Donnerstag, 5. März 2015

Animal Hoarding: Sind Terrarianer potentielle Tier-Messies?

Viele Tiere, aber ist das schon Animal Hoarding?
Gestern lief auf SAT.1 die Reportage „24 Stunden“ mit dem Titel „Verbotene Tierliebe - Auf den Spuren der Animal-Hoarder“. Im Vorspann wurde u.a. ein Vogelspinnenhalter gezeigt, der an die 900 Vogelspinnen hält. Da wurde ich natürlich hellhörig und bleib trotz der späten Stunde vor dem TV-Gerät sitzen.

In der Reportage wurden Mario Assmann und Ursula Bauer vom Verein „aktion tier - menschen für tiere e.V.“ begleitet. Dem einen oder anderen von euch ist Frau Bauer vielleicht noch von einer Kampagne ihres Vereins (in Kooperation mit dem Verein „animal public e.V.“) bekannt, zu deren Start sich nackte und als Reptilien angemalte Models auf einem Sofa mit Stacheldraht auf dem Alexanderplatz in Berlin räkelten und unter dem Motto „Wildtiere gehören nicht ins Wohnzimmer!“ gegen die Haltung von sogenannten Exoten in Privathand demonstrierten (Februar 2010). Meine Erwartungen an die Darstellung des Vogelspinnenhalters in der Reportage waren also entsprechend negativ, weil aktion tier e.V. im Rahmen der besagten Kampagne meinem Empfinden nach leider nicht sehr fachgerecht die tatsächlichen Missstände bei vereinzelten Wildtierhaltern konstruktiv anging, sondern stattdessen (wie schon andere radikalere Vereine zuvor) mit falsch ausgelegten Studien über die Haltungsbedingungen ein verzerrtes Bild der gesamten „Exotenhaltung“ gegenüber der öffentlichen Meinung darstellte. Ich finde es zwar gut, wenn unbedarfte Leute durch solche Aktionen von Spontankäufen abgeschreckt werden, jedoch sollte man dabei nicht mit perfiden Methoden arbeiten, aufgrund von Einzelfällen gleich die gesamte „Exotenhaltung“ verunglimpfen und unverhältnismäßige Verbote fordern. Aber ich schweife ab…

Zuerst wurden in der Reportage mehrere typische und auch eindeutige Fälle von Animal Hoarding gezeigt. Darunter ein Kaninchenhalter mit über 100 Kaninchen (teilweise mit bis zu 5 Tieren in einem Kleintierkäfig, der schon für 2 Tiere zu klein gewesen wäre), eine Katzenhalterin mit 30 Katzen (teilweise mit chronischen Erkrankungen) und eine Pferdehalterin mit ca. 20 Pferden (teilweise unterernährt, verwahrlost und dem Tode nahe). Dass die Tierschützer bei solchen Fällen aktiv werden und von Animal Hoarding sprechen, ist natürlich richtig.

Doch was ist „Animal Hoarding“ überhaupt?
Laut Aussage von Frau Bauer in der Reportage müssen zwei Bedingungen vorherrschen, damit eine Tierhaltung als Animal Hoarding (krankhaftes Sammeln von Tieren) bezeichnet werden kann:
1. Es werden abnorm vielen Tiere gehalten (Sammelsucht).

2. Die Masse an Tiere wird aufgrund der Überforderung der Halter nicht mehr artgemäß versorgt (Fehlen von Futter, Wasser, Platz und tierärztlicher Versorgung im Krankheitsfall).

Erst wenn beide Punkte auf eine Tierhaltung zutreffen, kann von Animal Hoarding die Rede sein, was bei den bisher erwähnten Fällen aus der Reportage somit auch eindeutig der Fall war. In der Literatur kommt übrigens noch die fehlende Einsicht der Halter über die bestehenden Probleme und Mängel ihrer Tierhaltung hinzu. Das krankhafte Sammeln von Tieren ist jedoch derzeit keiner anerkannten psychischen Erkrankung zugeordnet, sondern wird lediglich als Symptom einer anderen zugrundeliegenden psychischen Störung angesehen.

Ist ein Halter von 900 Vogelspinnen ein Animal-Hoarder?
Recht weit am Ende der einstündigen Reportage (inkl. Werbung) stattete Frau Bauer dem Vogelspinnenhalter Norbert Knarr aus Berlin einen Besuch ab, weil sie im Internet auf seine Vogelspinnenhaltung aufmerksam geworden war. Herr Knarr pflegte zum Zeitpunkt der Dreharbeiten etwa 900 Vogelspinnen aus ca. 100 Arten. Gehalten wurden die (gezeigten) Tiere in Faunaboxen und anderen Plastikbehältern. Diese waren allesamt mit den Namen der darin gehaltenen Spinnen und weiteren Angaben zu den Tieren beschriftet. Dies zeugt schon mal von einer gut organisierten Tierhaltung. Der arbeitslose Herr Knarr führte die Fütterung einer Kraushaarvogelspinne vor. Auf seine Anmerkung, dass dies der deutsche Name der Art sei, entgegnete Frau Bauer: Kommt aber nicht aus Deutschland. Herr Knarr entgegnete: Nee, aus Guatemala. Dazu möchte ich die Anmerkung einwerfen, dass die beiden da meinem Empfinden nach aneinander vorbeigeredet haben. Die Antwort von Herrn Knarr war zwar korrekt, dass die Art ursprünglich aus Guatemala stammt. Frau Bauer als Tierschützerin ging es, so interpretiere ich es jedenfalls aus dem Tonfall ihrer Fragestellung, um die tatsächliche Herkunft des Individuums. Ich hätte der Dame stattdessen (sofern zutreffend) geantwortet: Doch, das ist eine deutsche Nachzucht. Aber ursprünglich kommt die Art aus Guatemala. Nur so können Missverständnisse vermieden werden und die Tierschützer bekommen mit, dass der Großteil der hiesigen Exoten aus Nachzuchtstämmen stammt und nicht aus Wildtierimporten.
 
Während der Fütterung des Tieres erklärte der Reportagen-Sprecher, dass Vogelspinnen genügsame Tiere sind und nur einmal pro Woche ein Futtertier wie z.B. eine Grille benötigen. Herr Knarr machte die Aussage, dass er sich täglich 3 bis 6 Stunden um seine Tiere kümmert. Auf Nachfrage der Reporter über die Gründe seiner Vogelspinnensammlung entgegnete er, dass er die Tiere als liebenswerte und spannende Beobachtungstiere pflegt und ohne diese Tiere eine Lücke in seinem Leben vorhanden wäre. Für ihn sind seine Vogelspinnen ein Hobby, welches ihm eine schöne Zeit bereitet. Es macht ihn glücklich, seine Tiere aufwachsen zu sehen und bei ihrem Verhalten zu beobachten. Auf die Frage seitens der Tierschützerin, ob er denn merken würde, wenn es zu viel sei, entgegnete er sehr reflektiert, dass er seinen Bestand entsprechend reduzieren würde, sobald die Haltung ihn überfordere.

Frau Bauer machte nach Verlassen der Wohnung schließlich die eindeutige (und für mich überraschenderweise lobenswerte) Aussage, dass dieser Fall nicht als Animal Hoarding bezeichnet werden kann. Zwar wurden abnorm viele Tiere gehalten und eine gewisse Sammelsucht des Halters ließe sich auch nicht von der Hand weisen, aber die Tiere wurden artgemäß versorgt, was bei Animal Hoarding nicht der Fall ist.

Sind Terrarianer potentielle Tier-Messies?
Auch wenn der Fall von Herrn Knarr in der Reportage nicht als Animal Hoarding eingestuft wurde, können natürlich auch wir Terrarianer ein krankhaftes Tiersammelverhalten ausbilden. Zuerst einmal ist ein großer Tierbestand bei leidenschaftlichen Terrarianern keine Seltenheit. Mein eigener Bestand erfüllt sicherlich ebenfalls den Aspekt einer „über der Norm liegenden Menge an Tieren“. Aber was ist überhaupt die Norm? In Terrarianerkreisen ist es nicht ungewöhnlich, dass man z.B. mehrere Schlangen, Vogelspinnen und Echsen hält. Solange die Tiere gut gepflegt werden, besteht trotz der Menge kein Grund für Kritik. Die Sammelsucht hat sicherlich auch je nach Person unterschiedliche Gründe. Bei den krankhaften Sammlern von domestizierten Tieren steht meiner Einschätzung nach oftmals die Suche nach einem Partnerersatz an oberster Stelle. Die Tiere sollen dem Halter Liebe geben, die ihm von anderen Mitmenschen verwehrt wird. Dies findet man bei den Haltern von Terrarientieren eher selten. Bei Terrarianern steht primär die Begeisterung an den Tieren und der Natur im Vordergrund. Biophilie ist das Stichwort und der Hauptgrund des Sammelns von Terrarientieren. Im Gegensatz zu den Gründen des Animal Hoardings ist Biophilie nicht als psychische Erkrankung zu betrachten. Der gute Wille einer Aufnahme von Tierschutzfällen, um den betroffenen Tieren ein besseres Heim zu bieten, kann ebenfalls ein innerer Antrieb für jede Art von Tierhalter sein, der evtl. zu einer „abnormen Tiersammlung“ führt.

Problematisch wird eine solche Sammlung wie erläutert allerdings erst, sobald die betroffenen Halter so sehr von der Masse an Tieren überfordert sind, dass die Tiere unter einer nicht artgerechten Haltung leiden. Terrarianer haben den Vorteil, dass viele der von ihnen gepflegten Tiere im Vergleich zu Hunden, Katzen oder Pferden eher anspruchslos in der Pflege sind. Viele Schlangen werden (je nach Art) nur alle paar Wochen gefüttert und machen dementsprechend auch wenig Dreck. Auch Echsen brauchen nicht jeden Tag etwas Fressbares (im Gegenteil, so manches Reptil in Privathaltung ist überernährt). Und Vogelspinnen haben einen Pflegeaufwand vergleichbar mit dem einer Zimmerpflanze. Bei diesen und anderen Wirbellosen kommt noch hinzu, dass es keine behördlichen Gutachten über die Größe der Unterbringung gibt. Bei Reptilien eröffnet das Gutachten des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) über die Mindesthaltungsrichtlinien den Haltern, sich primär nach der Fachliteratur zu richten und das Gutachten nur als erste Empfehlung anzusehen (dies wissen viele Terrarianer leider nicht und lassen sich von pingeligen Ordnungsbeamten mit ihren Zollstöcken grundlos einschüchtern, die sich auf den Zentimeter genau an die Größentabellen für Terrarien des Gutachtens halten, anstatt auf diesen Passus im Gutachten zu verweisen und ein entsprechendes Fachbuch zu zücken). Kurz gesagt: Die Haltung von 30 Schlangen oder 100 Vogelspinnen fordert trotz der hohen Zahl an Tieren vom Halter weitaus weniger an Zeitaufwand im Alltag ab als die Pflege von 5 Hunden oder 10 Katzen. Tierschutzfälle bei „Exoten“ lassen sich in aller Regel auf schlechte Information der Halter zurückführen, nicht jedoch auf eine abnormale Anzahl an Tieren. Wer weiß was er tut und seinen Tieren dank modernster Terrarientechnik eine artgerechte Unterbringung gewährleistet, kann auch einen großen Tierbestand pflegen ohne gleich als Animal-Hoarder eingestuft zu werden.

Zur Biophilie gehört allerdings oftmals auch der Wunsch, seine Pfleglinge allein um des Erlebens willen zur Fortpflanzung zu bringen. An diesem Punkt muss man diesen Wunsch dann je nach Situation ganz einfach zurückstellen. Ich verzichte auch auf die Nachzucht meiner Bartagamen, Leopardgeckos, Königspythons und Kornnattern, weil es meiner Meinung nach von diesen Tieren inzwischen viel zu viele gibt (nicht zuletzt auch in Tierheimen und Auffangstationen). Diese Arten zu vermehren, halte ich (abgesehen allenfalls von lokalen Wildfarbvariationen) für unverantwortlich. Auch bei selteneren Arten züchte ich nur für meinen eigenen Bestandserhalt nach. Sollte ich doch mal Tiere abgeben, dann nur an mir persönlich bekannte Halter, von deren Sachkunde ich überzeugt bin.

Fazit:
Solange man den Überblick über seinen Tierbestand nicht verliert, gezielte Geburtenkontrolle durchführt, die Kosten für Strom und Futter bezahlen kann, genug Platz für die artgerechte Haltung vorhanden ist und die Tiere auch anderweitig nicht vernachlässigt werden, liegt selbst bei einem privaten „Reptilienzoo“ mit Hunderten Tieren noch kein Fall von Animal Hoarding vor. Nicht die Anzahl der Tiere ist entscheidend, sondern primär erst einmal deren Wohlergehen. Nicht nur bei der Einstufung eines Halters als Animal-Hoarder von Außenstehenden, sondern auch bei den persönlichen Überlegungen der Tierhalter, wie groß der eigene Tierbestand überhaupt sein kann und sollte.
 

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