Mittwoch, 23. September 2015

6 Gründe, DOCH eine Schlange zu kaufen

Kürzlich veröffentlichte die Tierrechtsorganisation PETA Deutschland in ihrem VeganBlog einen Artikel, in dem deutlich vom Erwerb einer Schlange als Heimtier abgeraten wird: 6 Gründe, NIEMALS eine Schlange zu kaufen
 
Neben der üblichen Panikmache wegen ein paar Dutzend entflohener Reptilien in Deutschland pro Jahr (im Vergleich zu Hunderten Vorfällen allein mit Hunden, allein im ersten Quartal des Jahres und allein in Berlin/Brandenburg) werden grundlegendende Falschbehauptungen von PETA aufgestellt, die größtenteils nicht einmal mit einer Quelle belegt werden. Gehen wir einzelnen Zitaten mal näher auf den Grund:
Für die Händler und Züchter zählt nur die Masse an Tieren. […] Die Tiere werden mitunter derart vernachlässigt, dass häufig noch nicht einmal ihr Tod auffällt.
Diese Behauptung ist viel zu sehr verallgemeinert. Fakt ist, dass die allermeisten Züchter durchaus sorgsam mit ihren Tieren umgehen. Man kann nicht einerseits mit Profitgier argumentieren und dann behaupten, dass alle Züchter ihre Tiere vernachlässigen würden und unbeobachtet sterben lassen. Ein solches Verhalten würde die Profite logischerweise schmälern, daher ist diese Argumentation vollkommen absurd. Die Aufzucht von Reptilien erfordert (wie auch die Aufzucht anderer Heimtiere) eine spezialisierte Fachkunde, Zeit und Geld. Als Züchter kann man mit dem Verkauf eines Tieres aus seiner eigenen Nachzucht kaum die Kosten decken, die bei der Aufzucht entstanden sind. Dies ist auch gar nicht der Anspruch der meisten Züchter. Alle mir persönlich bekannten Züchter und auch meine Wenigkeit züchten Reptilien, weil uns der Vorgang an sich reizt. Wir halten z.B. Schlangen, weil wir sie beobachten wollen. Wir wollen deswegen auch beobachten, wie sich diese Tiere fortpflanzen und wie sie aufwachsen. Wir spielen nicht Gott und erschaffen neues Leben, um es zu quälen oder in eine ungewisse Zukunft zu verramschen. Wir erschaffen Leben, weil wir wissen, dass Reptilien & Co. außer von uns kaum beachtet oder gar aktiv geschützt werden und aufgrund des Menschen langsam von unserem Planeten getilgt werden. Nicht primär wegen irgendwelcher Naturentnahmen, sondern wegen Lebensraumzerstörung, Umweltverschmutzung und Klimawandel. Insbesondere Tierarten, bei denen die Nachzucht eine besondere Herausforderung darstellt, wollen wir „knacken“ (eine Nachzucht schaffen). Auch vor dem Hintergrund, dass wir Naturentnahmen verringern wollen. Dafür stecken wir viel Geld in artgerechte Unterbringung und Aufzucht, welches durch den Verkauf der Nachzuchten nicht einmal zurück gewirtschaftet werden kann. Die Zucht von Reptilien ist also ein nachhaltiges Ehrenamt im Dienste der Artenvielfalt! Einen besseren Grund für eine Tierhaltung gibt es ja wohl kaum.
Ein nicht unerheblicher Teil der Tiere wird auf Börsen angeboten und teilweise zu „Schleuderpreisen verramscht“. Diese skrupellose Industrie solltest du nicht unterstützen!
Hierbei gebe ich PETA insofern Recht, dass manche Reptilien zu Schleuderpreisen verramscht werden. Hierbei handelt es sich durchweg um Tiere, die in Massen gezüchtet werden und deren Ansprüche man ohne tiefgreifende Fachkenntnisse erfüllen kann. Bei diesen Tieren haben sich z.B. Farbzuchten entwickelt, bei denen der Überschuss an normal gefärbten Exemplaren regelrecht verramscht wird. Ein leuchtendes Negativbeispiel gerade aus dem Bereich der Schlangenzucht ist die sogenannte „Odd-Ball-Versteigerung“ eines großen Züchters, der im Internet geschützte Königspythons in eine ungewisse Zukunft versteigert, weil zu viele Farmzuchten importiert wurden (eigene Aussage des Züchters) oder aber weil aufgrund der intensiven Zucht von neuen Farbvarianten zu viele wildfarbene Überschusstiere produziert wurden. Ein solches Vorgehen wird von mir ebenfalls scharf kritisiert, trotzdem würde ich diesem Züchter niemals unterstellen, dass er die Tiere in seiner Zucht vernachlässigen würde. Denn wäre dies der Fall, wäre die Qualität nicht gut genug und er könnte sich nicht am Markt halten. Denn neben Masse zählt nun mal auch Klasse. Sind die Tiere von einem Züchter anfällig und sterben schnell weg, würde dieser Züchter seine Kundschaft schneller verlieren, als er Nachschub produzieren könnte.

Im Gegensatz zum illegalen Welpenhandel, bei dem die Tiere aus dem Kofferraum heraus verkauft werden und wo Züchter unerkannt bleiben, findet der Reptilienhandel (noch) auf Börsen statt, bei denen die Behörden die Händler überprüfen können. Verbietet man Börsen, werden Reptilien bald verstärkt auf Bahnhöfen und Parkplätzen gehandelt. Der Tierschutz bleibt dabei auf der Strecke.

Die meisten der Reptilien wurden ihrem natürlichen Lebensraum entrissen und in eine gewinnbringende Industrie gesteckt, die fühlende und verletzliche Lebewesen mit kaum mehr Fürsorge behandelt als Autoteile.
Wenn ich sehe, dass manche Leute mit ihren Autos zärtlicher umgehen als mit ihren Partnern, ist diese Aussage ja schon fast als Lob aufzufassen. Die Behauptung von PETA ist trotzdem gelogen, was problemlos belegt werden kann, wenn man einen Blick auf die Importzahlen und Vertriebswege wirft. PETA argumentiert dann gerne mit einer mysteriösen Dunkelziffer, weil dem Verein echte Zahlen zur Untermauerung der Behauptung fehlen. Ohne valide Zahlen hat eine solche Behauptung jedoch keinerlei Wert und kann vernachlässigt werden.
Schlangen benötigen ganz bestimmte Umgebungs- und Lichtverhältnisse und die richtige Nahrung.
Das ist richtig. Deswegen gibt es ja auch Terrarien und die erforderliche Terrarientechnik auf dem Markt, um diese Bedürfnisse zu erfüllen. Jedes Tier hat besondere Ansprüche.
Die Tiere meiden jeden Kontakt zum Menschen – werden sie hochgehalten, angefasst, gestreichelt oder herumgereicht, bedeutet das für sie zum einen Stress und macht sie zudem anfälliger für Krankheiten und Verletzungen.
Auch das ist allgemein gesagt richtig. Schlangen und andere Terrarientiere sind Beobachtungstiere und keine Kuscheltiere. Dies ist sachkundigen Haltern durchaus bekannt. Dennoch gibt es Ausnahmen von der Regel: Meine Strumpfbandnattern zeigen z.B. keinerlei Scheu vor mir. Sie kommen sogar freiwillig in meine Richtung (sie suchen also regelrecht den Kontakt), weil sie mein Erscheinen mit Futter verbinden. Wenn sie sich an mich als Futterspender erinnern können, können sie sich sicherlich auch daran erinnern, dass zwischen meinem Erscheinen und der Futtergabe eine Herausnahme aus dem Terrarium in eine Futterbox erfolgt. Sie verbinden also das notwendige Anfassen mit einem positiven Erlebnis und haben deswegen inzwischen jede Art von Stressreaktion abgelegt. Zugegeben, anfangs standen sie unter Stress, zeigten Abwehrreaktionen und eine schnellere Atemfrequenz. Dieses Verhalten legten sie jedoch in nur wenigen Wochen ab. Nicht etwa, weil ich sie mit Schlägen dressierte (Argumentation von PETA in Bezug auf Wildtiere in Zirkussen) oder sie schon nach kurzer Zeit ihren Lebenswillen verloren, sondern weil sie positive Erfahrungen sammelten. Ähnliches Verhalten kann man bei vielen anderen Terrarientieren beobachten (sogar bei wildlebenden Exemplaren).

Und da Schlangen weder jaulen noch schreien oder sich krümmen, fallen Verletzungen oft gar nicht auf und werden demnach auch nicht behandelt.
Ich wage auch sehr zu bezweifeln, dass irgendwer von PETA in der Lage wäre, bei einer Schlange ein Unwohlsein zu diagnostizieren. Für fachkundige Halter ist das jedoch weniger ein Problem. Gerade weil es sich um Beobachtungstiere handelt, fallen Abweichungen vom Normalverhalten recht schnell auf. Veränderter Kot, erbrochene Futtertiere etc. sorgen ebenfalls dafür, das Vorhandensein einer Krankheit zu erkennen. Hauskatzen lassen sich Krankheiten und Verletzungen doch auch nicht anmerken. Wird eine Freigängerkatze von einem Auto erfasst, kehrt sie im besten Fall heim und kann behandelt werden. Oftmals verkriechen sich diese Tiere jedoch instinktiv in einem Versteck, um dort qualvoll zu sterben. Wenn das nicht mal ein guter Grund dafür ist, sich lieber eine Schlange anzuschaffen!
Schlangen essen als Fleischfreeser Kaninchen, Mäuse und Ratten. Diese Tiere müssen im Zoogeschäft erworben werden, was die grausame Industrie zusätzlich finanziert.
Dass sich nicht alle Schlangen ausschließlich von Nagetieren ernähren, soll an dieser Stelle mal nicht weiter vertieft werden. Fakt ist, dass sich Hunde und Katzen auch von Fleisch ernähren – zumindest, wenn man sie dem TierSchG und der TierSchHuV entsprechend artgerecht ernährt. Die Herkunft dieser Futtermittel liegt ebenfalls in einer Industrie, die laut PETA-Definition Tiere ausbeutet. Es steht also jedem frei, sich für ein veganes Leben zu entscheiden und auf eine Schlangenhaltung zu verzichten, wenn er ein Problem damit hat, dass zu Futterzecken Tiere sterben müssen. So jemand muss dann aber auch auf die Hunde- und Katzenhaltung verzichten. Wer Schlangenhalter kritisiert, jedoch selber carnivore oder omnivore Tiere pflegt oder deren Haltung nicht mit gleichem Aufwand anprangert, ist ein Heuchler! Die Herkunft der Tiere aus Tierschutzfällen ist kein Argument, weil mein eigener Exotenbestand größtenteils aus solchen besteht. Mehr gibt es zu diesem angeblichen „guten Grund“ gegen die Schlangenhaltung nicht zu sagen, außer vielleicht, dass Katzen und Hunde mehrmals täglich Nahrung benötigen, während sich eine Schlange je nach Art und Alter mit 1 bis 2 Beutetieren im Monat begnügt – in der Summe also weniger Tierleichen frisst. Auch ein guter Grund, sich doch eine Schlange anzuschaffen.
Schlangen sind geschaffen dafür, üppige Urwälder und Sümpfe zu durchkriechen und dabei all ihre Sinne einzusetzen.
Davon abgesehen, dass die „üppigen Urwälder“ auf unserem Planeten in Flammen stehen, durchkriechen Schlangen diese Lebensräume nicht aus purer Lust an der Freude. Ob eine Schlange auf einem Ast oder in einer engen Höhle liegt, der bzw. die sich in einem Terrarium befindet oder in einem riesigen Urwald, ist ihr herzlich egal, solange sie alle ihre Bedürfnisse erfüllen kann. Das Bedürfnis eines Lauerjägers lautet „lauern und auf Beute warten“ und nicht „heute krieche ich mal ein paar Kilometer durch den üppigen Urwald und biete mich meinen Fressfeinden als Beute an“. Auch hier unterscheiden sich Schlangen von z.B. Katzen. Einer Katze ist es nämlich oftmals nicht egal, wenn sie den ganzen Tag in einer kleinen Wohnung hockt. Sie will ein großes Revier in dem sie ihren Jagdtrieb ausleben kann. Da Freigängerkatzen jedoch eine Gefahr für die heimische Fauna darstellen, kann man Katzen nur mit großem Aufwand sicher und zugleich artgerecht halten. Würden Halter von Freigängerkatzen endlich mal angemessen bestraft und Freigänge grundsätzlich verboten werden, hätte so mancher Großstadt-Katzenhalter ein Problem. Warum dann nicht lieber ein Tier anschaffen, dessen Bedürfnisse man sehr viel leichter erfüllen kann? Ein guter Grund für die Schlangenhaltung.
Eine von der britischen Royal Society of Biology veröffentlichte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass mindestens 75 Prozent der als sogenannte Haustiere gehaltenen Schlangen, Echsen und Schildkröten innerhalb eines Jahres nach ihrem Erwerb in ihrem „neuen Zuhause“ sterben.
Da PETA die Quelle nicht genau benennt, kann ich sie nicht überprüfen. Fakt ist, dass hier in Deutschland bereits Studien durchgeführt wurden, mit denen angeblich auf miserable Haltungsbedingungen geschlossen werden könne. Fakt ist jedoch, dass diese Studien derartige Rückschlüsse nicht ermöglichen, wie ich ausführlich hier dargestellt habe: Miserable Haltungsbedingungen von Reptilien in Privathand bestätigt
Viele werden auch einfach wie Müll im Freien abgeladen, wo sie schließlich verhungern oder anderen Gefahren wie Raubtieren ausgesetzt sind.
Hierbei lohnt ein Blick auf die Abgabezahlen in Tierheimen, die der Deutsche Tierschutzbund veröffentlichte: In einem Zeitraum von fünf Jahren wurden in den Tierheimen des Tierschutzbundes gerade einmal 9.068 Reptilien aufgenommen (= 1.814 Reptilien pro Jahr). Pro Jahr landen jedoch laut Tierschutzbund bis zu 130.000 Katzen und 80.000 Hunde in den angeschlossenen Tierheimen. Rückschlüsse darauf, welche Tierhalter eher überfordert sind, fallen also nicht schwer.
Die Überlebenden können dem heimischen Ökosystem empfindlich schaden.
Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Reptil in unserem Ökosystem als invasive Art in Erscheinung tritt, beträgt lächerliche 0,02 Prozent (siehe Faunenverfälschung durch ausgesetzte Terrarientiere). Im Gegensatz dazu gilt die Hauskatze als die invasive Spezies, die den größten negativen Einfluss auf bedrohte einheimische Wildtierarten ausübt (GENOVESI et al., 2012).
Studien belegen, dass Reptilien wie Schlangen oder Echsen sehr häufig Träger von gefährlichen Bakterien sind – den Salmonellen, die sich beim Umgang mit den Tieren verbreiten.
Dass Tiere Krankheiten übertragen können und man deswegen auf Hygienemaßnahmen achten sollte, ist richtig. Fakt ist aber auch, dass das Infektionsrisiko beim Umgang mit Schlangen nicht höher ist als beim Umgang mit klassischen Haustieren. Dies wurde kürzlich durch eine aktuelle Studie bestätigt. Der größte Anteil der Salmonellosen lässt sich ohnehin auf den Kontakt mit Lebensmitteln zurückführen. Unter anderem auch auf Lebensmittel, die von Veganern konsumiert werden. Ein guter Grund also, Veganismus zu verbieten oder?

Fazit:
PETA argumentiert auf die aufgezeigten Vergleiche zur Katzen- oder Hundehaltung immer wieder damit, dass diese Tiere ja schließlich domestiziert seien. Wie domestiziert ist jedoch eine Katze, die sich im Krankheitsfall vor dem Menschen versteckt, in der Gefangenschaftshaltung randaliert und in unserer Umwelt problemlos ohne den Menschen überleben kann? Wie domestiziert ist ein Hund, der ohne Sozialisierung in den ersten Lebenswochen dem Menschen gegenüber scheu oder gar aggressiv reagiert? Von einer abgeschlossenen Domestikation kann also gar keine Rede sein! RICHTER et al. veröffentlichten 2012 einen Artikel im Deutschen Tierärzteblatt, der das Argument der Domestikation gegen die Wildtierhaltung ebenfalls entkräftet.


Darüber hinaus ist es sehr fragwürdig, dass sich eine Tierrechtsorganisation auf die Domestikation beruft, wo dieser Vorgang doch einer der grundlegendsten Eingriffe in die Freiheitsrechte von Tieren ist! Kein Tier ist plötzlich als Haustier auf die Welt gekommen. Sämtliche heute als domestiziert angesehenen Tiere wurden irgendwann einmal als Wildtier aus der Natur entrissen, um dem Menschen zu dienen. Was PETA also bei Schlangen anprangert, wird bei der Haltung von Hunden und Katzen als Rechtfertigung des eigenen Standpunktes hochgehalten?!

Die Absicht dahinter ist ganz einfach zu durchschauen: Eine Gesellschaft, die sich Studien zufolge größtenteils vor Schlangen, Spinnen und anderem „Ekelgetier“ fürchtet, kann man ohne großen Aufwand gegen das eine Prozent der Terrarianer-Haushalte in Deutschland aufhetzen, um Unterstützung in Form von Spendengeldern zu generieren. Würde man dieselben Argumente auf Hunde und Katzen übertragen, was problemlos möglich ist, würde man sich jedoch gleich mit einem Drittel der Haushalte in Deutschland anlegen (siehe ZZF-Markdaten, 2014). Die verlogene Doppelmoral von PETA dient also meiner Meinung nach einer simplen Propaganda zur eigenen Bereicherung! Anders ist auch nicht zu erklären, warum dieser Verein Anfragen zu Einschränkungen der Hunde-, Katzen- und Pferdehaltung ignoriert, mit Spendengeldern nicht transparent wirtschaftet  und die Stiftung Warentest zur Vorsicht bei Spenden an diese Organisation rät (test, 2013).

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