Freitag, 13. Mai 2016

Können Reptilien träumen?

Forscher des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung berichteten am 29. April im wissenschaftlichen Fachblatt "Science" über neue Erkenntnisse zum Schlafverhalten von Bartagamen: Slow waves, sharp waves, ripples, and REM in sleeping dragons

Unterschiedliche Schlafphasen wie der REM-Schlaf waren bisher nur von Säugetieren und Vögeln bekannt. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung haben die Hirnaktivität von fünf schlafenden Bartagamen untersucht und dabei festgestellt, dass diese Tiere ebenfalls unterschiedliche Schlafphasen sowie eine REM-Schlafphase mit erhöhter Hirnaktivität besitzen. Während des REM-Schlafs des Menschen ähnelt die Hirnaktivität (Beta-Aktivität) der des Wachzustandes. Auch Puls und Blutdruck steigen an. Außerdem ist dies die Schlafphase, in der wir hauptsächlich träumen.

Die Entdeckung unterschiedlicher Schlafphasen bei Reptilien bzw. konkret bei Bartagamen deutet darauf hin, dass die Schlafphasen schon bei der Evolution der ersten Landwirbeltiere vor ca. 320 Millionen Jahren entstanden. Obwohl Bartagamen erst ca. 70 Millionen Jahre später vom Stammbaum der Vögel / Dinosaurier abzweigten, gehen die Wissenschaftler davon aus, dass bereits der gemeinsame Vorfahre unterschiedliche Schlafphasen besaß.

Die Schlafphasen der untersuchten Bartagamen ähnelten denen von Säugetieren in vielen Punkten, wiesen jedoch auch Unterschiede auf:
Die aufgezeichneten Aktivitätsmuster ähnelten denen von Ratten, entstünden aber überraschenderweise in einem anderen Hirnbereich, fanden die Wissenschaftler weiter heraus.
Quelle: Mit der Bartagame ins Reich der Träume

Ein Schlafzyklus dauert bei Bartagamen außerdem nur ca. 80 Sekunden, während er bei Katzen ca. 30 Minuten und beim Menschen bis zu 90 Minuten andauern kann. Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass das Schlafverhalten von Reptilien offenbar simpler ist als das von Vögeln und Säugetieren.

Können Reptilien träumen?
Ob Reptilien träumen können oder nicht, kann nach aktuellem Stand der Forschung nicht beantwortet werden. Träume sind für uns Menschen mit einem emotionalen Erleben verbunden, weil bei uns und anderen Säugetieren mit REM-Schlaf Areale der Großhirnrinde beteiligt sind, die für die emotionale Bewertung zuständig sind. Diese Areale sind bei Reptilien allerdings nicht vorhanden bzw. bei weitem nicht so weit entwickelt wie bei Säugetieren. Wenn Reptilien also tatsächlich träumen können, ist von eher simplen Traumbildern auszugehen, jedoch nicht von Träumen, die einen emotionalen Tiefgang wie die uns bekannten Menschenträume haben.

Interessant ist, dass diverse Boulevardmedien die Forschungsergebnisse aufgegriffen haben und in ihren Schlagzeilen die Aussage verbreiten, dass Reptilien träumen könnten. Auch PETA ist auf diesen Zug aufgesprungen und schlussfolgert aus dieser Falschauslegung, dass Reptilien nicht in menschliche Obhut gehören. Der logische Zusammenhang erschließt sich mir nicht, denn dann gehören Säugetiere wie Hunde oder Katzen, die sehr wahrscheinlich tatsächlich träumen können, auch nicht in menschliche Obhut. Mit seiner unwissenschaftlichen Ergebnisdarstellung disqualifiziert sich der Tierrechtsverein jedenfalls erneut für jede fachliche Diskussion über das Verhalten von Reptilien.

Die Forscher am Frankfurter Max-Planck-Institut planen weitere Untersuchungen, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Gehirnaktivität von Reptilien, Vögeln und Säugetieren zu entdecken und dadurch Funktion sowie Aufbau der verschiedenen Wirbeltiergehirne besser zu verstehen. Vielleicht wird man also in nicht allzu ferner Zukunft tatsächlich zu der Erkenntnis kommen, dass Reptilien träumen können. 
 
Womöglich in einem nur wenige Sekunden aufblitzenden Traumbild von saftigen Futterinsekten, die ihnen am Tag zuvor vom fürsorglichen Pfleger spendiert wurden?
 

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