Mittwoch, 1. April 2015

Private Futtertierzucht in Niedersachsen vor dem Aus?

Nach den häufig sehr absurden Gefahrtiergesetzen habe ich kaum noch damit gerechnet, dass noch mit ganz anderen „Überraschungen“ seitens der Politik zu rechnen ist. Aber nun taucht in Niedersachsen schon wieder ein weiteres Damoklesschwert über der Terraristik auf. Die rot-grüne Landesregierung plant eine Verordnung für den Vorratsschutz vor Schadinsekten und anderen Parasiten (VSchVO). Damit sollen die niedersächsische Landwirtschaft, die Gastronomie und der Einzelhandel vor entflohenen Schadinsekten wie z.B. Heimchen und Schaben geschützt werden. So jedenfalls steht es in der Begründung zur Verordnung. Ich schätze jedoch, dass dort wieder Lobbyarbeit seitens der Tofu-Fraktion betrieben wurde. Schließlich wäre ein Zusammenbruch der Futtertierversorgung das Ende der organisierten und verantwortungsvollen Terraristik.
§ 2
Die nicht gewerbliche Haltung und Vermehrung eines in der Anlage aufgeführten Schädlings ist verboten.
Da explizit die Haltung verboten werden soll, wird man auch keine Futtertiere, die im gewerblichen Handel erworben wurden, bei sich bis zur Verfütterung zwischenhältern dürfen. Doch (im Gegensatz zu den meisten Gefahrtiergesetzen) kommen die gewerblichen Halter bei der „Vorratsschutzverordnung“ ebenfalls nicht ungeschoren davon:
§ 3
(1) Wer gewerbsmäßig in der Anlage aufgeführte Schädlinge halten und vermehren will, bedarf der Erlaubnis der zuständigen Behörde.

(2) Die Erlaubnis ist zu erteilen, wenn die Schädlinge so gehalten werden, dass keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung besteht.
Weiteres wird im aktuellen Entwurf nicht genannt, weswegen mit Willkür seitens der Behörden zu rechnen ist. Doch wohl kaum ein gewerblicher Halter / Händler wird sich diesem Stress aussetzen, wenn kaum ein Kunde die Tiere mehr kaufen wird dürfen.

In der Anlage zur geplanten VSchVO sind folgende, für die Terraristik relevanten Futtertiere gelistet:
Den §§ 2 und 3 unterfallen

1. Von den Langfühlerschrecken (Ensifera)
a) das Heimchen (Acheta domesticus)
b) die Steppengrille (Gryllus assimilis)
c) die Mittelmeer-Feldgrille (Gryllus bimaculatus)
d) die Kurzflügelgrille (Gryllus sigillatus)

2. Von den Kurzfühlerschrecken (Caelifera)
a) die Ägyptische Wanderheuschrecke (Anacridium aegyptium)
b) die Wüstenheuschrecke (Schistocerca gregaria)

3. Von den Zweiflüglern (Diptera)
a) alle Arten der Taufliege (Drosophila spp.)
b) die Stubenfliege (Musca domestica)
c) alle Arten der Fleischfliegen (Sarcophagidae)

4. Von den Schaben (Blattodea)
a) die Pfefferschabe (Archimandrita tesselata)
b) die Riesenschabe (Blaberus giganteus)
c) die Totenkopfschabe (Blaberus craniifer)
d) die Argentinische Waldschabe (Blaptica dubia)
e) die Orientalische Schabe (Blatta orientalis)
f) die Deutsche Schabe (Blattella germanica)
g) alle Arten der Fauchschabe (Gromphadorhina spp.)
h) die Grüne Schabe (Panchlora nivea)
i) die Amerikanische Großschabe (Periplaneta americana)
j) die Schokoschabe (Shelfordella lateralis)

5. Von den Käfern (Coleoptera)
a) alle Arten der Erbsenkäfer (Bruchus spp.)
b) alle Arten der Rüsselkäfer (Curculionidae)
c) alle Arten der Bohnenkäfer (Epilachna spp.)
d) alle Arten der Mehlkäfer (Tenebrio spp.)
e) alle Arten der Schwarzkäfer (Zophobas spp.)

6. Alle Arten der Wachsmotten (Galleriinae)

7. Alle Arten der Pflanzenläuse (Sternorrhyncha)

8. Alle Arten der Fischchen (Zygentoma)
Auf die Listung von Nagetieren (die praktisch auch Vorratsschädlinge sind) wurde glücklicherweise bisher verzichtet. Die Listung mancher Arten ist aber absurd, weil ihnen das in der Begründung zur Verordnung genannte Pestpotential fehlt (z.B. bei der Grünen Schabe).

Sollte die geplante Verordnung tatsächlich in dieser Form beschlossen werden, würde dies dramatische Tierschutzprobleme verursachen. Tausende Reptilien in der Heimtierhaltung könnten kaum noch verhaltensgerecht und abwechslungsreich ernährt werden. In den Sommermonaten könnte man zwar auf gefangenes Wiesenplankton zurückgreifen, was für mich grundsätzlich kein Problem wäre, jedoch für viele Großstädter sicherlich sehr wohl. Außerdem besteht dadurch die Gefahr, dass geschützte einheimische Arten unkontrolliert dezimiert werden. Ansonsten besteht noch die Möglichkeit auf Frostfutter, gefriergetrocknete Insekten oder (wie es z.B. schon für Schildkröten, Leguane und Bartagamen angeboten wird) Pelletfutter zurückzugreifen. Diese Varianten sind jedoch umstritten und meiner Meinung nach auch sehr kostenintensiv. Niedersächsische Halter von z.B. Pfeilgiftfröschen oder auch von Nachzuchten kleiner Geckos, deren Ernährung größtenteils Taufliegen ausmachen, stehen nun vor einem nahezu unmöglich zu lösenden Problem. Auch Halter von Tieren, die in der Regel nur Lebendfutter annehmen (z.B. Vogelspinnen, Mantiden etc.), werden durch die geplante Verordnung in eine missliche Lage gedrängt. Verstöße sollen mit Bußgeldern in Höhe von bis zu 25.000 Euro (im Falle eines eingetretenen Schadenfalls bei einem Unbeteiligten in einer Höhe von bis zu 150.000 Euro!) bestraft werden.

Wer auch immer auf diese Idee gekommen ist, um an der Terraristik zu sägen, hat wahrlich ganze Arbeit geleistet! Als betroffener Halter wünsche ich mir für den bevorstehenden Kampf gegen diese Verordnung Solidarität von Terrarianern aus anderen Bundesländern. Denn diese Verordnung wird vielleicht auch in anderen Bundesländern so umgesetzt. Und dann ist das Geschrei wieder groß...

Weitere Informationen und den kompletten Inhalt der VSchVO findet ihr hier.

Kommentare:

  1. Die nicht gewerbliche "Haltung" und "Vermehrung" eines in der Anlage aufgeführten Schädlings ist verboten.

    Dabei geht es um Haltung und Vermehrung, nicht um ein Verbot des Kaufes. Eigentlich ist das sogar gut für den Fachhandel, da nicht Hinz und Kunz auf Vorrat billig im Internet 5 KG Schaben kaufen können sondern immer ihre wöchentlichen Rationen beim Händler. Damit werden höchstens die ganzen billiganbieter im Internet vom Markt gedrängt...

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    1. Nach dem Kauf ist man praktisch ein Halter. Da werden sich wohl wieder einige Rechtsanwälte und Gerichte mit auseinandersetzen müssen.

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  2. Kannst du mal bitte die Quelle angeben und welches Ministerium zuständig ist? Das ist doch bestimmt ein Aprilscherz.

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