Mittwoch, 11. Februar 2015

Doppelmoralalarm: Aufregung über neues Hundegesetz in Berlin

Auch wenn die Hundehaltung an sich natürlich wenig mit Terraristik zu tun hat, zeichnet sich durch das in Berlin aktuell in den Senat gegebene neue Hundegesetz eine auch für „Exotenhalter“ interessante Argumentationskette am Himmel ab.

Nach den Eckpunkten des neuen Berliner Hundegesetzes soll künftig für alle Hunde im öffentlichen Raum Leinenpflicht gelten. Ausgenommen davon sind Halter, die eine Sachkundeprüfung abgelegt haben. In Fußgängerzonen, öffentlichen Verkehrsmitteln, Treppenhäusern, Parks und im Wald müssen auch die Halter mit einer solchen Lizenz ihre Tiere an der Leine führen. Vorbild dafür ist die Regelung in Hamburg. Damit die Tiere auch den artgemäßen Auslauf erhalten können, sollen Hundeauslaufflächen auf Grundstücken geschaffen werden, die nicht für den Wohnungsbau geeignet sind. Ebenfalls sollen Hundehalter immer Beutel mit sich führen, um die Hinterlassenschaften ihrer Tiere zu entfernen. Der Hunde-Führerschein soll nach Niedersächsischem Vorbild für Halter Pflicht werden, deren Hunde eine Höhe von mindestens 40 cm und 20 kg Körpergewicht haben. Die Prüfung soll einen standardisierten Fragenkatalog und einen Praxistest beinhalten. Sie wird (laut der 2013 verkündeten Eckpunkte) weniger als 100 Euro kosten. Besteht ein Halter nicht, hat er die Chance auf eine Nachprüfung. Fällt er auch dabei durch, droht ihm ein Haltungsverbot.

Diese Rahmenbedingungen (Sachkundeprüfung und Gewährleistung der sicheren Haltung zur Vermeidung einer Gefährdung von unbeteiligten Dritten) entsprechen somit den Forderungen, die von den Terraristik-Fachverbänden immer wieder für die Gesetzgebungen zur Haltung von potentiell gefährlichen „Exoten“ genannt werden. Aus diesem Grund finde ich das geplante Berliner Hundegesetz sehr gut und hoffe, dass andere Bundesländer sich diesbezüglich angleichen und nicht nur bei der Hundehaltung sondern auch bei der „Exotenhaltung“ ähnlich verfahren wird. Der Gesetzgeber also anstelle von Komplettverboten dafür sorgt, dass eine sachkundige und damit weitestgehend sichere Pflege von Tieren jeder Art erlaubt bleibt.

Leider musste ich nach solchen Äußerungen bereits feststellen, dass einige Menschen (nicht nur in den Tierrechtsvereinen) eine heuchlerische Doppelmoral an den Tag legen. Sehr viele Hundehalter laufen Sturm gegen die kommende Gesetzgebung. Sie betrachten den Leinenzwang im öffentlichen Raum als Eingriff in ihr Privatleben und die Sachkundeprüfungen als Gängelung durch die Behörden. Selbst einige Terrarianer, die sonst immer das Sachkundekonzept von DGHT und VDA befürworten und Argumente unterstützen, dass von z.B. Hunden nachweislich eine größere Gefahr ausgeht als von in Terrarien untergebrachten Giftschlangen, relativieren nun plötzlich in Anbetracht der gesetzlichen Konsequenzen für die von ihnen teilweise parallel betriebene Hundehaltung ihre Ansichten… und sind damit nicht besser als die „Tofu-Fraktion“.

Beispielsweise wird argumentiert, dass Leinenzwang die Hunde aggressiv machen würde und dass wegen ein paar Leuten, die ihre Hunde nicht sachgerecht halten, gleich alle vorbildlichen Halter bestraft werden sollen. In meinen Augen ist die Schaffung von Rahmenbedingungen für eine sachkundige Tierhaltung jedoch keinesfalls als Strafe zu werten! Es ist auch sehr vermessen Sachkundeprüfungen für sogenannte „Exoten“ zu fordern, bei Hunden jedoch dieselbe Sache als „Gängelung“ zu titulieren. Außerdem sollen sachkundige Halter von der Leinenpflicht befreit werden. Damit ist die Leinenpflicht für verantwortungsvolle Halter praktisch vom Tisch. Auf Hundeplätzen oder entsprechend abgegrenzten Privatgrundstücken dürfen auch „nicht sachkundige“ Hundehalter ihren Hunden den tiergerechten Auslauf gewähren. Wer einen solchen Ort nicht bieten kann, der kann Hunde in der Konsequenz nicht artgerecht und sicher halten und sollte sie somit auch nicht halten dürfen (genauso wie nicht jeder Depp eine Königskobra in Hamm kaufen sollte und eine große Panzerechse nichts für eine 1-Zimmer-Studentenwohnung ist). Von Haltern einer Anakonda oder eines Grünen Leguans wird ein Großterrarium erwartet, daher erwarte ich von Hundehaltern auch den vorhandenen Zugang zu einer entsprechend großen Auslauffläche (dazu zähle ich im Gegensatz zu einigen ignoranten Hundehaltern nicht die Wälder oder die Fußgängerzonen dieses Landes).

So wie ich als Schlangen- und Spinnenhalter Rücksicht auf das Empfinden andere Leute nehme und mit meinen Tieren nicht im öffentlichen Raum unterwegs bin, so erwarte ich von Hundehaltern, dass sie ihre potentiell gefährliche(re)n Tiere so halten, dass sie mir und anderen Passanten im öffentlichen Raum nicht zu nahe kommen können und keine unbeteiligten Menschen gefährden. Viele Leute empfinden es bereits als eine immense Bedrohung, wenn ein nicht angeleinter Hund auf sie zuläuft und sie „bespielen“ möchte. Solche Vorfälle sind Eingriffe in die Privatsphäre von unschuldigen Passanten. Hundehalter müssen das von ihnen in ihrer Ignoranz erfundene „Bürgerrecht“ an dieser Stelle ganz einfach zurückstellen und ihre Tiere an die Leine nehmen, um solche Zwischenfälle zu vermeiden. Ein Hund, der auf dem Weg zum Hundeplatz an der Leine geführt wird, wird schon keine Verhaltensstörung davon bekommen. Falls ich mich in diesem Punkt irren sollte, sind Hunde offenbar wirklich äußerst anfällige Pfleglinge.

Während die Hundehaltung von weiten Teilen der Bevölkerung vollkommen unkritisch betrachtet wird, hegen Großteile des konservativen Volkes Abneigungen gegen die Haltung von Ekelgetier, mit dem sich Terrarianer umgeben. Somit müssen wir „Exotenhalter“ mit einem großen Widerstand kämpfen und uns mit Verbotsforderungen herumschlagen. Die von unserer Seite in den Ring geworfene Sachkundeprüfungspflicht und sichere Unterbringung der Tiere sind in gewisser Weise eine Milderung dieser Umstände - um nicht zu sagen das „geringere Übel“, was mir jedoch zeigt, dass viele Terrarianer leider gar nicht richtig hinter dem Konzept der abgelegten Sachkunde zu stehen scheinen, sondern es nur als Vorwand nennen, um Verboten zu entgehen. Das finde ich sehr bedauerlich. Für Hundehalter auf der anderen Seite, die sich mit ihren Tieren immer wieder wie die Kaiser der Bürgersteige aufführen, ist eine Anpassung auf dieselbe Ebene hingegen eine Verschlechterung der Gesamtumstände und somit eine Kröte, die man nur ungern schlucken möchte. Dabei handelt es sich um denselben Sachverhalt. Die Domestikation des Hundes ist kein plausibles Gegenargument für die geforderte Sachkunde und andernfalls Leinenpflicht, da diese Tiere aufgrund ihrer Nähe zum Menschen logischerweise eine noch sehr viel größere Gefahr darstellen als nicht domestizierte Wildtiere, die in aller Regel vor dem Menschen fliehen.

Ich bleibe somit dabei: Gleiche Rechte und auch gleiche Pflichten für alle Tierhalter, die potentiell gefährliche Tiere halten (und dazu gehören Hunde eindeutig)! Ich erwarte vom Gesetzgeber, dass er mich im öffentlichen Raum vor Hunden schützt, ebenso wie er andere Bürger vor den von diesen Teilen der Bevölkerung gefürchteten „Ekeltieren“ schützt. Nicht durch rigorose und auf Emotionen beruhende Komplettverbote, sondern durch vernünftige Rahmenbedingungen wie Terrarienschlösser und Gifttierräume auf der einen bzw. Hundeleinen und abgegrenzte Hundeplätze auf der anderen Seite sowie insbesondere geprüfte Sachkunde für alle Tierhalter.

Jede andere Einstellung und Bewertung der Ereignisse wäre eine scheinheilige Doppelmoral! 

Womit wir bei den politischen Entscheidungsträgern wären: Während die Grünen in Nordrhein-Westfalen eine harte Linie gegen die Halter von potentiell gefährlichen Wildtieren fahren, sieht die Situation in Berlin gänzlich anders aus. Nun gut, dort geht es derzeit zwar nicht um gefährliche Wildtiere, aber trotzdem erkennt man an der „Kampfhund“-Thematik, wie sehr sich diese populistische Partei ihren Wählern anbiedert und krampfhaft einen auf liberal macht. Obwohl die guten Gründe gegen strikte Verbote der Haltung von gefährlichen Wildtieren bei den Grünen auf taube Ohren stoßen, möchte diese Partei in Berlin die Rassenliste mit gefährlichen Hunden komplett abschaffen.

Die Grünen argumentieren, dass sogenannte „Kampfhunde“ statistisch gar nicht so gefährlich seien, wie z.B. Deutsche Schäferhunde. Diese Meinung untermauert die Fraktion mit einer Antwort der Berliner Justizverwaltung auf eine parlamentarische Anfrage, laut der im Jahr 2013 insgesamt 620 Menschen von Hunden verletzt wurden und bei der Mehrzahl der Vorfälle Mischlinge (189) bzw. Deutsche Schäferhunde (70) involviert waren, während z.B. Rottweiler nur in 22 Vorfällen beteiligt waren (siehe Hundebiss-Statistik 2013)

Daran sieht man mal wieder, dass die Grünen meiner Meinung nach nicht wirklich in der Lage sind, Statistiken richtig zu interpretieren (oder werden die Ergebnisse etwa aus populistischen Gründen absichtlich verzerrt dargestellt, um sich bei den Hundehaltern anzubiedern?). Es ist durchaus richtig, dass 2013 in Berlin von 620 Hundebissen 11,3 Prozent auf das Konto von Deutschen Schäferhunden und nur 3,5 Prozent auf das Konto von Rottweilern gingen. Dabei wird aber die Anzahl der gehaltenen Hunde nicht beachtet, wodurch das Ergebnis verfälscht wird! Laut einer Statistik der deutschen Hundezucht stand 2013 der Deutsche Schäferhund mit insgesamt 11.092 gezüchteten Welpen an der Spitze der beliebtesten Hunderassen. Rottweiler belegten mit 1.543 gezüchteten Welpen den 8. Platz. Schäferhunde werden also ca. siebenmal häufiger vermehrt und somit auch gehalten als Rottweiler. Setzt man diese Zahlen mit den Bissvorfällen in ein Verhältnis, ergibt sich daraus, dass auf einen Rottweilerbiss statistisch gesehen sieben Schäferhundbissen kommen müssten. Wenn Rottweiler und Deutsche Schäferhunde gleich gefährlich wären, müssten auf die 22 Zwischenfälle mit Rottweilern rechnerisch also 154 Vorfälle mit Deutschen Schäferhunden kommen. Es sind aber nur 70 Stück! Rottweiler verletzen somit mehr als doppelt so oft Menschen wie es Deutsche Schäferhunde tun! Das bedeutet aus meiner Sicht allerdings nicht, dass Rottweiler die gefährlichere Rasse sind, sondern nur, dass diese Rasse vermehrt von Leuten gehalten wird, die damit nicht richtig umgehen können (z.B. als Statussymbol in einem bestimmten Milieu).

Ich bin grundsätzlich zwar für eine Abschaffung der Rassenlisten, dennoch ist die Doppelmoral der Grünen nur schwer zu ertragen.

Wie wäre es, wenn sich die Grünen mal ein wenig liberaler gegenüber den Exotenhaltern zeigen würden? Wie wäre es, wenn sie mal die tatsächlichen Vorfälle mit gefährlichen Wildtieren als tragische Einzelfälle betrachten würden, statt Vorfälle mit harmlosen Wildtieren (z.B. Bartagamen, Kornnattern & Co.) als Begründung für ihre Gefahrtierverbote heranzuziehen? Wie wäre es, wenn die Partei einmal den Tierschutz bei der Wildtierhaltung mit vernünftigen Regelungen verbessern würde, statt ihn mit strikten Verbotsplänen auf Landes- oder gar Bundesebene aktiv zu verschlechtern?

Nachtrag:
Seltsamerweise sind die Grünen in NRW nach diesem tragischen Vorfall in Duisburg sehr ruhig, was die „Kampfhund“-Thematik betrifft: Rottweiler beißt Zweijährige fast tot
 
 

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