Mittwoch, 8. April 2015

Nach Giftschlangenbiss: Soll die Krankenkasse zahlen?

Nach nunmehr vierzehn Wochen passierte es am vergangenen Karfreitag erstmalig in diesem Jahr: Ein 48-jähriger Giftschlangenhalter aus Extertal wurde von einer seiner Schlangen gebissen. Laut Medienberichten geschah dies, als er einer jungen Gabunviper bei der Häutung helfen wollte. Dem Tier gelang es dabei, seinen Kopf freizubekommen und mit einem Giftzahn den Finger des Halters zu treffen. Laut Aussage des zuständigen Dienstgruppenleiters wurde von der Feuerwehr (nach Recherchen im Internet und Rücksprache mit einem Schlangenexperten der Bielefelder Feuerwehr sowie der Giftnotrufzentrale Berlin) ein Antiserum beschafft. Das Bissopfer wurde per Rettungshubschrauber in ein Bielefelder Klinikum geflogen und sechs Ampullen des Antiserums, wovon eine Ampulle bereits mehrere tausend Euro kosten soll, ebenfalls per Helikopter aus dem Wuppertaler Zoo in besagtes Klinikum transportiert. Das Antiserum wurde allerdings nicht verabreicht, weil sich der Zustand des Bissopfers stabilisierte und das Risiko einer Überdosierung des potentiell ebenfalls tödlichen Antiserums vermieden werden sollte. Dennoch sind alle sechs Ampullen nun unbrauchbar geworden. Laut Medienberichten wird das Bissopfer aufgrund der gewebezersetzenden Wirkung des Schlangengiftes womöglich seinen Finger verlieren.

Die entstandenen Kosten dieses spektakulären Rettungseinsatzes sind also nicht unerheblich. Laut Stefan Hartmann-Paulsen von der Rettungsleitstelle Lippe werden die entstandenen Einsatzkosten auf jeden Fall in Rechnung gestellt. Womöglich springt die Krankenkasse des Halters ein und zahlt die Kosten. Andernfalls wird die Feuerwehr in logischer Konsequenz den Betrag dem Bissopfer in Rechnung stellen. Die in den Medien zitierten Experten glauben, dass der Schlangenhalter beim Umgang mit seiner Gabunviper grob fahrlässig gehandelt habe, weil er auf Schutzkleidung wie Handschuhe verzichtete. Ich nehme mir nicht heraus, konkret über diesen Einzelfall zu urteilen, kann jedoch aus eigener Erfahrung im Umgang mit (harmlosen) Schlangen sagen, dass Häutungshilfe mit groben Handschuhen oder anderen Werkzeugen in bestimmten Situationen schwierig ist und das Tier dabei womöglich auch Schaden nehmen könnte. Ein sicherer Griff, gerade bei kleineren Jungtieren, ist mit bloßen Händen oftmals besser möglich als mit dicken Handschuhen (bei Giftschlangen sollte der Kopf immer mit einem Werkzeug wie z.B. einem Schlangenhaken oder durch einen sicheren Griff fixiert werden!). Außerdem können Gabunvipern mit ihren langen Giftzähnen so manchen Handschuh durchdringen, weswegen Schutzkleidung womöglich eine Sicherheit vorgaukelt, die gar nicht vorhanden ist. Es bleibt aus meiner Sicht also immer eine Abwägungssache zwischen Schutzmaßnahmen und durchaus gefährlicher Einschränkung des Handlings.

Um den konkreten Fall soll es aber hier eigentlich gar nicht gehen, sondern primär um die Frage nach der Kostenübernahme bei solchen Vorfällen. Unfälle können auch bei größter Vorsicht passieren. Ich arbeite z.B. hauptberuflich als Chemielaborant in einem Untersuchungs- und Forschungsinstitut. Regelmäßig werden die vorhandenen Arbeitssicherheitsmaßnahmen durch die Berufsgenossenschaft überprüft. Trotzdem passieren im Laborbetrieb ab und zu mal Unfälle, denn wir sind alles Menschen und Menschen können auch mal unachtsam sein. Wäre dies anders, wären wir Maschinen. Die Kommunen haben bekanntlich immer häufiger finanzielle Probleme und somit wird auch immer häufiger versucht, den Verursachern von Unfällen die Einsatzkosten in Rechnung zu stellen. Dies bestätigt auch der Rechtsanwalt Dr. Martin Montag vom Deutschen Anwaltverein e.V. (DAV).

Ganz besonders interessant wird es aber erst, wenn man sich die Kommentare unter den Medienberichten durchliest: Der Grundtenor besagt sinngemäß, dass „wegen der Blödheit eines solchen Typen nicht die Allgemeinheit belastet werden darf! Warum muss man überhaupt solche Tiere halten?“. Die meisten Kommentatoren hoffen, dass die Krankenkasse die Kostenübernahme verweigert und das Bissopfer die Einsatzkosten aus eigener Tasche bezahlen muss. Auch Forderungen nach Haltungsverboten werden wieder laut. Zumindest sind derartige Kommentare besonders häufig und bekommen sehr viel Zuspruch in Form von „Daumen-hoch-Stimmen“.

Vergleicht man diese Aussagen mit den Kommentaren unter den Berichterstattungen zu einem anderen Vorfall aus dem Jahr 2012, welcher vergangenes Jahr vor Gericht verhandelt wurde, wundert man sich schon ein wenig: Damals stellte die Berliner Feuerwehr einer 46-jährigen Hundehalterin die Kosten für einen Rettungseinsatz in Höhe von 13.146 Euro in Rechnung, bei dem der Terrier der Halterin aus einem Dachsbau ausgegraben werden musste. Vor Gericht einigte man sich schließlich auf eine Kostenübernahme in Höhe von 10.000 Euro, wovon 50 Prozent von der Haftpflichtversicherung der Halterin übernommen wurden. Viele Leserstimmen beklagten damals sinngemäß, „warum man überhaupt Steuern zahlen muss, wenn die Behörden am Ende doch alles in Rechnung stellen“. Schließlich sei ein hilfloser Hund in Gefahr gewesen. Der Einsatz mit 23 Feuerwehrleuten und 5 Einsatzfahrzeugen wurde von den Kommentatoren als unverhältnismäßig bezeichnet – ja sogar als Schildbürgerstreich und als Feuern mit Kanonen auf Spatzen. Man solidarisierte sich mit der Betroffenen.

Zwar geht es im ersten Fall um die Notfallbehandlung eines Menschen (Krankenversicherung) und im anderen Fall um eine Tierrettung (Haftpflichtversicherung), aber der Sachverhalt ist in beiden Situationen trotzdem gleich: Vorfall mit einem Tier, aufgrund von Unachtsamkeit. Wenn Krankenversicherte von ihren Pferden fallen oder von ihren Hunden gebissen werden, was täglich passiert, sind die Stimmen, die eine Kostenübernahme durch die verantwortlichen Halter fordern, vergleichsweise leise (Haltungsverbote kommen dabei überhaupt nicht zur Sprache). Sobald jedoch ein sogenannter „Exotenhalter“ von einem seiner sogenannten „Gefahrtiere“ verletzt wird, was äußerst selten vorkommt, sieht die Sache wieder vollkommen anders aus. Plötzlich wird der Begriff „Allgemeinheit“ hochgehalten und dass diese bloß nicht mit den Kosten belastet werden dürfe. Das Schlangenbissopfer aus Extertal ist aber ebenfalls ein Teil der sogenannten „Allgemeinheit“! Wir „Exotenhalter“ zahlen natürlich auch Steuern und Krankenkassenbeiträge und finanzieren somit anteilig die Einsatz- und Behandlungskosten, wenn andere Tierhalter fahrlässig handeln und dadurch Unfälle provozieren. Schließlich muss man heutzutage auch keine Hunde, Pferde oder Katzen halten. Man sollte es aber dürfen, ebenso wie z.B. Giftschlangen! Die Kostenübernahme nach Unfällen, die bei jeder Art von Freizeitbeschäftigung passieren können (Fahrradfahren ohne Helm ist praktisch ebenso grob fahrlässig, gehört aber zum typischen Stadtbild), ist ein Zeichen für gesellschaftliche Solidarität, eine Grundsäule unseres Sozialstaates. Wenn man diese Solidarität einer Randgruppe von Tierhaltern verwehrt, nur weil man persönliche Animositäten gegenüber ihrer Freizeitbeschäftigung hat, spaltet man damit das Volk. Das ist nicht nur diskriminierend, sondern der direkte Weg in die gesellschaftliche Entsolidarisierung und steht der Grundlage unserer Verfassungsordnung somit diametral gegenüber. Das Gedankengut, welches eine Kostenübernahme durch das Bissopfer fordert, fördert die Abschaffung unseres Sozialstaates. Aus meiner Sicht haben diese Kommentatoren ihren Status als Teil der sogenannten „Allgemeinheit“ damit verspielt. Solidarität existiert in unserer Gesellschaft wohl nur noch für die eigenen Kreise und somit aus Eigennutz und nicht mehr für Randgruppen, mit denen man sich nicht identifizieren kann. Aber wenn sich in einer Gesellschaft jeder selbst der Nächste ist, gibt es praktisch gar keine Gesellschaft mehr!

Fazit:
Soll die Krankenkasse die Kosten für Rettungskräfte und Notfallbehandlung des gebissenen Giftschlangenhalters bezahlen? Aber selbstverständlich, denn dafür ist sie schließlich da! Die Kosten, welche über die Notfallbehandlung hinausgehen (z.B. Arbeitsunfähigkeit aufgrund einer Fingeramputation), sollten hingegen nicht von der Krankenkasse, sondern von einer evtl. vorhandenen privaten Arbeitsunfähigkeitsversicherung gezahlt werden, eine Versicherung, die ich (neben einer entsprechenden Haftpflichtversicherung) jedem Halter von potentiell gefährlichen Tieren (inkl. Hund, Katze, Pferd... !) ans Herz lege. Soviel Weitsicht erwarte ich dann doch von Haltern solcher Tiere.

Im konkreten Fall rate ich dem Bissopfer, sollte die Krankenkasse die Kostenübernahme für den Notfalleinsatz verweigern, einen Anwalt zu konsultieren und ggf. vor Gericht darzustellen, warum kein grob fahrlässiges Verhalten vorlag.

Als Endbemerkung soll noch erwähnt werden, dass das Gift der Gabunviper zwar für den Menschen potentiell tödlich ist, bisher jedoch keine Todesfälle als Folge eines Gabunviperbisses dokumentiert wurden, nicht einmal in West- und Zentralafrika, wo diese Art heimisch ist! Dies zum „tödlichen Monster“, welches die Medien postulieren. Pferde, Hunde und Katzen haben gemäß der von mir in diesem Jahr bereits dokumentierten Medienberichte bundesweit schon mehrere Dutzend größtenteils unschuldige Menschen verletzt (133 Stück) oder sogar getötet (4 Stück), zum Teil verbunden mit enorm hohen Sachschäden (insgesamt ca. 430.000 Euro, Einsatzkosten nicht einmal mit eingerechnet).

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