Donnerstag, 17. März 2016

130 Vogelspinnen und 16 Geckos grundlos sichergestellt

Vergangenen Samstag fand im nordrhein-westfälischen Hamm die 61. TERRARISTIKA statt, welche selbstverständlich wieder einmal für die eine oder andere Schlagzeile sorgte. Bemerkenswert ist vor allem dieser Bericht: 61. Terraristika in den Zentralhallen ohne Auffälligkeiten

Im besagten Artikel heißt es:
„Eindeutige Verstöße gegen Tier- und Artenschutz wurden nicht gemeldet.“
Also bekanntlich wieder alles ruhig und gesittet auf der Börse. Doch nicht so in ihrem Umfeld. Nein es wurde diesmal kein Schmugglerring zerschlagen. Es wurde auch keine Passanten von Giftschlangen gebissen oder von Krokodilen aufgefressen. Und an einer Salmonellose ist auch niemand krepiert. Nein, diesmal haben Staatsdiener selbst einen Bock geschossen.

Als nämlich die Bundespolizei in Görlitz (Sachsen) ein Fahrzeug aus Polen kontrollierte, stieß sie auf eine exotische Fracht: 130 Vogelspinnen im Auto entdeckt

Die Beamten verlangten Dokumente zu den Tieren, die von den Besitzern nicht vorgelegt werden konnten. In Zusammenarbeit mit dem Veterinäramt des Landeskreises Görlitz wurden die Tiere (130 Vogelspinnen und 16 Geckos) sichergestellt. Laut Presseberichten prüfte anschließend die untere Naturschutzbehörde, ob ein Verstoß gegen das Artenschutz- oder Naturschutzrecht vorlag.

Sicherstellung unnötig
Kronengecko (Correlophus ciliatus)
Ist nicht nachweispflichtig
Worüber jedoch bisher nicht berichtet wird, ist, wie der Fall ausgegangen ist: Laut Auskunft eines der betroffenen Männer befanden sie sich am Freitag auf dem Weg nach Hamm, um ihre Tiere dort auf der TERRARISTIKA zum Verkauf anzubieten. Bei den Tieren handelte es sich um 15 Kronengeckos (Correlophus ciliatus), einen Neukaledonischen Riesengecko (Rhacodactylus leachianus) sowie um 130 Vogelspinnen der Art Nhandu chromatus. Für diese Tiere besteht derzeit kein internationaler Schutzstatus (die Geckos sind zwar in Anhang D der EU-Artenschutzverordnung aufgeführt, was jedoch bedeutet, dass der Handel mit ihnen derzeit noch ohne Papiere möglich ist). Laut Aussage des Händlers verlangte am Samstagmorgen ein Amtsveterinär des Landkreises nach CITES-Dokumenten, andernfalls könnte man die Tiere nicht zurückgeben.

Nhandu chromatus
Unterliegt keinem Schutzstatus
Dies ist aus meiner Sicht ein eindeutiger Fall von Amtswillkür! Für die genannten Arten beim Handel oder Transport innerhalb der EU Herkunftsnachweise oder gar CITES-Dokumente zu verlangen, ist genauso absurd, wie solche Dokumente z.B. für Wellensittiche oder Meerschweinchen einzufordern. Die zuständige untere Naturschutzbehörde hat dies inzwischen auch erkannt und die Tiere den rechtmäßigen Besitzern zurückgegeben. Doch als krönenden Abschluss will man den unschuldig unter Schmuggelverdacht geratenen Händlern auch noch die vorübergehende Unterbringung der Tiere in Rechnung stellen! Moralisch wäre es wohl eher angebracht, wenn die Behörden den Händlern ihren Verdienstausfall aufgrund des versäumten Messeverkaufs erstatten würden. Einen rechtlichen Anspruch hat man darauf aber wohl eher nicht. Den betroffenen Händlern ist aber trotzdem ein Widerspruchsverfahren bzgl. der Kostenerstattung anzuraten.

Fazit:
Obwohl wir dank offener Grenzen innerhalb der EU und der gültigen Artenschutzrichtlinien eigentlich vor solchen Vorfällen sicher sein sollten, kommt Amtswillkür leider immer wieder vor. Den Polizeibeamten ist nicht anzukreiden, dass sie die Tiere nicht eindeutig identifizieren konnten. Dass jedoch ein hinzugezogener Amtsveterinär nicht erkannte, dass für die besagten Arten keine Herkunftsnachweise oder sonstige Papiere notwendig sind und deswegen dieser Vorfall als mutmaßlicher Artenschmuggel in der medialen Berichterstattung (sowie erwartungsgemäß in den Pamphleten von Tierhaltungs- und Börsengegnern) auftaucht, obwohl letztlich unbescholtene EU-Bürger die wahren Opfer sind, ist ein unsäglicher Skandal, der sich im Umfeld der 61. TERRARISTIKA ereignete.

Schützen kann man sich vor solcher Willkür leider kaum, denn für nicht geschützte Arten existieren nun einmal keine Papiere und die eigenen Aussagen haben offenbar wenig Gewicht, solange Polizei & Co. dank der einseitigen Propaganda gegen die sogenannte „Exotenhaltung“ aber auch aufgrund tatsächlicher Schmuggelaktionen in der Vergangenheit sofort vom Schlimmsten ausgehen, sobald man mit seinen vollkommen legalen Tieren „erwischt“ wird.


Kommentare:

  1. Wir haben uns mal die Mühe gemacht und an die Bundespolizei schriftlich die Bitte gerichtet, sie mögen doch bezüglich der Sachverhaltsaufklärung (ungerechtfertigte Sicherstellung der Tiere, Rückgabe an Eigentümer...) ebenfalls eine Pressemitteilung herausgeben und die Öffentlichkeit über die Entwicklung bzw. Ausgang des Falles informieren. Die erste Reaktion war, uns höflich darauf hinzuweisen, wir mögen uns an die zuständige Behörde - den deutschen Zoll - wenden. Dies taten wir natürlich umgehend. Der deutsche Zoll verwies uns zuständigkeitshalber an die Bundespolizei. Gut, man kann sich ja mal irren. Also schrieben wir erneut an die Bundespolizei. Ein Vertreter der zuständigen Bundespolizeiinspektion Ludwigsdorf entschuldigte sich für das Missverständnis freundlich bei uns und verwies uns seinerseits an das Lebensmittelüberwachungs- und Veterinäramt des Landkreises Görlitz, wo man uns fachlich weiterhelfen könne. In einer letzten E-Mail bedankten wir uns für die Kontaktdaten, wiesen jedoch darauf hin, dass wir fachlich aufgeklärt sind und lediglich eine Information der Presse durch die Bundespolizei zur Aufklärung dieses Falles wollten.... Schließlich fragt sich sicherlich ein Teil der Bevölkerung, was denn aus den armen sichergestellten Vogelspinnen und Geckos geworden ist...
    Ach ja - die E-Mails die wir unsererseits an diverse Presseagenturen schrieben, blieben bisher allesamt unbeantwortet.

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    1. Vielen Dank für diese neuen Infos und dein Engagement in dieser Sache. Wenn schon die Zuständigkeiten nicht klar sind, wie soll dann so ein Fall ordentlich bearbeitet werden?! Was für ein Trauerspiel... Meine Anfragen an einige Redaktionen blieben ebenfalls ohne Reaktion. Daran sieht man, wie sich die Geier auf einen mutmaßlichen Artenschmuggel stürzen, am Ende jedoch kein Interesse mehr an Aufklärung haben. "Wie? Das war doch kein Schmuggel? Ach egal, dann ist der Fall uninteressant für uns." Damit wird die Presseethik mit Füßen getreten. Ich werde noch mal Druck machen und bei ausbleibender Reaktion wieder einmal den Presserat einschalten.

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    2. Ich habe diese Woche eine Antwort von der SZ bekommen. Sie haben Interesse daran, den Vorfall aufzuklären. Ich habe ihnen geschildert, was ich von den Haltern weiß und sie gebeten, dies von den lokalen Behörden bestätigen zu lassen, um dann darüber zu berichten. Mal schauen was passiert.

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