Samstag, 19. Juli 2014

Nachtrag: Tierheimstudie des Deutschen Tierschutzbundes e.V.

Entgegen aller Erwartungen habe ich vor einigen Tagen tatsächlich doch noch eine Antwort vom Deutschen Tierschutzbund e.V. bzgl. meiner Anfrage über die Grundlagen der von dieser Organisation durchgeführten Tierheimstudie erhalten. Der Fragebogen mit Fragen über die Anzahl an aufgenommenen Reptilien in den letzten 5 Jahren ging im Dezember 2013 an insgesamt 735 Tierschutzvereine des Deutschen Tierschutzbundes. 64 Vereine wurden aus der Bewertung genommen, da diese sich auf lediglich eine einzige Tierart spezialisiert und somit keine Reptilien aufgenommen hatten (z.B. Schutzvereine für Katzen, Igel oder Frettchen). Damit blieben nur noch 671 Vereine übrig. Von diesen erhielt der Tierschutzbund lediglich von 226 Vereinen eine Antwort. Davon waren ebenfalls 12 Stück unter den o.g. Vereinen, die bewusst aus der Bewertung genommen wurden, was ich auch vernünftig finde. Somit blieben zum Ende der Befragung im April 2014 lediglich die Ergebnisse von 214 Tierschutzvereinen übrig.

Von diesen 214 Vereinen haben in den letzten 5 Jahren 157 Vereine (73 %) insgesamt ca. 9.068 Reptilien aufgenommen. Also rund 8 Reptilien pro Verein in einem Jahr, was mir auch als eine realistische Zahl erscheint. Von diesen 157 Vereinen waren 41 % nicht in der Lage, die Reptilien angemessen unterzubringen. An Tieren wurden hauptsächlich Schildkröten, aber auch Bartagamen und Schlangen wie die Kornnatter abgegeben. Diese seien auch schwerer zu vermitteln, als seltenere Exemplare. Die Frage, ob die Anzahl an abgegebenen Reptilien in den letzten 10 Jahren zugenommen habe, beantwortete etwa die Hälfte der Vereine (51 %) mit einem Ja.

Soweit die Grundlagen der Befragung, die ich im Prinzip so stehen lassen kann. Dass Tierheime überfordert mit Reptilien sind, kann ich nachvollziehen. Dass allerdings nur knapp über die Hälfte der Vereine mit den Reptilien überfordert war, überrascht mich positiv. Auch die Anzahl an durchschnittlichen Abgaben deckt sich mit meinen eigenen Recherchen. Man kann also festhalten, dass pro Jahr etwa 6-10 Reptilien pro Tierheim abgegeben werden, was jedoch nur einen sehr geringen Anteil der gesamten Tierabgaben ausmacht. Den Großteil an Abgaben machen hauptsächlich Hunde und Katzen aus. Der Tierschutzbund spricht selber von jährlich bis zu 80.000 Hunden und 130.000 Katzen in seinen angeschlossenen Tierheimen. Dort wird aber seltsamerweise kein Verbot gefordet.

Die Details zur Hochrechnung bestätigen mir, was ich schon in meinem letzten Beitrag zur Tierheimstudie erläutert habe. Der Deutsche Tierschutzbund hat nämlich einfach nur die Daten der Rückantworten auf alle befragten Vereine hochgerechnet. Die ermittelten 9.068 Reptilien in 214 Vereinen wurden auf die 671 befragten Vereine hochgerechnet, was 28.433 abgegebene Reptilien in 5 Jahren ergibt. Am durchschnittlichen Anteil an Abgaben ändert sich dadurch natürlich nichts, aber die Zahl wirkt plötzlich umso dramatischer. Hochrechnungen sind zwar gemeinhin akzeptiert, spiegeln jedoch nicht die tatsächliche Situation wider. Wissenschaftlich valide sind lediglich die Rückmeldungen der 214 ausgewerteten Vereine und die sprechen gerade mal von einem Drittel der in den Medien verbreiteten Anzahl an abgegebenen Exoten. Überhaupt wäre der Verbreitung von Prozentangaben und Verhältnisdarstellungen wesentlich verständlicher für die Leser, als irgendwelche Stückzahlen, die vom Leser erst noch in das richtige Verhältnis gesetzt werden müssen. Aber aufgeklärte Leser sind natürlich bei der ganzen Anti-Exoten-Propaganda äußerst hinderlich…

Was ebenfalls in der ersten Antwort des Tierschutzbundes an mich nicht erläutert wurde, ob auch auf Reptilien spezialisierte Tierheime und Auffangstationen angefragt wurden und ob diese später ebenfalls aus der Berechnung genommen wurden. Angegeben wurde in der mir zugeschickten Zusammenfassung der Studie lediglich, dass Tierheime ausgewertet wurden, die mindestens 2 Tierarten betreuen. Katzenschutzvereine wurden also vernünftigerweise aus der Wertung genommen, weil diese sich lediglich auf die Art Felis silvestris catus spezialisiert haben. Eine Reptilienauffangstation, die z.B. Bartagamen, Schildkröten und Kornnattern aufnimmt, hat faktisch gesehen aber bereits mehrere Tierarten im Bestand und würde somit laut der Ausschlusskriterien mitgezählt, was dann jedoch gezielt den durchschnittlichen Anteil an abgegebenen Reptilien in die Höhe schnellen lassen würde!

Weil demnach noch ein paar Antworten offen waren, machte ich mir erneut die Mühe und stellte eine weitere Anfrage beim Deutschen Tierschutzbund. Darin bat ich um den Fragebogen, die vollständige Studie oder zumindest eine Bezugsquelle dafür, weil mir die zugeschickte erste Seite mit der Zusammenfassung der Ergebnisse nicht ausreichte, sowie eine Erläuterung über den Umgang mit Reptilienauffangstationen bei der Auswertung. Eine seriöse und transparente Organisation würde ihre Studien im Sinne der wissenschaftlichen Publikationsethik zur Verfügung stellen und nicht nur ausgesuchte Teile davon veröffentlichen. Bei Studien sehr wichtig ist nämlich der sogenannte „Methodikteil“. Darin wird erläutert, wie die jeweilige Studie aufgebaut ist und auf welche Art die Daten erfasst wurden. Nur dieser Teil macht eine Überprüfung und Beurteilung durch den Leser erst möglich. Der Abschnitt über die Methodik ist somit extrem wichtig, da sonst eine Studie absolut keinen wissenschaftlichen Wert hat.

Vorgestern erhielt ich dann auch wirklich eine Bezugsquelle für die komplette Studie und die Antwort auf meine Frage zu Reptilienauffangstationen. [Nachtrag: Inzwischen hat der Tierschutzbund die Studie auch öffentlich bereitgestellt: Klick] Darin heißt es, dass nur die Reptilienauffangstation München Mitgliedsverein des Deutschen Tierschutzbundes ist. Deren Ergebnisse werden zwar ebenfalls in der Studie dargestellt, sie sind jedoch nicht in die Auswertung und Hochrechnung eingeflossen. Die eigentlichen Ergebnisse wurden also vom Tierschutzbund glücklicherweise nicht gezielt zu Ungunsten der Reptilienhaltung manipuliert. Es wurden „nur“ die Ergebnisse pauschal hochgerechnet und diese Angabe plump in den Medien verbreitet und das Verhältnis zu klassischen Haustieren unter den Tisch gekehrt. Das ist meiner Meinung nach schon schlimm genug! Ein weiteres interessantes Detail stellt die ermittelte Anzahl an abgegebenen Gefahrtieren dar, die von Frau Mackensen vom Deutschen Tierschutzbund bei sternTV noch als großes Problem dargestellt wurden. So wurden gerade einmal 1 Brillenkaiman, 2 Giftschlangen und 8 potentiell gefährliche Riesenschlangen im abgefragten Zeitraum von 5 Jahren abgegeben (pro Jahr also nur 2 gefährliche Tiere in sämtlichen 157 Vereinen). Bei insgesamt 9.068 abgegeben Reptilien macht das einen statistisch schlichtweg kaum relevanten Anteil von gerade einmal 0,1 %! Zählt man die 19 Alligator- und Schnappschildkröten hinzu, die bereits bundesweit verboten sind und in der Tierheimstudie nicht gesondert als gefährliche Tiere aufgeführt werden, kommt man immerhin noch auf 0,3 %. Der Anteil an Listenhunden in Tierheimen liegt weitaus höher. Panikmache ist somit unbegründet. Der Anteil an für den Menschen ungefährlichen Reptilien liegt mit 99,9 % ganz eindeutig weit entfernt von irgendeiner begründeten Panikmache! Setzt man diese Ergebnisse ins Verhältnis zu sämtlichen Tierabgaben in Tierheimen, bleiben nur noch ca. 0,002 % übrig und diese Zahl ist nun wirklich nicht mehr statistisch relevant. Außerdem zeigt dieses Ergebnis, dass die Regelungen in Bezug auf gefährliche Tiere gut funktionieren, denn sonst wäre der Anteil wesentlich höher und die Unfallstatistiken auch nicht so blank, was Zwischenfälle mit für den Menschen potentiell gefährlichen Terrarientieren betrifft. Aber das ist wieder ein anderes Thema...

Wie man an den Schnappschildkröten deutlich sieht, sind es gerade die Verbote, welche die Tierheimsituation befeuern. Dass der Tierschutzbund also Haltungsverbote kraft einer Positivliste fordert, grenzt an Wahnsinn!
 

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