Samstag, 27. September 2014

"Die Papiere bitte!"

Foto: Nanosanchez
Eines schönen Tages begab sich meine bessere Hälfte in ein Zoofachgeschäft, welches ja laut Glauben der Tierrechtler eine wesentlich bessere Fachberatung liefert als die Anbieter auf Börsen. Der Grund des Besuchs war eigentlich der Erwerb von Futtertieren. Ihr müsst wissen, mein Schatz ist ein sehr aufgeschlossener Mensch. Er kam nebenbei mit dem Fachangestellten der Terraristikabteilung ins Gespräch, der gerade die Terrarien säuberte (die folgenden Gespräche sind aus dem Gedächtnisprotokoll wiedergegeben und somit keine Originalzitate):

„Hi! Na, schafft ihr Platz für neue Terrarien?“

„Nein, wir wollen die Terraristikabteilung abbauen, weil wir den Platz anders nutzen wollen. Die Tiere hier sind eher Ladenhüter. Das Jemenchamäleon z.B. will keiner kaufen. Das ist schon seit fast 2 Jahren im Laden. Die wollen alle nur kleine Babys, dabei sind die größeren nicht so anfällig.“

„Oh, das ist aber schade. Das Terrarium ist auch schon ziemlich klein für das Tier. Welches Geschlecht hat es denn?“

„Da sind wir uns nicht so sicher, aber meine Kollegin geht davon aus, dass es ein Weibchen ist.“

„Ich spreche mal mit meinem Partner. Vielleicht haben wir noch Platz.“


Als mein Schatz mir von diesem Gespräch berichtete, war ich erst sehr skeptisch. Normalerweise kaufe ich aufgrund schlechter Erfahrungen keine Tiere im Zoofachhandel. Außerdem sind gerade weibliche Jemenchamäleons so eine Sache. Unverpaarte Weibchen bekommen aufgrund von verklebten Follikeln gerne mal eine Legenot. Daher ist die Lebenserwartung bei Weibchen auch nicht sehr hoch und das besagte Tier somit evtl. schon jenseits seiner besten Tage. Aber ich war trotzdem aus Mitgefühl gegenüber diesem Tier bereit, mir das Chamäleon und insbesondere die Papiere zu diesem artgeschützten Tier einmal selber anzuschauen. Mein Partner rief in besagter Zoofachhandlung an und vereinbarte für diese Absichten einen Termin, an dem ich Zeit hatte und der besagte Mitarbeiter ebenfalls vor Ort sein sollte.

Vor Ort erschien mir das Tier sehr dünn und ausgemergelt. Ich erkannte am Kamm, dass es sich um ein Männchen handelte (schon einmal ein Pluspunkt). Der kürzlich abgegebene Kot sah optisch soweit in Ordnung aus. Und dann kam auch schon der Fachangestellte:

„Was kann ich für euch tun?“

„Es geht um das Chamäleon. Mein Freund hat mir erzählt, dass ihr es aus Platzgründen loswerden wollt.“

„Na ja, was heißt loswerden? Die Überlegung ist, dass wir es als Schauterrarium im Laden belassen.“

„Können wir uns denn mal die Papiere anschauen, wie vereinbart?“

„Die Papiere? Das ist schlecht. Das Tier gehört zwar der Firma, aber die Papiere sind bei einer Kollegin zuhause und die hat heute frei.“


*sprachlos*

„Welches Geschlecht hatte es doch gleich?“

„Das ist ein Männchen.“

„Das ist gut. Wäre es ein Weibchen gewesen, wäre das Interesse wohl auch nicht mehr da. Wegen Legenot und so.“

„Ja, davon habe ich auch schon gehört.“

„Ist es eine Nachzucht?“

„Ja, das ist eine deutsche Nachzucht.“

„Wäre es denn mal möglich, dass wir uns die Papiere demnächst mal anschauen können?“

„Natürlich. Ich sag’ der Kollegin Bescheid und dann könnt ihr die Papiere oder eine Kopie davon nächste Woche einsehen.“


Dieses Verkaufsgespräch ging uns den ganzen restlichen Tag nicht mehr aus dem Kopf. Was wäre gewesen, wenn ein Amtstierarzt die Haltung und die Papiere spontan hätte kontrollieren wollen. Zählt da die Ausrede, dass die Papiere gerade bei einer Kollegin zuhause liegen? Ein echter Knüller! Oder was wäre gewesen, wenn jemand das Tier direkt hätte kaufen wollen. Das wäre so, als würde ein Autohaus einen Neuwagen zum Festpreis mit kompletter Ausstattung zum Sofortkauf anbieten und dann sagen: „Sorry, die Fahrzeugpapiere haben wir aber gerade nicht da. Kommen Sie irgendwann mal wieder.“

Der nächste Besuch war ebenfalls sehr interessant. Mein Partner betrat den Laden, Terraristikmensch und Ladenchefin standen an der Kasse:

„Hallo zusammen!“

*Ladenchefin verschwindet mit den Worten „Ich bin dann mal weg.“*

„Hi! Einmal die Futtertiere?“

„Ja und die Frage, ob das mit den Papieren geklappt hat.“

„Die müssen irgendwo hier im Laden sein. Vielleicht haben wir die auch zerrissen. Das Chamäleon soll ja vielleicht als Schautier im Laden bleiben.“


Damit war die Sache dann endgültig erledigt. Bezeichnend ist, dass das Tier weiterhin mit einem Preisschild zum Verkauf angeboten wird. Damit verstößt der besagte Laden nicht nur theoretisch gegen den Artenschutz, da er die legale Herkunft des Chamäleons nicht (mehr) nachweisen kann. Aber wo kein Kläger, da eben auch kein Richter. Ich finde es allerdings sehr ironisch, dass ich die Papiere unserer nachweispflichtigen Arten fein säuberlich abgeheftet und mir mein Wissen über die Richtlinien selbst angeeignet habe, Zoofachgeschäfte hingegen, die eigentlich Ahnung von der Gesetzeslage haben und diese kompetent weitergeben sollten, offenbar mit so einem Scheiß durchkommen und von den meisten Leuten auch noch als seriöser angesehen werden als Anbieter auf Börsen, die ihre Tiere kurzzeitig mal in kleinen Plastikboxen transportieren und anbieten, sie aber nicht dauerhaft in einem Ladengeschäft mit Menschentrubel in viel zu kleinen Verkaufsterrarien halten. Man sieht halt nur das, was man sehen will.

Noch ein abschließender Hinweis:
Jemenchamäleons sind nach Anhang II des Washingtoner Artenschutzübereinkommens geschützt und damit meldepflichtig, daher muss beim Kauf der Herkunftsnachweis ausgehändigt werden! Entweder amtliche Cites-Papiere, wenn es ein Importtier ist oder ein formlos ausgestellter Herkunftsnachweis des Züchters, der alle erforderlichen Angaben (Anschrift, Elterntiere etc.) enthält, um das Tier als deutsche Nachzucht zu deklarieren. Wer sich auf einen Kauf ohne Papiere einlässt oder dem Verkäufer vertraut, dass er diese nach dem Kauf noch zuschicken wird, ist mit dem Klammerbeutel gepudert.

1 Kommentar:

  1. Nachtrag: Mittlerweile (nur wenige Tage nach unseren Erkundigungen) ist das Jemenchamäleon nicht mehr im Verkauf des besagten Zoofachgeschäftes. Laut Aussage des Fachangestellten seien die Papiere dann doch noch im Büro aufgetaucht und es konnte verkauft werden. Ja ne, is klar. Erst jammern, dass es seit fast 2 Jahren ein Ladenhüter ist und kaum erkundigt sich jemand nach den Papieren, wird es plötzlich ganz schnell verkauft. Interessant ist, dass man uns nach dem angeblichen Auffinden der Papiere nicht direkt kontaktiert hat, wie wir es ja erbeten hatten. Also doch nichts mit Schautier? Ich gehe daher eher davon aus, dass das ausgemergelte Tier verstorben ist, ohne Papiere an einen unwissenden Käufer verkauft wurde oder die Sache war dann doch zu heiß und es wurde schnell weggeschafft. Alles sehr verdächtig.

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