Montag, 23. Mai 2016

NABU Artenschutzzentrum Leiferde: Zu Besuch bei Schildkröten, Schlange und Co.

Passend zum gestrigen Internationalen Tag der biologischen Vielfalt fand im NABU Artenschutzzentrum Leiferde eine themenbezogene Stationsführung mit dem Titel Zu Besuch bei Schildkröten, Schlange und Co. statt. Mein Partner und ich waren vor Ort, um an dieser Führung teilzunehmen. Aufgrund der überzogenen und teils fachlich falschen Stellungnahmen des NABU zum geplanten Gefahrtiergesetz in Nordrhein-Westfalen oder zur sogenannten Exotenhaltung allgemein war ich sehr gespannt, ob ich mit meinem Besuch womöglich Feindgebiet betreten würde oder nicht.

Die Führung sollte vom 14 bis 15 Uhr dauern. Wir waren schon ein paar Minuten vorher vor Ort und wurden zunächst in einem Seminarraum geparkt, weil sich noch andere Teilnehmer für die Führung angemeldet hatten. Dort befanden sich auch schon die ersten Terrarien: Eines mit vier Kornnattern, eines mit Wandelnden Blättern, eines mit Kammmolchen und in einem Eckterrarium war eine kleinwüchsigen Spornschildkröte untergebracht. Dank des sommerlichen Wetters waren die restlichen Besucher wohl anderweitig
verhindert und ließen ihre Teilnahme an der Führung sausen. Uns bot sich dadurch zwar der Vorteil einer exklusiven Stationsführung, es war jedoch wieder einmal sehr bezeichnend, dass sich sonst keiner für die Veranstaltung interessierte, obwohl sie in der Celler Presse relativ weiträumig angekündigt wurde.

Zu Beginn wurden wir sehr freundlich von der Biologin und Leiterin des Artenschutzzentrums Bärbel Rogoschik begrüßt, die uns zunächst einiges über das Artenschutzzentrum erklärte. Schwerpunkt der Station ist die Aufnahme, Pflege und (sofern möglich) Auswilderung von gefundenen oder verunglückten heimischen Wildtieren. Auch exotische Tiere wie Reptilien oder Papageien werden von der Station aufgefangen und falls möglich an neue Halter vermittelt. Für Haustiere wie Hunde, Katzen oder Brieftauben ist die Station nicht zuständig.

Meine Befürchtungen, dass mit dort als Reptilienhalter ein eisiger Wind entgegenwehen würde, verflogen sehr schnell. Meine Ansichten zu negativen Auswüchsen wie flohmarktähnlichen Börsen oder Farb-, Qual- und Hybridenzuchten deckten sich mit den Ansichten von Frau Rogoschik, weswegen ich mich zu Beginn als Reptilienhalter, DGHT-Mitglied und Tierschützer outete, bei dem auch immer wieder mal ungewollte Exoten landen
. Dadurch wurde das Gespräch direkt auf eine andere Ebene gehoben. Frau Rogoschik erlebt natürlich nur die Abgründe, weil sie sich nicht in allen Bereichen der Szene bewegt. Dennoch waren ihre Aussagen zur politischen Situation absolut nachvollziehbar und deckten sich ebenfalls mit meinen Ansichten. Sie fordert ebenfalls einen verbindlichen Fachkundenachweis für Tierhalter und von den Tierhalterfachverbänden eine deutliche Positionierung gegen die absurden Auswüchse innerhalb der Reptilienhaltung, welche die naturnahe Haltung von Wildtieren ad absurdum führen.

Es war mir eine sehr große Freude, mich endlich mal wieder sachlich mit jemanden über wissenschaftlichen Tier- und Naturschutz auszutauschen, was dazu führte, dass unsere einstündige Führung auf fast drei Stunden ausgedehnt wurde. Die in der heutigen Zeit immer schneller voranschreitende Naturentfremdung der Bevölkerung war ebenfalls ein großes Thema der Gespräche. Eine Naturentfremdung, die auch durch den in den Medien emotionalisierten Tierschutzgedanken verstärkt wird und dem echten Tier- und Naturschutz eher schadet als nützt.

Im Verlauf der Führung bekamen wir noch weitere Arten zu sehen, wie beispielsweise Abgottschlangen oder eine äußerst sympathische Grüne Wasseragamen, die in Hannover ausgesetzt wurde. Auch einige Tipps beispielsweise zur Beleuchtung oder Fütterung wurden ausgetauscht. Die Führung beinhaltete natürlich auch noch die anderen Tiere des Artenschutzzentrums. Besonders angetan war ich von den Greif- und Rabenvögeln.

Das aktuell wohl größte Problem des Artenschutzzentrums Leiferde sind Landschildkröten. Da es sich bei den aufgenommenen Tieren häufig um ausgesetzte oder während der Paarungszeit ausgebrochene männliche Exemplare handelt, ist der Platzbedarf für diese Tiere enorm. Auch eine Kastrierung von einzelnen Männchen änderte nichts am ausgeprägten Territorialverhalten. Noch problematischer stellt sich die Vermittlung dar, weil aufgrund von fehlenden Papieren eine Vermittlung in Privathand nicht erlaubt ist und zoologische Einrichtungen, an die eine Vermittlung möglich wäre, selbst überfüllt sind. Das Artenschutzzentrum hat deshalb für Landschildkröten einen Aufnahmestopp einführen müssen und setzt sich auf politischer Ebene dafür ein, dass Artenschutzpapiere nachträglich ausgestellt werden können, um eine Vermittlung in verantwortungsvolle Privathand zu ermöglichen. Wobei letzteres bekanntlich ebenfalls ein Problem darstellt, weil die Schere zwischen fachkundigen und uninformierten Haltern weit auseinandergeht und erstere an Tierschuzfällen mit ein paar kleinen Macken selten interessiert sind
und die vielen Arten, bei denen typische Haustierprobleme auftreten, als langweilige Allerweltsarten abstempeln, weil sie sich eben nicht als Wanderpokale eignen.

Das Artenschutzzentrum Leiferde kümmert sich allerdings nicht nur um solche Problemfälle. Von der Station geht nämlich auch die Nachzucht von genetisch geeigneten Exemplaren der Europäischen Sumpfschildkröte (Emys orbicularis) aus, die im Rahmen eines Projekts des NABU Niedersachsen am Steinhuder Meeres wieder angesiedelt wird. Wir bekamen Einblicke in die Außenanlage sowie die Becken mit vielen tollen Nachzuchten in verschiedenen Entwicklungsstadien.

Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis) - Symbolbild
Uns hat der Besuch im NABU Artenschutzzentrum jedenfalls sehr viel Spaß gemacht! Außerdem hat er mir erneut gezeigt, dass nicht alle NABU-Mitglieder nach strikten Haltungsverboten schreien, welche die Situation aufgrund von immer mehr Beschlagnahmungen sogar noch verschlechtern würden, sondern auch vollkommen fundierte Tier- und Naturschutzansichten vertreten können.
 

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