Freitag, 20. Juni 2014

Pressemeldung über neue Tierheimstudie vom Deutschen Tierschutzbund e.V.

Gestern veröffentlichte der Deutsche Tierschutzbund eine Pressemeldung, in der neue Ergebnisse einer Tierheimbefragung in Bezug auf abgegebene Reptilien dargestellt werden. Nachdem sich der erste Rauch der einseitigen Propaganda des Vereins bei sternTV etwas gelegt hat, versuche ich einmal unvoreingenommen die Ergebnisse zu betrachten. Die vollständige Pressemeldung des Tierschutzbundes kann hier nachgelesen werden.

Die einleitenden Sätze mit den Aussagen zu kleinen Plastikboxen und Schnäppchenpreisen habe ich wohl schon in meiner Nachbetrachtung zur sternTV-Sendung hinreichend kommentiert.

„dreiviertel der dem Deutschen Tierschutzbund angeschlossenen Tierschutzvereine mussten in den letzten fünf Jahren Reptilien […] aufnehmen – insgesamt hochgerechnet 30.000 Tiere in den letzten fünf Jahren.“


Interessant. Zum Vergleich habe ich ebenfalls mal eine Hochrechnung gestartet. Grundlage meiner Erhebung sind die Angaben der Seite www.tiervermittlung.de, einer Datenbank von Tieren aus Tierheimen, ausgesetzten Tieren sowie Tieren in Not. Die Datenbank kann von jedem Internetnutzer besucht werden. Die Anzeigen der letzten 7 Tage (13.06. bis 19.06.2014) geben folgende Anzahl an Tieren an:

2889 Hunde
386 Katzen
11 Nagetiere
2 Reptilien
1 Pferd
0 Vögel
6 Sonstige

Wenn ich diese Ergebnisse von 7 Tagen auf einen Zeitraum von 5 Jahren (1826 Tage) hochrechne, komme ich auf die folgenden Ergebnisse:

753.616 Hunde
100.691 Katzen
2.869 Nagetiere
522 Reptilien
261 Pferde
0 Vögel
1565 Sonstige

Hierbei werden nun zwei Dinge deutlich:
Einerseits die Problematik bei Hochrechnungen mit einer kleinen Datenmenge. Zeiträume mit einer höheren Aussetzrate von Tieren z.B. zur Urlaubszeit werden evtl. gar nicht oder ganz gezielt beachtet. In der Ferienzeit käme somit ein gänzlich anderes (höheres) Ergebnis zustande als bei einer Hochrechnung mit Daten z.B. aus dem Winter, wenn nur die krassesten Tierhalter ihre Tiere aussetzen. Durch Festlegung der Ursprungsdaten kann man also eine Hochrechnung so durchführen, dass durch die Ergebnisse genau die Argumente bestätigt werden, die man als Wahrheit beweisen möchte. Weil selbst in hundert Jahren rechnerisch kein einziger Vogel in meiner dargestellten Hochrechnung auftauchen würde, ist der fehlende Bezug zur Realität jedoch deutlich erkennbar. Gleiches trifft auch auf die Hochrechnungen des Tierschutzbundes zu. Solange der Verein nicht angibt, welcher ursprüngliche Zeitraum auf 5 Jahre hochgerechnet wurde, bleibe ich bei der veröffentlichten Angabe sehr skeptisch. Vielleicht wurden die Tierheime ja sogar gezielt nach den Monaten gefragt, in denen am meisten Reptilien abgegeben wurden und diese Daten dann einfach auf 5 Jahre hochgerechnet. Aber ich wäre nicht der Autor dieses Blogs, wenn ich dies nicht beim Deutschen Tierschutzbund nachfragen würde. Im Falle einer Antwort gibt es wie üblich hier einen Nachtrag mit ergänzenden Informationen.

Auf der anderen Seite zeigt meine Hochrechnung trotz ihrer geringen Aussagekraft über die Realität eine deutliche Tendenz. Zähle ich die sonstigen, nicht näher definierten Tiere (neben vermutlich Fischen und Amphibien auch Patenschaften für Primaten) und die Reptilien zusammen und gebe diesen Anteil an „Exoten“ im Vergleich zu den domestizierten Tierarten an, komme ich auf einen Anteil von gerade einmal 0,2 %. Also zu einem vergleichsweise niedrigen Anteil. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt man, wenn man einzelne Tierheimstatistiken (die im Internet zu finden sind) anschaut und vergleicht. Das Tom-Tatze-Tierheim vom Tierschutzverein Wiesloch/Walldorf und Umgebung e.V. gibt z.B. in seinem Jahresbericht 2012 eine Anzahl von 338 aufgenommenen Tieren an. Exotische Reptilien machen einen Anteil von 2,1 % aus, Hunde und Katzen hingegen 63,9 %. Auch der vom Tierschutzbund verkündete Anstieg an Exoten ist kein Einzelphänomen. So zeigen die Jahresberichte des Tierschutzvereins Altentreptow e.V., dass sich der Anteil an Katzen zwischen 2008 und 2013 mehr als verdoppelt hat (73 Katzen in 2008 zu 180 Katzen in 2013). Wo bleibt also die Forderung nach einem Führerschein für Katzenhalter oder gar nach einem Verbot der Katzenhaltung grundsätzlich? Jedes einzelne Tier, das wegen eines überforderten Halters abgegeben oder gar ausgesetzt wird, ist natürlich sehr tragisch und dass viele Tierheime aufgrund fehlender Sachkunde oder wegen des nötigen Platzbedarfes mit Terrarientieren überfordert sind, möchte ich auch keinesfalls abstreiten. Von einem „Fass ohne Boden“ kann jedoch bei diesen Tieren in Anbetracht der Anzahl an klassischen Haustieren keine Rede sein. Solange die offensichtlichen Missstände bei Tausenden von Hunden, Katzen und Nagetieren nicht angepackt werden, ist die Argumentation des Deutschen Tierschutzbundes einfach nicht nachvollziehbar.

„Die Bundesregierung muss ihre Versprechen aus dem Koalitionsvertrag - also Regelung des Handels und der Haltung von Wildtieren, Einfuhrverbot von Wildfängen und Verbot gewerblicher Tierbörsen - zügig umsetzen.“

Ich bitte den Tierschutzbund mit solchen Forderungen vorsichtig zu sein. Wenn die Politik ihre Entscheidungen zügig und im Eilverfahren durchsetzt, kommt selten etwas Gutes dabei raus. Politische Entscheidungen sollten abgewogen werden. Wobei es bei einem Verbot natürlich nicht viel abzuwägen gibt.

„Oft unterschätzen Tierhalter die Kosten, das Lebensalter und die Endgröße der Tiere.“

In diesem Punkt stimme ich dem Tierschutzbund grundsätzlich zu. Ich selbst habe schon Reptilien aus schlechter Haltung gesehen oder diese zum Teil sogar in meinen eigenen Bestand aufgenommen: eine Dreiecksnatter mit starken Vernarbungen und Häutungsproblemen, einen aufgrund ständiger Weitergabe gestressten Tokeh sowie ein Bartagamenpärchen mit ausgerissenen Krallen, beginnender Rachitis, anderen Verletzungen und mehreren unterschiedlichen Parasiten. Alle (!) diese Tiere sind bei mir jedoch (soweit möglich) wieder genesen, was aufzeigt, dass die Haltung dieser Tiere mit der nötigen Sachkunde (die ich nicht primär über das Ablegen einer Prüfung, sondern über das Studieren von Fachliteratur und den Austausch mit anderen Terrarianern definiere) problemlos möglich ist. Trotzdem zerreißt es auch mir das Herz, wenn ich leidende Reptilien sehe und mit „leidend“ meine ich gewiss nicht das bisschen Börsenstress, sondern langfristig schlechte Haltung. Der springende Punkt ist, dass man nicht alle Halter über einen Kamm scheren darf. Wenn der Tierschutzbund ein grundsätzliches Haltungsverbot fordert, legt er sich auch mit den fachkundigen Leuten in der Terraristik an. Dabei ist ein gemeinsamer Konsens gegeben und eine Zusammenarbeit, diese Missstände bei uninformierten Haltern anzupacken, sicherlich möglich. Doch die pauschalen Forderungen und die auf Unwahrheiten und Falschdarstellungen beruhenden Attacken des Deutschen Tierschutzbundes und anderer Tierrechtsvereine gegen die Exotenhaltung, lassen diese Zusammenarbeit wohl leider nicht zu. Am Ende zum Leidwesen der Tiere. Ich würde meine Energie sehr gerne wieder in Haltungsbeschreibungen stecken, um mein Fachwissen über diesen Blog zu teilen, doch das ständige Pressegeschehen, auf das man schnellstmöglich reagieren sollte, macht dies leider derzeit unmöglich. Irgendwie total widersinnig!

„Gleichzeitig ist es viel zu leicht diese Wildtiere zu bekommen, wie Bilder in der aktuellen Ausgabe von stern TV erneut belegen. Die Beliebtheit der Wildtiere wird ihr Verhängnis, denn sie leiden unter der oft nicht fachgerechten Haltung.“

Klassische Haustiere kann man ebenfalls ganz einfach im Zoofachhandel für wenig Geld erwerben. Da aber das Wiederholen von Argumenten langweilig ist, möchte ich in diesem Zusammenhang einmal aus meiner persönlichen Kindheit berichten, die dies verdeutlicht: Ich war schon immer von Reptilien, Insekten und Spinnen begeistert. Nach Besuchen z.B. in einer Insektenausstellung oder der Schmetterlingsfarm in Steinhude wollte ich schon als Kind gerne Gespenstschrecken oder eine Gottesanbeterin halten, um diese zu studieren. Davon war meine Mutter jedoch nicht begeistert. Nach langem Hin und Her bekam ich zum Geburtstag ein Tier geschenkt. Jedoch keines, welches mich wirklich interessierte. Es war ein Kaninchen. Zwar kann ich nicht behaupten, dass ich dieses Tier nicht auch irgendwie mochte oder so, aber mit Säugetieren war ich noch nie so wirklich dicke. Das Tier wurde von mir mit der Zeit immer mehr vernachlässigt, was mir zwar im Nachhinein leidtut, aber eben mit dem nötigen Abstand als Erwachsener irgendwie auch logisch erscheint, weil ich ein solches verspieltes Fellknäuel schließlich nie pflegen wollte. Das Tier wurde schließlich von uns wieder abgegeben. Als ich dann endlich meine eigenen Entscheidungen treffen konnte und von zuhause ausgezogen war, schaffte ich mir mein erstes Wunschtier an: eine Vogelspinne, gezielt erworben auf einer Börse. Und diese ist auch heute noch seit nunmehr 8 Jahren in meinem Besitz und erfreut sich bester Gesundheit. Mit dieser Spinne begann meine Leidenschaft für Terrarientiere. Es kommt also weniger darauf an, wie leicht oder wie schwer man ein Tier erwerben kann, sondern ob man sich dafür begeistert. Die Aussage „Die Beliebtheit der Wildtiere wird ihr Verhängnis“ ist also einfach nicht richtig! Fälle, in denen ein Spontankauf vielleicht zu keiner solchen Leidenschaft führt, kommen sicherlich auch vor. Aber das passiert eben auch bei allen anderen Heimtieren und nicht nur bei Exoten. Wenn also den Terrarianern durch Börsenverbote der Erwerb von Tieren erschwert wird, sollten auch Zoofachgeschäfte keine Tiere mehr anbieten dürfen. Denn dann können Eltern auch keine Tiere mehr für ihre Kinder kaufen, die damit aufgrund fehlender Leidenschaft vielleicht nichts anfangen können und die Tiere u.U. in engen Käfigen (Kaninchen) oder wegen ständiger Tagesaktivitäten (Hamster) sogar noch mehr leiden, als eine Schlange, die fast nur in ihrem Versteckt liegen bleibt. Das wäre immerhin fair, wenn auch nicht wünschenswert, da dann bei der Kindeserziehung viel am Erleben von Empathie und Naturverständnis verloren gehen würde.

„In den letzten fünf Jahren mussten die über 700 Mitgliedstierschutzvereine hochgerechnet 30.000 Reptilien aufnehmen.“

An dieser Stelle wird der Tierschutzverein ja dann doch noch etwas konkreter. Dann wollen wir das mal zurückrechnen: 30.000 Reptilien in 700 Tierschutzvereinen… das macht… etwa 9 abgegebene Reptilien pro Tierschutzverein in einem Jahr. Oh Wunder, dies deckt sich mit den oben genannten Angaben im beispielhaft von mir genannten Tom-Tatze-Tierheim. Dort waren es 1 Gecko und 6 Schildkröten im Jahr 2012. Rechnen wir jetzt doch mal die 160 Katzen dieses Tierheims beispielhaft hoch: 160 Katzen pro Verein in 700 hypothetischen Vereinen in 5 Jahren macht… 560.000 abgegebene Katzen. Über eine halbe Million! Die 30.000 Reptilien (so schlimm das auch sein mag) wirken dagegen geradezu nichtig. Auch wenn ich damit nicht die Arbeit der Tierheime mit diesen Tieren als nichtig bezeichnen möchte. Die Anteile stehen nur in keinerlei Verhältnis; Hunde, Meerscheinchen und Co. sogar noch nicht mit einbezogen! Graphisch sieht das dann so aus:
 
 
Was bleibt ist eine einseitige Pressemeldung, welche den Anteil an Exoten in Tierheimen mit statistischen und populistischen Klimmzügen als sehr hoch darstellt, jedoch einiges an Fakten zur Gesamtsituation der Heimtierhaltung unterschlägt. Aber es gibt ja immer auch die Möglichkeit, eine eigene Pressemeldung* herauszugeben: >>>klick mich<<<

 
*Diese Meldung soll nicht die Haltung von anderen Tieren ins schlechte Licht, sondern lediglich die Haltung von Exoten ins rechte Licht rücken.

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