eine Antwort vom WWF Infoservice auf meinen Beschwerdebrief erhalten: http://terrarianer.blogspot.de/2016/08/stellungnahme-des-wwf-deutschland-zum.html

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