Mittwoch, 8. Juli 2015

Die Terraristik – Ein erhaltenswertes Kulturgut

Die Ursprünge der Haltung von Reptilien in Menschenhand reichen mehrere Jahrtausende zurück (z.B. Haltung von Krokodilen als heilige Tiere im alten Ägypten, was natürlich wenig mit der modernen Terraristik zu tun hat, aber dennoch aufzeigt, dass sich Menschen nicht erst seit einem neuzeitlichen Trend derartige Tiere in ihr Umfeld holen). Schon vor über zweihundert Jahren wurden einheimische und später auch exotische Reptilien und Amphibien hierzulande in diversen Glasbehältern oder Holz-Glas-Konstruktionen von Liebhabern und Amateurwissenschaftlern gehalten und teilweise schon damals erfolgreich nachgezüchtet. Die Erkenntnisse der Halter lieferten wertvolle Informationen für den Artenschutz und trieben die Naturbildung der nachfolgenden Generationen voran. In seinem Buch „Naturgeschichte der Stubenthiere, Amphibien, Frösche, Insecten, Würmer“ von Johann Matthäus BECHSTEIN (1797) empfiehlt der Autor Froschlurche als Stubengenossen. Die erste Buchveröffentlichung speziell für die Terraristik stammt aus dem Jahr 1884 (Johann von FISCHER: „Das Terrarium - Seine Bepflanzung und Bevölkerung - Ein Handbuch für Terrarienbesitzer und Tierhändler“). Mit jeder neuen Buchveröffentlichung, steigerte sich das Wissen der Halter, was zu immer besseren Haltungsbedingungen und somit zu einem hohen Maß an Tierwohl führte.

Seitdem hat sich vieles getan: Schutzbestimmungen für die einheimische Fauna wurden erlassen, das Tierschutzgesetz regelt die tiergerechte Unterbringung und mit Beschluss des Washingtoner Artenschutzübereinkommens im Jahre 1975 sowie dessen Umsetzung in Deutschland ein Jahr später wurde der internationale Handel mit geschützten Arten reglementiert, wodurch eine tiergerechte und verantwortungsvolle Terraristik gestärkt wurde. In den 60er-Jahren bestand der Großteil des Tierbestandes in den Terrarien noch aus Wildfängen (aus der Natur entnommenen Exemplaren). Dies änderte sich mit dem Beschluss der internationalen Schutzbestimmungen, wodurch auch die Nachzucht wieder lukrativer wurde.

Auch die Terrarientechnik entwickelte sich rasant weiter. Waren die ersten Terrarien noch mit Öfen betrieben und damalige Terrarianer auf die unzuverlässige Versorgung ihrer Tiere mit Sonnenlicht angewiesen, entstanden mit der Zeit Leuchtmittel, die auch Licht im UV-A und UV-B-Bereich abstrahlten, um den Terrarientieren z.B. einen arttypischen Stoffwechsel zu ermöglichen. Die Erfindung der „Osram Vitalux“, eigentlich als Leuchtmittel für Pflanzen gedacht, war ein Meilenstein des technischen Fortschritts. Dieses 300 Watt starke Leuchtmittel ermöglichte vielen Terrarientieren eine problemlose Vitamin-D3-Synthese zur Umsetzung des mit der Nahrung aufgenommenen bzw. separat zugefütterten Calciums. Dieses Leuchtmittel hat sich so gut bewährt, dass es auch heute noch von Terrarianern genutzt wird. Inzwischen sind jedoch auch modernere Mischlichtlampen erhältlich, die wesentlich energieeffizienter sind und neben der gewünschten UV-Strahlung ein sehr helles, sonnenähnliches Licht abstrahlen und somit die Aktivität und das Wohlbefinden der Terrarientiere positiv beeinflussen. Seit kurzem gibt es sogar schon sparsame LED-Leuchtmittel inkl. UV-Anteil.

Dank der technischen Fortschritte wurde die Tiergesundheit nachhaltig verbessert. Die Nachzucht gelang immer öfter und die Terraristik wurde schließlich massentauglich. In den 90er-Jahren gab es einen regelrechten Terraristikboom, der inzwischen jedoch nachweislich wieder abgeklungen ist. Seinerzeit wurden besonders häufig Arten verkauft, die für die Heimtierhaltung ohne weiteres nicht wirklich gut geeignet sind (z.B. Schmuckschildkröten oder Grüne Leguane). Durch die Massentauglichkeit der Terraristik traten bei der Haltung von Reptilien und Amphibien mit der Zeit logischerweise auch die nachteiligen Effekte einer typischen Haustierproblematik auf, die man in jedem Bereich der Heimtierhaltung finden kann. Überforderte Halter, schlechte Haltungsbedingungen, falsche Ernährung und eine gesteigerte Gefährdung der öffentlichen Sicherheit sowie der körperlichen Unversehrtheit der Halter selbst traten nicht mehr nur bei der Haltung klassischer Haustiere, sondern vermehrt auch bei den als Einstiegsarten angepriesenen Terrarientieren auf. Es fällt allerdings auf, dass diese Einzelfälle von Wildtierhaltungsgegnern in den Medien extrem aufgebauscht werden, während vergleichbare Vorfälle mit klassischen Haustieren kaum eine Erwähnung finden, geschweige denn Forderungen nach Haltungsverboten von z.B. Pferden, Hunden oder Katzen laut werden.

Inzwischen ist in der Terraristik auch ein Wandel erkennbar: Wildfänge sind selbst innerhalb der Halterschaft regelrecht verpönt. Außerdem geht der Trend vermehrt in Richtung kleinbleibender Reptilien und Amphibien sowie Wirbellosen. Die sogenannte Nano-Terraristik wird in Zukunft sicherlich eine noch größere Rolle spielen (sofern man in Anbetracht der politischen Willkür überhaupt noch von einer Zukunft dieses sinnvollen Hobbys sprechen kann). Damit verhält es sich in diesem Bereich der Vivaristik ähnlich wie in der Aquaristik, wo Zwerggarnelen in Nano-Aquarien seit einiger Zeit einen regelrechten Boom erleben.

Nicht nur die Haltung von domestizierten Tieren hat in Deutschland eine lange Tradition. Wie oben erläutert trifft dies auch auf die Haltung von Wildtieren und somit auf die Terraristik zu, weswegen sie als Kulturgut ebenso schützenswert sein sollte, wie z.B. die Haltung von Pferden, Katzen oder Hunden. Artenschutz, Tierschutz, Naturbildung und wissenschaftliche Forschung werden von der Terraristik aktiv vorangetrieben. Die bestehenden Tier- und Artenschutzinstrumente sorgen dafür, dass dieser Zweig der Tierhaltung in einem ethisch vertretbaren Rahmen abläuft.

Leider wird dieses ehrenamtliche Engagement für Tierarten, die sonst keine Lobby haben, nicht in dem Maße gewürdigt, wie es ihm zustünde. Auf nicht nachvollziehbarer Tierrechtsideologie basierende Forderungen nach Verboten oder zumindest drastischen Einschränkungen der Wildtierhaltung werden immer lauter und erklingen seit einiger Zeit in nahezu allen politischen Parteien. Der Druck auf die Entscheidungsträger wird zunehmend größer, weil die Bevölkerung aufgrund einer langjährig andauernden Propaganda regelrecht aufgehetzt wurde. Dem Tier-, Natur- und Artenschutz wird dadurch jedoch langfristig ein Bärendienst erwiesen. Lediglich für Schmuggler und illegale Wildtierhändler steht eine sehr lukrative Zukunft vor der Tür. Den Champagner haben sie für die nahende „Wildtier-Prohibition“ sicherlich schon kaltgestellt.

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